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Mittwoch, 23. September 2026

Fielding, Henry "Tom Jones: Die Geschichte eines Findelkindes"

Fielding, Henry "Tom Jones: Die Geschichte eines Findelkindes" (Englisch: The History of Tom Jones, a Foundling) - 1749

Dieses Buch stand schon ewig auf meiner Wunschliste. Es stammt von einem der britischen Klassiker-Autoren, denen ich bisher noch nicht begegnet war, und gilt zudem als der erste echte Roman, der je geschrieben wurde.

Eigentlich hätte man daraus auch zwei Bücher machen können: Einerseits den Roman mit der Geschichte von Tom Jones und seinem Leben, und andererseits die philosophischen Betrachtungen, die Henry Fielding jedem Kapitel voranstellt.

Obwohl ich mich normalerweise gerne mit philosophischen Themen befasse, empfand ich diese Einschübe hier eher als störend denn als Bereicherung für die Geschichte. Ich hätte gut darauf verzichten können; sie trugen zur eigentlichen Handlung nichts bei. Auch den Humor, der dem Buch zugeschrieben wird, konnte ich nicht entdecken. Dabei liebe ich britischen Humor – doch dieser hier muss wohl von einer ganz anderen Art gewesen sein als jener, den wir gewöhnlich schätzen. Das Einzige, wobei mir das bisher ebenfalls so erging, war "Teatime mit Kuh" (Cold Comfort Farm) von Stella Gibbons.

Das bedeutet jedoch nicht, dass mir das Buch nicht gefallen hat. Die Geschichte an sich war sehr interessant und bot einen hervorragenden Einblick in die damalige Gesellschaft: was als schicklich galt und was nicht, und wie es um die Rechte von Frauen – oder auch von Männern ohne wohlhabende Herkunft – bestellt war.

Alles in allem also eine interessante Lektüre, auch wenn das Buch nicht auf meiner Liste der Werke landet, die ich noch einmal lesen würde.

Buchbeschreibung:

"Gutsherr Allworthy findet einen Säugling und zieht den Jungen an Sohnes Statt auf. Der Findling – Tom Jones – wächst und gedeiht prächtig, in den Augen seines Ziehvaters mitunter sogar etwas zu prächtig. Als sich Tom in die Nachbarstochter verliebt, die Allworthys Neffen versprochen ist, verweist der Gutsherr Tom des Hauses. Der junge Mann macht sich auf nach London, wobei ihn seine Reise quer durchs Land und auch durch sämtliche Schichten der vorviktorianischen Gesellschaft führt. Auf Toms Suche nach sich selbst, seiner Herkunft und vor allem nach der großen Liebe erschließt sich ein wahres Panoptikum des 18. Jahrhunderts.

In seinem breit angelegten Gesellschaftepos entlarvt Fielding gesellschaftliche Mißstände ebenso schonungslos wie die charakterlichen Schwächen seiner Helden. Allen voran erobert der liebenswerte, ungestüme, keineswegs untadelige, aber unerhört sympathische Tom Jones bis heute spielend das Herz eines jeden Lesers."

Mittwoch, 12. August 2026

Bunyan, John "Pilgerreise zur seligen Ewigkeit"

Bunyan, John "Pilgerreise zur seligen Ewigkeit" (Englisch: The Pilgrim's Progress from This World to That Which Is to Come) - 1678

Ein Klassiker, den ich schon seit einiger Zeit lesen wollte. Generell liebe ich Klassiker und genieße sie meist sehr. Mit diesem hier hatte ich jedoch meine Schwierigkeiten; er liest sich eher wie ein Theaterstück als wie ein Roman – und ich bin nicht gerade der größte Fan davon, Theaterstücke zu lesen. Zuweilen hatte ich das Gefühl, ich sei genau wie unser Pilger auf eine Reise durch dieses Buch aufgebrochen, und ich fragte mich, ob ich jemals die Erlösung – sprich: das Ende – erreichen würde.

Ich habe es schließlich geschafft, und auch wenn ich froh bin, das Buch beendet zu haben, halte ich es doch für einen Klassiker, der besser in seiner Zeit verblieben wäre. Ich bin sicher, dass er damals weitaus mehr geschätzt wurde, heute jedoch ein wenig veraltet wirkt. Und dies sage ich aus der Perspektive einer Christin, die ihre Bibel gelesen hat und gut kennt.

Buchbeschreibung:

"'Die Pilgerreise zur seligen Ewigkeit' ist eine christliche Allegorie aus dem Jahr 1678 und gilt als eines der bedeutendsten theologischen Werke in der Literatur und als Vorläufer des erzählerischen Aspekts christlichen Medien. Der unwiderstehliche Reiz des Buches, das die Vorstellungskraft des Lesers mit der Handlung und der Szenerie eines Märchens beglückt, das seinen Einfallsreichtum anregt, indem es ihn dazu bringt, eine Vielzahl kurioser Analogien zu entdecken, das seine Gefühle für die Menschen interessiert, die verwundbarer sind als er selbst und mit Versuchungen von innen und außen kämpfen, das ihm jeden Augenblick ein Lächeln entlockt durch manchmal wunderliche und doch einfache Annehmlichkeite, und das dennoch in seinem Geist ein Gefühl der Ehrfurcht vor Gott und des Mitgefühls für den Menschen hinterläßt, wird bei jedem Leser seine Wirkung entfalten. Der vorliegende Text folgt der 1859 herausgegebenen Edition der Wuppertaler Traktatgesellschaft, wurde aber in den wichtigsten Worten und Begriffen soweit überarbeitet, dass diese der aktuell gültigen Rechtschreibung entsprechen. Darüber hinaus bietet das Buch über 500 erklärende Fußnoten."

Freitag, 3. Juli 2026

Anonym "Lazarillo de Tormes"

Anonymous "Lazarillo de Tormes" (Spanisch: La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades) - Lazarillo de Tormes - 1554

Ich stieß auf den Titel dieses Buches in Jane Smileys "13 Ways of Looking at the Novel" und dachte, es wäre interessant, es zu lesen.

Und so war es auch. Ich habe dieses fast 500 Jahre alte Buch sehr genossen – ein großartiger Klassiker, den man dank seiner Kürze recht schnell lesen kann, obwohl er voller Spannung ist. Der junge, arme Lazarillo muss sich selbst durchschlagen, hat mehrere Herren und erzählt uns in diesem Roman/dieser Novelle seine Geschichten mit ihnen.

Ich würde es nicht unbedingt mit Cervantes’ "Don Quixote von der Mancha" vergleichen, obwohl beide Werke nur etwa hundert Jahre auseinanderliegen und aus derselben Gegend stammen. Dennoch gibt es einige Ähnlichkeiten. Ich liebte den Humor in diesem Buch, jenen Humor, den man oft bei Menschen findet, die weniger Glück haben als andere, die hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen und keine Hoffnung auf Besserung haben. Lazarillo ist so ein Mensch, und sein Humor verlässt ihn nie, egal wie schwer die Zeiten auch sein mögen.

Dem Autor gelang es, ein sehr realistisch wirkendes Bild des Lebens im 16. Jahrhundert zu zeichnen. Er war witzig und intelligent, genau wie sein Protagonist Lazarillo. Ich gehe davon aus, dass der Autor ein Mann war, denn damals schrieben nur wenige Frauen, und ihre Erfahrungen wären vermutlich ganz anders gewesen.

Ein wunderbares Buch, das uns in das Genre des Schelmenromans einführt – Romane, die die Abenteuer junger Burschen aus den unteren Gesellschaftsschichten beschreiben. Weitere Bücher dieses Genres sind größtenteils aus dem Fernsehen bekannt, falls man die Romane nicht gelesen hat:

Berger, Thomas "Little Big Man" (Little Big Man)
Böll, Heinrich "The Clown" (Ansichten eines Clowns)
Cervantes, Miguel de "Don Quixote" (Don Quixote von der Mancha)
Defoe, Daniel "The Fortunes and Misfortunes of the Famous  Moll Flanders" (Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders)
Eco, Umberto "Baudolino" (Baudolino)
Fielding, Henry "Tom Jones" (Tom Jones: Die Geschichte eines Findelkindes)
Grass, Günter "The Tin Drum" (Die Blechtrommel)
Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von "Simplicius Simplicissimus" (Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch)
Guareschi, Giovanni "Don Camillo and Peppone" (Don Camillo und Peppone)
Hašek, Jaroslov "The Good Soldier Švejk" (Der brave Soldat Schwejk)
Ilf, Ilja; Petrow, Jewgeni "The Twelve Chairs" (Zwölf Stühle)
Jonasson, Jonas "The Hundred-Year-Old Man Who Climbed Out the Window and Disappeared" (Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand)
Mann, Thomas "Confessions of Felix Krull" (Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull)

Ich glaube, ich muss sie alle auf meine Wunschliste setzen.

Schade, dass der Autor unbekannt ist und es nicht mehr bekannte Romane von ihm gibt.

Buchbeschreibung:

"Gleich dem deutschen Till Eulenspiegel erzählt dieser klassische spanische Schelmenroman die Geschichte des jungen Lázaro, der zur Zeit des Siglo de Oro in der Universitätsstadt Salamanca lebt. Aus ärmsten Verhältnissen arbeitet er sich mit allen Raffinessen zum städtischen Ausrufer in der damaligen Hauptstadt Toledo hoch.."

Mittwoch, 1. April 2026

Thackeray, William Makepeace "Jahrmarkt der Eitelkeit"

Thackeray, William Makepeace "Jahrmarkt der Eitelkeit" (Englisch: Vanity Fair, or, A Novel without a Hero) - 1848

Okay, William Makepeace Thackeray ist nicht Jane Austen. Aber das hatte ich auch nicht erwartet. Er ist auch kein Charles Dickens. Dennoch ist er ein wertvoller britischer Klassiker, jemand, der sich einen Namen gemacht hat und zu Recht zu den großen Autoren gehört. Wenn ich ihn mit klassischen Schriftstellern vergleichen müsste, würde ich sagen, Oscar Wilde kommt ihm ziemlich nahe.

Selten habe ich eine solche Satire auf das aristokratische England und seine Umgebung gesehen. Der Autor versucht, die alte Frage zu beantworten, wie wichtig Rang und Geld wirklich sind. Die Protagonistin dieses Romans, Miss Rebecca Sharp, genannt Becky, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in nicht gerade günstigen Verhältnissen geboren. Der Autor beschreibt, wie sie versucht, in der Gesellschaft Fuß zu fassen, ihre Erfolge und ihre Niederlagen. Doch es gibt nicht nur Rebecca Sharp, selbst sie hätte nicht tausend Seiten eines Buches füllen können. Da ist ihre Freundin Amelia Sedley, die ebenfalls ihren Anteil an den Problemen einer jungen Dame dieser Zeit hat. Und dann sind da noch die unzähligen Männer, die unsere beiden – nennen wir sie Heldinnen – umgeben. W.M. Thackeray nannte seinen Roman "Jahrmarkt der Eitelkeit, oder, Ein Roman ohne Held" (Vanity fair, or, A Novel without a Hero), was nicht heißt, dass er keine Heldin haben kann. Für mich sind es zwei. Damals war eine Frau ohne Mann nichts. Und unsere beiden Mädchen haben mit oder ohne die Hilfe ihrer Mitmenschen eine Menge zu bewältigen.

Eine interessante Geschichte, teils humorvoll, teils traurig, aber insgesamt gut geschrieben.

Zitat:
"Wer von uns ist auf dieser Welt glücklich? Wer von uns hat, was er wünscht, oder ist, wenn er es hat, zufrieden?"

Buchbeschreibung: 
 
"Das Leben der oberen Zehntausend war seit jeher faszinierend, amüsant und ein Pandämonium des Allzumenschlichen. In Thackerays großem Gesellschaftsroman von 1847/48 ist jedes Mitglied der Upper Class der "vanity" verfallen, ob nun aus Bosheit, Dummheit oder Ehrgeiz. Die Schärfe der Kritik wird jedoch gebrochen durch Ironie, Satire und Situationskomik und die Lektüre dieses Klassikers so zum reinen Vergnügen - nicht zuletzt wegen der Figur der Becky Sharp, einer der wunderbarsten Frauengestalten der englischen Literatur."

Dienstag, 17. März 2026

Sterne, Laurence " Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman"

Sterne, Laurence " Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman" (Englisch: The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman) - 1759-67

Warum ich dieses Buch bis zum Ende gelesen habe, werde ich wohl nie verstehen. Ich liebe Klassiker. Wirklich. Sie sind meine Favoriten. Nur dieser nicht.

Laurence Sterne versucht, die ganze Welt in diesen Roman zu packen und sie am Beispiel eines Gentleman namens "Tristram Shandy" zu erklären. Er möchte, dass die Geschichte sowohl philosophisch als auch unterhaltsam ist. Sie ist weder das eine noch das andere. Die meisten Charaktere sind so flach, sie sind alle hoffnungslos nutzlos, und es gibt keine wirkliche Handlung, die Geschichte springt von einem Ende zum anderen, ohne Sinn zu ergeben. Er beginnt Hunderte von Kurzgeschichten, ohne irgendwohin zu kommen, ohne sie zu beenden oder später wieder aufzuarbeiten. Ich fragte mich immer wieder, ob ich den Sinn des Ganzen herausfinden würde. Ich habe es nicht getan. Der Autor überzeugt mich nicht.

Wenn jemand einer Geschichte philosophische Gedanken hinzufügen möchte, sollte er sie wenigstens erzählen. Oder sie einfach ganz weglassen. Was in diesem Fall besser gewesen wäre.

Der Roman soll humorvoll sein, ich konnte das nicht finden, ich habe kein einziges Mal gelacht. Und ich liebe britischen Humor. Das war KEIN britischer Humor. Das einzig Lustige sind die Namen, wie Hafen Slawkenbergius. Die haben mir gefallen.

Buchbeschreibung: 

"Laurence Sterne's Auch 250 Jahre nach seinem Entstehen ist Tristram Shandy ein Wunderwerk, eine verrückte, helle Lesefreude. Den Titelhelden lernt der Leser auf einer Abfolge von Umwegen kennen und wird dabei höchst unterhaltsam mit Abschweifungen, Reflexionen und Anzüglichkeiten jeder Art eingedeckt angefangen mit der Geschichte, wie Tristrams Nase von der Geburtszange eingedrückt wurde. Laurence Sterne erprobt hier alles, was Sprache und Einfallsreichtum vermögen. Damit wurde er zu einem Begründer der modernen Literatur und sein Roman zu einem Meisterwerk der Fabulierlust."

Die englische Beschreibung sagt zum Schluss:
"Tristram Shandy ist eine freudige Hommage an die unendlichen Möglichkeiten der Belletristik und zugleich eine ironische Demonstration ihrer Grenzen." ( A joyful celebration of the endless possibilities of the art of fiction, Tristram Shandy is also a wry demonstration of 'Tristram Shandy')

Ich denke, dieser letzte Satz der Inhaltsangabe sagt alles.

Dienstag, 13. Januar 2026

Mann, Thomas "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"

Mann, Thomas "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" - Confessions of Felix Krull - 1954

Thomas Mann, einer meiner Lieblingsschriftsteller, wurde 150, und da ich das Jahr nicht beenden wollte, ohne wenigstens einen neuen Roman von ihm zu lesen, ging ich auf die Suche. Ich hatte dieses Buch auf meinem SUB, also war die Entscheidung klar.

Ich muss gestehen, ich hatte keine Ahnung, dass dieses Buch unvollendet ist. Inzwischen weiß ich, dass Mann lange an diesem Buch gearbeitet hat und sicher immer wieder Notizen über die Handlung machte, aber nur den ersten Teil vollendete und dann vor der Erstellung des zweiten starb.

Schade, der Anfang ist schon mal gut. Der zweite Teil wäre bestimmt genauso hervorragend gewesen, wie alles von Thomas Mann.

Auf jeden Fall enthält das Buch viel Augenzwinkern. Und wenn auch Felix Krull es schafft, viele Menschen auszutricksen, kann man ihn nur ob seiner List bewundern.

Das Buch liest sich sehr gut, ich habe es wirklich genossen.

Buchbeschreibung:

"Thomas Manns charmanter Hochstapler hat die Leser im Sturm erobert: Felix Krull, der eine Schwäche für Luxus und Eleganz hat. In rasanter Geschwindigkeit steigt er in einem Pariser Grandhotel vom Liftboy zum Oberkellner auf und erobert vor allem die Herzen der weiblichen Gäste. Als er eines Tages den unglücklich verliebten Marquis de Venosta trifft und mit ihm die Rollen tauscht, scheint seinem Glück nichts mehr im Wege zu stehen. Er begibt sich auf eine Weltreise und beweist mehr als einmal, dass ihm in Sachen Schwindeleien und Irreführung, niemand so schnell das Wasser reichen kann … Eine humorvolle Hommage an den schönen Schein!"

Thomas Mann erhielt den Nobelpreis für Literatur 1929 "vornehmlich für seinen großen Roman 'Buddenbrooks', der im Laufe der Jahre eine immer mehr sich festigende Anerkennung als ein klassisches Werk der zeitgenössischen Literatur gewonnen hat".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Freitag, 26. Dezember 2025

Jonasson, Jonas "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"

Jonasson, Jonas "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" (Schwedisch: Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann) - The Hundred-Year-Old Man Who Climbed Out the Window and Disappeared - 2009

Der in 35 Sprachen übersetzte Roman hatte seinen größten Erfolg, abgesehen von seiner schwedischen Heimat, in Deutschland, wo er über eine Million Exemplare verkaufte. Und dort habe ich dieses Juwel von einem Buch entdeckt. Die Geschichte enthält alles: Krimi, Mord, historischer Roman, alternative Geschichte, Liebe, Drama und jede Menge Humor. Sie ist so urkomisch und spannend. Sie wird in zwei Teilen erzählt: Allan Karlssons Leben bis zu seinem 100. Geburtstag und danach. Beide Teile sind voller Abenteuer.

Dieser Roman ist leicht zu lesen und dennoch voller Informationen und Philosophie. Eine schöne Geschichte über einen Mann, der sich nicht anpassen und nicht aufgeben will.

Auf Jonas Jonassons Website findet ihr alle Länder, die er bereist hat, und die Menschen, die er im Laufe seines Lebens getroffen hat. Er reiste von Schweden nach Moskau, Stalingrad (Wolgograd), Gulag-Lager, Wladiwostok, Los Alamos, ins Weiße Haus, nach Washington, China, in den Himalaya, nach Tibet, Afghanistan, Iran, Nordkorea, Bali und Paris und traf Zar Nikolaus (na ja, das war sein Vater), Gustav Fabergé (auch sein Vater), Wladimir Lenin, Miguel Primo de Rivera, Francisco Franco, Robert Oppenheimer, Harry S. Truman, Song Meiling, Eleonor Roosevelt, Jiang Ping, Winston Churchill, Tage Erlander, Josef Stalin, Kim II. Sung, Kim Jong II., Kirill Merezkow,, Mao Tse Tung, Charles de Gaulle, Lyndon B. Johnson und Richard Nixon.

Buchbeschreibung:

"Eigentlich hat Allan Karlsson allen Grund zum Feiern: Er wird 100 Jahre alt. Das Problem ist nur, dass er im Altersheim festsitzt, noch alle Fünfe beisammen hat und sein Körper sich bisher standhaft weigert, das Zeitliche zu segnen. Zu allem Überfluss hat sich auch noch der Bürgermeister samt Lokalpresse angekündigt. Allan hat auf den ganzen Zirkus überhaupt keine Lust. So steigt er in seinen Pantoffeln kurzerhand aus dem Fenster und stellt bald ganz Schweden auf den Kopf..."

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Kivi, Alexis "Die sieben Brüder"

Kivi, Alexis "Die sieben Brüder" (Finnisch: Seitsemän veljestä) - Seven Brothers - 1870

Angeblich ist dies das bekannteste und beste klassische finnische Buch. Na ja, ich habe leider noch nicht viel finnische Literatur gelesen, aber dies war auf gar keinen Fall das beste. Wie man schon dem Titel entnehmen und in der Beschreibung lesen kann, geht es um sieben Brüder. Man erwartet, oder ich erwartete die Geschichte einer "normalen" finnischen Familie aus der Zeit. Ich hätte gerne daraus gelernt, wie das Leben einer Durchschnittsfamilie so ablief.

Statt dessen hören wir nur von Raufereien und Saufgelagen. Die Sprache wird als "rustikal" beschrieben, aber "grob" oder "derb" ist selbst bei wohlwollendster Auslegung noch zu schmeichelhaft. Das Verhalten der Brüder untereinander glich eher dem von Kindergarten- oder jungen Schulkindern, sie hatten ein Benehmen am Leibe, das man in den Zwanzigern eigentlich abgelegt haben sollte.

Manche Leser mögen das lustig finden, mir hat es nicht gefallen. Schade.

Und hier einige Kommentare aus der Diskussion:

Das Buch löste keine dramatischen Reaktionen aus, regte uns aber dennoch zum Nachdenken über seine Themen, seinen Stil und seine Bedeutung in der finnischen Literatur an.

Die meisten von uns empfanden den Roman als anspruchsvoll. Die altertümliche Sprache, die langen Passagen und das langsame Erzähltempo erforderten etwas Eingewöhnungszeit.
Es dauerte eine Weile, bis ich mich in die Geschichte eingelesen hatte, aber sobald ich den Rhythmus verinnerlicht hatte, wirkte die Entwicklung der Brüder klar und authentisch.
Insgesamt schätzten viele, wie der Roman das Erwachsenwerden – das Lernen von Verantwortung, Geduld und das Zusammenleben mit anderen – darstellt.

Wir sprachen auch über einige der chaotischeren und schwierigeren Szenen, die den Realismus des Buches unterstreichen:
Die frühen Konflikte mit dem Dorf und den Behörden verdeutlichen, wie unvorbereitet die Brüder auf die Verantwortung Erwachsener sind.
Ihr Rückzug in den Wald ist nicht friedlich: In einem unachtsamen Moment brennen sie ihr eigenes Saunahaus nieder und sind nun obdachlos.
Sie geraten in echte Gefahr, darunter die bekannte Szene, in der sie in Notwehr eine Herde Stiere töten.
Ihre Jahre im Wald waren geprägt von Hunger, gescheiterten Versuchen, Landwirtschaft zu betreiben, übermäßigem Alkoholkonsum und häufigen Streitereien.
Diese Momente zeigen die Schattenseiten des Landlebens und den Weg, den die Brüder – praktisch wie persönlich – zurücklegen müssen, bevor sie in die Gesellschaft zurückkehren können.

Wir haben uns auch erneut damit auseinandergesetzt, warum Sieben Brüder eine so zentrale Rolle in der finnischen Literaturgeschichte spielt:
Das 1870 veröffentlichte Werk gehörte zu den ersten bedeutenden finnischen Werken in einer Zeit, als die finnischsprachige Literatur noch jung und kulturell fragil war.
Viele erwarteten von der finnischen Literatur edle, heroische oder erhebende Themen. Kivi hingegen schrieb über einfache Landbewohner, ihre Schwächen und die ungeschönte Realität ihres Lebens.
Frühe Kritiker empfanden das Buch als zu rau und meinten, es vermittle ein schlechtes Bild des finnischen Volkes.
Im Laufe der Zeit wurde es jedoch als bahnbrechendes Werk des Realismus anerkannt – es schildert das Landleben ohne Idealisierung.
Der allmähliche Weg der Brüder von Isolation und Impulsivität hin zu Verantwortung und Gemeinschaft spiegelt die umfassenderen Veränderungen wider, die sich damals in Finnland vollzogen.

Unser Gesamteindruck war, dass Sieben Brüder keine leichte Lektüre ist, doch das Verständnis des historischen Kontextes und des darin geschilderten Realismus half uns, seine Bedeutung zu erfassen. Die Ecken und Kanten und schwierigen Momente verleihen der letztendlichen Reife der Brüder Gewicht, und der Roman bleibt ein wichtiger Meilenstein der finnischen Literatur, gerade weil er Ehrlichkeit der Idealisierung vorzog.

Dies war unsere Lektüre in unserem internationalen Online-Lesekreis im November 2025.

Buchbeschreibung:

"Schauplatz des Schelmen- und Entwicklungsromans ist der ländliche SüdenFinnlands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf humorvoll-realistische Weise wird das urtümliche Leben der sieben Brüder des Jukola-Hofs geschildert; der älteste ist zu Beginn 25-jährig, der jüngste knapp 18 Jahre alt. Nach dem Tod ihres Vaters entfliehen die Brüder den Zwängen der Gesellschaft in die Wildnis und erleben dort zahlreiche Abenteuer. Ungebändigt und frei durchlaufen sie im harten Daseinskampf in den Wäldern eine Persönlichkeitsentwicklung, in derem Zuge sie ihre Rohheit, derben Saufgelage und Schlägereien überwinden und durch eigene Erfahrungen zu innerer Reife gelangen. In der Einöde philosophieren die Brüder über Religion sowie Moral und erzählen einander Sagen, versuchen sich nach zähem Ringen erfolgreich im Schreiben und Lesen. Nach zehn Jahren anarchischen Freiheitsgenusses kehren sie wieder zu ihrem heimatlichen Hof zurück, den sie verpachtet hatten. Die Dorfgemeinschaft nimmt die Heimgekehrten wohlwollend auf und unterstützt sie in ihrer Eingliederung in das Gemeindeleben. Die Brüder wenden sich einem sittsamen Leben zu und gründen Familien; die beiden intelligentesten werden mit Ehrenämtern betraut. Kivi zeigt sich in seinem Roman, in dem er liebevoll die Charaktertypen seines Volks mit all ihren Vorzügen und Schwächen schildert, als Philanthrop. Milde und Verständnis bewirken mehr als Strafe und Reglementierung, Entwicklung ist nur aus sich selbst heraus möglich, nicht durch Druck von aussen - so lautet seine Devise. Der Roman ist ein Volksbuch, da er in realistisch-urtümlicher und humorvoller Weise die typischen Züge des finnischen Menschen, sein Verhältnis zur Gesellschaft und zur Natur in oftmals derber Anschaulichkeit darstellt."

Mittwoch, 10. September 2025

Dickens, Charles "Die Pickwickier"

Dickens, Charles "Die Pickwickier" (Englisch: The Pickwick Papers) - 1836

Der erste Roman eines der größten Autoren der Geschichte. Wie viele Romane seiner Zeit erschien er in Fortsetzungen in der Zeitung. Das macht den Roman trotz seiner rund 1.000 Seiten so leicht lesbar. Jedes Kapitel musste an einem Tag gelesen werden, und so gibt es keine Kapitel, die sich über mehrere Tage hinziehen.

Dickens ist wahrscheinlich so bekannt und beliebt geworden, weil er seine Leser auf besondere Weise in Atem hielt, aber auch, weil seine Sprache leicht verständlich war, was nicht unbedingt bedeutet, dass sie einfach geschrieben war.

Wie in seinen anderen Romanen kann er aus jedem kleinen Ereignis eine große Geschichte machen. Sein Schreibstil ist von viel Humor geprägt und gleichzeitig kritisch.

Man kann kaum glauben, dass der Autor erst 24 Jahre alt war, als er dieses Werk schrieb. Samuel Pickwick, Esquire, hat drei gute Freunde, Nathaniel Winkle, Augustus Snodgrass und Tracy Tupman, mit denen er den "Pickwick Club" gründet, eine Gruppe, die das Land erkunden und anschließend den anderen Mitgliedern davon berichten möchte. Auf ihren Reisen erleben sie viele größere und kleinere Abenteuer, die uns aber immer wieder zum Lachen bringen. Gleichzeitig zeichnet Dickens ein großartiges Bild der verschiedenen Klassen und des Lebens in Großbritannien Mitte des 19. Jahrhunderts. Er zeigt einmal mehr, warum er einer der größten Schriftsteller aller Zeiten ist.

Buchbeschreibung:

"Mit seinem ersten Roman gelang Charles Dickens (1812-1870) schlagartig der Durchbruch beim Publikum. Im Zentrum des humoristischen Romans steht der Gelehrte Samuel Pickwick, Gründer und Vorsitzender des nach ihm benannten Pickwick-Klubs. Zusammen mit drei anderen Mitgliedern unternimmt er ausgedehnte Reisen durch England, um 'Erkenntnisse' zu sammeln. Die dabei erlebten komischen Abenteuer werden in (fiktiven) Protokollen festgehalten, die den erzählerischen Rahmen des Romans bilden."

Dickens, Charles "Leben und Abenteuer des Martin Chuszlewit"

Dickens, Charles "Leben und Abenteuer des Martin Chuszlewit" (Englisch: Martin Chuzzlewit. The Life and Adventures of Martin Chuzzlewit) - 1843-44 

Ich bin ja ein großer Fan von Charles Dickens und bin auch froh, diesen Roman gelesen zu haben. Aber ich würde ihn nicht empfehlen, wenn man noch nichts anderes von ihm gelesen hat. Für mich war dies eines der schlechtesten Romane von ihm.

Zu viele Figuren, auch wenn er dadurch mal wieder viele interessante Namen unterbringen konnte. Dadurch ging auch einiges unter, z.B. die Hauptliebesgeschichte, um die sich ja eigentlich alles dreht. Aber sie wird kaum dargestellt. Wir sehen das Paar kaum zusammen. Aus sonst. Zu viel Durcheinander, ein Chaos, eine Katastrophe nach der anderen.

Irgendwo habe ich gelesen, dies sei Dickens am meisten unterschätztes Buch. Kann ich nicht behaupten, ich denke, es ist genau da gelandet, wo es hingehört, irgendwo ganz unten unter all seinen fantastisschen Büchern.

Ich empfehle für den Anfang "David Copperfield" (David Copperfield).

Buchbeschreibung:

"The Life and Adventures of Martin Chuzzlewit (Leben und Abenteuer des Martin Chuszlewit), bekannter als Martin Chuzzlewit, gilt als der letzte von Charles Dickens Schelmenromane. Der Roman erschien in mehreren Fortsetzungen zwischen 1843 und 1844. Der Verkaufserfolg der ersten Fortsetzungen waren im Vergleich zu früheren Werken Charles Dickens' enttäuschend. Als Reaktion darauf änderte Dickens die Handlung und ließ den Titelheld nach Amerika reisen. Dies gab Dickens die Möglichkeit, die Vereinigten Staaten, die er 1842 besucht hatte, satirisch als Wildnis darzustellen, in deren wenigen zivilisierteren Orten überwiegend betrügerische Profitmacher lebten. Das Hauptthema des Romans ist, nach dem von Dickens verfassten Vorwort, die satirische Darstellung von Eigennutz, ein Charakterzug, der alle Mitglieder der Chuzzlewit-Familie kennzeichnet."

Freitag, 22. August 2025

Cervantes, Miguel de "Don Quijote von der Mancha"

Cervantes, Miguel de "Don Quijote von der Mancha" (Spanisch: El Ingenioso Hidalgo Don Quijote de la Mancha) - Don Quixote, vols. 1 and 2 - 1605/1615

Auch wer Don Quijote nicht gelesen hat, kennt sein Pferd Rosinante, seinen treuen Diener Sancho Pansa, seine geliebte Dulcinea, seinen Kampf gegen die Windmühlen und viele andere seiner Geschichten.

Beim Lesen klassischer Geschichten muss man die Zeit berücksichtigen, in der sie geschrieben wurden, und die damals verwendete Sprache. Auch bei der Übersetzung klassischer Geschichten muss man daran denken. Daher war ich nicht allzu überrascht, dass die Sprache nicht so flüssig war wie beispielsweise bei einem Roman von Charles Dickens oder Jane Austen.

Es werden viele Kurzgeschichten erzählt, fast wie im etwa 300 Jahre älteren "Das Decameron" (The Decameron). Dennoch ist der mittelalterliche Charakter erkennbar.

Das ist vielleicht einer der Gründe, warum mir der zweite Teil besser gefallen hat als der erste. Ich hatte mich durch all die kleinen Geschichten gearbeitet, und das Ganze fügte sich immer mehr zusammen und entwickelte sich zu einem großen Buch, anstatt nur aus kleinen Kurzgeschichten zu bestehen.

Don Quijote lebt in seiner eigenen Welt, was die Geschichte manchmal fast märchenhaft erscheinen lässt. Dies wird jedoch immer von einem Augenzwinkern des Autors begleitet, sodass wir alle gemeinsam lachen können. Wir bangen mit Don Quijote um den Ausgang seiner nächsten Aufgabe, mit Sancho um den Ausgang des ganzen Abenteuers. Wird er jemals zu Frau und Kindern zurückkehren?

Ich hatte eine Ausgabe, die in zwei Hälften geteilt war, obwohl sie sehr schwer waren. In solchen Fällen kann ich verstehen, dass die Leute zu einem E-Reader tendieren, obwohl ich das normalerweise überhaupt nicht mag (siehe hier).

Wenn ihr also klassische Bücher oder dicke Bücher mögt, solltet ihr dieses Buch unbedingt auf eure Leseliste setzen. Und denkt daran, besonders beim Lesen von Don Quijote: "Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen."

Buchbeschreibung:

"Die Abenteuer des Möchtegern-Ritters 'Don Quijote von der Mancha' erschienen 1605 und 1615 in zwei Teilen. Cervantes begründete damit die neue Gattung 'Roman' und machte sich und den verträumten Landadeligen Alonso Quijano mit seinem bäuerlichen Knappen Sancho unsterblich. "

Samstag, 12. Oktober 2024

Woolf, Virginia "Zum Leuchtturm"

Woolf, Virginia "Zum Leuchtturm" (Englisch: To the Lighthouse) - 1927

Wir haben dies in unserem internationalen Lesekreis im Mai 2010 besprochen.

Das Urteil über "Zum Leuchtturm" (To the Lighthouse) war ähnlich wie bei vielen Klassikern. Diejenigen, die Klassiker lieben, haben es genossen. Diejenigen, die das nicht tun, haben es nicht einmal ausprobiert. Einige von ihnen waren froh, dass sie sich gezwungen haben, es zu lesen.

Ich habe dieses Buch geliebt. Es war fast wie Poesie. Der Stil war wunderbar. Virginia Woolf beschreibt die Menschen wundervoll, die Gefühle, die Gedanken, die Art, wie sie die Veränderungen beschreibt, die Atmosphäre, wie sie einander ansahen, man kann es in seinem eigenen Leben wiedererkennen. Ihre Beschreibungen sind sehr detailliert. Sie versteht die Menschen wirklich, wenn man bedenkt, dass sie nicht viel zueinander sagen, ist es noch erstaunlicher, wie sie darüber schreiben kann. Einige fanden es anfangs schwierig, konnten aber den ersten Teil durchstehen. Einige Teile waren extrem bewegend.

Wir haben darüber gesprochen, zuerst der Recherche zu folgen, ich denke, das ist hier sehr hilfreich. Man muss in die Zeit zurückgehen und die Autorin und das, was sie diskutieren möchte, in einen Kontext setzen. Ein großartiges Buch über den Beginn der feministischen Ära. Es ist kein einfaches Buch, aber definitiv der Mühe wert.

Bemerkungen der Teilnehmer:
  • Es war eine Schöpfung der viktorianischen Zeit.
  • Dieses Buch brachte uns auch dazu, über den Bewusstseinsstrom und Henry James zu sprechen. Sehr philosophisch.
  • Der Unterschied zwischen Geist und Gehirn. Das Gehirn ist das physische Organ und der Geist das psychische. Der Geist zieht sich zurück, das Gehirn zieht sich an, es gibt ein kontinuierliches Ziehen und Ziehen in dem Buch.
Wir haben auch kurz über Virginia Woolf gesprochen, ihre Phasen der Eheinstabilität, ihre Angst. Ihre Mutter starb, als sie 13 war. Es ist einfach erstaunlich, wie sie die Beziehung ihrer Eltern in diesem jungen Alter verinnerlicht hat. Sie war eine sehr kluge Frau.

Laut  Publisher's Weekly, gehört "To the Lighthouse" auch zu den Top 10 der schwierigsten Bücher (Top 10 Most Difficult Books).

Buchbeschreibung:

"Virginia Woolf ist ein Wunder. Ganz gleich, was sie schrieb, immer schien es aus dem gleichen Kern zu kommen. An welchen Schreibtisch sie sich auch setzte, um ihre Romane, Erzählungen, Essays, Briefe oder ihr Tagebuch zu schreiben, immer war sie ganz bei sich.

An keinem ihrer Romane kann man das so genau studieren als an '
Zum Leuchtturm'. Denn zum einen gilt er als der innovativste und vollkommenste ihre Romane. Zum anderen gibt es kein Buch von ihr, in dem ihr Nachdenken über die Kindheit, ihre über alles verehrte Mutter und den unnahbaren Vater so klar Kontur gewinnt. Aus dem reichen Fundus der von Klaus Reichert herausgegebenen 30-bändigen Virginia-Woolf-Gesamtausgabe werden Briefe, Erzählungen, Tagebucheinträge und Essays neben den Roman gestellt, dessen Kunst sich erst in der Vielfalt der Stimmen und Perspektiven entfaltet – die Neuentdeckung eines der größten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts.

Im Jahr 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker Virginia Woolfs 'To the Lighthouse' zum zweit-bedeutendsten britischen Roman. aller Zeiten. Nicht von ungefähr: Woolfs brillanter Erzählstil ermöglicht es, eine Geschichte, die vor allem von reflektierender Innenschau geprägt ist, in einer Spannung zu erzählen, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Im Zentrum steht die Familie Ramsay und deren Besuche im Sommerhaus auf der schottischen Isle of Skye, vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Symbolisch wie real ragt im Hintergrund der malerische Leuchtturm von Godrevy Point auf, den man den Kindern bald zu besuchen verspricht. Doch subkutane, kaum wahrnehmbare häusliche Konflikte, von Woolf wie mit einem Seziermesser herausgeschält, sabotieren die Fahrt. Erst viele Jahre später findet sie statt. Doch alles hat sich bis dahin verändert. – Der Roman wurde schon kurz nach seinem Erscheinen als grandioses Stück Literatur gefeiert und verkaufte sich besser als alle Romane von Virginia Woolf zuvor."

Mittwoch, 18. Mai 2022

Grass, Günter "Die Blechtrommel"

 

Grass, Günter "Die Blechtrommel. Danziger Trilogie 1" - The Tin Drum - 1959

Günter Grass ist einer meiner Lieblings-Nobelpreisträger, sicherlich einer der besten deutschen Autoren, die wir je hatten. Sein Stil ist einzigartig, seine Sprache hervorragend.

Wie soll man dieses Buch beschreiben? Es auch nur zu versuchen, wäre so, als würde man die ganze Geschichte umschreiben, was natürlich unmöglich ist.

Warum ist es so wichtig? Die Geschichte stellt nicht nur einen Teil unserer Geschichte dar, der aus einer ganz anderen Perspektive erzählt wird als die meisten Bücher des Krieges, sie beschreibt auch durch das Genre des magischen Realismus, was alles hätte passieren können.

Oscar Matzerath wurde in der damaligen Freien Stadt Danzig (heute polnische Stadt Gdańsk) geboren. Als er drei Jahre alt ist, beschließt er, nicht mehr zu wachsen. Er erzählt uns die Geschichte seiner Großmutter und durch seine Erzählung gehen wir durch den Zweiten Weltkrieg, die Besetzung Polens und das Nachkriegsleben vieler Flüchtlinge, die nach Westdeutschland gingen.

Oscar verkörpert viele verschiedene Charaktere, das erwachsene Kind, den obsessiven Schlagzeuger, das Böse dieser Welt, den Schauspieler, der uns zeigen will, wie das Leben so spielt. Er ist viele Menschen in einem, schwer zu fassen, aber so sehr einer von uns, dass wir ihn zu kennen scheinen.

Dies ist sicherlich nicht eines der am einfachsten zu lesenden Bücher, aber es lohnt sich auf jeden Fall. Es ist eine Geschichte, die man nie vergisst. Ich werde die beiden anderen Bücher der "Danziger Trilogie" weiterlesen: "Katz und Maus" (Cat and Mouse) habe ich bereits beendet, "Hundejahre" liegt auf meinem SUB. Wie viele andere erfolgreiche Bücher wurde "Die Blechtrommel" verfilmt und erhielt als einer der wenigen deutschen den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.


Buchbeschreibung:

"Anfang der 50er Jahre trommelt und schreibt in einer Heil- und Pflegeanstalt ein Buckliger des Jahrgangs 1924 die Geschichte seines Lebens und seiner Familie vom Begin des Jahrhunderts bis in das Deutschland Adenauers. Oskar Matzerath hat alles gesehen und gehört, nichts ist ihm entgangen, denn er war ein hellhöriger Säugling, dessen geistige Entwicklung bereits bei der Geburt abgeschlossen war. Der Außenseiter, der Wirklichkeit ertrommeln und Glas zersingen kann, erweist sich dabei als der einzige Gesunde in einer Welt des Scheins, der Lüge und des Verbrechens. Am Ende seiner phantastischen Autobiographie, die Oskar vom Vorkriegs-Danzig bis ins Düsseldorf der Nachkriegszeit führt, 'entdeckt man, daß man über Deutschland und Mitteleuropa - sowohl in der Zeit des Völkermordes als auch im Biedermeier der Restauration - mehr weiß als je zuvor' (Lars Gustafsson). Mit dem Erscheinen der 'Blechtrommel' 1959 gewann der deutsche Nachkriegsroman Anschluss an die Weltliteratur und Oskar der Trommler seinen festen Platz in der modernen Mythologie."

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden. 
 
Als ich vor einigen Jahren in Lübeck war, habe ich mich gefreut, dass ich auch das Haus besuchen konnte, in dem Günter Grass gelebt hat. Meine Erfahrung könnt ihr hier nachlesen.