Honeyman, Gail "Ich, Eleanor Oliphant" (Englisch: Eleanor Oliphant is Completely Fine) - 2017
Den englischen Titel "Eleanor Oliphant is Completely Fine" könnte man mit "Eleanor Oliphant geht es allerbestens" übersetzen. Eleanor Oliphant geht es definitiv nicht gut und schon gar nicht bestens. Zu sagen, dass sie Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten hat, wie es in der Beschreibung heißt, ist eine gewaltige Untertreibung. Ich bin mir sicher, dass sie an einer psychischen Erkrankung leidet oder ein traumatisches Erlebnis aus ihrer Kindheit verarbeitet.
Ich hatte Schwierigkeiten, in die Geschichte oder in Eleanor hineinzukommen. Ich bin sehr gesellig, umgebe mich gern mit vielen Menschen und kann mich mit jedem unterhalten, der nur ein bisschen Interesse zeigt. Ich bin mir sicher, Eleanor würde das nicht schätzen. Und ich möchte nicht aufdringlich sein, also würde ich wohl nur einen Satz mit ihr wechseln, und das war's. Tut mir leid, aber so ist es nun mal. Sie will eigentlich mit niemandem reden, oder?
Die Geschichte an sich war allerdings recht interessant, wie sie diesen Kollegen kennenlernt, der ihr hilft, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Auch der Schreibstil war nicht schlecht. Trotzdem konnte ich mich mit der Geschichte nicht anfreunden.
Zwei Zitate, denen ich voll und ganz zustimme:
"… die Eingangstür des Krankenhauses … eine Frau im Rollstuhl – sie hatte ihren Tropf auf Rädern mitgebracht, um ihre Gesundheit zu ruinieren, während Steuergelder für ihre Genesung ausgegeben wurden."
Ich werde immer wütend, wenn ich Leute vor einem Krankenhaus rauchen sehe, besonders direkt davor, wo alle vorbeigehen müssen, Kranke, Besucher … Krankenhäuser und ihre Umgebung sollten rauchfreie Zonen sein.
und
"Sport ist mir ein Rätsel. In der Grundschule war der Sporttag der einzige Tag im Jahr, an dem die leistungsschwächeren Schüler triumphieren konnten. Sie gewannen Preise für das schnellste Sackhüpfen oder dafür, schneller von A nach B zu rennen als ihre Klassenkameraden. Wie stolz sie am nächsten Tag auf diese Abzeichen an ihren Jacken waren! Als wäre eine Silbermedaille beim Eierlauf eine Art Entschädigung dafür, dass sie nicht wussten, wie man einen Apostroph setzt."
... oder ihr Einmaleins bescherrschen oder irgendetwas tun, was sie im Leben weiterbringt!
Wir haben dies im April 2026 in unserem internationalen online Lesekreis besprochen.
Und hier die Notizen des Lesekreises::"Unser Lesekreis hatte eine sehr positive Diskussion über das Buch. Die meisten Mitglieder bewerteten es sehr positiv, und eine der häufigsten Reaktionen war, wie sehr sich unsere Sicht auf Eleanor im Laufe der Geschichte veränderte. Anfangs mag sie steif, sozial unbeholfen, übermäßig förmlich oder emotional distanziert wirken, doch am Ende empfanden wir echte Zuneigung für sie, fieberten mit ihr mit und wünschten ihr von Herzen alles Gute.
Ein Großteil des Gesprächs drehte sich um Eleanors neurodiverse Merkmale und deren Darstellung. Aufgrund der Zusammensetzung unserer Gruppe war dieser Aspekt ihres Charakters sofort erkennbar und nicht spekulativ. Ihr wörtliches Denken, ihre Gewohnheit, Routinen zu pflegen, ihre Schwierigkeiten, unausgesprochene soziale Normen zu verstehen, und ihr ungewöhnlicher Kommunikationsstil wirkten auf viele Leser authentisch. Uns interessierte vor allem, wie diese Merkmale mit Trauma, Einsamkeit und jahrelanger Isolation zusammenhingen. Der Roman wurde dafür gelobt, diese Komplexität zuzulassen, ohne sie auf ein einziges Etikett zu reduzieren.
Einsamkeit war ein weiteres zentrales Thema der Diskussion. Viele Leser empfanden das Buch als besonders eindrücklich und zeitgemäß. Eine Art Isolation: Jemand, der intelligent, berufstätig, kompetent und nach außen hin funktionsfähig ist, aber dennoch tiefgreifend von anderen Menschen abgeschnitten ist. Eleanor ist nicht im offensichtlichen Sinne von der Gesellschaft ausgeschlossen, sondern scheint neben ihr zu existieren, unfähig, sich voll einzubringen. Diese subtile Darstellung von Einsamkeit fand großen Anklang in der Gruppe.
Wir sprachen auch ausführlich über Trauma, Sucht und Bewältigungsstrategien. Eleanors Alkoholkonsum wurde im Allgemeinen nicht als Leichtsinn, sondern als eine Form der Selbstmedikation und emotionalen Betäubung betrachtet. Ihre Routinen, ihre Distanzierung und ihre enge Lebensstruktur wirkten weniger wie zufällige Funktionsstörungen, sondern eher wie Überlebensstrategien, die sich im Laufe der Zeit verfestigt hatten. Mehrere Teilnehmer hoben hervor, wie realistisch der Roman zeigt, wie sich Schmerz in alltägliche Gewohnheiten einprägt.
Spoiler:
Beziehungen waren ein weiteres wichtiges Thema. Wir schätzten es, dass die Geschichte auf ein simples romantisches Rettungsmuster verzichtet. Raymond wurde besonders hervorgehoben, da seine alltägliche Freundlichkeit, Geduld und Beständigkeit Eleanor ein Vorbild für sichere menschliche Beziehungen bieten. Anstatt sie dramatisch zu 'retten', schafft er die Voraussetzungen dafür, dass sie sich langsam aus ihrer Isolation befreien und wieder am Leben teilhaben kann. Viele Leser empfanden diese zurückhaltende Darstellung von Freundschaft als eine der größten Stärken des Buches. (Dem stimme ich zu.)
Sprache und Übersetzung wurden ebenfalls zu einem besonders interessanten Teil der Diskussion. Einige Teilnehmer lasen den Roman auf Englisch, andere auf Finnisch und einer auf Russisch, was einen direkten Vergleich ermöglichte. Eleanors Charakter wird stark durch die Erzählweise geprägt: ihre formale Diktion, ihr direkter Wörtlichkeitssinn, ihre ungewöhnlichen Formulierungen und ihre emotionale Zurückhaltung. Wir erörterten, wie jede Übersetzung unweigerlich die Wahrnehmung der Leser beeinflusst. Die Darstellung der Mutter war hier besonders interessant, da sich Tonfall, Grausamkeit, Manipulation und emotionaler Druck je nach Sprache subtil verändern können.
Wir diskutierten auch die Balance zwischen Humor und Schmerz im Roman. Eleanors Stimme erzeugt oft Komik durch Präzision, Direktheit und soziale Unvereinbarkeit, doch unter diesem Humor verbirgt sich echtes emotionales Leid. Viele Leser empfanden den Kontrast im Buch als gekonnt umgesetzt, sodass Wärme und Traurigkeit nebeneinander existieren können, ohne dass eines von beiden aufgesetzt wirkt.
Insgesamt war sich die Gruppe einig, dass 'Ich, Eleanor Oliphant' ein intelligenter, menschlicher und emotional einfühlsamer Roman ist. Er überzeugt nicht nur als Geschichte über Trauma und Genesung, sondern auch als Erinnerung daran, dass Menschen, die lediglich schwierig, seltsam oder distanziert erscheinen, oft viel komplexer sind, als andere ahnen. Dass wir Eleanor am Ende als eine Person ins Herz geschlossen haben, war für viele von uns das deutlichste Zeichen für den Erfolg des Buches."
Buchbeschreibung:
"Eleanor Oliphant ist anders als andere Menschen. Eine Pizza bestellen, mit Freunden einen schönen Tag verbringen, einfach so in den Pub gehen? Für Eleanor undenkbar! Und das macht ihr Leben auf Dauer unerträglich einsam. Erst als sie sich verliebt, wagt sie sich zaghaft aus ihrem Schneckenhaus – und lernt dabei nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst noch einmal neu kennen.
Mit ihrem Debüt 'Ich, Eleanor Oliphant' ist Gail Honeyman ein anrührender Roman mit einer unvergesslichen Hauptfigur gelungen. Ihre erfrischend schräge Sicht auf die Dinge zeigt uns, was im Leben wirklich zählt. Liebe. Hoffung. Ehrlichkeit. Und vor allen Dingen die Freundschaft. "














