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Montag, 31. Oktober 2022

Grass, Günter "Im Krebsgang"

 

Grass, Günter "Im Krebsgang" (Crabwalk) - 2002

Eine Lesekreis-Lektüre. Dieses Buch war mein Vorschlag, weil wir immer nach Romanen von Autoren aus verschiedenen Ländern suchen. Wir haben nicht viele deutsche Bücher gelesen, also dachte ich, lass uns einen Grass lesen. Dieser Autor war nie ein "einfacher" Mensch, in Danzig als Sohn polnisch-deutscher Eltern geboren, katholisch erzogen, als junger Mann nach Westdeutschland gezogen, er war stark links und sagte, was zu sagen war. Er war Journalist und Bildhauer/Grafiker.

Viele unserer Mitglieder fanden das Buch sehr schwer zu lesen. Warum müssen Übersetzungen von Büchern ins Englische immer so schlecht sein? Diese Erfahrung machen wir immer wieder. Wohlgemerkt, in diesem Fall kann ich dem Übersetzer nicht wirklich einen großen Vorwurf machen, viele der Gespräche, insbesondere mit der Mutter des Erzählers, sind auf Pommersch und sogar in der deutschen Originalversion schwer zu lesen.

Wir hatten einige Mitglieder, die es ein paar Mal angefangen haben, bis sie es schließlich beendeten.  Einige ihrer Bemerkungen: Ich weiß es zu schätzen, dass er es geschrieben hat. Dieses Buch hat bei seinem Erscheinen in Deutschland großes Aufsehen erregt. Ich verstehe den deutschen Schamfaktor. Mir wurde klar, wie bedrückend und belastend es für Kinder ist, mit den Ambitionen der Eltern leben zu müssen. Paul Pokriefke wollte ein normaler Mensch werden, seine Mutter Tulla schrieb ihn komplett ab und übertrug all ihre Ambitionen auf ihren Enkel. Die Deutschen sollten sich nicht mit ihrer Vergangenheit aufhalten. Viele Leute wollen nicht, dass sie vergessen, der Hass ist immer noch da. Sie zeigen es im Fernsehen, erinnern uns jedes Jahr daran. "Viktimisierung gibt ihnen Macht." Ich schätzte die Liebe des Vaters zu seinem Sohn, er steht zu ihm. Sie müssen sich nicht gegen diese Riesenmmaschine stellen. Was ist im Moment los? Wir sprachen über den Neonazismus in mehreren europäischen Ländern. Die Wahrheit ist, dass alle europäischen Länder Nazis hatten und haben.
 
Auch wenn dies für die meisten wahrscheinlich eine der schwierigsten Lektüren war, es war auch eine großartige Grundlage für eine sehr interessante Diskussion. Es führt zu so vielen verschiedenen Themen. Ich denke, es sollte niemanden überraschen, dass der Autor mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Oh, und jemand bemerkte, dass sie erstaunt war, dass es auf der Wilhelm Gustloff sechsmal so viele Tote gab wie auf der Titanic, aber man hört nie davon.

Wir haben dies im August 2012 in unserem internationalen Lesekreis diskutiert.


Buchbeschreibung:

"Es war die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt: Am 30. Januar 1945 verließ das ehemalige Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrtschiff 'Wilhem Gustloff' mit 6.100 Flüchtlingen an Bord Gotenhafen und wurde vor Stolpermünde von einem sowjetischen U-Boot aufgebracht. Drei der kommunistischen Heimat und ihrem Diktator gewidmete Torpedos durchbohrten das Schiff, das in knapp einer Stunde versank; mehr als 5.000 Menschen kamen ums Leben. Ein Untergang nach dem Untergang: Das Tausendjährige Reich war längst Geschichte, und Roosevelt bereits auf dem Weg nach Jalta, um mit Stalin und Churchill die neuen Grenzen abzustecken.

Die Tragödie in der Ostsee hat Günter Grass seit jeher interessiert. In Romanen wie
Katz und Maus und Die Rättin wird erwähnt, dass die Nebenfigur der Tulla Pokriefke das Unglück knapp überlebte. Nun hat der Autor dem Ereignis auf hoher See eine historische, dabei aktuell-brisante Novelle gewidmet. In Im Krebsgang wird der Sohn von Tulla beauftragt, die längst vergessene Geschichte aus den Fluten des kollektiven Gedächtnisses zu bergen. Eher widerwillig recherchiert der Journalist und Ich-Erzähler im Internet, tummelt sich in den abstrusen Chatrooms der Neonazis, beleuchtet die Biografien des Schweizer NS-Landesgruppenführers Wilhelm Gustloff, seines jüdischen Attentäters David Frankfurter und des U-Bootkommandanten der sowjetischen Rotbannerflotte Alexander Marinesko - und versucht sich schließlich im Erzählprozess ganz 'an Bord der Gustloff zu denken', um die tödliche Katastrophe vor den Augen seiner Leser wieder lebendig werden zu lassen. Dabei fördert er ein menschliches Drama zu Tage, das bis in unsere Gegenwart hineingreift und nicht zuletzt seine eigene Familie betrifft.

In
Katz und Maus war die durch das Dickicht der Wiesen streifende Katze Metapher eines vorsichtig neugierigen, 'lauernden' und ständig die Richtung wechselnden Erzählens. In Grass' neuer Novelle ist es der seitliche, mögliche Feinde täuschende Gang des Krebses, der die stetig zwischen Gestern und Heute wechselnde Erzählperspektive symbolisiert und dem großartigen schmalen Band seinen Namen gab. Entgegen der Bescheidenheit des Ich-Erzählers ('ich berichte nur') ist Grass endlich wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Spannend verwoben, kunst- und humorvoll zugleich. - Thomas Köster"

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Freitag, 23. September 2022

Grass, Günter "Fünf Jahrzehnte"

Grass, Günter "Fünf Jahrzehnte" [Five Decades] - 1999

Ein schönes Buch für alle, die mehr über den Nobelpreisträger wissen wollen. Es berichtet über fünf Jahrzehnte Günter Grass mit vielen Texten, Fotos und Zeichnungen seiner Kunst.

Buchbeschreibung:

"In dem Buch unter dem Titel 'Fünf Jahrzehnte - Ein Werkstattbericht' blickt Literaturnobelpreisträger Günter Grass auf seine künstlerische und literarische Entwicklung zurück."

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

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Mittwoch, 3. August 2022

Grass, Günter "Mein Jahrhundert"

 

Grass, Günter "Mein Jahrhundert" - My Century - 1999

Lange Zeit gehörte Günter Grass nicht wirklich zu meinen Lieblingsautoren, nicht zu meinen deutschen Lieblingsautoren oder zu meinen Lieblings-Nobelpreisautoren. Aber mittlerweile ist er mir ans Herz gewachsen und hat mit dieser Arbeit gezeigt, warum er den Nobelpreis wirklich verdient hat. Hundert Jahre in hundert Geschichten, erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, von Arm und Reich, von Links und Rechts, von denen, die gegangen sind, und denen, die geblieben sind. Männer, Frauen, Kinder, alle hatten die Chance, ihre Geschichte zu erzählen, die für diesen Teil des Jahrhunderts so besonders ist. Wer verstehen will, was die Deutschen in dieser Zeit durchgemacht und erreicht haben, findet hier einen guten Ausgangspunkt.

Dies ist nicht das GROSSE Buch über das Jahrhundert, das Buch, das uns alle erzählt, wie die Dinge passiert sind, nein, das sind eher kleine Blicke durch das Schlüsselloch in die Wohnzimmer und in die Herzen all jener Deutschen, die im 20. Jahrhundert gelebt haben.

Ich bin auch kein großer Fan von Kurzgeschichten. Aber dies ist so viel mehr als nur eine Sammlung von Kurzgeschichten. Viele von ihnen kamen mir bekannt vor, entweder weil ich sie selbst erlebt oder gesehen habe, schließlich habe ich fast die Hälfte des Jahrhunderts mitgemacht, oder weil sie mir von meinen Eltern und Großeltern erzählt wurden (einige von ihnen wurden sogar in Jahrhundert davor geboren). Man kann unmöglich jeder einzelnen Geschichte zustimmen, weil sie zu unterschiedlich sind, sie zeigen einen breiten Überblick über jeden Aspekt des Lebens, jede politische Partei, jeden persönlichen Standpunkt.

Sicherlich gibt es Geschichten, bei denen jemand, der nichts über die deutsche Geschichte weiß
(außer dass sie DEN Krieg begonnen haben), mehr Erklärungen benötigt, aber ich glaube dennoch, dass dieses Buch uns etwas lehrt, zumindest den Appetit weckt, mehr über bestimmte Teile der Geschichte zu erfahren.

Manche Geschichten sind auch persönlich, sie sind fast wie eine Mini-Biografie des Autors. Wenn man nichts über ihn weiß, ist das vielleicht schwer zu verstehen, man sollte es einfach als Teil des Versuchs ansehen, das Jahrhundert eines Landes in ein Buch zu bringen. Keine leichte Aufgabe, aber Günter Grass hat sie ganz gut gemeistert.

Buchbeschreibung:

"Redet hier das Jahrhundert selbst? Je mehr man blättert, desto stärker wird die Sogwirkung. Ein schweres Buch. Aber auch wieder sehr leicht. Aber doch wieder so schwer, daß es am liebsten an einem Stehpult gelesen werden möchte. Wie seltsam. Wie schön. Günter Grass schlüpft in Rollen. Behutsam werden wir von ihm durch das zu Ende gehende Jahrhundert geführt, Grass zeichnet es nach - Jahr für Jahr - ein Aquarell, eine Geschichte.

Nicht die Großereignisse liegen ihm am Herzen. Es sind die Nebenschauplätze, die er aufspürt, oft scheinbar Unwesentliches, das bei näherer Betrachtung aber schlagartig zur Erhellung des Ganzen beiträgt. Es sind die Sabotagegedanken eines verzweifelten Bordmechanikers während des demütigenden Fluges zur Übergabe des Luftschiffs LZ126 als Reparationszahlung an die Amerikaner 1924. Das Essay über die ideologische Bredouille des linken Lehrerehepaars, dessen Anzeige bei der Polizei 1972 zur Verhaftung Ulrike Meinhofs führte, ist eines der beklemmendsten und feinstbeobachteten in diesem Buch.

Über die furchtbaren Weltkriegsjahre 1914-1918 schwadronieren im edlen Züricher Café die Autoren Remarque und Jünger im Beisein einer jungen Schweizerin. Schnell gerät man sich in die Haare über Stahlhelmqualitäten und Feinheiten des Gaskrieges an der Westfront. Grass läßt das Gespräch Mitte der 60er Jahre stattfinden und plötzlich wird bedrückend klar, wo die Herren noch immer zu Hause sind und es wohl auf immer und ewig sein werden. Die Episode nimmt eine wahrhaft schaurige Wendung, als die junge Eidgenossin in einem kleinen Nebensatz zu erkennen gibt, dieses Gespräch im Rahmen einer Forschungsarbeit für eine der größten Schweizer Waffenschmieden zu führen.

Die Geschichten wollen nicht enden. Es gäbe noch so viel zu erzählen. Von Jankele, dem jüdischen Glaser, der das Panzerglas für Eichmanns Zelle anfertigte und nun im Gerichtssaal über seine getötete Familie reflektiert, und, und, und.

Gegen Ende schlüpft Grass gar noch in Birgit Breuels Kleider. Er konnte nicht anders. Sein Lieblingshaßobjekt. In einer wunderbar entlarvenden Rechtfertigungssuada läßt er die Treuhanddame lamentieren über jenen deutschen Großdichter, der sich erdreistet, sie in seinem geplanten Roman mit der Figur eines anderen Großen, Fontane, zu vergleichen. '
Nur weil eine gewisse Frau Jenny Treibel es genau wie ich verstanden hat, das Geschäftliche mit der Poesie zu verbinden. Aber sollte dennoch alles schiefgehen, man hat ja noch den Familienbesitz mit Elbblick!' Dazu Grass´ aquarellierte Hand, aus der Menschlein wie geknickte Streichhölzer rieseln. Getroffen!

Vielleicht läßt der eine oder andere Käufer ja diesmal seine obligate Geschenkidee, '
Unser Jahrhundert im Bild' auf dem Wühltisch am Kaufhauseingang liegen. Mein Jahrhundert ist ebenso reich an Bildern, keine Königshochzeiten zwar, aber Geschichten und Aquarelle von einer Kraft, die jeden halbwegs sensiblen Leser so schnell nicht mehr losläßt. Ravi Unger."

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

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Dienstag, 14. Juni 2022

Grass, Günter "Katz und Maus"

 

Grass, Günter "Katz und Maus. Danziger Trilogie 2" - Cat and Mouse - 1961

Nach "Die Blechtrommel" ist dies der zweite Band der Danziger Trilogie. Auch hier leben einige junge Leute in Danzig, aber die beiden Geschichten haben nichts miteinander zu tun. Außerdem ist ersteres ein Wälzer mit mehr als 800 Seiten, das zweite eine Novelle.

Die Schreibweise ist jedoch so interessant wie die erste, im typischen Grass-Stil, er springt von einem Gedanken zum nächsten, manchmal nur Fragmente, manchmal Anspielungen, aber immer an der Geschichte festhaltend, zeigt er uns den drohenden Krieg, den immer dominierenden böhmischen Gefreiten und
seine Partei, die so viele Leben endete und ruinierte.

Günter Grass hat einfach eine Art, uns das Gefühl zu geben, dabei zu sein, dieses Zeitalter der Angst und des Schreckens zu durchleben, ohne es auch nur genau zu beschreiben oder auf die schrecklichen Details einzugehen, sie sind da, schweben im Hintergrund und bestimmen das Schicksal aller Beteiligten.

Ein spannender Roman, ein fesselndes Buch.
Günter Grass ist definitiv einer der größten deutschen Autoren.


Buchbeschreibung:

"Die streng komponierte Novelle 'Katz und Maus' überraschte 1961 die Kritiker: Grass, als dessen Markenzeichen seit der 'Blechtrommel' die kaum zu bändigende Fülle galt, zeigte sich als Meister der kleinen Form, der literarischen Kammermusik.

Aus der Rückschau des Jahres 1959 erzählt Pilenz vom bewunderten und verachteten Klassenkameraden Mahlke im Danzig der Kriegszeit, den sein übergroßer Adamsapfel zum Außenseiter macht. Mahlke führt einen verzweifelten Kampf um seine Integration, um die Schließung des existentiellen Risses zwischen '
Katz und Maus', und wird doch im Sieg endgültig scheitern. Auch das Ritterkreuz, von dem er sich, der Perversion der Zeit gemäß, Erlösung durch Bedeckung seiner Blöße erhofft, verhilft ihm nicht zum Frieden mit der Welt."

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

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Als ich vor einigen Jahren in Lübeck, habe ich mich gefreut, dass ich auch das Haus besuchen konnte, in dem Günter Grass gelebt hat. Meine Erfahrung könnt ihr hier nachlesen.

Mittwoch, 18. Mai 2022

Grass, Günter "Die Blechtrommel"

 

Grass, Günter "Die Blechtrommel. Danziger Trilogie 1" - The Tin Drum - 1959

Günter Grass ist einer meiner Lieblings-Nobelpreisträger, sicherlich einer der besten deutschen Autoren, die wir je hatten. Sein Stil ist einzigartig, seine Sprache hervorragend.

Wie soll man dieses Buch beschreiben? Es auch nur zu versuchen, wäre so, als würde man die ganze Geschichte umschreiben, was natürlich unmöglich ist.

Warum ist es so wichtig? Die Geschichte stellt nicht nur einen Teil unserer Geschichte dar, der aus einer ganz anderen Perspektive erzählt wird als die meisten Bücher des Krieges, sie beschreibt auch durch das Genre des magischen Realismus, was alles hätte passieren können.

Oscar Matzerath wurde in der damaligen Freien Stadt Danzig (heute polnische Stadt Gdańsk) geboren. Als er drei Jahre alt ist, beschließt er, nicht mehr zu wachsen. Er erzählt uns die Geschichte seiner Großmutter und durch seine Erzählung gehen wir durch den Zweiten Weltkrieg, die Besetzung Polens und das Nachkriegsleben vieler Flüchtlinge, die nach Westdeutschland gingen.

Oscar verkörpert viele verschiedene Charaktere, das erwachsene Kind, den obsessiven Schlagzeuger, das Böse dieser Welt, den Schauspieler, der uns zeigen will, wie das Leben so spielt. Er ist viele Menschen in einem, schwer zu fassen, aber so sehr einer von uns, dass wir ihn zu kennen scheinen.

Dies ist sicherlich nicht eines der am einfachsten zu lesenden Bücher, aber es lohnt sich auf jeden Fall. Es ist eine Geschichte, die man nie vergisst. Ich werde die beiden anderen Bücher der "Danziger Trilogie" weiterlesen: "Katz und Maus" (Cat and Mouse) habe ich bereits beendet, "Hundejahre" liegt auf meinem SUB. Wie viele andere erfolgreiche Bücher wurde "Die Blechtrommel" verfilmt und erhielt als einer der wenigen deutschen den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.


Buchbeschreibung:

"Anfang der 50er Jahre trommelt und schreibt in einer Heil- und Pflegeanstalt ein Buckliger des Jahrgangs 1924 die Geschichte seines Lebens und seiner Familie vom Begin des Jahrhunderts bis in das Deutschland Adenauers. Oskar Matzerath hat alles gesehen und gehört, nichts ist ihm entgangen, denn er war ein hellhöriger Säugling, dessen geistige Entwicklung bereits bei der Geburt abgeschlossen war. Der Außenseiter, der Wirklichkeit ertrommeln und Glas zersingen kann, erweist sich dabei als der einzige Gesunde in einer Welt des Scheins, der Lüge und des Verbrechens. Am Ende seiner phantastischen Autobiographie, die Oskar vom Vorkriegs-Danzig bis ins Düsseldorf der Nachkriegszeit führt, 'entdeckt man, daß man über Deutschland und Mitteleuropa - sowohl in der Zeit des Völkermordes als auch im Biedermeier der Restauration - mehr weiß als je zuvor' (Lars Gustafsson). Mit dem Erscheinen der 'Blechtrommel' 1959 gewann der deutsche Nachkriegsroman Anschluss an die Weltliteratur und Oskar der Trommler seinen festen Platz in der modernen Mythologie."

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden. 
 
Als ich vor einigen Jahren in Lübeck war, habe ich mich gefreut, dass ich auch das Haus besuchen konnte, in dem Günter Grass gelebt hat. Meine Erfahrung könnt ihr hier nachlesen.

Montag, 4. April 2022

Grass, Günter "Grimms Wörter"

Grass, Günter "Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung" (Autobiographische Trilogie #3) [Grimms Words - A Declaration of Love] - 2010

Ein märchenhaft-heiteres Buch über deutsche Sprache und deutsche Geschichte.

Nach "Beim Häuten der Zwiebel" (Peeling the Onion) und "Die Box. Dunkelkammergeschichten" (The Box) das dritte Buch der autobiographischen Trilogie. Günter Grass zieht Parallelen zwischen seinem Autorenleben und dem der Gebrüder Grimm. Und da gibt es nicht wenige. Außerdem verwöhnt er uns mit Kapiteln mit ganz viel Alliteration, ich liebe diese Art der Dichtkunst. Vielleicht liegt das an seinem Namen. Und dass es mir so gut gefällt, liegt vielleicht auch an meinem Namen. Und die Wortspielereien sind einfach köstlich. Genau mein Geschmack.

Man lernt allerhand, nicht nur über die Gebrüder Grimm und ihr Wörterbuch, auch über Wörter selbst, über die Zeit, in denen die Grimms lebten, aber auch über unsere heutige Zeit, oder besser, die Zeit von Günter Grass, die für viele jüngere ja auch schon wieder Geschichte ist. Und ein philosophisches Buch ist es ohnehin, das ist bei Grass Programm. Er spricht einem einfach aus der Seele.

Ich zitiere selten Rezensionen, aber diese hier gefiel mir so gut, sie ist so echt und so passend, sie muss einfach erwähnt werden:
"Für Grass-Verehrer ist dieses Buch ein Muss, für das übrige Publikum einfach eine lohnende Lektüre." Sigrid Löffler im "rbb Kulturradio".

Stimmt, und wer nach diesem Buch kein Grass-Verehrer ist, dem kann auch nicht mehr geholfen werden.

Klappentext:

"Die Brüder Grimm erhalten im Jahr 1838 einen ehrenvollen Auftrag: Ein Wörterbuch der deutschen Sprache sollen sie erstellen. Voller Eifer machen sie sich ans Werk. Aberwitz, Angesicht, Atemkraft fleißig sammeln sie Wörter und Zitate, in wenigen Jahren sollte es zu schaffen sein. Barfuß, Bettelbrief, Biermörder sie erforschen Herkommen und Verwendung, sie verzetteln sich gründlich. Capriolen, Comödie, Creatur am Ende ihres Lebens haben Jacob und Wilhelm Grimm nur wenige Buchstaben bewältigt.

Günter Grass erzählt das Leben der Brüder Grimm auf einzigartige Weise als Liebeserklärung an die deutsche Sprache und die Wörter, aus denen sie gefügt ist. Er schreibt über die Lebensstationen der Märchen-Brüder, über ihre uferlose Aufgabe und die Zeitgenossen an ihrer Seite: Familie und Verleger, Freunde, Verehrer und Verächter.

Spielerisch-virtuos spürt Grimms Wörter dem Reichtum der deutschen Sprache nach und durchstreift die deutsche Geschichte seit der Fürstenherrschaft und den ersten Gehversuchen der Demokratie. Von der Vergangenheit mit ihren politischen Kämpfen und ganz alltäglichen Sorgen schlägt Günter Grass manche Brücke in seine eigene Zeit.
"

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

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Als ich vor einigen Jahren in Lübeck war, habe ich mich gefreut, dass ich auch das Haus besuchen konnte, in dem Günter Grass gelebt hat. Meine Erfahrung könnt ihr hier nachlesen.

Mittwoch, 16. März 2022

Grass, Günter "Die Box"

  

Grass, Günter "Die Box. Dunkelkammergeschichten" (Autobiographische Trilogie #2) - The Box: Tales from the Darkroom - 2008

Ich glaube, ich kann ohne Weiteres sagen, dass Günter Grass einer meiner Lieblingsautoren ist. Dieser Roman ist die Fortsetzung von "Beim Häuten der Zwiebel" (Peeling the Onion), dem ersten Buch seiner autobiografischen Trilogie.

In diesem Buch lässt er seine Kinder seine Geschichte erzählen, oder besser gesagt den Teil seines Lebens, in dem er die Kinder hat. Es sind nicht wenige, sechs von ihm, zwei von seiner letzten Frau, sie alle kommen bei verschiedenen Treffen zusammen und erzählen ihre Seite ihrer Jugend, des gemeinsamen und/oder getrennten Aufwachsens. Sie erzählen uns auch von der mysteriösen Fotobox einer Freundin des Autors, Maria Rama. Ihre Kamera kann Ihnen die Vergangenheit und die Zukunft zeigen. Es zeigt die Wünsche und Sehnsüchte aller auf den Bildern. Das macht die Geschichte noch interessanter, noch fantasievoller. Was passieren könnte, was hätte passieren können, das gefällt mir.

Auch wenn dies eher ein Roman als eine echte Autobiografie ist, denke ich, dass es dennoch viel über das Leben des Autors und seine Zeit in Deutschland erzählt. Eine faszinierende Geschichte.

Und dann gibt es noch Nummer drei dieser Reihe "Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung".


Buchumschlag:

"'Knips mal Mariechen' ruft der Schriftsteller, wann immer seine treue Freundin ein Foto für ihn machen soll. Maries Schnappschüsse haben es in sich, denn ihre alte Agfa-Box zeigt mehr als die Wirklichkeit - sie kann in die Vergangenheit und die Zukunft schauen, Wünsche und Ängste in Szene setzen. Viel später sitzen die acht Kinder des berühmten Schriftstellers beisammen, längst erwachsen geworden. Im lebhaften Dialog lassen sie das Leben ihrer komplizierten Familie Revue passieren, und jeder erinnert sich auf seine Weise an den Vater, die Kindheit, an Maries Wunder-Box und ihre verblüffenden Bilder."

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

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Als ich vor einigen Jahren in Lübeck war,
habe ich mich gefreut, dass ich auch das Haus besuchen konnte, in dem Günter Grass gelebt hat. Meine Erfahrung könnt ihr hier nachlesen.

Montag, 28. Februar 2022

Grass, Günter "Beim Häuten der Zwiebel"

Grass, Günter "Beim Häuten der Zwiebel" (Autobiographische Trilogie #1) - Peeling the Onion - 2006

Günter Grass, einer der größten deutschen Autoren, hat eine Biographie geschrieben, nicht nur ein Buch, sondern drei Bücher, in denen er über sein Leben spricht, wie er zwischen zwei Kriegen aufwuchs, die das früher bekannte Europa zerstörten, im Zweiten Weltkrieg deutscher Soldat wurde, etliche Jahre in Russland verbrachte, in ein zerstörtes Land zurückkehrte, in einen anderen Teil des Landes als den, aus dem er kam. Seine ersten Schritte als Künstler, seine Lehre als Steinmetz, um Bildhauer zu werden. So viele Geschichten.

Günter Grass verheimlicht nichts. Er erwähnt, wie und warum er sich freiwillig zum Krieg gemeldet hat. Er beschreibt auch viele Ereignisse, die er später in seinen vielen Romanen verwendet. Auch wer keinen seiner Romane gelesen habt, dies ist nicht nur ein großartiger Bericht über das Leben eines Literaturnobelpreisträgers, sondern auch eines einfachen deutschen Jungen, der zur falschen Zeit geboren wurde.

Wer im Nachkriegsdeutschland mit Eltern aufgewachsen ist, die ungefähr im Alter des Autors waren (wie ich), kommen einem viele der Geschichten bekannt vor (bis auf den freiwilligen Teil). Brillanter, bemerkenswerter Schreibstil. Ich bin nicht überrascht, dass dieser Autor den höchsten Preis erhalten hat, den man bekommen kann. Ich freue mich auf die beiden nächsten Teile der Trilogie:


"Die Box. Dunkelkammergeschichten" (The Box: Tales from the Darkroom) (Autobiographische Trilogie #3) - 2008
"Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung" (Autobiographische Trilogie #3) - 2010

Buchumschlag:

"Günter Grass erzählt von sich selbst. Vom Ende seiner Kindheit beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Vom Knaben in Uniform, der so gern zur U-Boot-Flotte möchte und sich hungernd in einem Kriegsgefangenenlager wiederfindet. Von dem jungen Mann, der sich den Künsten verschreibt, den Frauen hingibt und in Paris an der 'Blechtrommel' (The Tin Drum) arbeitet. Günter Grass erzählt von der spannendsten Zeit eines Menschen: den Jahren, in denen eine Persönlichkeit entsteht, geformt wird, ihre einzigartige Gestalt annimmt.

Zwischen den vielen Schichten der 'Zwiebel Erinnerung' sind zahllose Erlebnisse verborgen. Grass legt sie frei, schreibt über den Arbeitsdienst-Kameraden, der niemals eine Waffe in die Hand nahm, schildert genüsslich einen Lager-Kochkurs, der mangels Lebensmitteln abstrakt blieb, und berichtet, wie der Kunststudent sein Geld in einer Jazzband verdiente. Zudem zeichnet er liebevolle Porträts von seiner Familie, von Freunden, Lehrern, Weggefährten.

Beim Häuten der Zwiebel ist ein mit komischen und traurigen, oft ergreifenden Geschichten prall gefülltes Erinnerungsbuch, das immer wieder Brücken in die Gegenwart schlägt. Günter Grass faßt den jungen Menschen von damals nicht mit Samthandschuhen an, enthüllt seine Schwächen, legt den Finger auf manches Versagen und noch heute schmerzende Wunden. Daß er die ein oder andere Erinnerungslücke mit Hilfe seiner reichen Phantasie ausgemalt haben könnte, gesteht er offen ein."

Wie jeder gute Autor hat er auch viel gelesen und erwähnt etliche seiner Lektrüren im Buch. Einige davon habe ich auch gelesen und sie z.T. auch schon beschrieben. 
Beecher Stowe, Harriet "Uncle Tom's Cabin" (Onkel Tom's Hütte) - 1852
Coster, Charles de "La légende et les aventures héroiques joyeuses et glorieuses d'Ulenspiegel et de Lamme Goedzak au pays des Flandres et ailleurs" (Tyll Ulenspiegel und Lamme Goedzak. Legende von ihren heroischen/lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und anderen Orts) - 1867
Dahn, Felix "Ein Kampf um Rom" - 1876
Dickens, Charles "David Copperfield" (David Copperfield) - 1849
Döblin, Alfred "Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf" (Berlin Alexanderplatz. The Story of Franz Biberkopf) - 1929
Dos Passos, John "Manhattan Transfer" (Manhattan Transfer) - 1925
Dostoevskij, Fyodor "Die Dämonen" (Бесы/Bessy) - 1872
Dumas, Alexandre "Les Trois Mousquetaires" (Die drei Musketiere) - 1844
Fallada, Hans "Kleiner Mann - was nun?" - 1932
Faulkner, William "Light in August" (Licht im August) - 1932
Fülöp-Müller, René "Der heilige Teufel. Rasputin und die Frauen" - 1927
Goethe, Johann Wolfgang von "Wahlverwandschaften" - 1809
Greene, Graham "The Heart of the Matter" (Das Herz aller Dinge) - 1948
Hamsun, Knut "August Weltumsegler" (August) - 1930
Hamsun, Knut "Hunger" (Sylt) - 1890
Joyce, James "Ulysses" (Ulysses) - 1922
Jünger, Ernst "In Stahlgewittern" - 1920
Keller, Gottfried "Ferien vom Ich" - 1915
Keller, Gottfried "Der grüne Heinrich" - 1853
Lagerlöf, Selma "Gösta Berlings Saga" (Gösta Berling) - 1891
Mereschkowski, Dmitry "Leonardo da Vinci. Historischer Roman aus der Wende des 15. Jahrhunderts" (Воскресшие боги. Леонардо да Винчи) - 1900
Meyer, Conrad Ferdinand "Jürg Jenatsch" - 1876
Miłosz, Czesław "Verführtes Denken" (Zniewolony umysł)) - 1953
Raabe, Wilhelm "Chronik der Sperlingsgasse" - 1856
Raabe, Wilhelm "Hungerpastor" - 1864
Remarque, Erich Maria "Im Westen nichts Neues" (All Quiet on the Western Front) - 1829
Storm, Theodor "Der Schimmelreiter" (The Rider on the White Horse) - 1888
Wilde, Oscar "The Picture of Dorian Gray" (Das Bildnis des Dorian Gray) - 1890

Und dann sind da noch einige Autoren, bei denen er kein bestimmtes Buch erwähnte.
Aristoteles - 384-322 BC
Dickens, Charles - 1812-1870
Heidegger, Martin - 1889-1976
Spinoza, Baruch - 1632-77
Sudermann, Hermann - 1857-1928
Twain, Mark - 1835-1910

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Als ich vor einigen Jahren in Lübeck war, habe ich mich gefreut, dass ich auch das Haus besuchen konnte, in dem Günter Grass gelebt hat. Meine Erfahrung könnt ihr hier nachlesen.