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Montag, 19. Oktober 2026

Machfus, Nagib "Anfang und Ende"

Machfus, Nagib "Anfang und Ende" (Arabisch: داية ونهاية/Bidaya wa Nihaya) - The Beginning and the End - 1949

Wir lernen eine Familie in Kairo kennen. Die Geschichte spielt in den späten 1930er Jahren. Die Familie hat vier Kinder: einen erwachsenen Sohn, eine erwachsene Tochter und zwei Jungen im Schulalter. Der Vater stirbt plötzlich und hinterlässt die Familie in bitterer Armut. Der älteste Sohn war nie dazu bestimmt, die Familie erfolgreich zu versorgen, daher übernimmt der zweite Sohn diese Rolle. Alle Familienmitglieder haben jedoch mit der plötzlichen Notlage zu kämpfen, und niemandem gelingt es wirklich, sich daraus zu befreien – mit Ausnahme des zweiten Sohnes, der auf einem vielversprechenden Weg zu sein scheint. Die anderen hingegen sehen sich mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Ein Happy End gibt es für sie nicht.

Dieses Buch ist nach wie vor ein Meisterwerk.

Buchdschreibung:

"Eines Morgens werden die beiden Söhne aus der Schule geholt. Der Vater ist tot, mitten aus dem Leben gerissen. Sein plötzlicher Tod bringt die Familie an den Rand des Abgrunds. Etwas Geld im Portemonnaie, ein paar Möbel, einen untadeligen Ruf und eine lächerliche Pension – mehr hat er ihnen nicht hinterlassen. Wie soll die Mutter ihre vier Kinder in Ehren hochbringen? Mit Energie und Entschiedenheit nimmt sie die Zügel in die Hand. Doch jedes geht seinen eigenen Weg. Als der älteste Sohn als Rauschgifthändler verhaftet und die Tochter mit einem Liebhaber in einer Absteige aufgegriffen wird, liegt für die ganze Familie der Schein ehrbaren Lebens in Trümmern."

Nagib Machfus erhielt den Nobelpreis für Literatur 1988 als "Wegbereiter neuer (sozialkritischer) ägyptischer Erzählkunst zwischen Tradition und Moderne".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Montag, 31. August 2026

Carnarvon, Fiona Gräfin von Carnarvon "Lady Almina und das wahre Downton Abbey"

Carnarvon, Fiona Gräfin von Carnarvon "Lady Almina und das wahre Downton Abbey: Das Vermächtnis von Highclere Castle" (Englisch: Lady Almina and the Real Downton Abbey: The Lost Legacy of Highclere Castle) - 2011

Wenn ihr "Downton Abbey" gesehen und gemocht habt, ist dies genau das richtige Buch für euch. Die Serie wurde auf Highclere Castle gedreht, und die heutige Countess of Carnarvon beschreibt darin das Leben von Lady Almina – der realen Lady Cora Crawley –, die ihr Schloss während des Ersten Weltkriegs als Lazarett zur Verfügung stellte. Die Parallelen zwischen ihren Leben sind so zahlreich, dass es schier unglaublich ist.

Besonders gut gefielen mir die Hintergrundinformationen – nicht nur zu Lady Almina, sondern auch zu ihrem Ehemann, George Herbert, dem 5. Earl of Carnarvon, der maßgeblich an der Entdeckung des Grabes von Tutanchamun beteiligt war. Zudem engagierte sich sein Halbbruder stark für die Unabhängigkeit Albaniens; man bot ihm sogar den Thron an. Lady Alminas Vater war Alfred de Rothschild – eine weitere schillernde Persönlichkeit, die die Geschichte bereichert.

Darüber hinaus enthält das Buch zahlreiche Abbildungen – nicht nur von der Familie selbst, sondern auch von den Familien der "Bediensteten" ("Downstairs"), die über Generationen hinweg auf dem Schloss arbeiteten.

Alles in allem ein interessantes Buch mit vielen historischen Hintergründen.

Buchbeschreibung:

"Sie reiste mit Dutzenden von Koffern an und erhielt jährlich ein Taschengeld von 6,5 Millionen Pfund.

Als die bürgerliche Almina im Alter von 19 Jahren den Grafen von Carnarvon, Herr von Highclere Castle, heiratet und in die Kreise des Adels aufsteigt, scheint ihr Leben perfekt. Als Erbin eines immensen Vermögens und Frau eines Adeligen feiert sie rauschende Feste und hüllt sich in teure Kleider. Doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nimmt Lady Alminas Schicksal eine unerwartete Wendung und sie muss beweisen, was wirklich in ihr steckt.

Seit 2010 die erste Folge von
Downton Abbey in Großbritannien ausgestrahlt wurde, ist das Kostümdrama zu einem TV-Hit geworden. Von der Kritik gefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, wurde die Serie schnell auch international zu einem Erfolg. Mithilfe von Tagebüchern, Briefen und Fotografien aus dem Archiv von Highclere Castle erzählt die aktuelle Lady von Carnarvon die faszinierende Geschichte von Lady Almina und Schloss Highclere, welches sowohl als Kulisse als auch als Inspiration für Downton Abbey dient."

Donnerstag, 31. Juli 2025

Abulhawa, Susan "Als die Sonne im Meer verschwand"

Abulhawa, Susan "Als die Sonne im Meer verschwand" (Englisch: The Blue Between Sky and Water) - 2015

Dies ist mein zweites Buch von Susan Abulhawa. Ich war begeistert von "Während die Welt schlief" (Mornings in Jenin) und war mir sicher, dass auch dieses nicht schlecht sein würde. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Die Autorin erzählt von einfachen Palästinensern, deren Leben sich mit der Gründung des israelischen Staates veränderte. Plötzlich hatten sie kein Land mehr, keine Rechte, nichts. Sie wurden von einer Seite auf die andere gedrängt, und die Welt betrachtete sie als Unruhestifter. Ich frage mich immer, was andere in ihrer Situation getan hätten. Wahrscheinlich nichts anderes.

Jahrzehntelang hörten in den Nachrichten immer von Palästinensern, wenn sie etwas angegriffen hatten. Wir hörten nie, wenn sie angegriffen wurden. Das hat sich ja mittlerweile geändert.

Wie dem auch sei, dieses Buch handelt von mehreren Generationen einer palästinensischen Familie und davon, wie die verschiedenen Mitglieder mit den Veränderungen umgehen - oder eben nicht. Es geht insbesondere um die Frauen, die wie immer die Hauptlast tragen müssen. Und sie werden oft stärker durch die Schwierigkeiten, die auf sie zukommen.

Ich habe Freunde in Israel und möchte nicht, dass dies als Kritik an ihnen verstanden wird. Aber ich verstehe die Menschen in Palästina vollkommen und dass sie sich ihr Land zurückwünschen. Viele der Probleme im Nahen Osten hätten vermieden werden können, wenn nicht einige Europäer beschlossen hätten, dies sei der beste Weg, ihre Konflikte zu lösen.

Ich habe in der Zwischenzeit weitere Bücher von Susan Abulhawa gelesen und werde dies auch weiterhin tun. Sie ist eine großartige Geschichtenerzählerin.

Buchbeschreibung:

"In einem malerischen Dorf in Palästina wachsen die Geschwister der Familie Baraka auf. Doch an einem Tag im Jahr 1948 geht ihre Kindheit jäh zu Ende. Israelische Soldaten stecken ihr Haus in Brand und zwingen sie gewaltsam zur Flucht. Nazmiyya versucht, dem Leid der Flüchtlingslager zu trotzen, Mamduh zieht bis ans andere Ende der Welt. Sie verlieren ihre Familie, ihre Heimat und einander – nie aber die Hoffnung. Und Hoffnung ist es auch, die sechzig Jahre später Mamduhs Enkelin aus Amerika nach Gaza führt.

In Amerika aufgewachsen, kennt die Palästinenserin Nur die malerischen Dörfer ihrer Heimat bloß aus den Erzählungen ihres Großvaters. Doch dann trifft sie Jamal, der als Arzt in Gaza arbeitet und sie dorthin einlädt. Zum ersten Mal reist Nur zu ihrer Familie und erlebt, wie eng deren Geschichte mit der Israels und Palästinas verflochten ist. Sie ist überwältigt von den Eindrücken, erfährt aber auch eine bittere Wahrheit über Jamal. Stehen lediglich die strengen Regeln seiner Kultur zwischen ihnen? Nur muss herausfinden, wohin sie und ihre Liebe gehören.

Nach ihrem internationalen Bestseller '
Während die Welt schlief' erzählt Susan Abulhawa auch in ihrem neuen Roman voller Poesie von einer Familie ohne Heimat, von Krieg, Frieden und Hoffnung. …"

Mittwoch, 9. Juli 2025

Al-Aswani, Alaa "Der Jakubijân-Bau"

Al-Aswani, Alaa "Der Jakubijân-Bau" (Arabisch: عمارة يعقوبيان/Imarat Ya'qubian) - The Yacoubian Building - 2002

Dieses Buch wird als "ironische Darstellung der modernen ägyptischen Gesellschaft" beschrieben. Ich weiß nicht, wie ironisch es ist, aber ich fand es einen sehr interessanten Bericht über ein Leben, über das ich absolut nichts weiß. Anscheinend existiert das Gebäude in Kairo zwar, sieht aber anders aus als das im Buch. Der ursprüngliche Besitzer war einst sehr reich, doch heute beherbergt das Haus unzählige winzige Wohnungen (ursprünglich Lagerräume), und die Geschichte erzählt uns von deren Leben.

Sehr interessante, manchmal recht anspruchsvolle Lektüre.

Buchbeschreibung:

"Die Armen wohnen oben, auf dem Dach, in kleinen Kabüffchen, die ursprünglich als Abstellkammern konzipiert waren. In den Stockwerken darunter geht es weniger knapp zu. Dort hat ein durch die Revolution von 1952 teilenteigneter Grundbesitzer sein Büro mitsamt Liebesnest, ein Chefredakteur seine Wohnung, ein Neureicher das Domizil für seine Zweitfrau und haben viele Ungenannte ihr ganz normales Zuhause. Auf vielfältige Weise verweben sich die Leben der Bewohner. Das Haus wird zum Mikrokosmos für Ägypten. Alaa al-Aswanis Roman stellt vieles dar, was es in Ägypten gibt, worüber aber nicht häufig - und eigentlich nie in dieser Direktheit - gesprochen wird. Da kommt der junge Mann nicht an die Polizeischule, weil sein Vater nur Türhüter ist. Da hält sich der wohlhabende Journalist einen armen Oberägypter als Bettgenossen. Da predigt der eine Geistliche für die Regierungspolitik, der andere für den Terror. Da bereichern sich manche schamlos mit den zweifelhaftesten Geschäften. Da wird das junge Mädchen, das für seine Familie sorgen muss, von allen Arbeitgebern systematisch belästigt. Da träumt der ehemalige Aristokrat von vorrevolutionären, besseren Zeiten. Da wird im Bereich der Politik geschmiert, geschnüffelt und gefoltert. Da wird eben das tägliche Leben Ägyptens gezeigt."

Freitag, 14. März 2025

Waltari, Mika "In diesem Zeichen"

Waltari, Mika "In diesem Zeichen: Elf Briefe des Marcus vom Frühjahr des Jahres 30 n.Chr. um die Kreuzigung und Auferstehung Jesu" (Finnisch: Valtakunnan salaisuus) - The Secret of the Kingdom (The Malinianus Duology) - 1959

Dies ist mein drittes Buch des finnischen Autors Mika Waltari. Ich habe sie alle in einem Lesekreis gelesen, immer von einem finnischen Mitglied als einer ihrer wichtigsten Autoren empfohlen.

Und es stimmt, Mika Waltari hat einige wichtige Gedanken zu vermitteln, ob es nun um Religion, Philosophie oder das Leben selbst geht. Man merkt, dass dieser Mensch weiß, wovon er spricht.

In diesem Buch beschreibt er das Leben eines römischen Bürgers, der Zeuge der Kreuzigung Jesu wird und dann in seinen Kreis hineingezogen wird, die Apostel und andere Freunde trifft, deren Leben von Jesus von Nazareth beeinflusst wurde. Er hat eine großartige Art, die Geschichte zu beschreiben, lässt uns glauben, wir wären selbst dort gewesen. Lässt uns definitiv glauben, dass es so gewesen sein könnte.

Sicherlich ein großartiges Buch, wenn man seinen Glauben erkunden möchte, aber auch, wenn man einfach von außen in die Geschichte des Christentums eintauchen möchten. Dies ist eine sehr detaillierte und anschauliche Geschichte über die Passion und ihre Folgen, die an Ostern beginnt und an Pfingsten endet.

Es überrascht mich nicht, dass mir dieses Buch gefallen hat, denn mir gefielen auch die anderen, die ich gelesen habe (Sinuhe der Ägypter/The Egyptian, Der dunkle Engel/The Dark Angel). Ein großartiger Autor.

Buchbeschreibung:

"Der wohlhabende und gebildete römische Patrizier Marcus Mezentius Manilianus kommt auf seiner Reise durch den Osten des Römischen Reiches über Alexandria nach Jerusalem, wo er im Frühling des Jahres 30 nach christlicher Zeitrechnung eintrifft, am gleichen Tag, an dem dort ein gewisser Jesus aus Nazareth gekreuzigt wird. In einer Reihe von Briefen, die er an seine ehemalige Geliebte Tullia in Rom richtet, versucht Marcus, sich über diesen Jesus klar zu werden: Wer war dieser 'König der Juden', und worin besteht sein Geheimnis? Zu diesem Zweck sucht Marcus auch den Kontakt zu den Jüngern des Gekreuzigten. ? In diesem packenden historischen Roman schildert Waltari seine Sicht von der Entstehung des Christentums. Der Bogen spannt sich von der Kreuzigung und Auferstehung Jesu bis hin zu den Ereignissen um Pfingsten. 'In diesem Zeichen' bildet den Auftakt zu einer Trilogie: In dem folgenden Doppelroman 'Minutus der Römer' stehen dann Marcus' Sohn Minutus und sein Enkel Julius im Mittelpunkt."

Wir haben dieses Buch in unserem internationalen online Lesekreis im März 2020 besprochen.

Waltari, Mika "Sinuhe, der Ägypter"

Waltari, Mika "Sinuhe, der Ägypter" (Finnisch: Sinuhe Egyptiläinen) - The Egyptian - 1945

Ein Buch, das von einer unserer finnischen Mitglieder empfohlen wurde. Sie erzählte uns, dass der Autor antike Kulturen und Theologie studiert hat und die Fakten in diesem Buch korrekt sind. Er konnte damals keine Kriegsbücher verfassen, also schrieb er stattdessen dieses. Wir fanden es alle wunderbar, obwohl sich keiner von uns wirklich so sehr für diese Art von Geschichte interessierte. Ein sehr detaillierter und informativer Bericht.

Das Buch behandelt nicht nur die ägyptische Geschichte, sondern auch alles über die menschliche Natur, ihre Güte und ihre Grausamkeit. Der Autor schreibt über Liebe und Krieg, Intrigen, Sieg und Niederlage, über die Rolle der Religion, die damals sehr wichtig war. Es war interessant, die antike Sichtweise auf die Welt zu vergleichen. Es ist erstaunlich, wie der Pharao Echnaton damals versuchte, eine christlich-ähnliche Religion zu schaffen.

Dieser Roman bot viel Diskussionsstoff. Das Leben von Sinuhe, einem ägyptischen Arzt, ist mit der Geschichte einiger berühmter und beeindruckender Pharaonen verwoben. Es hat mir tatsächlich so gut gefallen, dass ich begann, mehr über die ägyptische Geschichte zu lesen.

Wir haben dies im Mai 2006 in unserem internationalen Lesekreis besprochen.

Buchbeschreibung:

"In der Einsamkeit der Verbannung, erfüllt von der Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Theben, schreibt der Arzt Sinuhe die Geschickte seines bewegten Lebens. Es ist zugleich die Kultur- und Sittengeschichte des vorchristlichen Orients, umhüllt von Glanz und Rausch, bis an den Rand gesättigt mit grausamen Lüsten und den Mysterien heidnischer Erotik."

Ein Jahr später haben wir "Der dunkle Engel" (The Dark Angel) vom gleichen Autor gelesen.

Montag, 24. Februar 2025

Soueif, Ahdaf "Die Landkarte der Liebe"

Soueif, Ahdaf "Die Landkarte der Liebe" (Englisch: The Map of Love) - 1999

Ich habe dieses Buch jetzt schon ein paar Mal gelesen, zuerst mit meinem früheren niederländischen Lesekreis, dann habe ich es dem internationalen vorgeschlagen.

Die Geschichte informiert über die Geschichte Ägyptens, ist eine Familiensaga und eine Liebesgeschichte, nun ja, eigentlich ein paar Liebesgeschichten. Eine Amerikanerin entdeckt alte Dokumente ihrer Familie, sowohl auf Englisch als auch auf Arabisch. Durch einen Freund wird sie an eine Ägypterin verwiesen und die beiden gehen die Dokumente und ihre gemeinsame Geschichte durch. Die meisten Dokumente beziehen sich auf die Liebe zwischen einer englischen Dame und einem ägyptischen Nationalisten im Jahr 1900. Die beiden Frauen finden eine Verbindung zwischen ihren beiden Familien.

Dieses Buch beschreibt den britischen Kolonialismus, den ägyptischen Nationalismus und den Unterschied zwischen den beiden Völkern sowohl vor hundert Jahren als auch heute.

Der Roman enthält alles: Drama, Geschichte, moderne Zeiten, Liebesgeschichte, Politik, was immer man will. Ich fand ihn toll. Er ist heute vielleicht noch wichtiger als bei seinem Entstehen.

Wir haben das in unserem internationalen Lesekreis im September 2002 und in unserem niederländischen International Women's Lesekreis 2000/2001 besprochen.

Buchbeschreibung: 
 
"Ahdaf Soueif gibt uns das volle Abenteuer-Programm: ein Koffer, gefüllt mit Geheimnissen, Tagebücher in verblichener Tinte, gekidnappte Frauen in Männerkleidern, romantische Liebesgeschichten zwischen Europäerinnen und Arabern, Revolte gegen die Kolonialmacht, geheimnisvolle Geistererscheinungen. Doch die ägyptische Autorin ist nicht Karl May: Sie weiß, wovon sie schreibt. Ihre Erzählerin Amal, eine emanzipierte Ägypterin, spürt dem Schicksal von Anna Winterbourne nach. Annas Urenkelin Isabel hat deren Tagebücher in einem Koffer gefunden, und sie liebt Amals Bruder, den Stardirigenten Omar al-Ghamrawi. Isabel lernt durch Amal das moderne Ägypten kennen, erkennt ihre Vorurteile gegenüber Palästinensern und Islamisten und wird mit Kritik an der Politik ihrer Heimat, den USA, konfrontiert. Parallel führt die Spurensuche nach Anna zurück ins 19. Jahrhundert, zu den Wurzeln der zeitgenössischen Konflikte. Das Buch wird so zu einer Art politisch korrekter, episch erzählter und hoch spannender Neuauflage von Karl Mays Durch die Wüste - ein Karawanen- und Harems-Abenteuer aus globalisierungskritischer Sicht."

Ahdaf Soueif stand 1999 für "The Map of Love" auf der Shortlist für den Booker Prize.


Ich habe auch "Aischa" (Aisha) gelesen, eine Sammlung von Kurzgeschichten. Ich bin kein großer Fan von Kurzgeschichten, aber diese sind sehr gut. Man könnte sagen, dass ich ein Fan von Ahdaf Soueifs Werk bin.

Soueif, Ahdaf "Aischa"

Soueif, Ahdaf "Aischa" (Englisch: Aisha) - 1983

Normalerweise sage ich, dass ich Kurzgeschichten nicht mag. Wirklich nicht. Man lernt die Charaktere einfach kennen und die Geschichte ist zu Ende. Ich will mehr, ich will sie besser kennenlernen, die Geschichte sich entwickeln sehen, ich fühle mich am Ende einfach betrogen. Das heißt aber nicht, dass ich es nicht immer wieder versuche und nur ab und zu positiv überrascht werde.

Wie bei diesen hier, seit ich "Die Landkarte der Liebe" (The Map of Love) gelesen habe, bewundere ich diese Autorin wirklich. Sie schafft es, die Menschen so lebendig zu beschreiben. Und ihre Geschichten sind so interessant, sie ist einfach eine großartige Schriftstellerin.

Jedenfalls ist "Aischa" nicht wirklich eine Kurzgeschichtensammlung, sondern die Beschreibung von Aischas Leben und dem der Menschen in ihrem Leben, die in den Kurzgeschichten auftauchen. Es gibt also so etwas wie einen "roten Faden", der sich durch die Seiten zieht. Das gefällt mir.

Auch Ahdaf Soueifs Reise zwischen Ost und West, die Orient und Okzident zusammenbringt, gefällt mir. Gut gemacht.

Buchbeschreibung: (übersetzt von mir)

"Die "Acht Kapitel" von Aischa beginnen mit einer Rückkehr. Sie bilden einen Zyklus, in dem Leben in London zusammenlaufen. Kairo, Alexandria und Paris – in denen Aischa immer wieder aus dem Mittelpunkt gerät und wieder verschwindet, um immer wieder zurückzukehren.

Wir treffen Aischa auf ihrer Heimkehr nach Kairo, eine Szene, die sie sich immer bis ins kleinste Detail vorgestellt hatte und die nun durch die Erinnerungen an ihren entfremdeten Ehemann verzerrt wird. Wir sehen sie mit fünfzehn in London, eine selbsternannte Außenseiterin: mit dem Schottenrock und den Manieren einer verwestlichten ägyptischen bürgerlichen Intellektuellen und der Seele eines Rockers. Wir gehen noch weiter zurück zu den Süßigkeiten und Feuerwerken des Ramadan. Aischa klettert über den Rücken ihrer heiligen Großmutter, die sich im Gebet niederworfen hat, bis sie ihr Lachen nicht mehr unterdrücken kann.

Durch
Aischa werden uns Kapitel aus anderen Leben erzählt. Ihre Amme Zeina, die aus einer Metzgerfamilie stammt und behauptet, sie wisse, 'wie deren Verstand funktioniert', erzählt der verzauberten Achtjährigen von der furchterregenden rituellen Vorbereitung und 'Prüfung', die ihrer Hochzeitsnacht vorausging. In einem anderen Kapitel erinnert sich Zeina an ihre Wut, als ihr Mann eine zweite Frau nahm, und an die raffinierte Rache, die sie sich ausdachte, indem sie das Bett mit ihrer sinnlichen Rivalin teilte. Wir treffen Aischas unglaublich pingelige Freundin Mimi, die eine Parade von Verehrern mit der Begründung ablehnt, ihre Ohren, Hosen oder Schuhe seien inakzeptabel, bis sie ihr Herz an einen echten Schurken verliert und lernt, nachsichtiger zu sein. Es gibt eine Geschichte über den jungen Yosri, der sich einfach nicht auf eine Aufgabe konzentrieren kann, bis er als Lehrling bei Aischas Friseur im Salon Romance aufgenommen wird und nur hofft, dass die Kunden nicht merken, wie leidenschaftlich er es liebt, ihnen die Haare zu waschen.

Das letzte der acht Kapitel dreht sich um das Versprechen einer Rückkehr, einer Neuausrichtung und ist eine Geschichte von Heiligen und Dämonen, in der Aischa in ein Miasma bacchantischer Präsenzen getaucht wird, während sie vergeblich versucht, ihren allgegenwärtigen 'Vertrauten' zu besänftigen. Aischa ist ein Fest vieler verschiedener Geschmacksrichtungen, ein faszinierendes Debüt einer Autorin mit enormem Talent."

Freitag, 29. November 2024

Machfus, Nagib "Zuckergässchen"

Machfus, Nagib "Zuckergässchen" (Arabisch: السكرية/Al-Sukkariyya) - Sugar Street - 1957 (Kairo-Trilogie 3) 

Selten war ich so traurig wie beim Beenden dieses Romans. Nicht wegen seines Inhalts, obwohl es nicht nur glückliche Ereignisse gab, sondern weil dies das Ende der Geschichte über die Familie Abd al-Jawad ist. Ich hätte ihr Leben und das ihrer Nachkommen gerne bis in die Gegenwart weiterverfolgt.

Nachdem ich "Zwischen den Palästen" (Palace Walk) und "Palast der Sehnsucht" (Palace of Desire) gelesen hatte, die ersten beiden Romane dieser Trilogie über die Heimatstadt des Autors, Kairo, konnte ich es kaum erwarten, den nächsten zu lesen.

Wie in den beiden vorherigen Büchern lernen wir nicht nur die Familie kennen, sondern erfahren auch etwas über die ägyptische Geschichte. Dieses Buch führt uns durch die Jahre 1935 bis 1944. Wir können den Unterschied in der Gesellschaft zwischen dem Beginn der Saga im Jahr 1917 und dem (fast) Ende des Zweiten Weltkriegs erkennen. Es gibt einen großen Unterschied darin, wie Frauen behandelt werden, was sie tun dürfen, obwohl es immer noch einige Menschen gibt, die im letzten Jahrhundert leben. Das Gleiche wie heute, schätze ich.

Ich würde gerne mehr über Ägypten lesen. Es gibt eine andere ägyptische Autorin, die ich sehr mag, Ahdaf Soueif. Ich habe ihren Roman "Die Landkarte der Liebe" (The Map of Love) und eine Sammlung von Kurzgeschichten "Aischa" (Aisha) gelesen und ich bin sicher, dass ich andere gute ägyptische Autoren finden werde, die diese Geschichte fortsetzen werden. Wenn jemand einen Vorschlag hat, freue ich mich immer über Empfehlungen.

Buchbeschreibung:

"Der einst stolze Herrscher der Familie, Abd al-Gawwad, verfolgt, gealtert und durch Krankheit gezähmt, das Straßentreiben vor seinem Palast. Die gute alte Zeit ist für ihn dahin und die Kinder sind längst Chadiga lebt glücklich verheiratet in der Zuckerstraße; Aisha hat durch Typhus ihren Mann und ihre Söhne verloren; Yasin fühlt sich bei der ehemaligen Mätresse geborgen, während Kamal seine Leiden in den Armen einer Prostituierten zu stillen sucht.Als der Zweite Weltkrieg Ägypten erreicht, beginnt auch für Abd al-Gawwads Familie eine schwierige Zeit, die zur Zerreißprobe wird.."

Nagib Machfus erhielt den Nobelpreis für Literatur 1988 als "Wegbereiter neuer (sozialkritischer) ägyptischer Erzählkunst zwischen Tradition und Moderne".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Machfus, Nagib " Palast der Sehnsucht"

Machfus, Nagib " Palast der Sehnsucht" (Arabisch: قصر الشوق/Qasr el-Shōq) - Palace of Desire - 1957 (Kairo-Trilogie 2)

Teil 2 der Kairo-Trilogie, beginnt 1924, fünf Jahre nachdem "Zwischen den Palästen" (Palace Walk) endet. Die Kinder sind erwachsen geworden, sogar der jüngste Sohn, und die Familie zieht nach mehreren Zwischenfällen weiter. al-Sayyid Ahmad Abd al-Jawad, der Patriarch, versucht immer noch, seine Kinder zu kontrollieren, aber er ist weniger erfolgreich als im ersten Buch.

Wieder treffen wir alle Freunde und Nachbarn der Familie, die Schwiegersöhne, die von den Söhnen verfolgten Mädchen – und den Vater. Eine Geschichte, die den Titel "Saga" wirklich verdient.

Wir erfahren auch wieder etwas über die Sicht der Ägypter auf die britische Besatzung und können sie vollkommen verstehen. Warum sollte ein Land über ein anderes herrschen?

Ich weiß, ich habe erwähnt, dass ich dicke Bücher liebe, aber was ich noch mehr liebe, ist eine Fortsetzung eines dicken Buches, die es noch dicker macht. Dies ist einer dieser Fälle. Und das dritte Buch "Zuckergässchen" (Sugar Street) macht das ganze noch besser.

Buchbeschreibung:

"Kamal, der jüngste Sohn des geliebt-gefürchteten Familienpatriarchen Abd al-Gawwad, bekommt die Härten und Hürden des Erwachsenwerdens deutlich zu spüren: Seine erste, heftige Liebe zur Aristokratentocher Aida bleibt unerwidert und hinterlässt in ihm das Gefühl, lediglich Mittel eines weiblichen Ränkespiels gewesen zu sein. Und seinem Wunsch, Englischlehrer zu werden, seiner Begeisterung für die nationale Unabhängigkeitsbewegung, seinem Interesse für die Wissenschaft, die ihn an den religiösen Bräuchen zweifeln lässt, begegnet der Vater mit schroffer Ablehnung; er verteufelt Kamal als Ketzer. Trotz der Sehnsucht nach Erkenntnis und Befreiung aus den Fesseln überkommener Traditionen fühlt sich Kamal wie gelähmt. Angesichts der herrschenden Doppelmoral droht der Traum von Reinheit und Schönheit zu zerbrechen. Entmutigt beginnt er, sich in Weinbuden zu betrinken und durch Bordellgassen zu streifen, während sein Bruder Jasin und der Vater, ohne es voneinander zu wissen, um die Liebe derselben jungen Lautenspielerin buhlen - Zanuba. Aber diese betörende, fordernde Frau lässt nicht mit sich spielen. Sie will geheiratet und geachtet werden.."

Nagib Machfus erhielt den Nobelpreis für Literatur 1988 als "Wegbereiter neuer (sozialkritischer) ägyptischer Erzählkunst zwischen Tradition und Moderne".

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Machfus, Nagib "Zwischen den Palästen"

Machfus, Nagib "Zwischen den Palästen" (Arabic: بين القصرين/Bayn al-qasrayn) - Palace Walk - 1956 (Kairo-Trilogie 1)

Teil 1 der Kairo-Trilogie. Ich liebe dicke Bücher, ich liebe Familiensagas, ich liebe historische Romane, ich liebe Bücher von Nobelpreisträgern, also sollte das definitiv das Buch für mich sein.

Und das ist es auch. Die Geschichte einer ägyptischen Familie zwischen 1917 und 1919. Wir lernen al-Sayyid Ahmad Abd al-Jawad kennen, der seine Familie wie ein Tyrann regiert, seine Frau, seine Töchter und seine Söhne, sie alle müssen ihm bedingungslos gehorchen. Er selbst ist bei weitem kein perfekter Mensch, erwartet dies aber von allen um ihn herum. Mit der Zeit akzeptiert jeder dies als gottgegebenes Gesetz.

Brillant erzählt. Nagib Machfus ist ein fantastischer Beobachter, er erwähnt so viele Dinge, beschreibt die Gefühle der Menschen auf eine Weise, die einzigartig und höchst lobenswert ist. Wir können uns vorstellen, eine Fliege an der Wand zu sein, die alles bemerkt, was vor sich geht. Ich würde gerne ein Buch lesen, das Machfus jetzt über dieselbe Familie schreiben würde, naja, ihre Nachkommen. Der Autor hat es geschafft, eine Familie zu erschaffen, die so real, so lebendig wirkt. Wir können uns gut vorstellen, ihnen irgendwo zu begegnen. Eine sehr realistische Geschichte.

Ich habe auch die Fortsetzungen "Palast der Sehnsucht" (Palace of Desire) und "Zuckergässchen" (Sugar Street) gelesen.

Dieses Buch steht auch auf der Liste der "Nicht-westlichen Bücher, die jeder Schüler lesen sollte" (The non-western books that every student should read).

Buchbeschreibung:

"Der Nobelpreis für Nagib Machfus galt vor allem auch seiner Kairo-Trilogie. Sie ist das Hauptwerk des Autors, ein Meilenstein der modernen arabischen Literatur. Die westliche Kritik verglich sie mit den 'Buddenbrooks', mit der 'Forsythe Saga', mit der 'Danziger Trilogie', mit der 'Comédie humaine' Balzacs, nannte sie den 'Baedecker zu Ägyptens Seele' ... Über drei Generationen und drei Jahrzehnte hinweg wird das Leben einer Kairoer Kaufmannsfamilie verfolgt und zu einem opulenten Gemälde ägyptischen Lebens verdichtet.

Abd al-Gawwad, der übermächtige Herrscher der Familie, ist gefürchtet und geliebt zugleich: Strotzend vor Vitalität und Lebenslust ist er ein liebenswürdiger Freund und geistreicher Unterhalter, ein Kenner von Kunst und Gesang, und nicht zuletzt ein feinfühliger Liebhaber schöner Frauen. Doch wenn er die Treppe zu seinem Palast hochsteigt, verwandelt er sich zum gnadenlosen Patriarchen, der Ehefrau, Töchter und Söhne an seinen Fäden führt. Als die Wünsche und Hoffnungen jedes einzelnen an die Oberfläche kommen, verstricken sich die Familienmitglieder immer tiefer im Geflecht ihrer verunsicherten Beziehungen. Seine Ehefrau Amina, eine Gestalt von mythischer Tiefe, in der Welt der Geister heimischer als in der Welt der Menschen, wagt sich zum ersten Mal hinaus auf die Straße. Der Sohn wie die Tochter verfallen einer unschicklichen Liebe. Und draußen auf der Straße beginnt der blutige Kampf um nationale Unabhängigkeit, wird mit Demonstrationen und Streiks das Ende des britischen Protektorates gefordert. Abd al-Gawwad's Familie bleibt von der Tragik der Ereignisse nicht verschont..
"

Nagib Machfus erhielt den Nobelpreis für Literatur 1988 als "Wegbereiter neuer (sozialkritischer) ägyptischer Erzählkunst zwischen Tradition und Moderne".

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Freitag, 15. November 2024

Ibsen, Henrik "Peer Gynt"

Ibsen, Henrik "Peer Gynt" (Norwegian: Peer Gynt) - Peer Gynt - 1867

Ich habe die Musik "Peer Gynt" von Edvard Grieg immer geliebt und daher klang allein der Titel dieses Stücks für mich gleichzeitig geheimnisvoll und bezaubernd.

Ich habe es schon einmal erwähnt, ein Stück zu lesen ist nur die halbe Freude und ich würde mir viel lieber ein Stück ansehen, aber das ist nicht immer möglich. Also habe ich mich nach langem Überlegen endlich an dieses hier gewagt. Ich finde es noch schwieriger zu lesen, wenn es – wie hier – in Gedichtform geschrieben ist.

In diesem Stück gibt es Trolle, aber auch Reisen nach Nordafrika (Marokko und Ägypten), wir werden Zeugen einer Entführung und eines Mordes, Liebe und Verrat, Leben und Tod, diese Geschichte hat alles. Sie ist sowohl satirisch als auch mystisch.

Peer Gynt ist jedoch nicht die Art von Charakter, die man gerne hätte. Warum sogar seine Mutter ihn mag, weiß niemand. Er ist überhaupt nicht sympathisch, er ist zu niemandem nett, wir alle wären ohne ihn besser dran.

Sicherlich nicht mein Lieblingsbuch des Jahres, aber ich bin froh, dass ich es endlich gelesen habe.

Und inzwischen habe ich auch eien (sehr moderne) Aufführung des Stücks im Theater gesehen. Einfach sagenhaft!

Buchbeschreibung:

"'Peer, du lügst!', lässt Henrik Ibsen zu Beginn seines glanzvollen 'dramatischen Gedichts' Peer Gynts Mutter Aase ausrufen und ein Lügner ist ihr Sohn in der Tat: ein Prahlhans, ein Fabulierer, der sehnsüchtig alles Fantastische über die nüchterne, elende Wirklichkeit stellt. Zusehends verschwimmen die Grenzen zwischen Träumerei und Realität, und schon bald gerät der abenteuerhungrige Bauernsohn auf der Suche nach Ansehen und Wohlstand in das dämonisch-mythische Reich der Trolle ... Ibsens 'Peer Gynt', 1876 uraufgeführt, wurde zu Recht oft mit 'Don Quijote' und 'Faust' verglichen. "

Donnerstag, 3. Oktober 2024

Machfus, Nagib "Die Kinder unseres Viertels"

Machfus, Nagib "Die Kinder unseres Viertels" (Arabisch: اولاد حارتنا Awlād ḥāritnā) - Children of Gebelawi (aka Children of our Alley) - 1959

Ein sehr interessantes Buch. Zuerst dachte ich, es sei die Neuerzählung der Bibel. Aber dann wurde mir klar, dass es die Neuerzählung all unserer monotheistischen Religionen war, zumindest deren Anfänge.

Am Anfang ist es so einfach. Da ist Gabalawi (Gott), der zuerst Idris (Satan) und dann Adham (Adam) aus seinem Haus wirft, dann sind da Gabal (Moses), Rifa (Jesus) und Qasim (Mohammed), alle drei wollen Frieden in ihre Gegend (die Welt) bringen und gründen ihre eigenen Religionen. Am Ende haben wir Arafa, der für die moderne Welt oder Wissenschaft steht.

Nagib Machfuz versucht, diese Charaktere gegeneinander abzuwägen. Was für eine reichhaltige und kraftvolle Geschichte, voller Symbolik, Allegorien, Parabeln, wirklich vergleichbar mit der Bibel. Und wahrscheinlich auch mit dem Koran. Es überrascht mich nicht, dass der Autor den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, und ich habe seitdem mehr von ihm gelesen.

Offenbar stimmten nicht alle in unserem Lesekreis mit mir überein. Dies sind einige der Kommentare aus dem Treffen:

"Das Buch zu bekommen war nicht einfach und ebenso wenig, es zu lesen.

Das erste Kapitel bereitet die Bühne mit Handlungen, die sich in jeder historischen Ära wiederholen würden. 

Inmitten von bitterem Elend und Armut kommt ein Prophet mit einer Botschaft der Hoffnung, die die Menschen eifrig annehmen. 

Dies läutet eine Zeit des Friedens und der Harmonie ein, doch noch vor vielen Generationen entstehen menschliche Zwietracht, Unzufriedenheit, Gier und Hass, was zu einem weiteren Kreislauf des Elends führt. 

In ihrem Elend rufen die Menschen um Hilfe, die wiederum in Form eines neuen Propheten kommt ... ein Kreislauf, der sich wiederholt. 

Im Grunde eine religiöse Geschichte der Menschheit vom Garten Eden über Moses, Christus und Mohammed bis zum Aufstieg der Wissenschaft. 

Machfus überlebte einen Mordanschlag, da seine Schriften die islamische Welt erzürnten."

Buchbeschreibung:

"Am Rande der Stadt, wo die Wüste beginnt, steht das große Haus. Hinter hohen Mauern verborgen wohnt hier der geheimnisvolle Gabalawi, der Stammesvater des Viertels. Seine strengen Wächter und Verwalter heißen Adham, Gabal, Rifaa und Kasim. Sind sie Figuren der Menschheitsgeschichte, hinter denen sich Adam, Moses, Jesus und Mohammed verbergen?"

Wir haben dies in unserem internationalen Lesekreis im Juni 2013 besprochen.

Nagib Machfus erhielt den Nobelpreis für Literatur 1988 als "Wegbereiter neuer (sozialkritischer) ägyptischer Erzählkunst zwischen Tradition und Moderne".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Dienstag, 24. September 2024

Kadaré, Ismail "Die Pyramide"

Kadaré, Ismail "Die Pyramide" (Albanisch: Piramida) - The Pyramid  - 1992

Nach dem Roman "Sinuhe der Ägypter" (The Egyptian) des finnischen Autors Mika Waltari ist dies bereits der zweite Roman, den ich über das alte Ägypten gelesen habe, der wirklich etwas ganz anderes bedeutet. Während "The Egyptian" direkt nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde, handelt dieser vom totalitären System in Albanien.

"Die Pyramide" erzählt uns vom Leben unter Diktator Enver Hoxha und seiner verrückten Obsession für unnötige und riesige Statuen, um seine Macht und Stärke zu demonstrieren. In fast jedem Satz findet man eine Doppeldeutigkeit: Das ultimative Motiv des Pharaos Cheops war, sein Volk durch den Bau seiner gigantischen Pyramide so zu schwächen, dass es keine Kraft mehr zum Aufstand hat.

Der Autor gilt als einer der größten Schriftsteller Europas, seine Stimme gegen den Totalitarismus ist unübertroffen. Er gewann den ersten Booker International Prize, weil er "ein universeller Schriftsteller in der Tradition des Geschichtenerzählens ist, die auf Homer zurückgeht". Zu seinen Anhängern gehörten so berühmte Autoren wie Chinua Achebe, Alice Muro und Philip Roth. Wäre schön gewesen, wenn er eines Tages den Nobelpreis für Literatur bekommen hätte, aber leider ist er im Juli 2024 im Alter von 88 Jahren gestorben. 

Brillanter Roman. Man merkt, dass der Autor diese Erfahrung selbst gemacht hat.

Buchbeschreibung:

"Ein ewiges steinernes Rätsel; so liegen die Pyramiden in der Wüste. Als der junge Pharao Cheops entscheidet, dass seine Pyramide die größte und prächtigste werden soll, erfasst ein fiebriger Wahn das ganze Reich. Die Zeit wird fortan nicht mehr in Monaten und Jahren, sondern in abgezählten Steinen gemessen, und den millionenfachen grausamen Todesfällen, die durch Transport und Bau verursacht werden. Reale wie eingebildete Verschwörungen begleiten jede Steinreihe; der Blutzoll steigt ins Unermessliche. Und schließlich fordert die Pyramide zu ihrer Vollendung das Leben des Pharaos selbst.

Ismail Kadare erzählt in diesem '
ägyptischen' Roman von der Errichtung der gewaltigen Cheops-Pyramide, die gebaut wurde, um die Herrschaft des jungen Pharao zu festigen und jene rebellischen Kräfte zu binden, die aus Überfluss und Wohlleben entstanden waren. Aus Kadares vielsagender politischer Parabel spricht die Erfahrung totalitärer Herrschaft im 20. Jahrhundert."

Nach "Ein folgenschwerer Abend" (The Fall of the Stone City), ist dies mein zweites Buch von Ismail Kadaré aber sicher nicht mein letztes.

Ismail Kadaré erhielt den Booker International Prize 2005 als "ein universeller Schriftsteller in einer Tradition des Geschichtenerzählens, die auf Homer zurückgeht".

Dienstag, 23. Juli 2024

May, Karl "Durch die Wüste"

May, Karl "Durch die Wüste" (aka Durch Wüste und Harem) - Through the Desert - 1892 

Karl May hat Bücher über die halbe Welt geschrieben, ohne selbst jemals dort gewesen zu sein. Ich habe mehrere seiner Geschichten als Theaterstück und im Fernsehen gesehen, aber nie eines seiner Bücher gelesen, obwohl mein Mann die meisten davon seit seiner Kindheit besitzt. Ein paar Freunde überzeugten mich, dass ich es wirklich einmal mit ihnen versuchen sollte. Und das tat ich dann.

Dies ist das erste seiner vielen Bücher, die arabischen. Er ist besonders berühmt für seine Abenteuerreisen zu den amerikanischen Ureinwohnern, in denen wir den berühmten Häuptling des Mescalero-Stammes der Apachen, Winnetou, treffen.

In den arabischen Ländern nennt sich der Autor in diesem Buch Kara Ben Nemsi (Karl, Sohn der Deutschen). Er reist mit seinem Freund und Assistenten Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah durch halb Afrika und Arabien und trifft mehrere Entdecker oder andere Abenteurer sowie viele einheimische Stämme und deren Anführer. Es ist eine typische Abenteuergeschichte, aber wir erfahren viel über die Menschen aus der Zeit, die islamische Religion und die in diesem Teil der Welt gesprochenen Sprachen. Im Gegensatz zu seinen nordamerikanischen Geschichten hat er den Nahen Osten besucht und scheint viel aus seinen Erfahrungen dort zu schöpfen.

Eine echte Abenteuergeschichte, wirklich lesenswert.

Buchbeschreibung:

"Durch die Wüste reiten Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, sein treuer Gefährte. Der Fund einer Leiche bei den Salzseen Nordafrikas löst ein faszinierendes Abenteuer aus, dessen Folgen den Leser sechs Bände lang in Atem halten. Schon zu Beginn erschließt sich die ganze Buntheit der orientalischen Welt. Die vorliegende Erzählung spielt in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Durch die Wüste gehört als Band 1 zum sechsteiligen Orientzyklus."

Montag, 24. April 2023

Machfus, Nagib "Die Midaq-Gasse"

Machfus, Nagib "Die Midaq-Gasse" (Arabisch: Zuqaq El Midaq/زقاق المدق) - Midaq Alley - 1947

Dies ist mein fünftes Buch des mit dem Nobelpreis ausgezeichneten ägyptischen Autors Nagib Machfus.
Und jedes scheint noch besser zu sein als das letzte. Aber das liegt wahrscheinlich nur daran, dass es das neueste ist. Sie sind alle brillant. Er war einfach so ein fantastischer Autor. Wir lernen die Menschen in der Midaq-Gasse kennen, als ob wir die meiste Zeit unseres Lebens unter ihnen gelebt hätten.

Ein Krieg tobt in Europa und schlägt auch in Ägypten Wellen, wenn auch nicht so, wie wir vielleicht denken.


Die Gasse liegt im ärmeren Teil von Kairo mit seinen Bewohnern, die der ärmeren Bevölkerung angehören, wahrscheinlich dem unteren Ende der Mittelschicht.
Sie alle haben ihre Träume von einem besseren Leben, von der Straße wegzukommen, obwohl die meisten von ihnen wissen, dass sie hier hingehören und woanders vielleicht nicht leben könnten.

Es ist fast wie in einem Dorf.
Wenn jemand an einem Ende der Straße hustet, ist er laut den Leuten auf der anderen Seite innerhalb von fünf Minuten schon tot. Jeder weiß alles über die anderen, man hat keine Geheimnisse. Das hat natürlich seine Vor- und Nachteile.

Diese Geschichte hätte also woanders stattfinden können, vielleicht sogar vor unserer Haustür, aber der Autor erzählt uns das Leben seiner Landsleute.
Wer noch nichts von diesem Autor gelesen hat, sollte ihn unbedingt versuchen.


Buchbeschreibung:

"'Welches Kairo meine ich? Das Kairo der Fatimiden, der Mamluken oder das der Sultane? Allein Gott und die Archäologen wissen das. Auf jeden Fall ist diese Gasse ein geschichtliches Denkmal, und zwar ein wertvolles. Wie auch nicht, wo doch die mit Steinplatten belegte Straße direkt zur Sanadiquija-Straße hinunterführt, diesem historischen Winkel mit dem berühmten Kirscha-Kafeehaus, mit seinen Wänden voller Arabesken aus längst vergangener Zeit, bröckelig und morsch nun, und mit dem starken Duft uralter Heilkräuter, die mittlerweile zu wohlduftenden Parfums geworden sind. Obwohl die Gasse fast gänzlich ausgeschlossen vom Getriebe der Welt lebte, war sie doch vom Lärm ihres eigenen Lebens erfüllt, einem Leben, das in tiefstem Innern unlösbar im Ganzen, vollen Sein verwurzelt war und erst noch die Geheimnisse der alten, vergangenen Welt in sich barg und bewahrt.'

Kairo, Mitte der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts: In der Midaq-Gasse tummeln sich alle, etwa Onkel Kamil, der Bonbonverkäufer, oder Abbas al-Hilu, der Friseur; es gibt den alten Dichter, dem das Radio die Zuhörer raubt, und Zita, den Knochenbrecher, dessen Beruf es ist, erfolgreiche Bettler zu schaffen. Doch in der Gasse ist der Rhythmus einer neuen Zeit gefahren. Davon kann Umm Hamida, die Heiratsvermittlerin, erzählen. Manche wollen fort wie Hussein, der zur britischen Armee geht. Die schöne Hamida will nicht in Kleinbürgerlichkeit versauern, sondern mittels Heirat aufsteigen zu Reichtum, Macht und Ansehen. Abbas aber, der  Hamida liebt, würde wohl zufrieden sein mit seinem Leben in der Gasse, aber dann entschließt er sich doch, sie zu verlassen ..."

Nagib Machfus erhielt den Nobelpreis für Literatur 1988 als "Wegbereiter neuer (sozialkritischer) ägyptischer Erzählkunst zwischen Tradition und Moderne".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Mittwoch, 25. Januar 2023

Ondaatje, Michael "Der englische Patient"

Ondaatje, Michael "Der englische Patient" (Englisch: The English Patient) - 1992

Ich habe "Anil's Ghost" (Anils Geist) und "Warlight" (Kriegslicht) von Michael Ondaatje gelesen, die mir beide sehr gut gefallen haben. Ich hatte mich schon seit Ewigkeiten darauf gefreut, dieses Buch zu lesen, und als ich kürzlich darauf stieß, beschloss ich, dass es endlich an der Zeit war, es zu lesen.

Es mag einen Grund gegeben haben, warum ich es nicht früher angegangen bin. Ich war damit nicht so zufrieden wie mit den anderen. Vielleicht hätte ich alleine deshalb davon Abstand halten sollen, weil es den Booker Prize bekommen hat, ich mag die selten und ich habe keine Ahnung warum.

Es war teilweise ziemlich verwirrend. Von wem spricht der Autor? Zu welcher Zeit spricht er? Vor dem Krieg? Während des Krieges? Nach dem Krieg? Spielt die Handlung gerade in Italien oder in Ägypten, in Kanada oder Indien? Und warum kommt dieses englische Paar in der Geschichte vor? Ich weiß, ich weiß, sie haben den englischen Patienten schon einmal getroffen, aber es ist trotzdem seltsam, es passt irgendwie nicht.

Ich habe eine Rezension gesehen, in der jemand sagte, die Leute in dem Buch würden nicht wie die Menschen in den 1940er Jahren sprechen. Das könnte auch einer der Gründe sein.

Was mich aber am meisten gestört hat, war, dass man die Leute nicht richtig kennengelernt hat, sie bleiben seicht, trivial, oberflächlich.

Diese Geschichte hätte mir vielleicht mehr Spaß gemacht, wenn ich seine anderen Bücher nicht gelesen und geliebt hätte und daher einen brillanten Roman erwartet hätte. Dies ist ein guter Roman, aber das ist alles. Also werde ich wohl noch eine Weile warten, bis ich das nächste Buch dieses Autors lesen werde.

Buchbeschreibung:

"
Oberflächlich gesehen erzählt der Roman die Geschichte von vier Personen, die 1945 bei Kriegsende in einer zerbombten, toskanischen Villa gestrandet sind und versuchen, wieder ein normales Leben aufzunehmen. Da ist Hana, eine kanadische Krankenschwester, die sich um den verbrannten Mann kümmert, der mit seinem Flugzeug in der Wüste abgestürzt war. Täglich wäscht sie seinen Körper und unterhält sie beide mit dem Vorlesen von Rudyard Kipling und Stendhal.

Wenige Tage nach ihrem Einzug in die verfallene Villa taucht Caravaggio - der Dieb - auf, dem die Deutschen die Daumen abgehackt haben. Hana und Caravaggio kennen sich noch aus der Zeit vor dem Krieg. Der Vater Hanas war mit Caravaggio befreundet. Als Caravaggio hört, dass sie mit einem Verwundeten allein in der Villa lebt, beschließt er zu ihrem Schutz zu bleiben. Zu diesen Dreien gesellt sich Kip, ein junger Inder, der ein Meister im Bomben entschärfen ist - als in Hiroshima und Nagasaki Bomben fallen, mit denen auch er es nicht mehr aufnehmen kann, gibt er sich geschlagen und kehrt verzweifelt in seine Heimat zurück. Jede der Personen ist in ihrer Biographie gebrochen, wurde tief verletzt durch den Krieg. Sie treffen sich an diesem Ort der Welt, um auszuharren, zu verschnaufen, Luft zu holen und um letztlich wieder auseinander zu gehen.

Michael Ondaatje schildert in Rückblenden und Traumsequenzen die erlittenen Wunden und Demütigungen. Doch keine Angst, es handelt sich dabei nicht um einen jener modernen Romane, bei denen der Leser ein riesiges Puzzle in die Hand bekommt, das schon der Autor nicht zusammensetzten vermochte und aus dem der Leser nun einen verständlichen, tiefsinnigen Text kreieren soll.

Bruchstückhaft erzählt der '
englische Patient' Hana und Caravaggio, wie er in der libyschen Wüste mit seinem Flugzeug abstürzte, dabei seine große Liebe verlor und sich nun selbst nur durch Morphium an sein Leben erinnert. 'Manche der Geschichten, die der Mann ruhig in das Zimmer hinein erzählt, gleiten wie Falken von Schicht zu Schicht.'

Es ist schon etwas ganz Besonderes, wie Ondaatje über die Wüste schreibt, das Leben der Nomadenstämme, wie die Arzneifläschchen am Körper des Medizinmannes klirren, so dass seine Erscheinung an einen Erzengel erinnert. Oder die Wüstenwinde, wie sie sich ankündigen, den Tag verhüllen und mit gewaltigen Sandmassen vorbeirauschen, tänzeln oder sich auslöschen - sich auflösen, mit allem, was sie eingehüllt haben. Diese Szenen bleiben beim Leser wie auch beim Kinofreund unvergessen. Der Roman ist keine einfach gestrickte Unterhaltungslektüre, nichts geschieht zufällig, alles wurde von Ondaatje wohl komponiert. Er verlangt jedoch von seinem Leser, dass er genau hinhört, konzentriert liest. Nur so entfaltet das Buch seine unvergleichliche Poesie. In der Malerei wäre dieses Werk ein Bild aus weichen, hellen Pastelltönen mit fein verwischten Konturen, gerade noch erahnbar unter einer dichten Schicht aus Staub.
"

Ich habe das englische Original gelesen.

Samstag, 14. Januar 2023

Kermani, Navid "Dein Name" - 2011

Kermani, Navid "Dein Name" [Your Name] - 2011

Navid Kermani ist ein Deutsch-Iranischer Schriftsteller, Orientalist, Gewinner des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Ich dachte also, das könnte ein gutes Buch werden. Und irgendwie war es das auch. Allerdings war ich selten so erleichtert, ein Buch zu beenden. Noch nicht einmal "Ulysses" war so eine große Herausforderung.

Der Autor hat die Geschichte seines Großvaters, seiner Großmutter, seiner eigenen, seiner Familie, seiner Freunde und seiner Familie geschrieben und über alle Bekannten berichtet, die gestorben sind. Er hätte gut und gerne fünf Bücher aus diesem einen machen können, dann hätte man sich eher auf das eine Thema, die eine Person konzentrieren können.

Dennoch, wir lernen viel über das Leben im Iran, das Leben eines Iraners in Deutschland, die west-östlichen Beziehungen

Als Autoren fand ich ihn sehr gut, ich habe auch noch mehr von ihm gelesen, aber ich würde dieses Buch wahrscheinlich nicht als erstes empfehlen.

Inhaltsangabe:

"Am 8. Juni 2006 beginnt Navid Kermani sein neues Buch, und es wird einer der ungewöhnlichsten Romane unserer Zeit. Hier schreibt einer über alles, was es zu wissen gibt über sein Leben und das Leben überhaupt: die Gegenwart und die Vergangenheit seiner Familie, die Erinnerung an gestorbene Freunde und die mitreißende Lektüre Jean Pauls und Hölderlins. Die Geschichte seines Großvaters, der von Nahost nach Deutschland ging, wird zum Herzstück des Romans. Immer wieder drängt sich dem Romancier der entscheidende Moment dazwischen: der des Schreibens. 'Dein Name' ist ein Roman, der das Privateste ebenso in den Blick nimmt wie die Geschichte, in der wir leben - ein Buch, das unser Bild der Gegenwart nachhaltig verändern wird."

Navid Kermani hat 2015 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten.

Donnerstag, 12. Januar 2023

Trojanow, Ilija "Nomade auf vier Kontinenten

Trojanow, Ilija "Nomade auf vier Kontinenten. Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton" [Nomad on Four Continents. In the Footsteps of Sir Richard Bacon] - 2006

Nachdem ich mit meinem Lesekreis "Der Weltensammler" gelesen hatte, war ich sehr gespannt auf dieses Buch, in der Ilja Trojanow von den Hintergründen erzählt, wie er dazu kam, auf Richard Francis Burtons Spuren zu wandeln und was er sonst noch dabei erlebt hat.

Nun können wir lesen, wie es dem bekannten Forscher heute wohl ergangen wäre. Ilja Trojanow nimmt uns nochmals mit auf seiner Reise durch die diversen Länder und Kulturen. Manches hat sich geändert, vieles nicht.

Dieses Buch ist genauso brillant wie "Der Weltensammler". Etliche Illustrationen und Bilder ergänzen die sagenhaften Beschreibungen.

Buchbeschreibung:

"Sieben Jahre lang ist Ilija Trojanow auf den Spuren des Weltensammlers Richard Francis Burton durch Indien, Arabien, Afrika und Nordamerika gereist.

Er stellt den exzentrischen Lebemann anhand von Ausschnitten aus dessen literarischem Werk vor und verknüpft sie mit eigenen Reiseerlebnissen. Eine intensive, die Jahrhunderte überspannende Begegnung. Ergänzt durch Zeichnungen und Fotografien aus den Archiven der beiden Abenteurer.
"

und

"Man muss sich nur die Strommasten wegdenken, so Ilija Trojanow. Dann erleben Reisende Indiens Hinterland großenteils genau so wie Sir Richard Francis Burton im 19. Jahrhundert. Autor Trojanow folgte den Spuren des sagenumwobenen Burton nach Indien sowie nach Mekka, Sansibar und zu den Mormonen in Utah. In Der Weltensammler bereitet der deutsch-bulgarische Schriftsteller das Leben Burtons als Romanstoff auf. In Nomade auf vier Kontinenten nähert sich Trojanow nun der Lebensgeschichte des leibhaftigen Burton. Ergebnis ist ein Porträt der anderen Art, in der Trojanow mühelos eine Brücke schlägt zwischen den Kontinenten, zwischen seinen Erlebnissen und den Abenteuern Burtons, zwischen der Kolonialzeit und unseren Tagen.

Trojanows gründliche Spurensuche reicht mehr als 150 Jahre zurück in eine Zeit, in der Kolonialisten Menschenschädel mit nach Europa brachten wie heutzutage Urlauber geschnitzte Souvenirs. Die Erlebniswelten von Burton und Trojanow - im Buch übersichtlich jeweils grün bzw. schwarz gedruckt - greifen eng ineinander. Zum Beispiel wenn Trojanow eine Autofahrt im 20. Jahrhundert gleichklingend beschreibt wie Burton eine Reise in der Sänfte im 19. Jahrhundert. Den Engländer erleben Leser als kühnen Abenteurer mit poetischer Ader, aber auch als hartherzigen Draufgänger. Und obgleich Burton konsequent seinen eigenen Weg geht, bleibt er Kind seiner Zeit - etwa wenn er Neger als zurückgeblieben betrachtet.

Ilija Trojanow lässt in dieser großartigen Collage Episoden aus unterschiedlichen Epochen ineinander gleiten, ohne den Lesefluss im geringsten zu stören. Auch deshalb gehört dieses Buch völlig zu Recht zur Reihe Die Andere Bibliothek, in der der Eichborn-Verlag lesenswerte Werke präsentiert. Mögen der schillernden Spurensuche Trojanows viele Leser folgen, denn der Autor gehört zu den brillantesten hierzulande.
Herwig Slezak"

Dienstag, 10. Januar 2023

Illies, Florian "1913: Der Sommer des Jahrhunderts"

Illies, Florian "1913: Der Sommer des Jahrhunderts" - 2012 - 1913: The Year before the Storm

Wie kam es zum ersten Weltkrieg? Diese Frage wird häufig gestellt und evenso häufig versucht, zu beantworten. Aber das ist nicht der Zweck dieses Buches. Der Autor bringt hier ein Zeitzeugnis. Wie war das Leven in dem Jahr davor? Als man noch friedvoll und an nichts Böses denkend vor sich hinlebte. Wir hören von Schriftstellern wie Thomas Mann, Franz Kafka, James Joyce, Marcel Proust und anderen, Malern wie Ernst Macke, Ernst Ludwig Kirchner, Marcel Duchamp, Musikern wie Igor Strawinsky, den Psychologen Sigmund Freud und C.G. Jung, dass Stalin und Hitler sich zur gleichen Zeit in Wien befanden (wären sie sich nur begegnet und hätten sich gegenseitig die Köpfe eingehauen!), wie es dem österreichischen Kaiser Franz Joseph I und seinem Thronfolger Franz-Ferdinand erging.

Viele, viele Personen werden hier dargestellt, Monat für Monat verfolgen wir deren Leben und der Gesellschaft im allgemeinen und wissen, dass das Leben von allen im nächsten vollkommen anders sein wird, nie mehr so wie früher.

Ein gutes Geschichtsbuch.

Buchbeschreibung:

"Virtuos entfaltet Florian Illies das Panorama eines unvergleichlichen Jahres, in dem unsere Gegenwart beginnt. In Literatur, Kunst und Musik werden die Extreme ausgereizt, als gäbe es kein Morgen. Proust sucht nach der verlorenen Zeit, Malewitsch malt ein Quadrat, Benn liebt Lasker-Schüler, Strawinsky feiert das Frühlingsopfer, Kirchner gibt der Metropole ein Gesicht, Kafka, Joyce und Musil trinken am selben Tag in Triest einen Cappuccino - und in München verkauft ein österreichischer Postkartenmaler namens Adolf Hitler seine biederen Stadtansichten. 1913: Anfang und Ende, Triumph und Melancholie verschmelzen, alles wird Kunst. Nach diesem Sommer ist nichts mehr, wie es war. Wie kein anderer erweckt der elegante Stilist Florian Illies mit leisem Humor den Zauber eines Schlüsselmoments der Kulturgeschichte zum Leben."