Donnerstag, 21. Mai 2026

Orsenna, Erik "Die Grammatik ist ein sanftes Lied"

Orsenna, Érik "Die Grammatik ist ein sanftes Lied" (Französisch: La grammaire est une chanson douce) - Grammar Is a Sweet, Gentle Song - 2001

Ein interessantes Buch. Ein ungewöhnliches Buch. Ein Grammatikbuch. Eine Geschichte.

Eine interessante Geschichte, die Grammatik nicht nur Kindern, sondern auch Französischlernenden erklärt. Ich kann die Übersetzung nicht beurteilen, da Grammatik nicht in jeder Sprache gleich ist.

Dennoch ist es eine wunderschön geschriebene Geschichte über zwei Kinder, die ihre Muttersprache neu entdecken. Viele Wortspiele, viele Hintergrundinformationen. Mir hat das Buch gefallen und ich empfehle es jedem, der sich für Sprachen interessiert. Eine sehr kreative und fantasievolle Geschichte mit wunderschönen Illustrationen.

Ich habe das Buch im französischen Original gelesen.

Buchbeschreibung:

"Die 10-jährige Französin Jeanne hat einen streitbaren Namen. Wie Jeanne d'Arc eben, oder jene Jeanne die Axt, die gegen Karl den Kühnen zu Felde zog. Und streitbar ist auch Die Grammatik ist ein sanftes Lied des französischen Autors Erik Orsenna, dessen deutsche Ausgabe von Wolf Erlbruch großartig illustriert worden ist. Um nichts weniger geht es als um die Rettung der Liebe zur Sprache und ihrer zauberhaften Gesetze. Dies begreift Jeanne, als sie bei einer Reise über den Atlantik mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Thomas auf einer Insel strandet, in der neben Menschen auch Wörter hausen. Jeanne und Thomas haben ihre Sprache verloren und müssen sie neu erlernen -- und finden auf dem Eiland überaus kompetente Lehrmeister dazu.

Die Franzosen haben seit jeher ein besonderes Verhältnis zu ihrer Muttersprache, um deren Erhalt sich der Staat in besonderem Maße gewappnet hat. So war es offenbar das besondere Ansinnen Erik Orsennas, auch kleine Französinnen und Franzosen zur nationalen Sprachliebe zu erziehen.
Die Grammatik ist ein sanftes Lied ist stark von diesem Geist geprägt. Aber Sprachliebe ist ja nicht verwerflich. Und auch jenseits didaktischer Impulse ist Orsennas Buch überaus lesenswert. Ein besonderes Lob ist dabei vor allem auch der Übersetzerin Caroline Vollmann auszusprechen, die den Text nicht nur adäquat und flüssig ins Deutsche übertragen, sondern ihn auch an die Eigenheiten der heimischen Grammatik angepasst hat. Und das ergab in manchen Passagen fast schon wieder ein neues Buch."

Mittwoch, 20. Mai 2026

Doerr, Anthony "Alles Licht, das wir nicht sehen"

Doerr, Anthony "Alles Licht, das wir nicht sehen" (Englisch: All the Light We Cannot See) - 2014

In den letzten Jahren habe ich die jeweils neuesten Pulitzerpreisträger (deutsche Beschreibungen hier) gelesen und war meist sehr angetan. Deshalb musste ich auch dieses Buch lesen. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Anthony Doerr ist es gelungen, eine ganz besondere Kriegsgeschichte zu schreiben – eine Geschichte über die einfachen Leute auf beiden Seiten des Krieges, über diejenigen, die kaum etwas zu sagen hatten zu dem, was ihnen widerfuhr, und die den höchsten Preis zahlten. Er erzählt die Geschichte eines deutschen Waisenjungen und eines blinden französischen Mädchens, die beide unter den Folgen des Krieges leiden, die wahrscheinlich noch nicht einmal zur Schule gingen, als die Wahl in Deutschland über ihr Schicksal entschied, und die den höchsten Preis dafür zahlen mussten.

Die Geschichte ist fesselnd, der Schreibstil sorgfältig und zugleich wunderschön, die Charaktere werden liebevoll beschrieben. Dies ist eines jener Bücher, die man am liebsten langsam lesen möchte, weil man hofft, dass es nie endet. Denn obwohl man auf ein gutes Ende hofft, fürchtet man gleichzeitig ein schlechtes.

Ich wünschte, es gäbe mehr Bücher wie dieses, denn sie könnten den Menschen von heute vermitteln, wie es gewesen sein mag, damals in Deutschland zu leben, dass nicht alle Deutschen Nazis waren und dass selbst diejenigen, die es waren, oft keine Wahl hatten.

Ein brillantes Buch, das ich jedem wärmstens empfehlen kann.

Buchbeschreibung:

"Saint-Malo 1944: Marie-Laure, ein junges, blindes Mädchen, ist mit ihrem Vater, der am 'Muséum National d’Histoire Naturelle' arbeitet, aus dem besetzten Paris zu ihrem kauzigen Onkel in die Stadt am Meer geflohen. Einst hatte er ihr ein Modell der Pariser Nachbarschaft gebastelt, damit sie sich besser zurechtfinden kann. Nun ist in einem Modell der Hauptstadt, das er in Saint-Malo gebaut hat, der vielleicht kostbarste Schatz aus dem Museum versteckt, den auch die Nazis jagen.

Werner Hausner, ein schmächtiger Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet, wird wegen seiner technischen Begabung gefördert, auf eine Napola geschickt und dann in eine Wehrmachtseinheit gesteckt, die mit Peilgeräten Feindsender aufspürt, über die sich der Widerstand organisiert. Während Marie-Laures Vater von den Deutschen verschleppt und verhört wird, dringt Werners Einheit nach Saint-Malo vor, auf der Suche nach dem Sender, über den Etienne, Marie-Laures Onkel, die Résistance mit Daten versorgt …

Kunstvoll und spannend, mit einer wunderschönen Sprache und einem detaillierten Wissen um die Kriegsereignisse, den Einsatz des Radios, Widerstandscodes, Jules Verne und vieles andere erzählt Anthony Doerr mit einer Reihe unvergesslicher Figuren eine Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg, und vor allem die Geschichte von Marie-Laure und Werner, zwei Jugendlichen, deren Lebenswege sich für einen folgenreichen Augenblick kreuzen."

Anthony Doerr erhielt 2016 den Pulitzer-Preis für "All the Light We Cannot See".

Es wurden auch einige Bücher erwähnt/gelesen.

Darwin, Charles "The Voyage of the 'Beagle'" - Die Fahrt der 'Beagle'
Hertz, Heinrich "The Principles of Mechanics" - Die Prinzipien der Mechanik
Verne, Jules "Around the World in Eighty Days" - Reise um die Welt in 80 Tagen
Verne, Jules "Twenty Thousand Leagues Under the Sea" - 20.000 Meilen under dem Meer

Montag, 18. Mai 2026

Grann, David "Der Untergang der Wager"

Grann, David "Der Untergang der "Wager: Eine wahre Geschichte von Schiffbruch, Mord und Meuterei" (Englisch: The Wager: A Tale of Shipwreck, Mutiny and Murder) - 2023

Was für eine interessante Geschichte! Nicht nur wegen des Schicksals dieses Schiffes, sondern auch wegen des Lebens an Bord zu jener Zeit. Ich habe schon einige Bücher über Seereisen gelesen (z. B. Master and Commander/Kurs auf Spaniens Küste), und sie sind immer spannend. Dieses Buch handelt vom Leben auf einem Schiff während eines Krieges, von einem Schiffbruch und einer Meuterei. Das ist der Hintergrund vieler Romane aus dieser Zeit, in denen Seeleute vorkommen. Ich denke da besonders an die Geschichten von Jane Austen, deren Brüder Seeleute waren und die in den meisten ihrer Bücher neben Geistlichen (die ihren Vater und einen Bruder repräsentierten) auch Seeleute einfließen ließ. Dieses Buch ergänzt diese Erzählungen.

Wenn ihr also mehr über das Leben auf diesen Schiffen erfahren möchtet, ist dieses Buch genau das Richtige.

Ach ja, habe ich schon erwähnt, dass es auf einer wahren Begebenheit beruht?

Buchbeschreibung:

"Im Januar 1742 wird ein windschiefes Segelboot an die Küste Brasiliens gespült. An Bord 30 Männer, die einzigen Überlebenden des königlichen Eroberungsschiffs 'The Wager', das in einem Sturm zerschellt ist. Sechs Monate später landen drei Schiffbrüchige an der Küste Chiles und behaupten, die 30 Männer seien Meuterer, die sich den königlichen Befehlen widersetzt und skrupellos gemordet hätten… Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Das soll ein britisches Kriegsgericht entscheiden. Es geht um Leben oder Tod. David Grann spinnt aus dem Archivmaterial eines historischen Kriminalfalls eine Erzählung so packend und atmosphärisch dicht wie ein Abenteuerroman erster Güte. Schuld und Unschuld, Treue und Verrat liegen eng beieinander, und am Ende kommt eine schockierende Wahrheit zutage."

Samstag, 16. Mai 2026

Whitehead, Colson "Die Nickel Boys"

Whitehead, Colson "Die Nickel Boys" (Englisch: The Nickel Boys) - 2019

Nachdem ich seinen ersten Pulitzerpreis-gekrönten Roman "The Underground Railroad" (Underground Railroad) gelesen hatte, war ich begeistert zu hören, dass Colson Whitehead diese Auszeichnung zum zweiten Mal erhalten hat. Völlig verdient, absolut verdient.

Da mir sein letztes Buch so gut gefallen hatte, wusste ich, dass ich auch dieses lesen musste. Und es hat sich absolut gelohnt. Es ist nicht einfach nur die Geschichte eines jungen schwarzen Jungen, der in den Sechzigerjahren aufwächst, oder ein Buch darüber, was mit jungen Straftätern passiert, wenn sie erwischt werden. Nein, es ist die Geschichte davon, wie man im Leben keine Chance hat, wenn man mit der "falschen" Hautfarbe geboren wird. Man wird für etwas verurteilt, das man nicht getan hat, und von da an geht es bergab. Und niemand hilft einem, wieder aufzustehen.

Ich habe viele Bücher über Rassismus (siehe meine Liste "Anti-Racism") und Vorurteile gelesen, und oft kann man nachempfinden, was die Verurteilten erleiden. Aber Colin Whitehead hat es viel deutlicher gemacht, fast so, als wäre man selbst in Elwood Curtis' Lage. Die Details sind so gut geschrieben, dass man sich mit dem Protagonisten verbunden fühlt.

Die Jury nannte den Roman "eine schlichte und erschütternde Auseinandersetzung mit dem Missbrauch in einer Besserungsanstalt im Florida der Jim-Crow-Ära, die letztlich eine kraftvolle Geschichte von menschlicher Beharrlichkeit, Würde und Erlösung erzählt." (übersetzt von: a spare and devastating exploration of abuse at a reform school in Jim Crow-era Florida that is ultimately a powerful tale of human perseverance, dignity and redemption) Treffend formuliert, sehr präzise. Ein so schmerzhafter Bericht über das Leben, das so viele Menschen noch immer ertragen müssen.

Eine tiefgründige Geschichte, die jeden Leser nicht loslässt.

Colson Whitehead erhielt 2020 den Pulitzer-Preis für "The Nickel Boys". Er ist einer von nur vier Preisträgern, denen diese Auszeichnung zweimal verliehen wurde.

Buchbeschreibung:

"Florida, Anfang der sechziger Jahre. Der sechzehnjährige Elwood lebt mit seiner Großmutter im Schwarzen Ghetto von Tallahassee und ist ein Bewunderer Martin Luther Kings. Als er einen Platz am College bekommt, scheint sein Traum von gesellschaftlicher Veränderung in Erfüllung zu gehen. Doch durch einen Zufall gerät er in ein gestohlenes Auto und wird ohne gerechtes Verfahren in die Besserungsanstalt Nickel Academy gesperrt. Dort werden die Jungen missbraucht, gepeinigt und ausgenutzt. Erneut bringt Whitehead den tief verwurzelten Rassismus und das nicht enden wollende Trauma der amerikanischen Geschichte zutage. Sein neuer Roman, der auf einer wahren Geschichte beruht, ist ein Schrei gegen die Ungerechtigkeit."

Whitehead, Colson "Underground Railroad"

Whitehead, Colson "Underground Railroad" (Englisch: The Underground Railroad) - 2016

Ich habe schon einige Bücher über die Underground Railroad, das Leben von Sklaven und ihren Besitzern gelesen, aber keines hat das Leben einer Flüchtling so eindrücklich geschildert wie dieses.

Mir haben alle Pulitzerpreisträger der letzten Jahre gefallen, und dieses Buch bildet da keine Ausnahme. Eine großartige Geschichte – Cora, eine Sklavin, versucht, ihrem gewalttätigen "Herrn" zu entkommen. Die Beschreibungen aller Beteiligten sind brillant: der Sklaven, ihrer Helfer, der einfachen Menschen, die es einfach nicht richtig finden, andere Menschen zu besitzen – und ihrer Feinde: der Sklavenhalter, der Sklavenfänger und all jener, die sich aufgrund ihrer helleren Hautfarbe für etwas Besseres halten. Was kann einen denn schon dazu bringen, zu glauben, die Hautfarbe sage etwas über einen aus, außer dass man  viel leichter einen Sonnenbrand bekommt je heller die Haut ist?

Aber zurück zum Buch. Die Geschichte wird aus vielen Perspektiven erzählt, wir lernen sogar die Gegenspieler recht gut kennen, was sie uns aber nicht unbedingt sympathischer macht. Keine der Erzählungen ist in der Ich-Perspektive verfasst. So identifizieren wir uns mit keiner der Figuren, wie es vielleicht der Fall gewesen wäre, wenn die Geschichte so geschrieben worden wäre. Trotzdem konnte ich mich viel besser mit Cora und den anderen Sklaven und Opfern identifizieren als mit der Gegenseite. Ich stehe immer auf der Seite der Schwächeren.

Vor der Lektüre dieses Buches hatte ich die Underground Railroad nie wirklich als unterirdische Eisenbahn betrachtet, buchstäblich unter der Erde. Aber es bildet einen schönen Hintergrund für die Geschichte.

Auf jeden Fall ein brillantes Buch. Ich würde gerne mehr von diesem großartigen Autor lesen.

Buchbeschreibung:

"Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht – doch wie und wohin? Da hört Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangt sie in den Untergrund und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben und Kopfgeldjägern, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit?

Underground Railroad ist ein Manifest über die Menschlichkeit und zugleich eine virtuose Abrechnung damit, was es bedeutete und immer noch bedeutet, in Amerika schwarz zu sein.

Ausgezeichnet mit dem National Book Award und Pulitzer Prize und ein Jahr ununterbrochen auf der New York Times-Bestsellerliste."

Colson Whitehead erhielt den Pulitzer Preis for "Underground Railroad" in 2017.

Freitag, 15. Mai 2026

Eliade, Mircea "Hochzeit im Himmel"

Eliade, Mircea "Hochzeit im Himmel" (Rumänisch: Nuntă în cer) - Marriage in Heaven - 1938

Ein interessanter Roman. Ziemlich philosophisch. Zwei Männer erinnern sich an ihr Leben und ihre Begegnung mit einer besonderen Frau. Beide haben unterschiedliche Fantasien und Ansichten, aber beide haben kein Glück in der Liebe und öffnen einander ihr Herz. Ob so ein Gespräch im wirklichen Leben stattfinden könnte, weiß ich nicht. Vielleicht zwischen zwei Fremden, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Jedenfalls war es sehr interessant, den beiden Männern und ihrer Sicht auf Beziehungen zuzuhören. Es lohnt sich unbedingt, dies zu lesen. Ich war absolut begeistert.

Der Autor war ein rumänischer Religionshistoriker, Philosoph und Schriftsteller. Sein Hintergrund hat sein Schreiben sicherlich beeinflusst.

Buchbeschreibung:

"'Hochzeit im Himmel' ist ein Roman des rumänischen Schriftstellers Mircea Eliade aus dem Jahr 1938. Er besteht aus dem Briefwechsel zweier unglücklicher Männer: dem einen, dessen Geliebte sich Kinder wünschte, er aber nicht, und dem anderen, der von einer Frau verlassen wurde, die keine Kinder wollte, er aber schon."

Donnerstag, 14. Mai 2026

Butler, Octavia E. "Verbunden"

Butler, Octavia E. "Verbunden" oder "Vom gleichen Blut" (Englisch: Kindred) - 1979

Ich bin kein Fan von pseudowissenschaftlichem Hokuspokus. Ich glaube nicht an Zeitreisen, egal wie Autoren sie gerne erklären und in ihre Geschichten einweben.

Mir gefiel jedoch der Teil, in dem Dana, die Hauptfigur, in die Zeit vor dem Bürgerkrieg zurückreist. Die Beschreibung dieser Zeit fand ich gelungen. Hätte sich Octavia E. Butler auf diese Zeit beschränkt, wäre es ein brillantes Buch geworden. Sie versteht es zu schreiben, sie versteht es, eine Geschichte zu erzählen – darauf hätte sie sich konzentrieren sollen.

Buchbeschreibung:

"USA, 1976. Die junge Schwarze Schriftstellerin Dana zieht mit ihrem weißen Ehemann Kevin in eine neue Wohnung. Doch schon beim Einzug wird sie urplötzlich und gegen ihren Willen ins Jahr 1815 versetzt – auf eine Plantage in den US-amerikanischen Südstaaten. Dort rettet sie Rufus, dem Sohn des Sklavenhalters, das Leben. Rufus hat die Fähigkeit, sie durch Raum und Zeit herbeizurufen, wenn er in Gefahr ist. Dana muss das Trauma ihrer Vorfahren durchleben – und um ihre Freiheit in Vergangenheit und Gegenwart kämpfen."