Freitag, 13. März 2026

Johnson, Adam "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do"

Johnson, Adam "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" (Englisch: The Orphan Master's Son) - 2012 

Ein schwer zu lesendes Buch. Und das nicht nur wegen des Themas. Adam Johnson wechselt die Erzähler. Nicht so wie Wilkie Collins, er wechselt sogar die Charaktere. Sie werden zu völlig anderen Menschen und sind dann wieder sie selbst. Man weiß nie, wer wer ist.

Trotzdem lohnt es sich, das Buch zu lesen. Die Einblicke, die es in das nordkoreanische Leben gewährt, sind immens. Und der Grund, warum das Buch so verwirrend ist, liegt wahrscheinlich darin, dass diese Art von Leben genauso ist. Pak Jun Do wächst in einem Waisenhaus auf, obwohl er noch seinen Vater hat, der aber der Waisenmeister ist. Jun Do (auf Koreanisch "John Doe", soviel wie Otto Normalverbraucher oder Max Mustermann auf deutsch) tritt dem Militär bei, und von da an ist sein Weg so seltsam wie das ganze Buch. Er wird auf Entführungsmissionen nach Japan und auf diplomatische Reisen nach Texas geschickt, dann übernimmt er den Platz eines wichtigen Politikers und wird mit dessen Frau verheiratet.

Je weiter man im Buch voranschreitet, desto mehr wird einem bewusst, wie verstörend das Leben in einer Diktatur sein kann. Ich erinnere mich an einen Ausflug zu einem Schloss in meiner Schulzeit, wo uns die Folterkammern gezeigt wurden, mit der Bemerkung, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Nun, wenn man dieses Buch (oder andere Bücher über ähnliche Länder) liest, ist man erstaunt, wie viele Möglichkeiten Menschen finden, andere Menschen zu misshandeln und zu foltern. Es ist unglaublich.

Also kein Buch für Leichtsinnige und kein Buch, das man in ein oder zwei Tagen lesen möchte. Kaum eine Seite, die nicht den Glauben an das Gute im Menschen erweckt, kaum eine Seite, die einem Hoffnung für die armen Seelen gibt, die unter diesen Umständen leben müssen.

Natürlich hat der Autor nie in Nordkorea gelebt, sondern es nur einmal besucht, und das war wahrscheinlich kein Besuch, bei dem er sich frei bewegen und mit jedem sprechen konnte. Daher müssen wir uns wohl auf seine anderweitigen Recherchen verlassen. Ich glaube nach wie vor, dass dies keine reine Fiktion ist.

Buchbeschreibung:

"Pak Jun Do hat noch nie einen Film gesehen, kaum je ein Werbeplakat, er findet es merkwürdig, dass woanders Leute Tiere im Haus halten, und wundert sich über Maschinen, die Geld auswerfen. Er kennt keine Ironie, keine Kunst, keine Mode und keine Magazine. Aufgewachsen im nordkoreanischen Waisenhaus Frohe Zukunft, ist er ein winziges Rädchen im großen Getriebe der absurd-grausamen Herrschaft des 'Geliebten Führers' Kim Jong Il. Nur ein falsches Wort kann jeden sofort ins Lager bringen.

Doch mit der Zeit beginnt Jun Do an etwas zu glauben, was stärker ist als Staatstreue: Freundschaft und Liebe. Als er die Schauspielerin Sun Moon trifft, lernt er das bedingungslose Vertrauen in einen anderen Menschen kennen. Und nur dafür lohnt es sich zu überleben.
"

Adam Johnson erhielt 2013 den Pulitzerpreis für diesen Roman. 

Donnerstag, 12. März 2026

Fischer, Penny "222 Anzeichen, dass du Bücher liebst"

Fischer, Penny "222 Anzeichen, dass du Bücher liebst" [222 signs that you love books] - 2025

Ein komisches Buch. Die Beschreibung sagt mehr als der Inhalt. Mir gefiel der Titel und die Zeichnung. Ich dachte, das sei eins dieser Bücher, bei denen man herzlich lachen kann.

Na ja, manchmal vertut man sich. Die Zeichnungen im Buch waren genauso nett wie das Cover. Wer diese allerdings gezeichnet hat, bleibt genauso rätselfhaft wie irgendwelche Informationen zu der Autorin zu erhalten. Der Name steht auch nur ganz klein hinten auf der letzten Seite. Aber immerhin.

Viele Ausdrücke sind wirklich nicht allgemeinverständlich. Daher dachte ich zunächst, die Autorin sei Österreicherin. Ist natürlich immer noch möglich, aber ich glaube es nicht.

Nur ein paar Beispiele, es gibt hunderte davon.

Ständig wird von Buchmarken gesprochen. Erst habe ich aufgrund des Kontextes gedacht, sie meint Lesezeichen, bis dann irgendwann doch dieses Wort vorkommt und ich darauf gekommen bin, dass sie wohl von Exlibris spricht.

Das Kapitel "E-Book oder Hardcover?" gibt zum Beispiel nur die Alternativen elektronisches und gebundenes Buch. Hat die Autorin noch nie von Taschenbüchern gehört???

Die Grammatik lässt auch arg zu wünschen übrig. Google Autokorrektur reicht eben doch nicht für ein fehlerfreies Buch. Vielleicht hätte ein Redakteur oder Lektor mal drüberschauen sollen.

Das Schlimmste war jedoch, dass ganze Absätze doppelt sind, andere dann fehlen. Auch das hätte ein zweites Paar Augen erkennen können.

Alles in allem, eines der schlechtesten Bücher, die ich seit langem in der Hand gehabt habe.

Buchbeschreibung:

"Das ideale Geschenk für alle, die Bücher nicht nur lesen – sondern leben!

Dieses Buch ist alles – nur nicht leise und literarisch ernst! Hier geht’s nicht um Goethe-Analysen, perfekte Leselisten oder tiefenpsychologische Charakterstudien, sondern um das wunderbar schräge, witzige und herrlich übertriebene Alltagsleben von echten Bücherliebhabern.

222 Anzeichen, dass du Bücher liebst ist eine humorvolle Hommage an alle, die sich zwischen SUB-Kollaps, Buchkaufrausch, literarischen Crushes und dem Duft von alten Seiten einfach pudelwohl fühlen. Vollgepackt mit ironisch-liebevollen Beobachtungen, skurrilen Wahrheiten und charmantem Leserhumor – ein Muss für alle, die sich lieber in Büchern verlieren als in Gesprächen über Wetter.

Wenn du weißt, wie es ist, nur kurz in die Buchhandlung zu gehen und mit drei neuen Romanen, einem Lesezeichen und schlechtem Gewissen (aber großer Freude!) wieder rauszukommen – dann ist dieses Buch für dich. Und keine Sorge: Wenn du auf der Suche nach tiefschürfender Literaturkritik bist, bist du hier falsch. Dieses Buch ist für alle, die das Chaos, den Wahn und die Liebe zum Lesen mit einem fetten Augenzwinkern feiern.

Was dieses Buch ausmacht:

📚 Literaturwahnsinn zum Schmunzeln:

Wusstest du, dass manche Buchliebhaber ihren SUB benennen wie ein Haustier? Oder dass du laut Statistik keine 400 Jahre alt wirst, um all deine ungelesenen Bücher zu schaffen?

😂 Alltagsnaher Humor für Leseratten:

Erkenne dich wieder beim 'Nur noch ein Kapitel'-Versprechen, das in eine durchlesene Nacht eskaliert – inklusive Lesekater am nächsten Morgen.

🎁 Perfekt zum Verschenken (oder Selbstbehalten):

Egal ob zum Geburtstag, für die beste Freundin oder den Kollegen mit dem Buchabo – dieses Buch bringt Vielleser zum Lachen, Nicken und Weiterblättern.

Dieses Buch ist für dich, wenn…
… du dein Bücherregal öfter neu sortierst als deinen Kleiderschrank.
… du schon mal ein Buch doppelt gekauft hast – aus Versehen.
… du Zitate aus Romanen im Alltag verwendest, als wären sie Lebensweisheiten.
… du das perfekte Geschenk für eine Leseratte suchst, die sich zwischen Kaffee, Leselampe und Lesezeichen am wohlsten fühlt.

Das perfekte Geschenk für alle Buchverrückten!

Ob zum Geburtstag, Weihnachten oder einfach als kleine literarische Aufmerksamkeit – dieses Buch sorgt für lautes Lachen, überraschende Aha-Momente und das warme Gefühl: Ich bin nicht allein mit meinem Bücherwahn. Keine trockene Theorie, sondern 222 liebevoll-ironische Anzeichen, dass du dem schönsten Hobby der Welt verfallen bist."

Mittwoch, 11. März 2026

Turgenjew, Iwan Sergejewitsch "Väter und Söhne"

Turgenjew, Iwan Sergejewitsch "Väter und Söhne" (Russisch: Отцы и дети/Otzy i deti) - Fathers and Sons - 1862

Ich liebe russische Autoren, wie alle meine Freunde wissen. Aber ich hatte noch nie ein Buch von Turgenjew gelesen. 

War es so gut wie die meisten anderen russischen Autoren, die ich gelesen habe? Ja, absolut. Ich fand es hervorragend, über das Leben in Russland Mitte des 19. Jahrhunderts zu lesen, als sich die Zeiten zu ändern begannen, die Bauern mehr Freiheiten erlangten, die Leibeigenschaft langsam abgeschafft und die gesamte Gesellschaftsordnung in Frage gestellt wurde.

Fast alle Arten von Charakteren wurden in diesem Buch beschrieben: verschiedene Altersgruppen, unterschiedlicher sozialer Status, unterschiedliche Bildung, verschiedene Haushalte, Stadt und Land, Studenten und Bauern, Eltern und Kinder, Frauen und Männer (was in solchen Büchern nicht oft vorkommt).

Laut Wikipedia gilt dies als der erste moderne russische Roman. Das kann ich gut nachvollziehen. Der Wandel stand bevor, und dem Autor gelang es, diese Situation zu Papier zu bringen.

Auf jeden Fall kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen. Und zwar nicht nur allen, die Klassiker und/oder russische Literatur lieben.

Buchbeschreibung:

"Russland im Jahr 1859. Der Zar geht auf gesellschaftliche Änderungen ein und schafft die Leibeigenschaft ab. Doch die junge Generation will weiterreichende Reformen. Iwan Turgenjew zeigt im Roman 'Väter und Söhne' den Kampf um die 'richtige' Gesellschaftsform für Russland anhand eines zeittypischen Generationskonflikts auf.

Der Sohn eines Gutsbesitzers kommt gemeinsam mit einem guten Freund und vielen neuen Ideen von der Universität zurück auf den Gutshof seines Vaters. Der Gutsbesitzer gehört der zwar freiheitlich beeinflussten, im Kern aber traditionsorientierten älteren Generation an. Er ist an der Einhaltung guter Sitten und der Achtung von Autoritäten orientiert. Auch einen Hang zur Romantik teilt er mit vielen Älteren. Die revolutionäre Jugend lehnt Tradition, Wohlverhalten und Romantik kategorisch ab. Es kommt zu heftigen Diskussionen.

Iwan Turgenjew greift in 'Väter und Söhne' mit feiner Beobachtungsgabe jenen Zeitgeist auf, der wenige Jahrzehnte später zur russischen Revolution führen sollte. Die Diskussion um 'Väter und Söhne' verlief schon kurz nach der Veröffentlichung so heftig, dass Iwan Turgenjew Russland verließ."

Dienstag, 10. März 2026

Binet, Laurent "HHhH: Himmlers Hirn heißt Heydrich"

Binet, Laurent "HHhH: Himmlers Hirn heißt Heydrich" (Französisch: HHhH) - HHhH - 2010

"HHhH", der französische Titel ist identisch mit dem englischen, der deutsche hat einen Zusatz, der die seltsamen Buchstaben erklärt: "Himmlers Hirn heißt Heydrich".

Die Geschichte handelt nicht von Hitler oder Himmler, sondern von Reinhard Heydrich, einem hochrangigen deutschen Nazi-Offizier, und Jozef Gabčík, einem slowakischen Soldaten, sowie Jan Kubiš, einem tschechischen Soldaten, und ihrer "Operation Anthropoid", deren Ziel die Ermordung Heydrichs war.

Heydrich war Mitglied des SD (Sicherheitsdienst, Teil der SS). Der unbekanntesten und unheilvollsten aller Nazi-Organisationen. Einschließlich der Gestapo. Er erfand nicht nur den gelben Stern, der von allen Juden getragen werden sollte, sondern entwarf auch die Gaskammern. Unnötig zu erwähnen, dass er als der gefährlichste Mann im Dritten Reich galt; man nannte ihn den "Henker von Prag", den "Schlächter" und das "Blonde Biest". Nicht gerade ein Titel, den sich ein vernünftiger Mensch wünschen würde.

Laurent Binet hat eine einzigartige Möglichkeit gefunden, die Erzählung einer Sachgeschichte mit einem Teil einer Autobiografie zu verbinden und daraus einen Roman zu machen. Er nennt es angeblich den Infraroman. Eine interessante Art, das Thema zu behandeln, und eine großartige Möglichkeit, den Leser an die Charaktere des Buches zu gewöhnen. Es mag etwas gewöhnungsbedürftig sein, dass er von der ersten zur dritten Person springt, aber ich mag seinen Stil wirklich.

Auch wenn ihr nichts mehr über den Zweiten Weltkrieg oder die Nazis lesen möchtet, solltet ihr dieses Buch lesen. Es steckt viel Herz darin und ist gleichzeitig sehr informativ.

Er beginnt mit: "Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Eine wahre Geschichte. Eine Geschichte, die du vielleicht kennst, aber nur flüchtig." und so macht er weiter und spricht mit dem Leser, als wäre er im selben Raum.

Und ich schließe mit einem weiteren Zitat:
"Erinnerung nützt nichts den Erinnerten, sondern nur denen, die sich erinnern." Erinnern wir uns also.

Buchbeschreibung:

"HHhH
HIMMLERS HIRN HEISST HEYDRICH

Die NS-Geschichte pointiert als Groteske. Wie ein Detektiv verfolgt Binet die vielen Spuren, die zu dem Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag führen. Immer wieder kommt er dabei auf seine Rolle als Erzähler zurück. Gibt es überhaupt eine historische Wahrheit, und wie kann man über sie schreiben?

Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt du Premier Roman

Beim Spaziergang durch Prag entdeckt der Autor an der Krypta eine Gedenktafel für tschechische Widerstandskämpfer. Sie versteckten sich dort nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich – bis deutsche Soldaten, nachdem sie auf der Suche nach ihnen schon ganz Prag auf den Kopf gestellt hatten, die Krypta fluten ließen.

Der Ich-Erzähler Binet ist so elektrisiert von dieser Geschichte, dass er beschließt, von Paris nach Prag zu ziehen und ihr nachzugehen.

Er verfolgt die sich kreuzenden Spuren der Nationalsozialisten und Widerstandskämpfer im Frühsommer 1942 in Prag. Der Chef der Gestapo Reinhard Heydrich soll von dem Tschechen Josef Gabčik, der an den braven Soldaten Schwejk erinnert, auf offener Straße erschossen werden. Doch als der Mercedes mit Heydrich naht, klemmt der Abzug ...

Ein freches und mutiges Buch, das man lachend und weinend zugleich liest."

Einige der Bücher, die der Autor erwähnt:
Burgess, Alan "Seven Men at Daybreak" [Sieben Mann bei Sonnenaufgang]
Flaubert, Gustave "Salammbô" (Salambo)
Harris, Robert "Fatherland" (Vaterland) - 1992
Sand, George "Jean Zizka" [Jan Žižka]
Schmitt, Éric-Emmanuel "La Part de l'autre" (Adolf H. Zwei Leben)
Vollmann, William T. "Europe Central" (Europe Central)

Montag, 9. März 2026

Jacobsen, Roy "Das Dorf der Wunder"

Jacobsen, Roy "Das Dorf der Wunder" (Norwegisch: Hoggerne) - The Burnt-Out Town of Miracles - 2005

In der Beschreibung heißt es: "'Die ausgebrannte Stadt der Wunder' ist kein Roman über den Krieg, sondern über das Leben einfacher Menschen, die in den Krieg hineingezogen werden." Stimmt. Ich denke, das macht diesen Roman so interessant. Ich weiß wenig über Finnland während des Krieges. Ich schätze, dies gilt für die meisten Nicht-Finnen. Wir wissen von der Besetzung Norwegens und Dänemarks, von der Invasion Polens, von den Kämpfen zwischen Deutschen und Russen, von den baltischen Staaten, aber über Finnland während des Krieges wird sehr wenig gesprochen, obwohl es zwei große Kämpfe mit den Russen hatte, im Winterkrieg 1939/40 und im Fortsetzungskrieg 1941/44, also mehr oder weniger während des größten Teils des Weltkrieges. Wahrscheinlich, weil über Finnland im Allgemeinen sehr wenig gesprochen wird.

Timo ist ein Holzfäller, der in Suomussalmi im Nordosten Finnlands lebt und 1939 zusammen mit den anderen Einwohnern aufgefordert wird, sein Dorf zu verlassen. Aber er widersetzt sich. Er ist der Einzige, der nicht gehorcht, er brennt sein Haus nicht nieder und bleibt.

Als die sowjetischen Soldaten eintreffen, ist er der Einzige, der ihnen zeigen kann, wie man den harten Winter überlebt.

Obwohl Timo, gelinde gesagt, nicht gerade für seine Intelligenz bekannt ist (im Gegenteil, er gilt als Dorftrottel), ist er ein mutiger Charakter, jemand, der zum Überleben geboren wurde. Er erzählt die Geschichte, man spürt seine Entschlossenheit, nicht nachzugeben, nicht dem finnischen Befehl, nicht den Sowjets. Er ist Timo, und er ist der Einzige, der ihm Befehle gibt. Er ist einer dieser kleinen Helden, von denen wir nichts hören, ohne die die Menschheit aber nicht überleben würde.

Ein gutes Buch, das viel zum Nachdenken anregt.

Buchbeschreibung:

"Das Dorf der Wunder ist eine anrührende Parabel über die ehrliche Macht des Einfachen.

In seiner Heimat Norwegen gilt der Bestsellerautor Roy Jacobsen als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. 

Dem Autor gelingt ein feinfühliger und lakonischer Roman über einen Sonderling, der zufällig zum Helden wird. Eine wunderschöne Erzählung über wärmende Mitmenschlichkeit in der klirrenden Kälte Finnlands."

Samstag, 7. März 2026

See, Lisa "Eine himmlische Liebe"

See, Lisa "Eine himmlische Liebe" (Englisch: Peony in Love) - 2007 

Dies ist eine zauberhafte Geschichte über ein junges Mädchen namens Peony, das im 17. Jahrhundert lebt. Ich habe viele Bücher über China gelesen, historische und zeitgenössische, fiktionale und Sachbücher, aber dieses Buch hat mich in eine völlig neue Welt entführt. Der Roman erklärt nicht nur alte chinesische Geschichten und das Theater, ja die gesamte chinesische Kunst, sondern auch andere Traditionen, wie etwa die arrangierten Ehen und vor allem die chinesische Vorstellung vom Leben nach dem Tod. Außergewöhnlich.

Durch Peony erfahren wir viel über die Oper "Der Päonien-Pavillon" (The Peony Pavilion) von Tang Xianzu, der die Handlung in die Song-Dynastie (906–1127) verlegte, obwohl er über die Ming-Dynastie (1368–1644) schrieb – ein Kunstgriff, der in der Literatur bis heute Anwendung findet, wenn über schwierige Zeiten eines Landes geschrieben wird. Das zweite große Kunstprojekt, das im Roman dargestellt wird, ist der "Gemeinschaftskommentar der drei Frauen von Wu Wushan zu Der Päonien-Pavillon", der im Buch eine wichtige Rolle spielt und tatsächlich existiert hat. Das macht das Buch noch interessanter.

Die Autorin beschreibt nicht nur das Leben von Peony, sondern auch das aller anderen Frauen, mit denen sie in Kontakt kommt oder verwandt ist – Großmutter, Mutter, Tanten, Cousinen, Konkubinen … und wie diese miteinander umgehen. Wir erfahren von der Katastrophe, dem Sturz des Ming-Regimes durch die Mandschu und dem Beginn der Qing-Dynastie (1644–1911) – Epochen, die ich nie wirklich trennen konnte, aber ich denke, mit Hilfe dieses Romans wird es mir gelingen. Sie informiert uns auch über das Füßebinden, arrangierte Ehen, Hochzeiten, Totenzeremonien und die Stellung der chinesischen Frau zu jener Zeit.

Ein weiteres großartiges Buch über ein Land mit einer reichen Geschichte und einer vermutlich noch größeren Zukunft.

Buchbeschreibung:

"Kann sie ihrer großen Liebe je wirklich nahe sein? 

Die junge Mudan liebt nichts mehr als die Oper, und so macht ihr Vater ihr kurz vor der arrangierten Hochzeit ein besonderes Geschenk. Er lässt im Garten seines herrschaftlichen Hauses ihre Lieblingsoper aufführen, auch wenn sie diese nur durch einen Wandschirm hindurch verfolgen darf – so wollen es die strengen Regeln im China des 17. Jahrhunderts. Doch obwohl Mudan sich so auf die Aufführung gefreut hat, wird ihr Blick stattdessen von einem attraktiven jungen Mann gefesselt. Als folgsame Tochter darf sie ihm niemals nahekommen – Mudan jedoch kann nicht Sie tritt hinter dem Schirm hervor, der sie vor fremden Blicken schützen sollte, und spricht sogar mit ihm! Aber das verändert ihr Leben auf dramatische Weise ..."

Dies ist die Autorin von "Der Seidenfächer" (Snow Flower and the Secret Fan), das anscheinend viel beliebter ist, aber ich würde auf jeden Fall auch dieses Buch empfehlen.

See, Lisa "Der Seidenfächer"

See, Lisa "Der Seidenfächer" (Englisch: Snow Flower and the Secret Fan) - 2005

Lily und ihre Freundin Schneerose wurden beide am "fünften Tag des sechsten Monats im dritten Jahr der Herrschaft des Daoguang-Kaisers" geboren, was dem 5. Juni 1824 in unserem Kalender entspricht. Aufgrund dessen und einiger anderer Gemeinsamkeiten sind sie dazu bestimmt, "Laotong" zu sein – wir würden heute wohl sagen: beste Freundinnen für immer (BFF). Doch genau wie ihre Ehemänner wählen sie ihre Partner nicht selbst, sondern die Sterne bestimmen es.

Ich habe bereits ein anderes Buch von Lisa See gelesen, "Eine himmlische Liebe" (Peony in Love), in dem sie hauptsächlich über die chinesische Kultur im Umgang mit dem Tod und die Ahnenverehrung schreibt. Dieses Buch hier handelt mehr vom Leben der Menschen, insbesondere der Frauen, und wie Frauen im China des 19. Jahrhunderts lebten. Sie waren nicht nur weitgehend auf die Frauengemächer (und die Küche) des Hauses beschränkt, sondern mussten auch das Füßebinden ertragen. Dieser schreckliche Brauch wird in diesem Buch sehr gut beschrieben, und obwohl ich viele Bücher über China (Original-Bücher hier) gelesen habe (meine ersten waren von Pearl S. BuckOriginalbücher -, als ich noch ein Teenager war), kann ich mich nicht erinnern, dass er jemals so anschaulich geschildert wurde. Es ist auch interessant zu sehen, wie wichtig kleine Füße waren: Je kleiner, desto begehrter war ein junges Mädchen für eine Heirat und desto höher war ihr späterer Lebensstandard.

Heute können wir uns kaum vorstellen, wie Eltern ihren Kindern so etwas antun konnten. Und wie Frauen im Allgemeinen behandelt wurden. Wie konnte eine Mutter ihrer Tochter so etwas antun? Nun, zunächst einmal wird ihnen ihr Leben lang eingetrichtert, dass Frauen nichts wert sind und dass sie ihre Töchter für eine andere Familie erziehen. Aber sie wollen, dass ihre Töchter ein angenehmes oder zumindest halbwegs anständiges Leben führen. Und die Kultur schrieb vor, dass Frauen kleine Füße haben mussten. Je kleiner die Füße, desto besser die Heirat. Ich bezweifle, dass ich das heute noch gekonnt hätte, aber aus unserer Sicht ist es leicht, so zu urteilen. Wir können uns entscheiden, nicht zu heiraten oder unseren Ehemann selbst zu wählen, ohne große Probleme. Aber damals war es überlebenswichtig.

Wir lasen aber auch über Nü Shu, eine geheime Lautschrift, die von Frauen verwendet wurde und mich von Anfang an faszinierte. Und über den Brauch, dass eine Frau erst nach der Geburt ihres ersten Kindes mit ihrem Mann (und seiner Familie) zusammenlebte. Bis dahin lebte sie bei ihren Eltern und kehrte nur an bestimmten Tagen im Jahr zu ihnen zurück, wenn alle anderen dasselbe taten.

Im Buch blickt Lily aus der Perspektive einer 80-jährigen Frau auf ihr Leben zurück. Sie erzählt uns von ihrem Leben in ihrer Heimatfamilie, ihrer Ehe, ihrer Freundschaft und der Trennung von Schneerose, ihren Erlebnissen während des Taiping-Aufstands (Wikipedia) und ihren Rollen als Tochter, Ehefrau, Mutter und Freundin. Sie lässt nichts aus.

Ich fand es auch interessant, wie wichtig Horoskope waren. Lily und Schneerose waren im Zeichen des Pferdes geboren, was bedeutete, dass sie freiheitsliebend und unabhängig, aber auch fleißig waren.

Die Sprache des Buches ist wunderschön und lädt zum Weiterlesen ein.

Ein sehr interessanter Roman für alle, die sich für Geschichte, China oder das Leben von Frauen im Allgemeinen interessieren.

Buchbeschreibung:

"Fremd, exotisch, geheimnisvoll - Eine große Frauenfreundschaft im China des 19. Jahrhunderts

Lilie und Schneerose wachsen in einer Welt auf, in der Mädchen als Last gelten und in der mit dem BInden der Füße auch das Herz gefesselt werden soll. Mit siebzehn Jahren werden beide verheiratet. Nur dank einer über 1000 Jahre alten Geheimschrift, Nushu, zu der nur Frauen Zugang haben, gelingt es den beiden Freundinnen, in Kontakt zu bleiben. Doch die Sehnsucht nach Liebe, Glück und Freiheit kann ihnen niemand nehmen.."