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Freitag, 24. Juli 2026

Konar, Affinity "Mischling"

Konar, Affinity "Mischling" (Englisch: Mischling) - 2016

Diese Geschichte wird von den Zwillingen Pearl und Stasha erzählt, zwei jüdischen Mädchen, die in Auschwitz landen und in den "Zoo", die Versuchskammern von Josef Mengele, auch bekannt als "Todesengel", gebracht werden. Der Titel bezieht sich darauf, dass die Zwillinge einen jüdischen und einen arischen Elternteil hatten und daher als "Mischlinge" galten.

Dieser Roman beschreibt zweifellos einen der dunkelsten Aspekte eines Krieges, der so furchtbar war, dass er sich kaum in Worte fassen lässt.

Dies ist kein angenehmes Buch. Es gibt nichts Angenehmes in einer Welt, in der Menschen aufgrund ihrer Herkunft als wertlos gelten und in der im Namen der Wissenschaft schreckliche Dinge an Kindern verübt werden. Das heißt aber nicht, dass solche Bücher nicht geschrieben und gelesen werden sollten. Nein, jeder sollte solche Bücher lesen. Wir alle sollten wissen, was geschehen ist, damit es nie wieder passiert. Nirgendwo. Davon sind wir noch weit entfernt. Gräueltaten geschehen überall auf der Welt, und solange Politiker mit rassistischen Äußerungen Stimmen gewinnen, steuern wir immer näher auf diese Realität zu.

Zurück zum Buch selbst: Es ist hervorragend geschrieben. Die Zwillinge erzählen ihre Geschichten, und wir erfahren die ganze Tragweite ihres Schicksals. Und auch das Schicksal vieler anderer Menschen, die den Krieg überlebten oder darin verschwanden. Ein absolut lesenswertes Buch. Ja, das Thema ist verstörend, aber Unwissenheit darüber lässt es nicht verschwinden, als wäre es nie geschehen.

Buchbeschreibung:

"Eine Seele in zwei Körpern – Perle und Stasia sind zwölf und unzertrennlich, als sie 1944 deportiert werden. Doktor Mengele sucht eineiige Zwillinge für seinen 'Zoo'. Um zu überleben, flüchten sich die Geschwister in magische Welten, schmeicheln sich sogar beim Arzt ein. Doch eines Tages, kurz vor der Befreiung, verschwindet Perle und ein unheilbarer Riss geht durch Stasia. Zusammen mit Feliks, einem weiteren Opfer Mengeles, reist sie durch die verwüsteten Landschaften Polens auf der Suche nach ihrer Schwester. In der eindringlichen Sprache eines Märchens behauptet Affinity Konars 'Mischling' noch im Abgrund des Grauens die Kraft der Fantasie, des Widerstands und der Hoffnung.."

Montag, 24. November 2025

Keneally, Thomas "Schindlers Liste"

Keneally, Thomas "Schindlers Liste" (Englisch: Schindler's Ark) - 1982

Ich wollte dieses Buch schon lange lesen, und als ich darauf stieß, nutzte ich die Gelegenheit und begann zu lesen.

Natürlich kennt jeder die Geschichte von Oskar Schindler und davon, dass er Tausende von Juden vor der Ermordung in einem der vielen Konzentrationslager rettete, die die Nazis zu diesem Zweck errichtet hatten.

Zugegeben, die Geschichte ist herzzerreißend. Trotz all der Informationen, die wir heute über die damaligen Ereignisse haben, ist es für mich immer noch unfassbar, wie Menschen so handeln konnten. Jedes Mal, wenn ich davon lese, erscheint es mir unmöglich, aber wir wissen, dass es wirklich passiert ist.

Der Autor hat großartig recherchiert, und das Buch enthält so viele Details – er muss sehr hart daran gearbeitet haben.

Aber es ist schwer zu lesen. Nicht nur wegen des Inhalts. Mir gefiel der Schreibstil nicht. Es war kein flüssiger Lesefluss, vieles in der Geschichte wirkte so zusammenhanglos, als hätte der Autor seine Informationen gesammelt, zusammengewürfelt und alles vermischt. Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll, aber es war definitiv nicht gut geschrieben. Bei einem anderen Thema hätte ich wahrscheinlich nach etwa hundert Seiten aufgegeben. Und das wären hundert Seiten zu viel gewesen. Jeder Zeitungsartikel, selbst über ein langweiliges Thema, ist interessanter geschrieben.

Ich werde weitere Bücher über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg lesen, aber ich bezweifle, dass ich noch ein Buch von Thomas Keneally lesen werde.

Buchbeschreibung:

"Oskar Schindler, Bonvivant, Spekulant und Charmeur, ein Industriellensohn aus Mähren, Liebhaber schöner Frauen, brillanter Geschäftsmann, gutaussehender blonder Deutscher - dieser Mann übernimmt 1939 in Krakau eine 'arisierte' Emailfabrik. Seine Arbeiter sind Juden, sie haben es gut bei ihm. Binnen kurzem ist Schindler mit jedem wichtigen Nazi in Krakau 'befreundet', er macht grosszügige Geschenke, arrangiert ausschweifende Feste, besticht, wo es sich lohnt. 1942, bei der Auflösung des Krakauer Ghettos, sieht er mit an, wie Juden zusammengetrieben und auf der Strasse erschossen werden. Er sagt später dazu: 'Seit damals musste jedem denkenden Menschen klar sein, was geschehen würde. Und ich nahm mir fest vor, das zu verhindern.' Schindler verhindert es in den nächsten Jahren mit allen Mitteln. Er wird zur Hoffnung vieler, die vor allem unter der unglaublichen Willkür des KZ- Kommandanten Göth leiden. Und wenn er auch gegen den organisierten Massenmord nichts tun kann, so schafft er es doch, Personen, die er irgendwie für seinen Betrieb reklamieren kann, noch aus den Transportzügen und den Todeszellen der KZs herauszuholen. Ende 1944 scheint dies alles zusammenzubrechen. Sämtliche Lager um Krakau sollen aufgelöst, ihre Insassen nach Auschwitz gebracht werden. Und noch einmal hat Schindler Erfolg. Er bekommt die Genehmigung, seine Fabrik und seine Arbeiter nach Brünnlitz in Mähren überzusiedeln. Über tausend Juden stehen auf der Liste, sie entgehen dem sicheren Tod. Die Geretteten schmieden ihm aus eigenem Zahngold einen Ring, in den sie den Talmud-Spruch eingravieren: 'Wer ein einziges Leben rettet, der rettet die ganze Welt.'"

Thomas Keneally gewann 1982 den Booker Prize für "Schindler's Ark".

Mittwoch, 27. August 2025

Powers, Charles T. "Das Gedächtnis der Wälder"

Powers, Charles T. "Das Gedächtnis der Wälder" (Englisch: In the Memory of the Forest) - 1997

Jemand hat dieses Buch für unseren Lesekreis vorgeschlagen, aber es wurde nicht ausgewählt. Leider. Es ist ein wunderbares Buch.

Charles Powers hat in Polen gearbeitet, daher weiß er, wovon er spricht. Der Roman handelt von Polen nach dem Zweiten Weltkrieg, von den Leichen im Keller, wenn man so will. Eine Gemeinschaft versucht, ihre Vergangenheit, ihre Beteiligung am Holocaust, zu vergessen. Er erzählt die Geschichte ganz normaler Menschen, die in einer ganz normalen Welt überleben wollen.

Dieser Roman ist für jeden interessant, der Krimis, Kriegsgeschichten, historische Romane und psychologische Themen mag – er ist sehr vielseitig. Auch der Wald spielt eine wichtige Rolle, und zwar in vielerlei Hinsicht.

Charles Powers starb 1996, daher ist dies leider sein einziger Roman.

Buchbeschreibung:

"Ein Dorf in der polnischen Provinz wird durch einen Mord aus seiner Ruhe aufgeschreckt. Wer könnte den Sohn des alten Powierza erschlagen haben? Warum senkt sich Schweigen über die Tat? Nur Leszek, der Jugendfreund des Ermordeten, sowie der Vater des Toten arbeiten an der Aufklärung des Verbrechens. Sie stoßen auf Waffenschmuggler und deren Hintermänner, Spuren führen zu denjenigen, die schon zu kommunistischer Zeit das Sagen hatten und ihr Scherflein ins Trockene brachten. Doch da ist noch etwas anderes: Gerüchte werden laut, es gibt Andeutungen. Der Wald, der das Dorf schützend umgibt, birgt verdrängte Erinnerungen an die Kriegszeit: Hier operierten polnische Widerstandsgruppen, hierhin versuchten sich vom sicheren Tod bedrohte jüdische Mitbürger zu retten."

Samstag, 4. Januar 2025

Follett, Ken "Kinder der Freiheit"

Follett, Ken "Kinder der Freiheit" (Englisch: Edge of Eternity) (Jahrhundertsaga #3) - 2014

Als ich zum ersten Mal von einer Trilogie über das vergangene Jahrhundert erfuhr, in der sich jeder Teil auf einen anderen Krieg konzentriert: den Ersten, den Zweiten und den Kalten, dachte ich, der letzte könnte mich am wenigsten interessieren. Schließlich war ich dort, ich habe den Kalten Krieg erlebt, ich erzähle meinen Kindern immer wieder, wie es war – und langweile sie wahrscheinlich zu Tode.

Allerdings war ich nur während eines Teils des Kalten Krieges dort, ich habe nur den westdeutschen erlebt, nicht den ostdeutschen, den russischen oder den amerikanischen. Ich denke, mein Teil war dem der englischen und walisischen Familien in der Geschichte am nächsten, schließlich hatten wir freie Wahlen und konnten tun, was wir wollten.

Wie in den vorherigen Teilen stellt der Autor die Charaktere der verschiedenen Familien nacheinander vor und die meisten von ihnen stehen wichtigen Personen sehr nahe. Sie arbeiten entweder für Martin Luther King und Robert Kennedy, Chruschtschow oder es gibt eine fiktive Figur, die Solschenizyn ähnelt ... viele wahre Lebensverbindungen, die erklären, was damals passiert ist. Natürlich wusste ich über die Bürgerrechtsbewegung Bescheid, aber dieses Buch hat mir mehr darüber beigebracht und ich bin sicher, dass es anderen mehr über die Teile beibringt, die sie nicht kennen.

Ich war überrascht, dass einige Leute dieses Buch schlecht bewertet haben, ich denke, das liegt hauptsächlich daran, dass sie mit der Art und Weise, wie die Geschichte dargestellt wurde, nicht einverstanden waren, ihre Ansichten wichen ein wenig (oder sehr) von denen von Ken Follett ab. Verglichen mit amerikanischen Republikanern scheinen die meisten Europäer Kommunisten zu sein und das ist für sie das Schlimmste von allen.

Nun, mir haben alle drei Bücher gefallen. Sehr sogar. Ich habe die Charaktere liebgewonnen und fühlte mich, als wäre ich Teil ihrer Familie oder zumindest eine enge Freundin von ihnen. Insgesamt habe ich etwa 3.000 Seiten voller wunderbarer Geschichten gelesen. Und ich bin immer noch erstaunt über die Menge an Recherche, die Ken Follett dafür betrieben haben muss.

Buchbeschreibung:

"Der Krieg ist zu Ende, doch die Welt ist noch immer in Aufruhr. In Berlin wird eine Mauer errichtet, die Ost und West trennt und Millionen Familien zerstört. Nicht alle finden sich damit ab - trotz der Gefahr für Leib und Leben. Zur gleichen Zeit kämpfen die Schwarzen in Amerika für ihre Bürgerrechte, und die USA und die Sowjetunion stürzen sich in eine Auseinandersetzung, die die Welt an den Rand der Katastrophe führt. Wem kann man noch trauen in dieser Zeit, in der die Welt mehr als einmal am Abgrund steht?"

Und dies sind die ersten beiden Bücher der Trilogie:
Follett, Ken "Sturz der Titanen" (Fall of Giants) - 2010 - 1. Weltkrieg
Follett, Ken "Winter der Welt" (Winter of the World) - 2012 - 2. Weltkrieg

Mittwoch, 18. Dezember 2024

Tokarczuk, Olga "Der Gesang der Fledermäuse"

Tokarczuk, Olga "Der Gesang der Fledermäuse" (Polnisch: Prowadź swój pług przez kości umarłych) - Drive Your Plow Over the Bones of the Dead - 2009

Ich habe ein Buch von Olga Tokarczuk (Ur und andere Zeiten/Primeval and Other Times) gelesen, als sie ihren Nobelpreis für Literatur erhielt. Und seitdem wollte ich mehr von ihr lesen. Ein Mitglied unseres Lesekreises hat mir jetzt eines geliehen und ich habe es mehr oder weniger in einem Rutsch durchgelesen, es ist so spannend. Janina Duszejko ist so eine interessante Figur. Und die Geschichte beginnt so leise, dass man am Anfang gar nicht merkt, dass es sich um einen Kriminalroman handelt, welche nicht meine Favoriten sind.

Obwohl sie die Protagonistin des Romans ist, sieht man sie am Anfang nicht als solche. Janina ist eine etwas seltsame Frau mittleren Alters, die in den Bergen an der polnisch-tschechischen Grenze, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, lebt, wo sie sich um die Sommerhäuser einiger reicher Leute kümmert. Sie arbeitet mit Astrologie und übersetzt Gedichte von William Blake. Sie liebt Tiere und ist Naturschützerin. Eine bemerkenswerte Frau.

Wohin diese Geschichte führt, weiß ich nicht. Aber ich empfehle dieses Buch jedem, der sich für großartige Literatur interessiert.

Buchbeschreibung:

"Im Sommer tummeln sich wohlhabende Städter auf dem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze. Im Winter fliehen die allermeisten Einwohner den windumtosten Ort. An den langen dunklen Tagen widmet sich Janina Duszejko der Astrologie und der Lyrik des von ihr verehrten William Blake. Man hält die ältere Dame für verschroben, wenn nicht gar für ver- rückt, auch weil sie die Gesellschaft von Tieren der von Menschen vorzieht. Dann gibt es einen Toten. Janinas Nachbar Bigfoot ist grausam erstickt: In seiner Kehle steckt der Knochen eines Rehs. Und es bleibt nicht bei einer Leiche. Janina ermittelt auf eigene Faust. Kriminalfall, philosophischer Essay, Fabel, literarisches Spiel – auf ebenso komische wie ergreifende Weise zei- gen Olga Tokarczuk und ihre hinreißende Heldin, wie sehr es unserer Gesellschaft an Respekt mangelt, ob der Natur und den Tieren gegenüber oder jenen Menschen, die am Rande stehen."

Und warum die deutsche Übersetzung "Der Gesang der Fledermäuse" heißt, ist mir immer noch ein Rätsel.

Olka Tokarczuk erhielt den Nobelpreis für Literatur 2018 "für ihre narrative Vorstellungskraft, die, in Verbindung mit enzyklopädischer Leidenschaft, für das Überschreiten von Grenzen als eine neue Form von Leben steht".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Tokarczuk, Olga "Ur und andere Zeiten"

Tokarczuk, Olga "Ur und andere Zeiten" (Polnisch: Prawiek i inne czasy) - Primeval and other Times - 1996

Als 2020 endlich der Name der Person bekannt gegeben wurde, die 2019 den Nobelpreis für Literatur erhielt, wollte ich sofort eines ihrer Bücher lesen. Ich hatte Ur und andere Zeiten" ausgewählt. Mir gefiel der deutsche Titel, weil "Ur" ja im Deutschen wirklich für eine Zeit steht, eine Zeit vor langer, langer Zeit. Und es  ist auch ein vorgeschlagener Superkontinent von vor etwa 3.000 Millionen Jahren.

Aber das Buch war auf Deutsch ausverkauft. Ich beschloss, noch eine Weile zu warten. Dann beschloss unser internationaler Lesekreis, es auf die Liste zu setzen. Und dann habe ich es in der englischen Übersetzung gelesen, "Primeval and Other Times".

Das Buch war interessant, etwas völlig anderes als viele andere Lektüren. Die Elemente des magischen Realismus machen sie surreal, obwohl die Kulisse während und nach dem Ersten Weltkrieg sowie in und nach dem Vorkriegskrieg realistisch genug ist. Die Charaktere waren auch recht lebendig, die Familien wurden bis ins kleinste Detail beschrieben, sodass man sich sie und ihr Leben sehr gut vorstellen kann. Die Autorin versuchte, die Situation sowohl der deutschen als auch der russischen Soldaten zu beschreiben, und das ist ihr auch sehr gut gelungen.

Obwohl die Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt, scheint sie manchmal viel länger her zu sein. Die magisch-realistischen Teile lassen sie fast wie ein Märchen erscheinen. Es hilft auch, die polnische Kultur und ihren Einfluss durch den Kommunismus zu verstehen. Wir können mit diesen gewöhnlichen Menschen aus einer außergewöhnlichen Zeit leben, lachen und sterben und uns vorstellen, wie ihr Leben ohne den Krieg gewesen wäre.

Die Geschichte ist nur etwa 250 Seiten lang, aber das heißt nicht, dass man sie schnell lesen kann. Sie ist nicht schwierig, aber dennoch sehr komplex. Ich würde dieses Buch auf jeden Fall empfehlen.

Während unserer Diskussion im Lesekreis haben wir viele Aspekte des Buches angesprochen. Ich werde versuchen, sie kurz zusammenzufassen. Für diejenigen, die es nicht gelesen haben, könnte dies Spoiler enthalten.

Spoiler:


Wir haben dies in unserem internationalen Online-Lesekreis im April 2020 besprochen.

Buchbeschreibung:

"Zentrum der Welt und Ort des Geschehens ist das fiktive ostpolnische Städtchen Ur, bewacht von den vier Erzengeln Raphael, Uriel, Gabriel und Michael und bewohnt von den merkwürdigsten Menschen: der jungen Genowefa, dem verarmten Baron, der sein Leben einem kabbalistischen Rätselspiel verschrieben hat, dem wilden Mann, der im Wald lebt, dem Säufer Pawel Göttlich ... Die Erzählung setzt im Jahr 1914 ein und begleitet die historische Entwicklung Polens durch das 20. Jahrhundert. Doch sie könnte auch zu jeder beliebigen Zeit spielen, denn Olga Tokarczuk beschwört nicht in erster Linie die politischen Ereignisse zweier Weltkriege, es sind die ewigmenschlichen Geschichten von Liebe und Hass, Glück und Leid, Geburt und Tod. Das Personal dieser Geschichtenwelt ist das Personal der Märchen und Mythen. Zum Leben erweckt werden all diese menschlichen Urtypen in einer Sprache, die diese junge Autorin perfekt beherrscht: der einfachen Zaubersprache der Märchen mit ihrer poetischen Leuchtkraft und ihrer drastischen Grausamkeit."

Olka Tokarczuk erhielt den Nobelpreis für Literatur 2018 "für ihre narrative Vorstellungskraft, die, in Verbindung mit enzyklopädischer Leidenschaft, für das Überschreiten von Grenzen als eine neue Form von Leben steht".

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Samstag, 7. Dezember 2024

Lewycka, Marina "Caravan"

Lewycka, Marina "Caravan" (Englisch: Two Caravans) (auch Strawberry Fields) - 2007

Nachdem ich "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" (A Short History of Tractors in Ukrainian) gelesen und genossen hatte, war ich daran interessiert, das nächste Buch dieser Autorin zu lesen.

Wie in ihrem ersten Buch beschreibt Marina Lewycka das Leben ukrainischer (und polnischer) Bürger in England, diesmal sind sie keine Einwanderer, sondern Saison-/Wanderarbeiter. Wieder eine leicht zu lesende, interessante und recht unterhaltsame Lektüre. Viele Informationen über diese billigen Arbeiter, die die meisten westeuropäischen Länder importieren, um ihre Drecksarbeit oder harte Arbeit zu verrichten, die Träume, die sie haben, wenn sie in unsere Länder kommen, die Art und Weise, wie sie behandelt werden und wie sie ihren Weg finden - oder auch nicht.

Die Charaktere sind sehr gut beschrieben, man begegnet ihnen in einem Umfeld, in dem man ihr Leben gut verfolgen kann, ihnen je nach Situation helfen oder sie auch mal schubsen möchte.

Wie schon ihr erstes Buch fand ich es nicht wirklich lustig, aber eine sehr gute Lektüre.

Buchbeschreibung:

"Die Abenteuer einer Truppe ausländischer Erdbeerpflücker in England. Sie kommen aus Polen, der Ukraine, Afrika und China, haben alle gänzlich verschiedene Lebenswege und sehr bestimmte Ansichten darüber, was im Leben wichtig ist. Irina ist eine Tochter aus gutem ukrainischem Hause, will ihr (hervorragendes) Englisch verbessern und die große Liebe mit einem romantischen Engländer finden. Andrij kommt aus einer ganz anderen Ukraine: Er ist der Sohn eines Bergarbeiters und will keinesfalls so enden wie sein Vater. Dann sind da die Polen: der Bob-Dylan-Fan Tomasz, dessen Turnschuhe bald zu einer Geißel für seine männlichen Kollegen und Mitbewohner werden, Jola, die erfahrene Pflückerin mit der üppigen Figur, und ihre religiöse Nichte Marta, die so erstaunlich gut kochen kann. Dazu zwei Chinesinnen und Emanuel, ein Teenager aus Malawi, der in England seine Schwester suchen will und mit großen Augen diese merkwürdige Welt bestaunt. Doch die ist voller Gefahren, in Gestalt von erpresserischen Arbeitgebern, regelwütigen Behörden und bewaffneten Gangstern. Als dann der ausbeuterische Erdbeerfarmer überfahren wird, ergreift die ganze Mannschaft in einem klapprigen Wohnwagen die Flucht. Was sie bei ihrer Fahrt durch England erleben, kann sich so nur Marina Lewycka (oder vielleicht das Leben) ausdenken ..."

Dienstag, 22. Oktober 2024

Stachniak, Eva "Der Winterpalast"

Stachniak, Eva "Der Winterpalast" (Englisch: The Winter Palace. A Novel of Catherine the Great) - 2011

Ich liebe es, etwas über Geschichte zu lernen, während ich über gewöhnliche Menschen lese, die in verschiedenen Zeiten gelebt haben. In diesem Fall erzählt die Geschichte von Varvara auch die Geschichte der Kaiserin Katharina der Großen, wie sie an den russischen Hof kam, wie sie Kaiserin wurde, wie all die Intrigen und Verrate ihr halfen, den Thron zu besteigen. Dies ist nicht nur eine Geschichte über die Kaiserin, sondern auch über das Russland der Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine sehr intime Geschichte hinter den Kulissen mit vielen Informationen über das Leben damals. Etwas, das mir immer Spaß macht.

Die Protagonistin Varvara hat mir sehr gut gefallen. Als sie mit ihren armen Eltern aus Polen nach St. Petersburg kommt, sorgt ihr Vater dafür, dass sie von Kaiserin Elisabeth aufgenommen wird, falls ihm etwas zustoßen sollte. Wir sehen den Palast, den Hof und die Ankunft der deutschen Prinzessin Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst-Dornburg, die durch ihre Augen Katharina die Große werden soll. Sehr interessant.

Eva Stachniak hat noch andere historische Romane wie diesen geschrieben, ich werde wohl noch ein paar davon lesen.

Buchbeschreibung:

"Geheime Gänge, verdeckte Türen, dunkle Nischen: Als die Waise Varvara als Dienstmädchen in den Winterpalast kommt, lernt sie schnell, sich ihre Verschwiegenheit und ihren aufmerksamen Blick zunutze zu machen. Keine Intrige, die ihr entginge, kein Getuschel, das ihren Ohren verborgen bliebe. Schnell wird sie zu einer der wichtigsten 'Spioninnen' im Palast. Als die junge Sophie von Anhalt-Zerbst – die spätere Katharina die Große – an den Hof kommt und auf dem Weg zur Macht eine Verbündete braucht, wird Varvara ihre engste Vertraute. Schließlich erklimmt Katharina den Zarenthron – aus der unerfahrenen Fremden wird eine der mächtigsten Frauen ihrer Zeit.

Eva Stachniaks opulenter Roman über die ungewöhnliche Freundschaft zweier Frauen führt den Leser in eine Welt, in der Leidenschaft und Vertraulichkeit auf Heimtücke und Verrat treffen – in die abgründig-geheimnisvolle Welt des russischen Zarenhofs, gehüllt in schweren Brokat und knisternde Seide.
"

Donnerstag, 6. Juni 2024

Becker, Jurek "Jakob der Lügner"

Becker, Jurek "Jakob der Lügner" - Jacob the Liar - 1969

Ich kenne den Autor dieses Buches durch andere Werke, z.B.
seine Fernsehserien in Deutschland. Seine Geschichten waren immer gut, aber dies ist das beste Werk seines Lebens. Ein Bewohner des Warschauer Ghettos versucht, seinen jüdischen Mitbrüdern zu helfen, zu überleben, indem er ihnen Lügen erzählt, dass die Russen fast da seien, um sie zu befreien. Die Art und Weise, wie dieser gewöhnliche Mensch, der genauso viel zu verlieren hat wie alle anderen, Menschen in ihren verzweifeltsten Momenten motiviert, ist so fesselnd.

Auf jeden Fall ist das Buch wirklich großartig, der Versuch des Autors, die Seele der Menschen in schwierigen Zeiten zu beschreiben, ist einzigartig und er leistet dabei hervorragende Arbeit.
Es gibt einen Film, den ich nicht gesehen habe, aber der soll auch sehr gut sein.


Buchbeschreibung:

"Die Rote Armee ist nur noch wenige hundert Kilometer entfernt, das hat Jakob Heym zufällig erfahren. Und er erzählt es den anderen, die mit ihm eingeschlossen sind im Ghetto einer polnischen Stadt und schon fast alle Hoffnung verloren haben. Und damit die anderen ihm auch glauben, behauptet Jakob, er habe ein Radio. Nun kommen alle zu ihm, um nach Neuigkeiten zu fragen, die Mut machen, weiter auszuhalten in einer Welt, in der die Deutschen die Vernichtung der Juden betreiben. So wird aus ihm Jakob der Lügner; er lügt, um den Menschen wieder Hoffnung zu geben und damit die Kraft zu widerstehen.

'Jurek Becker erzählt ohne Pathos und ohne Sentimentalität. Er zeigt nicht etwa den Widerstand, den heroischen Kampf, sondern den Alltag in einer Welt, in der sich beide Seiten - die Verfolger und die Verfolgten . an das Entsetzlichste gewöhnt haben. [...] Dieser Jakob, ein eher simpler Mensch, doch nicht ohne Phantasie und Humor, gibt den Bewohnern des Ghettos, was sie am meisten brauchen - etwas Hoffnung.' Marcel Reich-Ranicki, Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Mittwoch, 5. Juni 2024

Krall, Hanna "Herzkönig"

Krall, Hanna "Herzkönig" (Polnisch: Król kier znów na wylocie) - Chasing the King of Hearts - 2006

Wir haben dies im Mai 2024 in unserem internationalen Online-Lesekreis besprochen.

Die Lebensgeschichte einer Jüdin, die im Holocaust ihre gesamte Familie verliert. Außer ihrem Mann. Sie ist sicher, dass er noch lebt und sucht überall nach ihm.

In der Beschreibung steht, dass es sich um eine wunderschöne Liebesgeschichte handelt. Und es ist eine. In gewisser Weise. Nur nicht das, was man normalerweise von einer Liebesgeschichte erwarten würde. Und der Stil ist völlig anders. Es liest sich wie ein Tagebuch. Aber es ist mehr als das. Ziemlich interessant.

Es ist erstaunlich, was ein Mensch tun kann, um seine Lieben zu retten.

Ein gutes Buch über eine starke Frau.

Buchbeschreibung:

"'Das ist der letzte Abschnitt meiner Reise, und es wäre dumm, wenn ich jetzt verrückt werden würde.'

Diese nüchterne Feststellung stammt von Izolda Regensberg alias Maria Pawlicka. Seit der Deportation ihres Mannes nach Auschwitz besteht der Sinn ihres Lebens allein darin, ihren Herzkönig zu befreien. Die fieberhaften Bemühungen werden von Absurditäten und Zufällen, von glücklichen und unglücklichen Fügungen begleitet. In Zeiten der Vernichtung wundert sich Izolda über keine Grausamkeit - auch nicht über die eigene.Bis Izolda schließlich im Mai 1945 im Lager Ebensee auf ihren Ehemann trifft, hat sie eine Odyssee von Lagern und Gefängnissen hinter sich. Das Paar kehrt mit 'polnischen' Pässen nach Polen zurück. Jahre später fliegt die geborgte Identität auf, und die beiden erhalten jüdische Pässe, die sie zur Ausreise nach Wien zwingen.

Izolda, die hervorragende Spezialistin im Überleben, muss erkennen, dass sie das Leben nach dem Überleben nicht in den Griff bekommt. Sie empfindet zunehmend Fremdheit gegenüber der Welt, deren Fixpunkt ihr verloren gegangen ist. Sie zieht zu den Töchtern nach Israel. Umgeben von alltäglichen politischen Ausnahmezuständen und unverständlichen Wortfetzen lebt sie in ihrer Erinnerung noch im Zweiten Weltkrieg.

'Herzkönig' handelt vom Schicksal polnischer Juden - jener, die durch den Holocaust umkamen, und jener, die ihn mit Verletzungen unterschiedlichster Art überlebten. Erschütternde historische Situationen korrespondieren mit persönlichen Katastrophen. Und für jede findet die Autorin knappe Sätze, die beim Leser einen tiefen Schrecken hinterlassen. So einfach und zugleich poetisch schreibt nur Hanna Krall."

Samstag, 14. Oktober 2023

Kertész, Imre "Roman eines Schicksallosen"

Kertész, Imre "Roman eines Schicksallosen" (Ungarisch: Sorstalanság) - Fateless oder Fatelessness - 1975

Der Autor ist Holocaust-Überlebender, er war tatsächlich in zwei der großen Konzentrationslager und hat daher viel über seine Geschichte zu erzählen. Aber es ist die einzigartige Art und Weise, wie er uns von seinem frühen Leben erzählt, die seine Arbeit so besonders macht. Er erzählt das Leben eines fünfzehnjährigen Jungen, der während des Zweiten Weltkriegs in Ungarn aufwächst. Trotz vieler Ähnlichkeiten mit seinem eigenen Leben behauptet der Autor, dies sei nur eine Geschichte, die auf seinem Leben basiert.

Jedenfalls sehen wir das NS-Regime und die Konzentrationslager mit den Augen eines Kindes, das nichts anderes kennt.
Das ist sein Leben. Für ihn ist es "normal", dass sein Vater in ein Arbeitslager geschickt wird, dass seine Freunde verschwinden, daher ist er nicht allzu überrascht, wenn er auch dorthin geschickt wird. Er beschreibt seine Zeit im Lager so, als sei alles, was dort passiert, das Normalste auf der Welt. Wie schrecklich muss das gewesen sein! Als er nach dem Krieg nach Budapest zurückkehrt und dort Menschen trifft, deren Leben weiterging und die nicht in die Lager gingen, fällt es ihm schwerer, sich wieder in ein normales Leben einzuleben.

Imre Kertész erntete für seine "naive" Darstellung eines der schlimmsten Völkermorde aller Zeiten viel Kritik.
Ich finde seine Texte sehr interessant. Wer weiß, was ein Kind denkt, wenn es in einer verrückten Welt aufwächst, es ist die einzige Welt, die es kennt. Allerdings bin ich nicht die Einzige, der so denkt, denn:

"Bei seiner Ankunft stellt Gyuri fest, dass er sich nicht mit anderen Juden identifizieren kann und von ihnen wiederum abgelehnt wird. Als Außenseiter seines eigenen Volkes macht ihn seine Entfremdung zu einem übernatürlich scharfsinnigen Beobachter, der dogmatisch darauf besteht, alles, was er sieht, zu verstehen."

Buchbeschreibung:

"Imre Kertesz ist etwas Skandalöses gelungen: die Entmystifizierung von Auschwitz. Es gibt kein literarisches Werk, das in dieser Konsequenz, ohne zu deuten, ohne zu werten, der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist. Wohl nie zuvor hat ein Autor seine Figur Schritt für Schritt bis an jene Grenze hinab begleitet, wo das nackte Leben zur hemmungslosen, glücksüchtigen, obszönen Angelegenheit wird."

Imre Kertész erhielt den Nobelpreis für Literatur 2002  "für ein schriftstellerisches Werk, das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet".

Ein weiteres interessantes Buch eines Nobelpreisträgers zum gleichen Thema:
Wiesel, Elie "Night" (Die Nacht)

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Montag, 20. März 2023

Nawrath, Bianca "Iss das jetzt, wenn du mich liebst"

Nawrath, Bianca "Iss das jetzt, wenn du mich liebst" [Eat This Now If You Love Me] - 2021

Die Buchhandlung in unserem Ort hat im letzten Jahr eine Aktion zur Hilfe für die Ukraine gestartet. Man konnte Bücher erwerben. Sie waren verpackt und hatten ein oder zwei Stichwörter auf dem Umschlag. Man spendete einen Geldbetrag und konnte sich eines der Bücher auswählen. Ich hatte mich für die Stichwörter "Polen ♥ Türkei" entschieden. (siehe unten) Es hörte sich interssant und und als ich den Titel sah, dachte ich auch, das sei recht vielversprechend.

Und so war es auch. Zwei junge Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen sind in Detuschland aufgewachsen und lernen sich kennen. Als "Third Culture Kids" haben sie sicher mehr miteinander gemeinsam, als viele vermuten sollte.

Ihre Familien sind aber noch nicht so weit gekommen. Für die katholischen Polen ist ein Muslim undenkbar, genauso wie eine katholische Polin für die türkische Familie.

Bianca Nawrath hat es geschafft, die Gratwanderung der beiden hervorragend zu beschreiben. Es ist zum Teil lustig, vor allem wenn es um die unterschiedlichen Essgewohnheiten geht, darüber kann man oft noch lachen. Aber was noch viel wichtiger ist, das Buch trifft den Nagel auf den Kopf. Wir müssen alle dazulernen und nicht in jedem südländisch aussehenden jungen Mann gleich einen Vergewaltiger, in jedem Polen einen Autodieb sehen. Wir müssen uns bewusst machen, dass uns viel, viel mehr mit diesen Menschen vereint als uns trennt. Ich habe einige türkische Freundinnen, mit denen ich besser reden kann als mit einem AfD-Wähler. Weil wir gemeinsame Interessen haben, weil wir uns füreinander itneressieren.

Das Buch ist kurzweilig und auch recht leicht geschrieben, packt aber ein großes Thema an.

Eine gute Schriftstellerin, die auch schon ihr nächstes Buch geschrieben hat, "Wenn ich dir jetzt recht gebe, liegen wir beide falsch".

Buchbeschreibung:

"Die junge Berlinerin Kinga will heiraten. Und zwar ihren Freund Mahmut, mit dem sie bereits seit einigen Jahren Wohnung und Weltansichten teilt. Das Problem: Kingas Eltern wissen nichts von der Beziehung ihrer Tochter. Alles könnte perfekt sein - wäre da nicht die liebe Familie. Denn Kingas Eltern kommen aus Polen, und in der Heiligen Dreifaltigkeit von Papst, Wodka und Gulasch ist kein Platz für einen muslimisschen Schwiegersohn. Kurzerhand wird der unerwünschte Anhang zum Kennenlernen zu einer Familienhochzeit in der alten Heimat einladen - und da sorgt nicht nur Omas Flaki für Magenschmerzen.

Mit großer Leichtigkeit und präzisem Blick für Details schreibt Bianca Nawrath über das Aufwachsen im Nachwende-Berlin, über Großstadtliebe und Familienbande und streift dabei im Vorbeigehen die Themen Heimat und Herkunft.
"


Montag, 20. Februar 2023

Gray, Martin "Der Schrei nach Leben"

Gray, Martin "Der Schrei nach Leben" (Französisch: Au nom de tous les miens) - For those I loved - 1971

Ich habe dieses Buch vor vielen Jahren gelesen, aber es ist eines, das mich nie verlassen hat. Das Leben, das Martin Gray geführt hat, nein, das er erleben musste, war so hart. Ein Verlust nach dem anderen. Ich weiß nicht, wie er es durchgestanden hat. Zuerst das Ghetto von Warschau, dann Treblinka und später, als er eine Familie gefunden hat, zerstört ein Brand noch einmal sein ganzes Leben.

Angeblich ist nicht alles genauso passiert, wie es im Buch beschrieben wurde. Aber der Lebenslauf des Autoren stimmt, und das ist alles schon schlimm genug.

Ein beeindruckendes Werk.

Buchbeschreibung:

"Martin Gray wurde am 27 April 1925 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Warschau geboren. Nach dem Einmarsch wurde die Familie ins Warschauer Getto getrieben, es folgte die Deportation nach Treblinka. Auf abenteuerliche Weise gelang Marin Gray die Flucht aus dem Vernichtungslager. Er schloss sich den polnischen Partisanen an, später der Roten Armee. Angewidert von den Praktiken der sowjetischen Besatzer in Deutschland, desertierte er 1947 und emigrierte in die USA. Hier wurde er zum erfolgreichen Unternehmer. Nach der Geburt seiner ersten Tochter löste er sein Unternehmen auf. Er übersiedelte nach Frankreich und ließ sich in der Nähe von Cannes als Landwirt nieder. Im Herbst 1970 verliert er bei einem Waldbrand seine Frau Dina und seine vier Kinder. Er fand eine neue Lebensaufgabe als Gründer der Stiftung Dina Gray, die sich für die Erhaltung einer intakten Natur einsetzt. 1976 heiratete Gray ein zweites Mal. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor."

Mittwoch, 8. Februar 2023

Petrowskaja, Katja "Vielleicht Esther"

Petrowskaja, Katja "Vielleicht Esther" - Maybe Esther - 2014

Eine großartige Erzählung über die Geschichte einer jüdischen Familie. Ein Kritiker schrieb, Katja Petrowskaja hätte einen großen Roman schreiben können hat aber nur Fragmente widergegeben. Ich finde, gerade diese Fragmente zeigen eher, was diese Familie - stellvertretend für alle anderen jüdischen Familien - mitgemacht hat, all die kleinen Einzelheiten, von denen man sonst so oft nichts hört.

Ein wunderbares Buch.

Katja Petrowskaja erhielt den Ingeborg Bachmann Preis 2013.

Buchbeschreibung:

"Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete - wer hat sie gehört? Und als die Soldaten die Babuschka erschossen, 'mit nachlässiger Routine' - wer hat am Fenster gestanden und zugeschaut?

Die unabgeschlossene Familiengeschichte, die Katja Petrowskaja in kurzen Kapiteln erzählt, hätte ein tragischer Epochenroman werden können: der Student Judas Stern, ein Großonkel, verübte 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau. Sterns Bruder, ein Revolutionär aus Odessa, gab sich den Untergrundnamen Petrowski. Ein Urgroßvater gründete in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder. Wenn aber schon der Name nicht mehr gewiß ist, was kann man dann überhaupt wissen? Statt ihren gewaltigen Stoff episch auszubreiten, schreibt die Autorin von ihren Reisen zu den Schauplätzen, reflektiert über ein zersplittertes, traumatisiertes Jahrhundert und rückt Figuren ins Bild, deren Gesichter nicht mehr erkennbar sind. Ungläubigkeit, Skrupel und ein Sinn für Komik wirken in jedem Satz dieses eindringlichen Buches.
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Montag, 16. Januar 2023

Menasse, Robert "Die Hauptstadt"

 

Menasse, Robert "Die Hauptstadt" - The Capital - 2017

Ich habe vor vierzig Jahren in Brüssel gelebt und dort meinen Mann kennengelernt. Wir waren jedes Jahr mindestens einmal dort, meistens öfter. Als mein Sohn dort jedoch eine Stelle fand, stellte ich fest, dass ich sehr wenig über Belgien und nichts über Brüssel selbst gelesen habe. Also ging ich los und suchte nach Literatur. Dieses Buch erhielt 2017 den Deutschen Buchpreis und wurde international gelobt. Es wird erwähnt, dass es das erste Buch ist, in dem Brüssel die europäische Hauptstadt genannt wird. Wir haben es immer so genannt.

Das Buch erzählt uns von mehreren Beamten des Kulturministeriums und ihren Aufgaben. Die Charaktere sind so international wie alle Ämter der Europäischen Union, sie kommen aus Österreich, Belgien, der Tschechischen Republik, Zypern, Ungarn, den Niederlanden, Polen und dem Vereinigten Königreich.


Es beinhaltet auch einen Krimi für diejenigen, die so etwas in einem Buch lieben. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, warum das für die Geschichte nötig ist, zumal es nicht wirklich etwas mit der Hauptgeschichte zu tun hat. Die Protagonisten sind hauptsächlich Beamte, die für die EU arbeiten und versuchen, etwas zu erreichen, meistens ihre Beförderung. Wir treffen Bürokraten, Experten, Lobbyisten … Es zeigt, wie bei vielen Veranstaltungen, Gesetzen, Verordnungen die unterschiedlichen Interessen innerhalb der EU berücksichtigt werden müssen. Keine leichte Aufgabe, wie wir alle wissen. Dennoch profitieren wir alle davon, dass unsere Länder Mitglied in dieser großen Union sind - auch wenn das manche nicht sehen wollen.

Eine der Geschichten in diesem dicken Buch ist der Plan, das 50-jährige Jubiläum mit einem großen Jubiläumsprojekt zu feiern und dies so zu gestalten, dass sich alle über das Ergebnis freuen. Wir sehen die Schwierigkeit, einen europäischen Konsens zu erreichen und trotzdem alle Staaten am Ergebnis teilhaben zu lassen.

Oh, und da ist ein Schwein. Eine der Einleitungen zum Buch lautet: "In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein läuft durch die Straßen." Wieder nicht wirklich notwendig für die Geschichte.

Aber was diese Geschichte lesenswert macht, ist die Botschaft, die sie uns über die Europäische Union vermittelt. Es ist eine der wichtigsten Organisationen, der wir je angehört haben. Es hat viele Länder vereint, die zuvor verfeindet waren, und uns nicht nur Wohlstand, sondern auch Frieden für die längste Zeit gebracht, an die man sich erinnern kann. Allein schon deshalb finde ich dieses Buch bedeutsam.

Buchbeschreibung:

"In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein durch die Straßen.

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an - die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; 'zu den Akten legen' wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.

In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.

Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen - für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.
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Samstag, 17. Dezember 2022

Becker, Artur "Die Zeit der Stinte"

Becker, Artur "Die Zeit der Stinte" [The Time of the Smelt] - 2006

Ein interessantes Thema. Ein vielversprechendes Buch. Und doch, irgendwie findet der Autor nicht so richtig den Zugang zu den Protagonisten. Entweder ist dieser ihm zu Entweder ist dieser ihm zu ähnlich oder er hat keine Erfahrung in dieser Kategorie. Es bleibt leider ein fader Geschmack. Eine Leere, die diese Novelle vergeblich versucht zu füllen. Alles in allem fand ich die Geschicht zu oberflächlich. Schade.

Buchbeschreibung:

"Ein polnischer Spätaussiedler reist mit einer amerikanischen Journalistin auf Spurensuche nach Polen.

Chrystian ist ein deutsch-polnischer Spätestaussiedler in Bremen. Er lebt von der Hand in den Mund, ein Lebenskünstler, Schnorrer und Taugenichts. Vergeblich versucht er zu begreifen, warum ihn seine Frau rausgesetzt hat. Da tritt eine junge Amerikanerin in sein Leben. Sie ist Journalistin und jüdischer Herkunft und muss etwas klären: Vor fast sechzig Jahren sind drei ehemalige Häftlinge aus dem KZ Stutthof bei Danzig mit einem Flugboot auf dem Geserichsee gelandet und haben Richard Schmidtke hingerichtet, den Kommandanten eines Außenlagers, der sich dort im Wald versteckt hat. Einer der Männer war Monas Großvater.

Gemeinsam fahren Chrystian und Mona auf Spurensuche nach Polen. Für Chrystian wird die Fahrt zur Befreiung von seiner Ehe und von der Geschichte. Endlich, so glaubt er, wird er nicht mehr die Last der Vergangenheit mit sich herumschleppen müssen. Aber dann kommt es anders …

Der vielfach ausgezeichnete Artur Becker hat eine Novelle von spröder Schönheit geschrieben, die uns in eine Welt führt, die jahrzehntelang hinter Grenzen und Stacheldraht lag.
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Montag, 27. Juni 2022

Boyne, John "Der Junge im gestreiften Pyjama"

Boyne, John "Der Junge im gestreiften Pyjama" (Englisch: The Boy in the Striped Pyjamas) - 2006

Ich habe dieses Buch gelesen, bevor wir es in einem unserer Lesekreise besprochen haben.

Die Geschichte enthält einige Fehler, ein paar zu viele für meinen Geschmack, die ganze Geschichte schien unwirklich, weil es so nicht hätte passieren können. Die meisten unserer Mitglieder kritisierten das Buch allerdings noch viel schärfer als ich. Zuerst einmal, wenn ein Buch auf Fakten aufgebaut wird, müssen die Fakten stimmen, egal in welche Kategorie man die Geschichte dann steckt.

Wir fanden es nicht leicht, mit dem Buch warm zu werden oder uns in die Charaktere hineinzudenken, die Beschreibung war einfach zu widersprüchlich. Bruno, die Hauptfigur, war manchmal sehr naiv, und in der nächsten Minute hatte er erwachsene Ansichten. Die Geschichte war sehr vorhersehbar. Die Darstellung der Freundschaft war nicht nachvollziehbar, nicht nur die Umgebung. Man merkt, das war schnell geschrieben.

Wie jedoch eine unserer Mitgliederinnen so wunderbar betonte, ist Geschichte hier, um entdeckt zu werden, und daher ist es wichtig, Geschichte auf allen möglichen Ebenen zugänglich zu machen. Und deshalb hat es sich gelohnt, über das Buch zu diskutieren.

Wir haben dieses Buch im Mai 2008 in unserem deutschen Lesekreis und im Juni 2009 in unserem internationalen Lesekreis besprochen

Buchbeschreibung:

"Die Geschichte von 'Der Junge im gestreiften Pyjama' ist schwer zu beschreiben. Normalerweise geben wir an dieser Stelle ein paar Hinweise auf den Inhalt, aber bei diesem Buch - so glauben wir - ist es besser, wenn man vorher nicht weiß, worum es geht.

Wer zu lesen beginnt, begibt sich auf eine Reise mit einem neunjährigen Jungen namens Bruno. (Und doch ist es kein Buch für Neunjährige.) Früher oder später kommt er mit Bruno an einen Zaun.

Zäune wie dieser existieren auf der ganzen Welt.
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Ich habe das englische Original gelesen und hoffe, die Übersetzung ist genauso gut.

Diejenigen, die bisher keine anderen Bücher über den Holocaust gelesen haben, sollten es mit "Die Nacht" (frz. "La Nuit"/"
Night") von Elie Wiesel und "Roman eines Schicksallosen" (Ungarisch: Sorstalanság/Fateless) von Imre Kertész versuchen. Beide Berichte wurden von Überlebenden geschrieben und sind wahre Berichte darüber, wie junge Menschen das schreckliche Leben in einem Konzentrationslager gelebt und überlebt haben.

Mittwoch, 18. Mai 2022

Grass, Günter "Die Blechtrommel"

 

Grass, Günter "Die Blechtrommel. Danziger Trilogie 1" - The Tin Drum - 1959

Günter Grass ist einer meiner Lieblings-Nobelpreisträger, sicherlich einer der besten deutschen Autoren, die wir je hatten. Sein Stil ist einzigartig, seine Sprache hervorragend.

Wie soll man dieses Buch beschreiben? Es auch nur zu versuchen, wäre so, als würde man die ganze Geschichte umschreiben, was natürlich unmöglich ist.

Warum ist es so wichtig? Die Geschichte stellt nicht nur einen Teil unserer Geschichte dar, der aus einer ganz anderen Perspektive erzählt wird als die meisten Bücher des Krieges, sie beschreibt auch durch das Genre des magischen Realismus, was alles hätte passieren können.

Oscar Matzerath wurde in der damaligen Freien Stadt Danzig (heute polnische Stadt Gdańsk) geboren. Als er drei Jahre alt ist, beschließt er, nicht mehr zu wachsen. Er erzählt uns die Geschichte seiner Großmutter und durch seine Erzählung gehen wir durch den Zweiten Weltkrieg, die Besetzung Polens und das Nachkriegsleben vieler Flüchtlinge, die nach Westdeutschland gingen.

Oscar verkörpert viele verschiedene Charaktere, das erwachsene Kind, den obsessiven Schlagzeuger, das Böse dieser Welt, den Schauspieler, der uns zeigen will, wie das Leben so spielt. Er ist viele Menschen in einem, schwer zu fassen, aber so sehr einer von uns, dass wir ihn zu kennen scheinen.

Dies ist sicherlich nicht eines der am einfachsten zu lesenden Bücher, aber es lohnt sich auf jeden Fall. Es ist eine Geschichte, die man nie vergisst. Ich werde die beiden anderen Bücher der "Danziger Trilogie" weiterlesen: "Katz und Maus" (Cat and Mouse) habe ich bereits beendet, "Hundejahre" liegt auf meinem SUB. Wie viele andere erfolgreiche Bücher wurde "Die Blechtrommel" verfilmt und erhielt als einer der wenigen deutschen den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.


Buchbeschreibung:

"Anfang der 50er Jahre trommelt und schreibt in einer Heil- und Pflegeanstalt ein Buckliger des Jahrgangs 1924 die Geschichte seines Lebens und seiner Familie vom Begin des Jahrhunderts bis in das Deutschland Adenauers. Oskar Matzerath hat alles gesehen und gehört, nichts ist ihm entgangen, denn er war ein hellhöriger Säugling, dessen geistige Entwicklung bereits bei der Geburt abgeschlossen war. Der Außenseiter, der Wirklichkeit ertrommeln und Glas zersingen kann, erweist sich dabei als der einzige Gesunde in einer Welt des Scheins, der Lüge und des Verbrechens. Am Ende seiner phantastischen Autobiographie, die Oskar vom Vorkriegs-Danzig bis ins Düsseldorf der Nachkriegszeit führt, 'entdeckt man, daß man über Deutschland und Mitteleuropa - sowohl in der Zeit des Völkermordes als auch im Biedermeier der Restauration - mehr weiß als je zuvor' (Lars Gustafsson). Mit dem Erscheinen der 'Blechtrommel' 1959 gewann der deutsche Nachkriegsroman Anschluss an die Weltliteratur und Oskar der Trommler seinen festen Platz in der modernen Mythologie."

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden. 
 
Als ich vor einigen Jahren in Lübeck war, habe ich mich gefreut, dass ich auch das Haus besuchen konnte, in dem Günter Grass gelebt hat. Meine Erfahrung könnt ihr hier nachlesen.