Modiano, Patrick "Place de l'Étoile" (Französisch: La Place de l'Étoile) - La Place de l'Étoile - 1968
Ein interessantes, gewiss herausforderndes Buch. Der Autor war noch sehr jung, erst 23 Jahre alt, als er dieses erste Buch schrieb, das ihm schließlich den Nobelpreis für Literatur einbrachte.
Patrick Modiano beginnt mit einer kleinen Geschichte, die man für einen Witz halten könnte, wäre sie nicht so traurig:
"Im Juni 1942 spricht ein deutscher Offizier einen jungen Mann an und fragt: Entschuldigen Sie, Monsieur, wo ist der Place de l’Étoile?' Der junge Mann deutet auf seine linke Brustseite. – Eine jüdische Geschichte." Der junge Mann meint damit natürlich den Davidstern, den alle Juden tragen mussten, und nicht den berühmten Platz in Paris.
Dann erzählt er weiter von seinem Protagonisten Raphaël Schlemilowitsch und dessen Überleben – oder Nicht-Überleben – im Holocaust. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, worauf er hinauswollte. Er lebt das Leben vieler Menschen und beschreibt dies mit einem fast magisch realistischen, aber zweifellos ungemein sarkastischen Stil. In seinen Erzählungen begegnen wir vielen berühmten Juden und Nichtjuden, die Geschichte geschrieben haben – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart.
Ich weiß nicht, ob dies das Hauptwerk ist, für das der Autor den Literaturnobelpreis erhielt, und ob es ein typischer Roman von ihm ist, aber ich würde es sicherlich nicht als leichte Lektüre bezeichnen. Wer sich jedoch für Geschichte interessiert, könnte Gefallen daran finden.
Buchbeschreibung:
"Der Held Raphaël Schlemilovitch führt viele schillernde Leben, als Kollaborationsjude«, als Geliebter von Eva Braun, als jüdischer Mädchenhändler. Er kommt mehrfach zu Tode und reist durch Zeiten und Länder. Bis er schließlich auf der Couch von Dr. Freud im Wien der sechziger Jahre erwacht.Ein so unterhaltsamer wie provokanter Parforceritt – und ein literarischer Befreiungsschlag von antisemitischen Zuschreibungen."
Patrick Modiano erhielt den Nobelpreis für Literatur 2014 "für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der (deutschen) Besatzung sichtbar gemacht hat".
Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.
Den englischen Titel "Eleanor Oliphant is Completely Fine" könnte man mit "Eleanor Oliphant geht es allerbestens" übersetzen. Eleanor Oliphant geht es definitiv nicht gut und schon gar nicht bestens. Zu sagen, dass sie Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten hat, wie es in der Beschreibung heißt, ist eine gewaltige Untertreibung. Ich bin mir sicher, dass sie an einer psychischen Erkrankung leidet oder ein traumatisches Erlebnis aus ihrer Kindheit verarbeitet.
Ich hatte Schwierigkeiten, in die Geschichte oder in Eleanor hineinzukommen. Ich bin sehr gesellig, umgebe mich gern mit vielen Menschen und kann mich mit jedem unterhalten, der nur ein bisschen Interesse zeigt. Ich bin mir sicher, Eleanor würde das nicht schätzen. Und ich möchte nicht aufdringlich sein, also würde ich wohl nur einen Satz mit ihr wechseln, und das war's. Tut mir leid, aber so ist es nun mal. Sie will eigentlich mit niemandem reden, oder?
Die Geschichte an sich war allerdings recht interessant, wie sie diesen Kollegen kennenlernt, der ihr hilft, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Auch der Schreibstil war nicht schlecht. Trotzdem konnte ich mich mit der Geschichte nicht anfreunden. Zwei Zitate, denen ich voll und ganz zustimme:
"… die Eingangstür des Krankenhauses … eine Frau im Rollstuhl – sie hatte ihren Tropf auf Rädern mitgebracht, um ihre Gesundheit zu ruinieren, während Steuergelder für ihre Genesung ausgegeben wurden."
Ich werde immer wütend, wenn ich Leute vor einem Krankenhaus rauchen sehe, besonders direkt davor, wo alle vorbeigehen müssen, Kranke, Besucher … Krankenhäuser und ihre Umgebung sollten rauchfreie Zonen sein.
und
"Sport ist mir ein Rätsel. In der Grundschule war der Sporttag der einzige Tag im Jahr, an dem die leistungsschwächeren Schüler triumphieren konnten. Sie gewannen Preise für das schnellste Sackhüpfen oder dafür, schneller von A nach B zu rennen als ihre Klassenkameraden. Wie stolz sie am nächsten Tag auf diese Abzeichen an ihren Jacken waren! Als wäre eine Silbermedaille beim Eierlauf eine Art Entschädigung dafür, dass sie nicht wussten, wie man einen Apostroph setzt."
... oder ihr Einmaleins bescherrschen oder irgendetwas tun, was sie im Leben weiterbringt!
"Unser Lesekreis hatte eine sehr positive Diskussion über das Buch. Die meisten Mitglieder bewerteten es sehr positiv, und eine der häufigsten Reaktionen war, wie sehr sich unsere Sicht auf Eleanor im Laufe der Geschichte veränderte. Anfangs mag sie steif, sozial unbeholfen, übermäßig förmlich oder emotional distanziert wirken, doch am Ende empfanden wir echte Zuneigung für sie, fieberten mit ihr mit und wünschten ihr von Herzen alles Gute.
Ein Großteil des Gesprächs drehte sich um Eleanors neurodiverse Merkmale und deren Darstellung. Aufgrund der Zusammensetzung unserer Gruppe war dieser Aspekt ihres Charakters sofort erkennbar und nicht spekulativ. Ihr wörtliches Denken, ihre Gewohnheit, Routinen zu pflegen, ihre Schwierigkeiten, unausgesprochene soziale Normen zu verstehen, und ihr ungewöhnlicher Kommunikationsstil wirkten auf viele Leser authentisch. Uns interessierte vor allem, wie diese Merkmale mit Trauma, Einsamkeit und jahrelanger Isolation zusammenhingen. Der Roman wurde dafür gelobt, diese Komplexität zuzulassen, ohne sie auf ein einziges Etikett zu reduzieren.
Einsamkeit war ein weiteres zentrales Thema der Diskussion. Viele Leser empfanden das Buch als besonders eindrücklich und zeitgemäß. Eine Art Isolation: Jemand, der intelligent, berufstätig, kompetent und nach außen hin funktionsfähig ist, aber dennoch tiefgreifend von anderen Menschen abgeschnitten ist. Eleanor ist nicht im offensichtlichen Sinne von der Gesellschaft ausgeschlossen, sondern scheint neben ihr zu existieren, unfähig, sich voll einzubringen. Diese subtile Darstellung von Einsamkeit fand großen Anklang in der Gruppe.
Wir sprachen auch ausführlich über Trauma, Sucht und Bewältigungsstrategien. Eleanors Alkoholkonsum wurde im Allgemeinen nicht als Leichtsinn, sondern als eine Form der Selbstmedikation und emotionalen Betäubung betrachtet. Ihre Routinen, ihre Distanzierung und ihre enge Lebensstruktur wirkten weniger wie zufällige Funktionsstörungen, sondern eher wie Überlebensstrategien, die sich im Laufe der Zeit verfestigt hatten. Mehrere Teilnehmer hoben hervor, wie realistisch der Roman zeigt, wie sich Schmerz in alltägliche Gewohnheiten einprägt.
Spoiler:
Die Enthüllung der verstorbenen Mutter führte zu einem der intensivsten Momente der Diskussion. Leserinnen und Leser sahen darin eine eindringliche Darstellung, wie Missbrauch auch nach dem Tod des Täters noch lange nachwirken kann. Die Stimme der Mutter bleibt durch Kritik, Scham und Kontrollsucht präsent und prägt Eleanors Leben selbst im Tod. Viele empfanden dies als eine der stärksten psychologischen Erkenntnisse des Romans.
* * *
Beziehungen waren ein weiteres wichtiges Thema. Wir schätzten es, dass die Geschichte auf ein simples romantisches Rettungsmuster verzichtet. Raymond wurde besonders hervorgehoben, da seine alltägliche Freundlichkeit, Geduld und Beständigkeit Eleanor ein Vorbild für sichere menschliche Beziehungen bieten. Anstatt sie dramatisch zu 'retten', schafft er die Voraussetzungen dafür, dass sie sich langsam aus ihrer Isolation befreien und wieder am Leben teilhaben kann. Viele Leser empfanden diese zurückhaltende Darstellung von Freundschaft als eine der größten Stärken des Buches. (Dem stimme ich zu.)
Sprache und Übersetzung wurden ebenfalls zu einem besonders interessanten Teil der Diskussion. Einige Teilnehmer lasen den Roman auf Englisch, andere auf Finnisch und einer auf Russisch, was einen direkten Vergleich ermöglichte. Eleanors Charakter wird stark durch die Erzählweise geprägt: ihre formale Diktion, ihr direkter Wörtlichkeitssinn, ihre ungewöhnlichen Formulierungen und ihre emotionale Zurückhaltung. Wir erörterten, wie jede Übersetzung unweigerlich die Wahrnehmung der Leser beeinflusst. Die Darstellung der Mutter war hier besonders interessant, da sich Tonfall, Grausamkeit, Manipulation und emotionaler Druck je nach Sprache subtil verändern können.
Wir diskutierten auch die Balance zwischen Humor und Schmerz im Roman. Eleanors Stimme erzeugt oft Komik durch Präzision, Direktheit und soziale Unvereinbarkeit, doch unter diesem Humor verbirgt sich echtes emotionales Leid. Viele Leser empfanden den Kontrast im Buch als gekonnt umgesetzt, sodass Wärme und Traurigkeit nebeneinander existieren können, ohne dass eines von beiden aufgesetzt wirkt.
Insgesamt war sich die Gruppe einig, dass 'Ich, Eleanor Oliphant' ein intelligenter, menschlicher und emotional einfühlsamer Roman ist. Er überzeugt nicht nur als Geschichte über Trauma und Genesung, sondern auch als Erinnerung daran, dass Menschen, die lediglich schwierig, seltsam oder distanziert erscheinen, oft viel komplexer sind, als andere ahnen. Dass wir Eleanor am Ende als eine Person ins Herz geschlossen haben, war für viele von uns das deutlichste Zeichen für den Erfolg des Buches."
Buchbeschreibung:
"Eleanor Oliphant ist anders als andere Menschen. Eine Pizza bestellen, mit Freunden einen schönen Tag verbringen, einfach so in den Pub gehen? Für Eleanor undenkbar! Und das macht ihr Leben auf Dauer unerträglich einsam. Erst als sie sich verliebt, wagt sie sich zaghaft aus ihrem Schneckenhaus – und lernt dabei nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst noch einmal neu kennen.
Mit ihrem Debüt 'Ich, Eleanor Oliphant' ist Gail Honeyman ein anrührender Roman mit einer unvergesslichen Hauptfigur gelungen. Ihre erfrischend schräge Sicht auf die Dinge zeigt uns, was im Leben wirklich zählt. Liebe. Hoffung. Ehrlichkeit. Und vor allen Dingen die Freundschaft. "
Moore, Michael "Stupid White Men: Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush" (Englisch: Stupid White Men) - 2001
Ich habe dieses Buch im Jahre 2015 gelesen. Seitdem sind 10 Jahre vergangen und Michael Moore scheint noch mehr ein Hellseher zu sein, als es damals aussah.
Damals wussten wir noch nicht, dass es noch schlimmer ging. Bush sieht mittlerweile wie der freundliche Nachbar aus. Aber dies habe ich kurz nach meiner Lektüre geschrieben.
Eine meiner diesjährigen Challenges in dem Jahr lautete: "Lies ein Buch von einem Autor mit denselben Initialen wie du." Da ich dieses Buch schon seit Erscheinen lesen wollte, dachte ich, es wäre an der Zeit, es endlich anzugehen.
Michael Moore teilt nicht nur meine Initialen und die meisten meiner politischen Ansichten, sondern ist, wie ich herausfand, auch ein Eagle Scout. Genau wie meine beiden Söhne.
Nun aber zum Buch. Es war noch schlimmer als erwartet. Nicht vom Schreibstil her, sondern vom Inhalt. Manches ist so unglaublich, dass man sich fragt, warum die Leute diese Partei überhaupt noch wählen. Und noch schlimmer: Ausgerechnet diese Leute schreiben am Negativsten über andere.
Allerdings schimpft Michael Moore nicht nur über die Partei, die er nicht gewählt hat. Nein, er beschreibt auch, was die Mitglieder der Partei, die er lieber im Amt sehen würde, getan und falsch gemacht haben. Das finde ich gut. Es bedeutet, dass man nicht einfach die Gegenseite als böse darstellt, sondern das Gesamtbild betrachtet und vielleicht sogar akzeptiert, dass auch sie ab und zu etwas richtig machen. (Allerdings glaube ich kaum, dass er da im Moment etwas findet.)
Dieses Buch hat gehalten, was es versprochen hat. Es bietet einen guten Überblick über die damaligen Verhältnisse im sogenannten Land der Freiheit und nicht nur über das, was man von Freunden hört, die ihren Hass auf die jeweils andere Partei gerne im Internet zur Schau stellen.
Natürlich stammt das Buch aus dem Jahr 2001 und wurde noch vor dem 11. September veröffentlicht, war also schon damals nicht mehr ganz aktuell. Ich denke aber, dass es im Nachhinein sogar an Aktualität gewinnt, da man erkennt, dass einige seiner Befürchtungen prophetisch waren. Wir sehen, dass viele der Probleme dieser Welt ihren Ursprung in dieser Zeit haben.
Ich möchte hier keine große Diskussion anstoßen. Wenn ihr also zu meinen Freunden gehören, die Präsident Obama hassen und Präsident Bush verehrt haben, scrollt einfach darüber, so wie ich es fast täglich mit euren unzähligen Hassbeiträgen tue. Danke.
"Stupid White Men" (Dumme weiße Männer) erklärt euch alles, was ihr darüber wissen müsst, wie die Mächtigen und Guten uns ausbeuten.
Buchbeschreibung:
"Bananenrepublik USA: Im Weißen Haus sitzt ein »Präsident«, der nie gewählt wurde, und regiert mit einer Junta aus Geschäftsfreunden seines Daddys. Michael Moore, Filmemacher und Bestsellerautor, rechnet in dieser beißenden Satire gnadenlos ab mit den Stupid White Men an der Spitze der USA."
Ich weiß, dass sich die meisten dieser Anführer inzwischen geändert haben, aber ich fordere jeden von euch heraus, mehr als zehn der aktuellen zu nennen, ohne zu googeln oder bei Wikipedia oder Ähnlichem nachzuschauen.
Liste der Staats- und Regierungschefs der fünfzig größten Länder (nach Größe des Landes geordnet)
1. China - Präsident Jiang Zemin
2. Indien - Präsident Kocherit Raman Narayanan
3. Vereinigte Staaten - Präsident George W. Bush
4. Indonesien - Präsident Megawati Sukarnoputri
5. Brasilien - Präsident Fernando Henrique Cardoso
6. Russland - Präsident Vladimir Putin
7. Pakistan - General Pervez Musharraf
8. Bangladesh - Präsident Shahabuddin Ahmed
9. Japan - Premier MInister Junichiro Koizumi
10. Nigeria - Präsident Olusegun Obasanjo
11. Mexiko - Präsident Vicente Fox Quesada
12. Deutschland- Chancellor Gerhard Schröder
13. Philippines - Präsident Gloria Macapagal-Arroyo
14. Vietnam - Präsident Tran Duc Luong
15. Ägypten - Präsident Mohammed Hosni Mubarak
16. Türkei - Präsident Ahmet Necdet Sezer
17. Iran - Ayatollah Ali Hoseini-Khamemei, Präsident Mohammad Khatami
18. Äthiopien - Präsident Negasso Gidada
19. Thailand - Premier MInister Thaksin Chinnawat
20. Vereinigtes Königreich - Premier MInister Anthony C. L. Blair
21. Frankreich - Präsident Jacques Chirac
22. Italien - Premier MInister Silvio Berlusconi
23. Kongo (Kinshasa) - Präsident Joseph Kabila
24. Ukraine - Präsident Leonid D. Kuchma
25. Südkorea - Präsident Kim Dae-Jung
26. Südafrika - Präsident Thabo Mbelki
27. Burma - Premier MInister Than Shwe
28. Spanien - Präsident Jose Mariaaznar
29. Koloubien - Präsident Andres Pastrana
30. Polen - Präsident Aleksander Kwasniewski
31. Argentinien - Präsident Fernando De La Rua
32. Tansania - Präsident Benjamin Wiliam Mkapa
33. Sudan - Präsident Lt. Gen. Omar El-Bashir
34. Kanada - Premier MInister Jean Chretien
35. Algerien - Präsident Abdelaziz Bouteflika
36. Kenia - Präsident Daniel Arap Moi
37. Marokko - Premier MInister Abderrahmane Youssoufi
38. Peru - Präsident Alejandro Toledo
39. Afghanistan - Mullah Mohammed Rabbari
40. Uzbekistan - Präsident Islam Karimov
41. Nepal - König Gyanendra, Premier MInister Sher Bahadur Derba
42. Venezuela - Präsident Hugo Chavez Frias
43. Uganda - Präsident Lt Gen. Yoweri Museveni
44. Irak - Präsident Saddam Hussein
45. Rumänien - Präsident Ion Iliescu
46. Taiwan - Präsident Chen Shui-Bian
47. Saudi Arabiaen- König Fahd Bin Abd Al-Aziz Al Saud
48. Malaysia - Premier MInister Dr. Mahathir Bin Mohamed
49. Nordkorea - Präsident Vim Jong Il
50. Ghana - Präsident John Agyekum Kufuor
Burton, Jessie "Die Magie der kleinen Dinge" (Englisch: The Miniaturist) - 2014
Eine faszinierende, fesselnde Geschichte. Wer an Magie glaubt, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Auch wer nicht an Magie glaubt, aber historische Romane mag, sollte es unbedingt lesen. Es vereint beides auf wunderbare Weise.
Der Roman erzählt die Geschichte einer reichen Amsterdamer Familie im 17. Jahrhundert und eines armen Mädchens vom Land, das in diese Familie einheiratet. Da ich selbst in einem Dorf aufgewachsen bin, kenne ich Frauen wie Nella. Die Ehefrau hat im Haus nichts zu sagen; zuerst kommt die Mutter, dann die Schwester, und wenn diese vor der Ehefrau sterben, sind es die Kinder.
Doch das ist nicht der Hauptteil der Geschichte. Das Buch ist voller Geheimnisse. Das erste Geheimnis habe ich recht früh erraten und wusste, dass noch weitere folgen würden, noch bevor das erste gelüftet wurde. Es dauerte jedoch etwas länger, bis ich erraten konnte, was als Nächstes passieren würde.
Die Autorin ließ sich vom Puppenhaus der realen Petronella Oortman inspirieren, das im Rijksmuseum in Amsterdam besichtigt werden kann. Hier ist eine Ansicht des Hauses.
Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit mit unserer Protagonistin: der Name und die Tatsache, dass sie ein Puppenhaus besaß.
Und genau das – das Puppenhaus – hat mich an dem Buch fasziniert. Ich sah das Cover, las den Klappentext (den ich immer für sehr wichtig halte) und meine Entscheidung war gefallen. Ich wollte diesen Roman unbedingt lesen.
Wir begegnen in der Geschichte vielen interessanten Charakteren, die alle sehr lebendig dargestellt sind. Die Autorin hat ein großes Talent dafür, die Menschen darin und außerhalb des Hauses zu beschreiben. Man fühlt sich fast, als wäre man selbst unter ihnen; man kann sich die Straßen Amsterdams so vorstellen, wie sie vor über 300 Jahren ausgesehen haben müssen.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es liest sich leicht, ist aber dennoch sehr informativ; es ist ein Krimi mit einem großartigen historischen Hintergrund.
Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, die Geschichte hätte auf Niederländisch geschrieben sein sollen; ich habe mich sogar dabei ertappt, wie ich die Sätze auf Niederländisch umgedeutet habe. Das ist mir noch nie passiert, was wohl ein Zeichen dafür ist, wie gut es der Autorin gelungen ist, mich in die Geschichte hineinzuziehen.
Dies ist Jessie Burtons erster Roman. Ich bin sicher, dass ich ihren nächsten lesen werde, sollte sie sich entscheiden, weiterzuschreiben. Ich hoffe es und wünsche ihr viel Glück.
"'Wenn der Schein trügt, muss man zweimal hinsehen...'
1686 zieht die achtzehnjährige Nella nach Amsterdam, wo sie mit ihrem Ehemann Johannes Brandt, einem schwerreichen Händler der Niederländischen Ostindien-Kompanie, zusammenleben wird. Damit wird ihr größter Traum wahr, doch von Anfang an verläuft die Ehe anders, als Nella gehofft hat: Am Tag, als sie in ihrem zukünftigen Zuhause ankommt, ist Johannes nicht da, um sie u´zu begrüßen. Stattdessen wird sie von seiner Schwester Marin, einer kühlen, frommen Dame, dem vorlauten Dienstmädchen Cornelia und dem afrikanischen Diener Otto in Empfang genommen. Als ihr Ehemann spätabends eintrifft, empfindet Nella ihn als einschüchternd und sehr distanziert. Ihr einziger Trost ist das Hochzeitsgeschenk, das sie von Johannes erhält: ein Puppenhaus, das eine originalgetreue Kopie ihres neuen Zuhauses ist. Da Marin, Cornelia und sogar die Hunde auf das Häuschen verstört reagieren, wird es in Nellas Schlafzimmer aufgestellt. Nachdem sie bei einem Kunsthandwerker Einrichtungsgegenstände für das Puppenhaus in Auftrag gegeben hat, werden jedoch nicht nur die bestellten Figuren geliefert, sondern auch mysteriöse Miniaturen ihrer neuen Familienmitglieder. Bald wird Nella klar, dass nicht nur die abweisende Marin etwas verbirgt, sondern auch ihr eigener Ehemann ein dunkles Geheimnis zu haben scheint..."
Brown, Eleanor "Die Shakespeare-Schwestern" (Englisch: The Weird Sisters) - 2011
"Die Shakespeare-Schwestern" (Original-Titel "Die seltsamen Schwestern") – ein weiteres Buch, das ich wahrscheinlich nie aufgeschlagen hätte, wenn es nicht der Online-Lesekreis meiner Freundin gewesen wäre. Aber genau wie "The Wednesday Sisters" (Die Mittwochsschwestern) entpuppte es sich als eine wirklich interessante Lektüre. Zunächst einmal: Die "seltsamen Schwestern" heißen gar nicht Seltsam. Ihr Nachname ist Andreas, und ihr Vater ist Professor für englische Literatur. Der Titel stammt von den drei Hexen aus "Macbeth" (Macbeth). Die Mädchen sind nach verschiedenen Figuren aus anderen Shakespeare-Stücken benannt: Rosalind aus "Wie es euch gefällt" (As you like it), Bianca aus "Der Widerspenstigen Zähmung" (The Taming of the Shrew) und Cordelia aus "König Lear" (King Lear). Ich habe keines dieser Stücke gelesen (ich bin keine große Theaterleserin), kenne aber den Inhalt von einigen.
Die Mädchen sind so unterschiedlich wie die Figuren in den Stücken selbst. Jede hat ihre eigene Art, Dinge anzugehen, ihre eigenen Träume und ihre eigenen Probleme. Nach vielen Jahren der Trennung treffen sie wieder aufeinander, um ihrer an Krebs erkrankten Mutter beizustehen.
Die Geschichte wird auf ungewöhnliche Weise erzählt, in der Wir-Perspektive, Plural. Ich glaube, ich habe noch nie ein Buch so gelesen. Die Mädchen erzählen die Geschichte gemeinsam, alle gleichzeitig. Dadurch erhält man zu jedem Thema drei verschiedene Sichtweisen, egal ob es um die Mädchen selbst, andere Personen oder Situationen geht. Das ist ein interessanter Ansatz.
Was mir an dem Buch am besten gefallen hat – und was wahrscheinlich jeder Leser am meisten liebt – ist, dass es ein Roman über Leser und das Lesen ist. Die ganze Familie liest ständig, egal was passiert, sie haben immer ein Buch dabei. An einer Stelle fragt eine Freundin Bianca, wie sie es bloß schafft, so viele Bücher zu lesen. Bianca überlegt, was sie antworten soll – dass sie immer ein Buch dabei hat, dass sie keine Zeit mit anderen Dingen verschwendet –, aber alles, was sie sagt, ist: "Ich weiß es nicht." Wahrscheinlich ist es so am einfachsten. Nur wer das schon kennt, wird es wirklich verstehen.
Jedenfalls hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es liest sich leicht, hat aber viel Tiefgang.
Buchbeschreibung:
"Rosalind, Bianca und Cordelia: Die drei eigenwilligen Schwestern – von ihrem exzentrischen Vater liebevoll nach Shakespeare-Figuren benannt – verbindet die Liebe zum Lesen. Darüber hinaus könnten sie jedoch unterschiedlicher nicht sein. Eines Sommers kehren die drei nach Hause zurück, in die kleine Universitätsstadt im Mittleren Westen. Die anfängliche Freude über das Wiedersehen währt nur kurz, denn die temperamentvollen jungen Frauen und ihre gut gehüteten Geheimnisse stellen die familiäre Harmonie auf eine harte Probe … 'Die Shakespeare-Schwestern' ist eine ebenso mitreißende wie tiefgründige, spritzige wie humorvolle Geschichte über das Los und den Segen lebenslanger Schwesternbande, die – so sehr man sich bemüht, sie zu lösen – doch allen Stürmen des Lebens standhalten."
"Ein Meer für Sarah (Sarah, Plain & Tall) - 1986 "Sarah singt wie eine Lerche" (Skylark) - 1997 "Caleb's Story" - 2001 "More Perfect Than The Moon" - 2004 Leider wurden nur die beiden ersten Bücher ins Deutsche übersetzt.
Patricia MacLachlan hat eine schöne Geschichte über eine Familie im späten 19. Jahrhundert geschrieben. Sie müssen sich mit den Schwierigkeiten auseinandersetzen, die das Leben in der amerikanischen Prärie zu jener Zeit mit sich bringt. Nachdem Annas Mutter bei ihrer Geburt stirbt, wachsen sie und ihr Bruder Caleb bei ihrem Vater in Kansas auf. Dieser schreibt an eine Heiratsvermittlung, und Sarah aus Maine antwortet. Sie kommt – zunächst auf Probe – zu ihnen.
Mir haben alle vier Bücher gefallen, und ich finde, sie sind schöne Lektüre. Sie sind zwar für Kinder zwischen 8 und 10 Jahren gedacht, aber ich denke, sie eignen sich besonders für kleine Mädchen.
Die Geschichte wurde auch mit Glenn Close und Christopher Walken in den Hauptrollen verfilmt – eine wirklich gute Besetzung.
Buchbeschreibungen:
"Nachdem sie auf eine Heiratsanzeige geantwortet hat, zieht Sarah nach Kansas, um dort mit dem jungen Wittwer und dessen Kinder probeweise zu leben. Es fällt ihr nicht leicht, das Meer an der Ostküste zu verlassen, aber trotzdem möchte sie versuchen, den Kindern Anna und Caleb ein neues Zuhause zu geben. Nach zähem Ringen gewinnt sie langsam das Vertrauen der Kinder. Auch Jakob, der sich nach dem Tod seiner Frau stark zurückgezogen hat, öffnet sich langsam der neuen Beziehung zu Sarah." (Ein Meer für Sarah)
"Aus Liebe zu ihrem Mann und seinen Kindern hat Sarah ihre geliebte Heimat verlassen. Aber als die große Dürre kommt, wird der Zusammenhalt der Familie auf eine harte Probe gestellt. Aber er erweist sich als stärker als die schlimmste Dürre." (Sarah singt wie eine Lerche)
Eco, Umberto "Der Name der Rose" (Italienisch: Il nome della rosa) - The Name of the Rose - 1980
Ich glaube, ich wollte dieses Buch lesen, seit ich das erste Mal von dem Film gehört habe. Und das ist schon ein paar Jahrzehnte her. Nun, endlich habe ich es geschafft. Aber ich weiß immer noch nicht, warum es "Der Name der Rose" heißt, aber vielleicht bleibt das für immer ein Rätsel.
Das Buch selbst ist definitiv ein Kriminalroman. Ein Kloster im 14. Jahrhundert. Ein Tod folgt dem anderen, manche erscheinen sehr verdächtig, doch bei den meisten ist klar, dass ein anderer Mensch den Tod verursacht hat. Mit anderen Worten: Ein Massenmörder treibt sein Unwesen. Zwei Mönche, die das Kloster besuchen, beginnen zu ermitteln und stoßen auf viele Verbindungen, manche schlüssig, andere eindeutig falsch.
Aber das ist nicht der spannendste Teil der Geschichte, zumindest nicht für mich. Ich bin nicht der größte Fan von Krimis. Was mich aber fasziniert, ist die Bibliothek und das Labyrinth, das sie umgibt, um zu verhindern, dass Unbefugte Bücher lesen. Wenn ihr euch für mittelalterliche Gebäude, Labyrinthe und insbesondere Bibliotheken interessiert, ist dies das ideale Buch für euch. Außerdem gibt es viele bekannte Namen und zahlreiche Anspielungen auf reale und fiktive Personen (Bruder Wilhelm von Baskerville, auch bekannt als Sherlock Holmes, der blinde Mönch Jorge von Burgos, eine Hommage an Jorge Luis Borges).
Es finden sich viele biblische Bezüge, beispielsweise die sieben Posaunen der biblischen Apokalypse, die das Ende der Welt ankündigen. Diese dienen nicht nur als Erzählstruktur, der Roman ist auch in sieben Tage unterteilt.
Die Ausführungen über die Franziskaner fand ich ebenfalls interessant. Da ich in einem Dorf mit einem Franziskanerkloster aufgewachsen bin und mein Leben lang Franziskanermönche kannte, war es mir neu, dass sie anfangs als Ketzer galten.
Ich hätte diese Abtei sehr gerne besucht und die Bibliothek wie die Protagonisten erkundet. Da mir dies aber nicht möglich ist, werde ich das Buch wohl noch einmal lesen müssen. Was ich ganz sicher eines Tages tun werde.
Wer sich für das Mittelalter, für Bücher, für Kriminalromane oder für Klassiker interessiert, sollte es auch lesen.
Buchbeschreibung:
"Daß er in den Mauern der prächtigen Benediktinerabtei an den Hängen des Apennin das Echo eines verschollenen Lachens hören würde, das hell und klassisch herüberklingt aus der Antike, damit hat der englische Franziskanermönch William von Baskerville nicht gerechnet. Zusammen mit Adson von Melk, seinem etwas tumben, jugendlichen Adlatus, ist er in einer höchst delikaten politischen Mission unterwegs. Doch in den sieben Tagen ihres Aufenthalts werden die beiden mit kriminellen Ereignissen und drastischen Versuchungen konfrontiert: Ein Mönch ist im Schweineblutbottich ertrunken, ein anderer aus dem Fenster gesprungen, ein dritter wird tot im Badehaus gefunden. Aber nicht umsonst stand William lange Jahre im Dienste der heiligen Inquisition. Das Untersuchungsfieber packt ihn. Er sammelt Indizien, entziffert magische Zeichen, entschlüsselt Manuskripte und dringt immer tiefer in ein geheimnisvolles Labyrinth vor, über das der blinde Jorge von Burgos wacht."