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Mittwoch, 18. Januar 2023

Hahn, Ulla "Liebesarten"

Hahn, Ulla "Liebesarten" [Styles of Love] - 2006

Nachdem ich Ulla Hahns erste drei Bücher ihrer Tetralogie "Das verborgene Wort", "Aufbruch" und "Spiel der Zeit" gelesen habe, war ich schon gespannt auf ein anderes Buch von ihr. Da "Wir werden erwartet" noch nicht als Taschenbuch zu haben war, habe ich mir ihre "Liebesarten" zu Gemüte gefühft, obwohl ich eigentlich kein großer Anhänger von Kurzgeschichten bin.

Es waren ein paar sehr nette dabei, aus denen man sicher auch gute Romane hätte machen können. Aber das ist oft das Problem, das ich mit Kurzgeschichten habe.

Wie der Buchumschlag verrät, geht es in den Geschichten jeweils um Wendepunkte, zumeist in einer Beziehung. Irgend etwas geschieht und danach ist nichts mehr so, wie es mal war.

Auf jeden Fall, wer Ulla Hahn mag, wird auch diese Geschichten mögen.

Klappentext:

"In jedem Leben gibt es Wendepunkte, nach denen nichts mehr so ist wie zuvor - war das Glück überwältigend, wird es plötzlich brüchig, selbstlose Hingabe wechselt in eitle Eigenliebe, Leidenschaft wird Verzweiflung. Ulla Hahn erzählt von diesen Wendepunkten, und jeder Wendepunkt stellt eine Variation auf die Liebe dar. Das sind bestrickende Geschichten über die Sehnsüchte, die nur manchmal erfüllt werden, über die Siege und Niederlagen des Zusammenlebens, über Zuwendung und Zärtlichkeit. Mitreißend und doch empfindsam, nahe, aber nie indiskret erzählt Ulla Hahn aus unserem Leben.

Neben bisher unveröffentlichten Erzählungen versammelt dieser Band auch Texte, die schon unter dem Titel '
Liebesarten' publiziert wurden."

Samstag, 5. November 2022

Hahn, Ulla "Aufbruch"

Hahn, Ulla "Aufbruch" [Departure] - 2009

Wie ich schon über "Das verborgene Wort" sagte, erinnerte mich vieles in Ulla Hahns Fast-Biografie an meine Kindheit. Leider ging es bei mir nach der zehnten Klasse nicht so weiter wie bei Hilla. Ich gehöre mehr zu denen, die dann "etwas gelernt" haben, um mich auf den Beruf der Frau und Mutter vorzubereiten. Nicht, dass ich mir nicht auch ein Studium gewünscht hätte, aber es war niemand da, der mich auch nur ein wenig ermutigt hätte. Und auch im Berufsleben "auf dem Lande" hatte man keine Möglichkeit, irgendwie voranzukommen. In meinem Lehrbetrieb wurde ein junger Mann von außerhalb eingestellt, statt mich zu befördern. Und nur, weil ich ja wohl doch heiraten würde.

Nun aber zu Hillas Geschichte. Ich finde es fabelhaft, wie sie es geschafft hat, ihr Abitur zu machen und zu studieren. Aber wir lernen nicht nur den beruflichen Werdegang Hillas kennen, auch ihre Gedanken und Gefühle und wie sie mit bestimmten Ereignissen fertig wird, tragen zum Gelingen des Buches bei.
Ich hätte dies gerne früher gelesen, als ich selbst noch in der Schule war, es hätte mir vielleicht geholfen. So hoffe ich, dass es anderen auch Anstöße gibt. Wenn es auch für junge Mädchen nicht mehr ganz so schwierig ist wie damals, überhaupt auf die höhere Schule zu kommen, können sie immer noch unsere Unterstützung gebrauchen. Vor allem, wenn es sonst niemand tut.

Buchbeschreibung:

"Ihr Leben scheint vorgezeichnet: Kinder, Küche, Kirche. Doch Hilla träumt sich weg aus dem Dorf am Rhein. Nichts kann dem Kind kleiner Leute die Sehnsucht nach der Freiheit des Geistes austreiben. Unverhofft bietet sich ihr ein neues Leben: Abitur, Studium, ihre selbst gewählte Zukunft liegt vor ihr. Nach 'Das verborgene Wort' hat die Lyrikerin und Bestsellerautorin Ulla Hahn erneut ein imposantes Epos vorgelegt, das feinnervig vom Erwachsenwerden, Wachwerden, Menschwerden erzählt.

Hilla lacht das freieste Lachen der Welt. Es ist der erste Tag nach den Weihnachtsferien im Januar 1963; das Lehrerkollegium des Aufbaugymnasiums hat beschlossen, die Siebzehnjährige noch ins laufende Schuljahr aufzunehmen. Mit diesem Tag beginnt für das wissbegierige Kind '
vun nem Prolete' endlich das lang ersehnte neue Leben, in dem die einfachen Wahrheiten der Eltern nicht mehr gelten, in dem das Buckeln in der Papierfabrik von der Freiheit der Worte abgelöst wird. Doch wird Hilla ihre wahre Heimat wirklich in der Sprache finden?

'
Aufbruch' gewährt einen anrührenden Blick in die Seele einer mutigen und doch so verletzlichen Heranwachsenden - und zeichnet sprachübermütig und mit großem epischem Temperament ein detailreiches Sittengemälde von den bundesrepublikanischen Mittsechzigern."

Montag, 8. August 2022

Hahn, Ulla "Das verborgene Wort"

Hahn, Ulla "Das verborgene Wort" [The Hidden Word] - 2001

Die Geschichte von Hildegard "Hilla" Palm ist auch die Geschichte von Ulla Hahn. Und von mir.

Ich bin zwar ein paar Jahre jünger als die Autorin, aber vieles aus ihrer Geschichte erinnert mich auch an meine Kindheit. Unsere Gegend war katholisch. Ich war das einzige Mädchen (und älteste Kind) einer Arbeiterfamilie. Es war kein Geld da, dass ich das Abitur machen konnte. Und da auch nicht in der Nähe einer größeren Stadt wohnte, kamen meine Einflüsse auch eher von den umliegenden Dorfbewohnern. Es war in unserem Dörfchen schon fast ein Skandal, dass mein Lehrer mich fürs Gymnasium vorgeschlagen hatte (und zum Teil nicht die Kinder reicher Bauern), aber das Abitur zu machen war unmöglich. Ich hatte auch keinen Großvater oder sonst einen Verwandten, der mir Mut zugesprochen hat. So habe ich denn dieses Buch mit einem lachenden und einem weinenden Auge gelesen. Schön für Ulla Hahn oder auch Hilla Palm, dass sie es geschafft hat. Aber es brachte auch negative Erinnerungen hoch.

Es war eben wie es war. Meine Mutter musste auch früher von der Schule abgehen, um Geld zu verdienen, meiner Großmutter ging es genauso. Undsoweiter undsoweiter. Die Geschichte von Generationen von Frauen. Man hatte zu heiraten ("du heiratest ja sowieso"), wozu braucht man da eine ordentliche Schulausbildung? Geld verdienen, die Familie unterstützen, für die Aussteuer sparen. Das war das Motto.

Da ich später mal eine Weile in Köln und in der Nähe von Aachen gewohnt habe und außerdem niederdeutsch spreche, war es für mich nicht zu schwierig, den Text zu lesen, er ist ziemlich mit kölsch "durchsetzt". Menschen mit wenig Sprachverständnis haben womöglich Probleme mit der ein oder anderen Unterhaltung, aber auch diesen möchte ich zu diesem Buch raten. Es ist einfach sehr, sehr schön. Wer aus ähnlichen Verhältnissen kommt, findet vielleicht viele Parallelen, die anderen kann ich nur bitten, mehr Verständnis für all die "Ullas/Hillas" dieser Welt aufzubringen.

Buchumschlag:

"Im Wettstreit um das katholischste Milieu einer Romanhandlung hat sie dem unerreichbar führenden Heinrich Böll einige Punkte abgenommen: Ulla Hahn, Rheinländerin wie Böll, schildert in Das verborgene Wort eine Nachkriegskindheit, die so bedrückend katholisch ist, dass man Mühe hat, sich ins Gedächtnis zurückzurufen: Ja, genauso war es. So wird der Ich-Erzählerin Hildegard als Kleinkind nach ihren ersten vier Worten ["Mama", "Wauwau", "Bäbä" und "Hamham"] gleich ein Gebet beigebracht; die Nachbarin rechnet sich derweil aus, dass sie dreieinhalb Jahre lang täglich einen schmerzensreichen Rosenkranz und fünf Vaterunser beten muss, um ihrer Schwiegermutter, die ohne letzte Ölung gestorben war, aus dem Fegefeuer in den Himmel zu helfen. Es fällt schwer, das zu glauben, aber so ging es wohl wirklich mal zu in Deutschland.

Das heranwachsende Mädchen, ein neugieriges, aufgeschlossenes Kind, wird beinahe erdrückt von dieser muffigen Enge. Die Verständnislosigkeit der Eltern und die unnachgiebige Strenge der gottesfürchtigen Großmutter lassen Hildegard fast zerbrechen - wäre da nicht der Großvater, der ihr mit verwunschenen Geschichten das Tor zum Reich der Fantasie öffnet. Sie tritt ein in die Welt der Bücher und in dieser Welt findet sie ihr Zuhause, hier ist sie so frei, wie sie es im echten Leben nicht sein kann.
Ulla Hahn, als Lyrikerin eher die knappe literarische Form gewohnt, lässt beim Erzählen dieser [ihrer?] Kindheitsgeschichte alle Selbstbeschränkung fahren -- durch fast 600 Seiten hat man sich zu kämpfen. Das ist nicht immer einfach, denn die sehr poetische Sprache und vor allem der Versuch, den rheinischen Dialekt wiederzugeben, verlangen dem Leser einiges ab. Doch es lohnt sich:
Das verborgene Wort ist eine wunderschöne emotionsgeladene Hymne auf die Kraft der Fantasie. "

Ulla Hahn erhielt sie 2002 den deutschen Bücherpreis für diesen Roman.