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Dienstag, 16. Mai 2023

Şafak, Elif "Das Flüstern der Feigenbäume"

Şafak, Elif "Das Flüstern der Feigenbäume" (Englisch: The Island of Missing Trees) - 2021

Ich habe mehrere Bücher von Elif Şafak gelesen. Sie scheinen alle unterschiedlich zu sein, aber sie sind alle fantastisch.

In diesem erfahren wir etwas über Zypern, über die Menschen auf dieser geteilten Insel. Als Beispiel haben wir den Griechen Kostas und die Türkin Defne. Sie verlieben sich, aber - wie in solchen Fällen üblich - ihre Liebe ist verboten.

Aber wir erfahren nicht nur etwas über die Menschen und die Umstände, unter denen sie leben müssen, wir erfahren auch von einem Baum, einem Feigenbaum, wie Bäume funktionieren, wie sie wachsen, wie sie kommunizieren. Sie haben viel zu erzählen. Faszinierend. Dieser Teil der Geschichte erinnerte mich ein wenig an Elif Şafaks Landsmann Orhan Pamuk und mein Lieblingsbuch von ihm, einem meiner Lieblingsautoren: Rot ist mein Name. Er lässt auch Nicht-Menschen einen Teil der Geschichte erzählen.

Auf jeden Fall ist dies eine fantastische Geschichte, sehr originell, schön und herzzerreißend. Zum Schluss wissen wir, dass die Insel nicht nur ihre Bäume vermisst (wie in dem entlischen Titel angekündigt).

Buchbeschreibung:

"Im Jahr 1974 befindet sich das idyllische Zypern kurz vor dem Bürgerkrieg. Eine Taverne, betrieben von einem schwulen Paar, ist der einzige Ort, an dem sich der Grieche Kostas und die Türkin Defne treffen können. Der prachtvoller Feigenbaum im Innenhof der Taverne ist Zeuge ihrer glücklichen Begegnungen und ihrer stillen Abschiede. Der Feigenbaum ist auch da, als der Krieg ausbricht, als die Hauptstadt in Schutt und Asche gelegt wird, als Menschen auf der ganzen Insel spurlos verschwinden. In der Gegenwart steht der Baum im Garten von Kostas und seiner 16\-jährigen Tochter Ada in London. Ada weiß nichts von ihrer Heimat, Kostas hüllt sich in Schweigen, wenn es um seine Vergangenheit geht und die seiner verstorbenen Frau, Defne. Nur die Wurzeln des Baums stellen noch eine Verbindung dar zu dem, was geschehen ist. Doch Ada forscht nach: Was verbirgt sich hinter dem Schweigen ihres Vaters? Warum musste ihre Mutter sterben? Während Ada die dunklen Schatten ihrer Familie ausleuchtet, erwartet die Feige im Garten den kältesten Wintereinbruch seit Jahrzehnten."

Montag, 16. Januar 2023

Menasse, Robert "Die Hauptstadt"

 

Menasse, Robert "Die Hauptstadt" - The Capital - 2017

Ich habe vor vierzig Jahren in Brüssel gelebt und dort meinen Mann kennengelernt. Wir waren jedes Jahr mindestens einmal dort, meistens öfter. Als mein Sohn dort jedoch eine Stelle fand, stellte ich fest, dass ich sehr wenig über Belgien und nichts über Brüssel selbst gelesen habe. Also ging ich los und suchte nach Literatur. Dieses Buch erhielt 2017 den Deutschen Buchpreis und wurde international gelobt. Es wird erwähnt, dass es das erste Buch ist, in dem Brüssel die europäische Hauptstadt genannt wird. Wir haben es immer so genannt.

Das Buch erzählt uns von mehreren Beamten des Kulturministeriums und ihren Aufgaben. Die Charaktere sind so international wie alle Ämter der Europäischen Union, sie kommen aus Österreich, Belgien, der Tschechischen Republik, Zypern, Ungarn, den Niederlanden, Polen und dem Vereinigten Königreich.


Es beinhaltet auch einen Krimi für diejenigen, die so etwas in einem Buch lieben. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, warum das für die Geschichte nötig ist, zumal es nicht wirklich etwas mit der Hauptgeschichte zu tun hat. Die Protagonisten sind hauptsächlich Beamte, die für die EU arbeiten und versuchen, etwas zu erreichen, meistens ihre Beförderung. Wir treffen Bürokraten, Experten, Lobbyisten … Es zeigt, wie bei vielen Veranstaltungen, Gesetzen, Verordnungen die unterschiedlichen Interessen innerhalb der EU berücksichtigt werden müssen. Keine leichte Aufgabe, wie wir alle wissen. Dennoch profitieren wir alle davon, dass unsere Länder Mitglied in dieser großen Union sind - auch wenn das manche nicht sehen wollen.

Eine der Geschichten in diesem dicken Buch ist der Plan, das 50-jährige Jubiläum mit einem großen Jubiläumsprojekt zu feiern und dies so zu gestalten, dass sich alle über das Ergebnis freuen. Wir sehen die Schwierigkeit, einen europäischen Konsens zu erreichen und trotzdem alle Staaten am Ergebnis teilhaben zu lassen.

Oh, und da ist ein Schwein. Eine der Einleitungen zum Buch lautet: "In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein läuft durch die Straßen." Wieder nicht wirklich notwendig für die Geschichte.

Aber was diese Geschichte lesenswert macht, ist die Botschaft, die sie uns über die Europäische Union vermittelt. Es ist eine der wichtigsten Organisationen, der wir je angehört haben. Es hat viele Länder vereint, die zuvor verfeindet waren, und uns nicht nur Wohlstand, sondern auch Frieden für die längste Zeit gebracht, an die man sich erinnern kann. Allein schon deshalb finde ich dieses Buch bedeutsam.

Buchbeschreibung:

"In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein durch die Straßen.

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an - die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; 'zu den Akten legen' wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.

In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.

Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen - für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.
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