Montag, 2. November 2026

Lem, Stanisław "Solaris"

Lem, Stanisław "Solaris" (Polish: Solaris (powieść)) - Solaris - 1961

Wenn man sich über den Autor informiert, gewinnt man den Eindruck, Stanisław Lem sei einer der größten Science-Fiction-Autoren aller Zeiten. Nach der Lektüre dieses Buches kann ich das voll und ganz nachvollziehen. Es ist absolut außergewöhnlich und unterscheidet sich grundlegend von dem, was man sonst oft in Science-Fiction-Geschichten findet.

Zunächst einmal trifft man in diesem Buch nicht auf die üblichen "Außerirdischen", die eigentlich nur Menschen in Verkleidung sind. Nein, Stanisław Lem entwirft eine völlig andere Art von Spezies – so unwirklich, dass sie echter wirkt als all die anderen Science-Fiction-Geschichten.

Das Buch ist stark psychologisch geprägt; die Erinnerungen der Erdlinge wirken bisweilen fremdartiger als jeder Babelfisch, Borg, Cat, Dalek, Droide, Ewok, Klingone, Vulkanier oder wie auch immer diese Außerirdischen aus den bekannten Sci-Fi-Serien heißen mögen.

Ich bin eigentlich kein großer Science-Fiction-Fan, auch wenn ich schon einige Bücher dieses Genres gelesen habe, die gar nicht schlecht waren. Aber dieses Buch fand ich fantastisch, spannend, packend, fesselnd, faszinierend und mitreißend. Mir fehlen fast die Worte, um meine Begeisterung auszudrücken.

Besonders gut gefallen hat mir dieses Zitat:

"Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Wir wissen nichts mit anderen Welten anzufangen. Eine einzige Welt, unsere eigene, genügt uns; doch wir können sie nicht so akzeptieren, wie sie ist."

Ich finde, das ist dem Autor hervorragend gelungen. Ich bin sehr froh, dass mein Lesekreis diesen Roman ausgewählt hat, denn ich bezweifle, dass ich sonst jemals darauf gestoßen wäre oder ihn gelesen hätte.

Kommentare anderer Mitglieder:

  • Ein Kapitel empfand ich als etwas zu wortreich, aber insgesamt lässt sich das Buch leicht lesen.
  • Das Buch hat mir sehr gut gefallen – besonders, wie der Autor die Stimmung der Geschichte und die Charakterzeichnung sowie die Sinnlosigkeit und Frustration beim Versuch, ein außerirdisches Wesen zu verstehen, so gekonnt herausgearbeitet hat.
  • Wir haben auch herzlich über die fehlerhafte Logik in Kelvins "Zurechnungsfähigkeitstest" gelacht. Ebenso über die Vermutung, dass die Figuren unter "Weltraumkoller" litten und womöglich Menschen mit sehr hohem IQ repräsentierten.
  • Ich kannte das Buch vorher nicht, hatte aber bereits ein anderes Werk von Lem gelesen – "Fiasco" –, das ich nun noch einmal lesen werde (ich besitze ein Exemplar). Das Buch hat mir wirklich gut gefallen; zudem ist es für mich interessant, ein Werk eines polnischen Autors zu lesen, da ich eine Zeit lang dort gelebt habe.
  • Wenn ich nach Büchern für uns suche, bleibe ich oft an zahlreichen Artikeln über das jeweilige Werk und die Autoren hängen. Besonders spannend fand ich die Informationen zu den verschiedenen Übersetzungen des Buches. Ich habe eine schwedische Übersetzung gelesen, die in den 70er-Jahren auf Basis der französischen Fassung entstand, während die finnische Übersetzung aus dem Deutschen übertragen wurde.
  • Das geht mir genauso; ich würde zu gerne wissen, welche Übersetzung näher am Original ist.
  • Unsere Bibliothek konnte das Buch nicht für mich besorgen, sodass ich es schließlich widerwillig online gelesen habe. Normalerweise halte ich ein Buch gerne in der Hand, um richtig in die Geschichte einzutauchen. Doch dieses Buch hat mich – fast gegen meinen Willen – in seinen Bann gezogen. Es regte mich dazu an, über unsere ausgeklügelten Abwehrmechanismen nachzudenken: sowohl im Hinblick darauf, die Realität zu begreifen, als auch in Bezug auf das Lesen von Romanen am Bildschirm.


Dies war der Roman unseres internationalen Online-Lesekreises im August 2020.

Buchbeschreibung:

"Der Planet Solaris ist von einem Ozean bedeckt - einem Ozean, der auf die physikalischen Verhältnisse ebenso Einfluß zu nehmen scheint wie auf die Wissenschaftler, die ihn von der Raumstation aus untersuchen sollen. Der Psychologe Kris Kelvin wird geschickt, um die seltsamen Vorkommnisse zu klären, aber was ihn erwartet, übersteigt jegliche Vorstellungskraft ..."

Samstag, 31. Oktober 2026

Hawking, Stephen "Eine kurze Geschichte der Zeit"


Hawking, Stephen "Eine kurze Geschichte der Zeit" (Englisch: A Brief History of Time: From the Big Bang to Black Holes) - 1988

Das war eines der schwierigsten Bücher, die ich je gelesen habe. Ich wollte es schon seit Ewigkeiten lesen, war aber nie so recht dazu bereit. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es jemals sein werde, aber ich habe es geschafft, es zu lesen. Und ich habe sogar einen Teil davon verstanden. Ich bin keine Wissenschaftlerin. Ich gehöre zu den Menschen, die ihre Schulzeit auch ohne eine einzige naturwissenschaftliche Unterrichtsstunde glücklich überstanden hätten. Stattdessen lebte ich in einem Land, in dem man sowohl in der Mittelstufe (Klasse 5 bis 10) als auch in der Oberstufe (Klasse 11 bis 13) Biologie, Physik und Chemie belegen muss. Heutzutage kann man sich in der Oberstufe für nur eines dieser Fächer entscheiden und dafür zwei Fremdsprachen wählen. Genau das haben meine beiden Söhne getan – und ich hätte es auch getan, wenn ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Besonders die Abschnitte über Schwarze Löcher und die verschiedenen Planeten waren interessant. Vielleicht hätte ich mich in der Schule mehr für Astronomie interessiert.

Wie dem auch sei: Ich habe irgendwo gelesen, dass dieses Buch einem gleichzeitig das Gefühl geben kann, sowohl dümmer als auch gebildeter zu sein. Ich habe versucht, die Person ausfindig zu machen, die das gesagt hat, bin aber nicht fündig geworden. Falls jemand diese Person kennt (oder es selbst ist), lasst es mich bitte wissen. Denn ich stimme dem voll und ganz zu.

Alles in allem bin ich froh, das Buch zu Ende gelesen zu haben, auch wenn es wirklich harte Kost war. Und eines hat es mich gelehrt: Ich werde niemals Wissenschaftlerin werden.

Buchbeschreibung:

"Das Buch, das unsere Weltsicht verändert hat

Woher kommen wir? Warum ist das Universum so, wie es ist? Dieses Buch hat unsere Weltsicht verändert – und zugleich setzte es neue Maßstäbe für die Darstellung komplexer physikalischer Zusammenhänge. Stephen Hawkings Eine kurze Geschichte der Zeit hat das Wissen über die Entstehung des Universums, Schwarze Löcher, das Wesen der Zeit und die Suche nach der Weltformel in der Physik und Kosmologie populär gemacht wie kein anderes. Das Credo eines Jahrhundert-Genies."

Freitag, 30. Oktober 2026

Slimani, Leïla "All das zu verlieren"

Slimani, Leïla "All das zu verlieren" (Französisch: Dans le jardin de l'ogre) - Adèle - 2014

Ein interessantes Buch, auch wenn mir die Protagonistin Adèle Robinson überhaupt nicht gefiel. Wer die Beschreibung des Buches liest, ahnt vielleicht, warum.

Es ist die Geschichte einer sexsüchtigen Frau. Sie schläft mit jedem Mann, der ihr über den Weg läuft. Ich konnte mit dieser Frau einfach nichts anfangen.

Wenn einem die Ehe nicht gefällt, sollte man sie beenden. Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter (oder in der Mitte des 20. Jahrhunderts), als man an seinen Ehemann gebunden war.

Wenn man sich nicht als Mutter fühlt … nun, wie kann man sich nicht als Mutter fühlen, wenn man eine ist? Ich kenne keine Mutter, die ihre Kinder nicht liebt – selbst jene, die sonst niemand mag. Man tut es einfach.

Ich weiß, dass Sucht eine Krankheit ist und es schwer ist, davon loszukommen, aber mit solchen Menschen kann ich nicht umgehen. Sie sind egoistisch und nutzen alle in ihrem Umfeld aus.

Ich glaube, die Autorin wollte Adèle nicht verurteilen. Aber da ich meine Zeit damit verbracht habe, über sie zu lesen, nehme ich mir das Recht heraus, sie zu beurteilen. Mir taten einfach ihr Mann leid, der alles tat, um es ihr recht zu machen, und ihr Sohn, der sich seine Geburt nicht ausgesucht hat, aber die Liebe seiner Eltern verdient. Es gibt immer Opfer, wenn sich jemand für ein egoistisches Leben entscheidet.

Seien wir ehrlich: Wir alle haben manchmal Probleme, die unlösbar erscheinen. Manchmal sind sie tatsächlich nicht zu lösen. Aber Adèle hätte viele Wege aus dieser Situation gehabt, ohne allzu viele Menschen zu verletzen.

Ich frage mich, warum der Titel "Dans le jardin de l'ogre" nicht mit "Im Garten des Menschenfressers" übersetzt wurde, sondern stattdessen im Englischen der Name der Protagonistin verwendet wurde und der deutsche Titel ein ganz anderer ist. Ich finde den französischen Titel viel besser, auch wenn es eigentlich um Adèle geht.

Hier sind einige Kommentare der anderen Mitglieder:

Adèle ist eine unsympathische Antiheldin.
Das Buch handelte mehr von Aufmerksamkeitsdefizitstörung als von Sucht.
Sie scheint eher unter Aufmerksamkeitsdefizitstörung zu leiden.
Die Figur wird als Süchtige beschrieben, die sich nicht beherrschen kann und fast jeden in ihrem Umfeld betrügt.
Das Thema ist so heikel, dass es aus männlicher Sicht sehr schwerfällt, sich mit der Person zu identifizieren. Ich kann Adèle nur als Außenstehender mit anderen Figuren vergleichen.
Leïla Slimanis Mutter ist Ärztin, und Leïla arbeitete früher als Reporterin. Die Figuren im Buch schöpfen daher viel aus dieser Lebenserfahrung.
Mir hat das Buch überhaupt nicht gefallen. Mir auch nicht.
Ich kann über Bücher, die mir nicht gefallen haben, besser nachdenken.
Welches ihrer Probleme war gesellschaftlich bedingt, durch ihre Erziehung, ihre Persönlichkeit oder auch ihren IQ?
Sexsucht war ein Symptom, nicht die Ursache.
Ich habe keinen Respekt vor Menschen mit Adèles Schwäche.
Mir gefiel der Originaltitel auch viel besser, und ich hätte sehr gern die Meinung eines französischsprachigen Lesers dazu gehört, wie das Buch im Original wirkte. Ich habe es auf Finnisch gelesen, was es kühl und abweisend erscheinen ließ, ohne jeglichen Reiz und keine prickelnde Spannung. (Anmerkung von mir: Ich habe es auf Französisch gelesen, und selbst dort wirkte es kühl und abweisend.)



Es sieht so aus, als hätten mir alle zugestimmt.

Das war der Roman für unseren internationalen Online-Lesekreis im Juli 2020.

Buchbeschreibung:

"Nach außen hin führt Adèle ein Leben, dem es an nichts fehlt. Sie arbeitet für eine Pariser Tageszeitung, ist unabhängig. Mit ihrem Ehemann, einem Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn lebt sie in einem schicken Viertel, ganz in der Nähe von Montmartre. Sie reisen, sie fahren übers Wochenende ans Meer. Dennoch macht Adèle dieses Leben nicht glücklich. Gelangweilt eilt sie durch die grauen Straßen, trifft sich mit Männern, hat Sex mit Fremden. Sie weiß, dass ihr die Kontrolle entgleitet. Sie weiß, dass sie ihre Familie verlieren könnte. Trotzdem setzt sie alles aufs Spiel."

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Stephenson, Neal "Anathem"


Stephenson, Neal "Anathem" (Englisch: Anathem) - 2008

"Der Begriff Anathema
(altgriechisch ἀνάθημα oder ἀνάθεμα für 'das Geweihte' oder 'der Fluch'),
auch Kirchenbann oder kirchlicher Bannfluch genannt,
bezeichnet eine kirchliche Verurteilung,
die mit dem Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft verbunden ist
und im Kirchenrecht der Exkommunikation gleichkommt."

Ich bin kein großer Fan von Science-Fiction, und dieses Buch fällt definitiv in diese Kategorie. Allerdings liebe ich dystopische Literatur, und ich denke, dass man es es problemlos auch dort einordnen kann.

Die Handlung spielt etwa im Jahr 3000 auf dem Planeten Arbre. Die dort verwendeten Namen leiten sich von irdischen Wörtern ab – "Arbre" bedeutet natürlich "Baum". Die Menschen haben sich in zwei verschiedene Gesellschaftsformen aufgeteilt: die "Avout" (wahrscheinlich vom französischen "avouer" – bekennen/beichten), die in einer klosterähnlichen, aber durchaus rationalen und atheistischen Welt leben, und die "Sæcular", die eher weltlich orientierten Menschen. Die Avout sind Wissenschaftler, die sich mit unterschiedlichsten Dingen befassen – mit allen uns bekannten Wissenschaften und wahrscheinlich noch mehr.

Wir lernen einen von ihnen kennen: Erasmas, auch Raz genannt. Die Geschichte beginnt, nachdem er ein Jahr im "Concent" verbracht hat; nun treffen sie auf die Sæcular, und wir erhalten Einblick in ihre gewohnte Lebensweise. Doch dann läuft alles schief, und Raz begibt sich auf die Reise seines Lebens, die ihn zu verschiedenen Planeten führt.

Ich war begeistert von diesem Buch. Es geht nicht um Wissenschaft. Oder Fiktion. Wobei man es durchaus auch lesen sollte, wenn man solche Genres mag. Es geht um Philosophie, um Vorstellungskraft. Arbre ähnelt der Erde, hat sich aber anders entwickelt. Man kann sich also ausmalen, wie wir leben könnten und wie unsere Gesellschaft aussehen mag. Besonders viel Spaß hat es mir auch gemacht, die Bedeutungen der "fremden" Wörter zu entschlüsseln.

Viele Bücher dieser Art bieten so etwas, aber ich habe das Glossar am Ende des Buches sehr geschätzt: So konnte ich bei einem Wort, dessen Bedeutung mir entfallen war, einfach nachschlagen, anstatt mühsam zu einer früheren Seite zurückzublättern, auf der es vielleicht erklärt worden war. Natürlich bedeutete das, dass ich weit mehr als diese 1.024 Seiten gelesen habe, denn den Anhang muss ich bestimmt an die zwanzig Mal gelesen haben. Mindestens!

Es gibt sogar eine Wiki-Fandom-Seite (auf Englisch), die den Zusammenhang zwischen der Erde und Arbre erklärt, die dortigen Bewohner mit berühmten Persönlichkeiten unserer Welt sowie deren Sprachen mit unseren verknüpft usw., sowie ein Video/Trailer auf YouTube.

Ein interessantes Buch. Ich werde weitere Werke von Neal Stephenson lesen.

Buchbeschreibung:

"Der Planet Arbre im Jahr 3689. Seit seinem achten Lebensjahr lebt Erasmas, genannt Raz, im Konzent Saunt Edhar, einer klosterähnlichen Gemeinschaft von Wissenschaftlern, Philosophen und Mathematikern. Die Aufgabe dieser Gemeinschaft ist es, hinter den jahrtausendealten Mauern Wissen zu bewahren und es vor den schädlichen Einflüssen der säkularen Welt zu beschützen. Denn während das Leben im Konzent nach strengen Ritualen und uralten Traditionen verläuft, so ist die Geschichte jenseits dieser abgeschlossenen Welt durch Chaos und Veränderung geprägt: Auf Blütezeiten folgten Zusammenbrüche, auf finsteres Mittelalter Erneuerung; Kriege und Klimawandel zerstörten die bestehende Ordnung.

Als Raz mit 18 seine erste Apert bevorsteht – eine Woche, in der beide Welten in Kontakt treten und Austausch pflegen – bereitet er sich mit seinen Mitschwestern und -brüdern darauf vor, den Konzent zu verlassen und sich in die säkulare Welt vorzuwagen. Aber dort muss er entdecken, dass außerarbrische Kräfte den Planeten bedrohen. Und mit einem Mal lastet eine hohe Verantwortung auf Raz’ Schultern, denn er wird für die schwierige Aufgabe auserwählt, die Zerstörung des Planeten zu verhindern..."

Mittwoch, 28. Oktober 2026

Russell, Helen "Hygg Hygg Hurra!"

Russell, Helen "Hygg Hygg Hurra! Glücklich wie die Dänen" (Englisch: The Year of Living Danishly: My Twelve Months Unearthing the Secrets of the World's Happiest Country) - 2015

Als ich mit dem Buch begann, dachte ich: "Oh nein, nicht schon wieder eines dieser Reisebücher, in denen ein naiver Ausländer im Ausland lebt und alles falsch macht." Denn genau so wirkte es in den ersten Kapiteln. Doch Helen Russell findet den Dreh und beschreibt auf sehr humorvolle Weise, wie wunderbar dieses kleine skandinavische Land tatsächlich ist.

Während sie sich mit ihrem "Lego-Mann" in ihrem kleinen Haus in "Sticksville-on-Sea" einlebt – mit gelegentlichen Ausflügen in die "Großstadt" –, versucht sie herauszufinden, was die Dänen so glücklich macht. Besonders im Hinblick auf die Steuern, die sie zahlen. Doch das Geheimnis liegt womöglich darin, dass die Skandinavier einen Weg gefunden haben, für mehr Gleichheit zu sorgen und jedem ein sicheres Leben zu ermöglichen. Sie müssen sich keine Sorgen um Krankenversicherung, die Bildung ihrer Kinder oder die Altersvorsorge machen; darum kümmern sich der Staat und die gezahlten Steuern. Ein glücklicher Sozialismus, wenn man so will.

Sie freundet sich mit einigen Nachbarn an – was bisweilen schwierig sein kann, zumal sie im Januar ankommen, wenn sich alle in den Winterschlaf zurückgezogen haben – und lernt das dänische Leben durch Gespräche mit Experten sowie mit "Otto Normalverbraucher" kennen. Dabei bemerkt sie, wie viel ruhiger das Leben auf dem dänischen Land im Vergleich zum hektischen London ist. Etwas, das ich ihr auch schon vorher hätte sagen können. LOL

Obwohl sie versucht, ihren Aufenthaltsort nicht allzu direkt zu verraten – etwa indem sie Ortsnamen durch Spitznamen ersetzt –, lässt sich leicht erraten, wovon sie spricht, besonders wenn man schon einmal in Dänemark war und auch das Legoland besucht hat. Vielleicht wart ihr auch schon dort.

Ich habe skandinavische Freunde, und auch wenn viele von ihnen eher zu einer gewissen Zurückhaltung neigen – wie von der Autorin beschrieben –, wirken die meisten auf mich sehr zufrieden und glücklich. Ich glaube also, dass an diesem beschriebenen "Hygge"-Gefühl durchaus etwas dran ist. Das Buch hat mir gut gefallen, und ich werde versuchen, weitere Werke von ihr zu lesen. Denn obwohl sie ursprünglich nur ein Jahr bleiben wollte, ist sie auch nach fast einem Jahrzehnt noch dort. Das spricht für sich. Oh, und es gibt noch eine amüsante Anekdote, als sie Weihnachten mit ihren Nachbarn feiert:

Man versichert ihr, dass sich "die meisten Weihnachtsfeiern darauf beschränken, um Mitternacht vom Sofa zu springen, nach draußen zu gehen, um sich das Feuerwerk anzusehen, und dann einen Schwarz-Weiß-Film zu schauen, in dem einer alten Dame das Essen von ihrem Butler serviert wird." Detuschen braucht man diesen Film nicht zu erklären, aber ich lasse die Beschreibung trotzdem mal hier drin. Der Film dauert nur 18 Minuten und basiert auf einem Theaterstück von Lauri Wylie. Er trägt den Titel "Dinner for One". Es gibt nur zwei Figuren: Miss Sophie und ihren Butler, dargestellt von den britischen Komikern May Warden und Freddie Frinton. 1962 sah der deutsche Entertainer Peter Frankenfeld den Sketch in Blackpool und überredete die beiden, nach Deutschland zu kommen und ihn dort zu verfilmen. Seitdem läuft er an jedem Silvesterabend im deutschen Fernsehen. Von dort aus verbreitete er sich in Skandinavien und vielen anderen europäischen Ländern – allerdings nicht im Vereinigten Königreich. Und, wie ihre Nachbarn so eifrig betonten: Es ist Tradition!

Für alle, die es einmal außerhalb von Silvester sehen wollen, hier kann man es sich ansehen:

Und falls ihr noch nicht in Dänemark wart: Setzt es unbedingt auf eure Wunschliste.

Buchbeschreibung:

"Die Kunst, einfach glücklich zu sein

Dänemark ist das glücklichste Land der Welt. Die britische Journalistin Helen Russell ist dennoch höchst skeptisch, als ihr Mann einen Job bei Lego annimmt - und sie als überzeugte Großstädterin aus London mit ihm in die dänische Einöde ziehen soll.

Doch in Jütland angekommen, findet Helen Schritt für Schritt heraus, was hinter dem geheimnisvollen Wohlfühlkonzept 'Hygge' steckt, das die Dänen den langen Wintern, der Kälte und Dunkelheit trotzen lässt. Und welche Geheimrezepte (und damit sind nicht nur die dänischen Zimtschnecken gemeint) für so viel Glück sorgen, dass manchmal sogar die Kühe auf der Wiese tanzen."

Dienstag, 27. Oktober 2026

Hustvedt, Siri "Der Sommer ohne Männer"

Hustvedt, Siri "Der Sommer ohne Männer" (Englisch: The Summer without Men) - 2011

Ich weiß nicht mehr, wann und warum ich dieses Buch gekauft habe; ich weiß nur noch, dass ich eine Liste mit Büchern hatte, die "Sommer" im Titel tragen, und dieses hier darauf auftauchte. Da ich es noch nicht kannte und der Sommer vor der Tür stand, beschloss ich, es als Nächstes zu lesen.

Es hat bei mir allerdings keine Begeisterungsstürme ausgelöst. Ich würde es nicht gerade als schwer zu lesen bezeichnen, eher als etwas wirr. Bisweilen fühlte ich mich an Sylvia Plath oder Virginia Woolf erinnert – aber nicht im positiven Sinne. Es war zwar philosophisch angehaucht, aber oft konnte man ihrem Gedankengang nicht folgen; sie schweifte einfach ab.

Die Handlung ist eigentlich recht simpel: Mia wird von ihrem Mann verlassen – zumindest vorübergehend –, fällt in ein tiefes Loch, muss eine Zeit lang in eine psychiatrische Klinik und verbringt dann den Sommer bei ihrer Mutter. Auch die Freundinnen ihrer Mutter scheinen alle Probleme zu haben. Sie unterrichtet junge Mädchen in einem Sommerkurs für Literatur – und natürlich gibt es auch dort Probleme. Ach ja, und dann ist da noch die Nachbarin, die Schwierigkeiten mit ihrem Mann hat. Gibt es überhaupt irgendein Problem, das eine Frau haben kann und das in diesem Buch nicht thematisiert wird? Das größte Manko war für mich, dass ich keinen rechten Draht zu der Geschichte fand; die Figuren wirkten nicht lebendig. Es wirkte einfach wie eine Aneinanderreihung von Problemen, ohne dass diesen wirklich Tiefe verliehen wurde.

Außerdem enthielt der Roman für meinen Geschmack zu viel Lyrik.

Ich weiß, dass Siri Hustvedt eine renommierte Autorin ist. Vielleicht gehört dieses Buch zu ihren schwächeren Werken. Oder aber – sie trifft einfach nicht meinen Geschmack. Ich habe noch "Die Leiden eines Amerikaners" (The Sorrows of an American) auf meinem SUB liegen, weiß aber nicht, ob ich mich in nächster Zeit daran wagen werde.

Der Original-Buchumschlag hat mir allerdings gut gefallen.

Buchbeschreibung:

"Die New Yorker Dichterin Mia hat eine Krise und verbringt den Sommer in der Nähe ihrer 90-jährigen Mutter, die im Heim lebt. Mia schreibt sich ihre Wut über ihren untreuen Ehemann und auch sonst eine Menge vom Herzen und allmählich entdeckt sie sich wieder neu."

In diesem Roman ist viel von Büchern die Rede, doch nur eines wird namentlich genannt: "Überredung" (Persuasion) von Jane Austen – ein Buch, das von der Mutter der Protagonistin und ihrem Lesekreis "The Rolling Meadows" (Sanfte hügelige Wiesen) gelesen wird.

Montag, 26. Oktober 2026

Solschenizyn, Alexander "Der erste Kreis der Hölle"

Solschenizyn, Alexander (Aleksandr Solzhenitsyn) "Der erste Kreis der Hölle" oder "Im ersten Kreis"(RUS: В круге первом/V krugue pervom) - In the First Circle - 1955

Die Buchbeschreibung erzählt, dass es sich hier um ein umfang- und inhaltsreiches Werk handelt. Absolut richtig. Fast 800 Seiten, in denen es um das Leben in der Sovjetunion kurz nach dem zweiten Weltkreig geht. Allerdings nicht für jedermann. Hier wird das Leben der politischen Gefangengen und deren Angehörigen beschrieben. 

Wenn man erst einmal in einer sogenannten "Scharaschka", einem Arbeitslager für Wissenschaftler und Ingenieure, oder in der Lubjanka, dem berüchtigten Moskauer Gefängnis für politische Gefangene gelandet war, konnte man mit dem Leben abschließen, die meisten kamen nicht wieder in die Freiheit. Auch wenn diese Gefangenen ein paar Erleichterungen gegenüber den anderen hatten, waren sie dennoch gefangen und mussten auch noch für das verhasste Regime arbeiten.

So wird das Leben der verschiedenen Insassen beschrieben, vor der Inhaftierung und danach. Und auch die Frauen, die Familien, sie wurden gleich mitbestraft.

Für alle Beteiligten war dies das Ende des Lebens wie sie es kannten und, wie im letzten Kapitel benannt: der erste Kreis der Hölle.

Außer Alexander Solschenizyn war auch Ossip Mandelstam einer der Dichter, die über ihr "Leben" in diesem Regime geschrieben haben. Gut, dass es solche Menschen gab/gibt, die uns über solche Zustände aufklären.

Ein hochinteressantes Buch, sicher neben Iwan Denissowitsch eine der besten, die über dieses Thema geschrieben wurden.

Hier noch ein Zitat, dass besonders alle Leseratten interessieren dürfte:

"In der Welt gab es so unermesslich viele, unentbehrliche, erstklassige Bücher, und die Begierde, sie alle zu lesen, hinderte Rubin daran, jemals ein eigenes Buch zu schreiben. Jetzt hatte er sich darauf vorbereitet, bis weit über Mitternacht hinaus, ohne Rücksicht auf den morgigen Arbeitstag, zu lesen. Aber abends erwachte stets sein Geist und seine Diskutierfreude, und sein Witz wurde besonders scharf- da bedurfte es nur wenig, um ihn für die Unterhaltung der Allgemeinheit zu gewinnen. ..." 

Buchbeschreibung:

"Die Handlung des umfang- und inhaltsreichen Werkes ist mit ein paar Tagen im letzten Dezemberdrittel 1949 begrenzt und stellt eigentlich einen Kriminalroman vor, der mit der Tat beginnt, ... jedoch mit der Verhaftung und genauen Bekanntgabe, wie es in der berüchtigten Lubjanka zugeht, nicht endet: Die Story von dem Staatsrat zweiter Klasse Innokentij Wolodin, der in einer plötzlichen Anwandlung von einer öffentlichen Telephonzelle aus die amerikanische Botschaft in Moskau anruft und einem Attache verrät, daß drüben ein Ehepaar Rosenberg in den nächsten Tagen die Geheimnisse der Atombomben-Herstellung einem sowjetischen Agenten weitergeben werde - dieser aufregende Anfang ist bloß Aufhänger für alles andere.  Alles‹ ist wörtlich gerneint: vom Sonderlager Marfino in der Nähe der Hauptstadt, vom Leben der Angehörigen ›draußen‹, von den einfachen Aufsehern, von Politfunktionären im Offiziersrang und dem zuständigen Minister bis zu IHM, vor dem sie alle zittern, Stalin, wie er mitten in der Nacht die ihm gegenüber ohnmächtigen Machthaber zu sich zitiert. Ein historisch-soziologisches Panorama also, zwei Jahrzehnte, gesammelt im Brennpunkt jener halben Woche, gegen Ende 1949."

Alexander Solschenizyn erhielt den Nobelpreis für Literatur 1970 "für die ethische Kraft, mit der er die unveräußerliche Tradition der russischen Literatur weitergeführt hat". 

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