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Freitag, 3. Juli 2026

Anonym "Lazarillo de Tormes"

Anonymous "Lazarillo de Tormes" (Spanisch: La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades) - Lazarillo de Tormes - 1554

Ich stieß auf den Titel dieses Buches in Jane Smileys "13 Ways of Looking at the Novel" und dachte, es wäre interessant, es zu lesen.

Und so war es auch. Ich habe dieses fast 500 Jahre alte Buch sehr genossen – ein großartiger Klassiker, den man dank seiner Kürze recht schnell lesen kann, obwohl er voller Spannung ist. Der junge, arme Lazarillo muss sich selbst durchschlagen, hat mehrere Herren und erzählt uns in diesem Roman/dieser Novelle seine Geschichten mit ihnen.

Ich würde es nicht unbedingt mit Cervantes’ "Don Quixote von der Mancha" vergleichen, obwohl beide Werke nur etwa hundert Jahre auseinanderliegen und aus derselben Gegend stammen. Dennoch gibt es einige Ähnlichkeiten. Ich liebte den Humor in diesem Buch, jenen Humor, den man oft bei Menschen findet, die weniger Glück haben als andere, die hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen und keine Hoffnung auf Besserung haben. Lazarillo ist so ein Mensch, und sein Humor verlässt ihn nie, egal wie schwer die Zeiten auch sein mögen.

Dem Autor gelang es, ein sehr realistisch wirkendes Bild des Lebens im 16. Jahrhundert zu zeichnen. Er war witzig und intelligent, genau wie sein Protagonist Lazarillo. Ich gehe davon aus, dass der Autor ein Mann war, denn damals schrieben nur wenige Frauen, und ihre Erfahrungen wären vermutlich ganz anders gewesen.

Ein wunderbares Buch, das uns in das Genre des Schelmenromans einführt – Romane, die die Abenteuer junger Burschen aus den unteren Gesellschaftsschichten beschreiben. Weitere Bücher dieses Genres sind größtenteils aus dem Fernsehen bekannt, falls man die Romane nicht gelesen hat:

Berger, Thomas "Little Big Man" (Little Big Man)
Böll, Heinrich "The Clown" (Ansichten eines Clowns)
Cervantes, Miguel de "Don Quixote" (Don Quixote von der Mancha)
Defoe, Daniel "The Fortunes and Misfortunes of the Famous  Moll Flanders" (Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders)
Eco, Umberto "Baudolino" (Baudolino)
Fielding, Henry "Tom Jones" (Tom Jones: Die Geschichte eines Findelkindes)
Grass, Günter "The Tin Drum" (Die Blechtrommel)
Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von "Simplicius Simplicissimus" (Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch)
Guareschi, Giovanni "Don Camillo and Peppone" (Don Camillo und Peppone)
Hašek, Jaroslov "The Good Soldier Švejk" (Der brave Soldat Schwejk)
Ilf, Ilja; Petrow, Jewgeni "The Twelve Chairs" (Zwölf Stühle)
Jonasson, Jonas "The Hundred-Year-Old Man Who Climbed Out the Window and Disappeared" (Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand)
Mann, Thomas "Confessions of Felix Krull" (Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull)

Ich glaube, ich muss sie alle auf meine Wunschliste setzen.

Schade, dass der Autor unbekannt ist und es nicht mehr bekannte Romane von ihm gibt.

Buchbeschreibung:

"Gleich dem deutschen Till Eulenspiegel erzählt dieser klassische spanische Schelmenroman die Geschichte des jungen Lázaro, der zur Zeit des Siglo de Oro in der Universitätsstadt Salamanca lebt. Aus ärmsten Verhältnissen arbeitet er sich mit allen Raffinessen zum städtischen Ausrufer in der damaligen Hauptstadt Toledo hoch.."

Donnerstag, 2. Juli 2026

Perry, Anne "Der Weihnachtsverdacht"

Perry, Anne "Der Weihnachtsverdacht" (Englisch: A Christmas Odyssey) - 2010

Ich habe keine Ahnung, warum ich dieses Buch in die Hand genommen habe. Wahrscheinlich dachte ich, es wäre eine nette Weihnachtsgeschichte. Tja, da lag ich aber sowas von falsch. Eher ein viktorianischer Krimi. Nicht uninteressant, aber auch nicht mein Genre. Überhaupt nicht. Und schon gar nicht, wenn man sich eine schöne Weihnachtslektüre erhofft, sowas lese ich so gut wie nie, ich mag es lieber anspruchsvoll. Dieses Buch war weder schön noch anspruchsvoll. Wahrscheinlich eher was "für den Strand", wie manche es nennen würden.

Das war mein erstes und wahrscheinlich auch letztes Buch von Anne Perry. Ich glaube, sie versucht, Dickens zu kopieren. Nicht mein Fall. Ich bevorzuge das Original.

Buchbeschreibung:

"Lucien ist in der Dunkelheit der Londoner Unterwelt verschwunden und seit Monaten nicht mehr gesehen worden. Man munkelt, dass er seiner verruchten Geliebten, der schönen Sadie, ins Verderben gefolgt sei. Auf Bitten seines Vaters macht sich der Arzt Henry Rathbone auf, den verlorenen Sohn zurückzuholen. Doch als Henry in die Londoner Abgründe eindringt, findet er sich schon bald inmitten einer gefährlichen Verschwörung wieder."

Dienstag, 23. Juni 2026

Delacourt, Grégoire "Alle meine Wünsche"

Delacourt, Grégoire "Alle meine Wünsche" (Französisch: La liste de mes envies) - The list of my desires (aka My wish list) - 2012

Ich lese ab und zu gerne französische Bücher, besonders aber, wenn sie interessant sind.

Dieses Buch wurde mir von einem unserer französischen Mitglieder im internationalen Lesekreis empfohlen. Es liest sich leicht, zumindest sprachlich, daher werde ich versuchen, mehr Bücher dieses Autors zu lesen.

Jocelyne ist mit Jocelyn verheiratet. Sie haben zwei erwachsene Kinder, beide arbeiten. Ihre Ehe wirkt nach außen hin perfekt, doch hinter der Fassade verbergen sich viele Risse. Als etwas Unerwartetes passiert, ist Jocelyne überfordert, und alles scheint zusammenzubrechen.

Eine interessante Lektüre. Besonders gut gefiel mir, dass die Protagonistin darüber nachdenkt, was im Leben wichtig ist und was nicht, und dass eine solche Liste die eigene Perspektive verändern kann.

Jocelyne liest und liebt "Belle du Seigneur" (Die Schöne des Herrn), wovon ich vorher noch nie gehört hatte. Es stammt vom Schweizer Autor Albert Cohen, von dem ich ebenfalls noch nie gehört hatte.

Wir haben das Buch im November 2015 in unserem internationalen Lesekreis besprochen.

Buchbeschreibung:

"Jocelyne führt einen Kurzwarenladen im nordfranzösischen Arras. Die Kinder sind aus dem Haus, und Jocelynes ganze Leidenschaft gilt ihrem Internet-Blog übers Stricken und Nähen. Sie liebt ihr kleines Leben, liebt sogar ihren ungehobelten Mann - bis durch einen Lottogewinn alles aus den Fugen gerät.."

Mittwoch, 17. Juni 2026

Pagnol, Marcel "Jean de Florette"

Pagnol, Marcel "Jean de Florette" (Französisch: Jean de Florette, L'eau des collines #1) - Jean de Florette  - 1963

Dies war unsere Oktoberlektüre im Lesekreis, vorgeschlagen von unserem französischen Mitglied. Ein wirklich wertvoller Beitrag für unsere internationale Lesegruppe.

Ich habe den Film vor Jahren mit meinem Französisch-Konversationskurs gesehen und fand ihn recht interessant. Das Buch hat mir natürlich noch viel mehr Einblicke gegeben.

Es ist ein Buch über das Dorfleben und wie sehr die Dorfbewohner gegen jeden Neuankömmling zusammenhalten, wie sie fast wie Feinde behandelt werden, vielleicht sogar noch schlimmer. Ich habe das selbst erlebt und konnte mich daher sehr gut in die Geschichte hineinversetzen, in der Jean Cadoret einen Bauernhof erbt, die anderen Dorfbewohner ihn aber nicht dort haben wollen und alles tun, um seinen Erfolg zu verhindern.

Wir hatten eine interessante Diskussion über die unterschiedlichen Lebensweisen auf dem Land und in der Stadt, über die Vorurteile der Bewohner des einen gegenüber dem anderen und über die Sprachunterschiede, die damals sicherlich eine Rolle spielten.

Wir haben auch darüber gesprochen, wie viele kleine Dinge zu etwas Größerem führen. Das Buch bietet viel Gesprächsstoff.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, auch weil es mir die Gelegenheit gab, mein Französisch anzuwenden. Ich habe die Originalfassung gelesen.

Wir haben das im Oktober 2015 in unserem internationalen Lesekreis besprochen.

Buchbeschreibung:

"Marcel Pagnol führt uns in eine Provence der rauen Sitten ein, wo der Zweck die Mittel heiligt. César und Ugolin akzeptieren nicht, dass Jean sich in ihrem Dorf niederlässt, und werden ihn um sein Hab und Gut bringen."

Donnerstag, 21. Mai 2026

Orsenna, Erik "Die Grammatik ist ein sanftes Lied"

Orsenna, Érik "Die Grammatik ist ein sanftes Lied" (Französisch: La grammaire est une chanson douce) - Grammar Is a Sweet, Gentle Song - 2001

Ein interessantes Buch. Ein ungewöhnliches Buch. Ein Grammatikbuch. Eine Geschichte.

Eine interessante Geschichte, die Grammatik nicht nur Kindern, sondern auch Französischlernenden erklärt. Ich kann die Übersetzung nicht beurteilen, da Grammatik nicht in jeder Sprache gleich ist.

Dennoch ist es eine wunderschön geschriebene Geschichte über zwei Kinder, die ihre Muttersprache neu entdecken. Viele Wortspiele, viele Hintergrundinformationen. Mir hat das Buch gefallen und ich empfehle es jedem, der sich für Sprachen interessiert. Eine sehr kreative und fantasievolle Geschichte mit wunderschönen Illustrationen.

Ich habe das Buch im französischen Original gelesen.

Buchbeschreibung:

"Die 10-jährige Französin Jeanne hat einen streitbaren Namen. Wie Jeanne d'Arc eben, oder jene Jeanne die Axt, die gegen Karl den Kühnen zu Felde zog. Und streitbar ist auch Die Grammatik ist ein sanftes Lied des französischen Autors Erik Orsenna, dessen deutsche Ausgabe von Wolf Erlbruch großartig illustriert worden ist. Um nichts weniger geht es als um die Rettung der Liebe zur Sprache und ihrer zauberhaften Gesetze. Dies begreift Jeanne, als sie bei einer Reise über den Atlantik mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Thomas auf einer Insel strandet, in der neben Menschen auch Wörter hausen. Jeanne und Thomas haben ihre Sprache verloren und müssen sie neu erlernen -- und finden auf dem Eiland überaus kompetente Lehrmeister dazu.

Die Franzosen haben seit jeher ein besonderes Verhältnis zu ihrer Muttersprache, um deren Erhalt sich der Staat in besonderem Maße gewappnet hat. So war es offenbar das besondere Ansinnen Erik Orsennas, auch kleine Französinnen und Franzosen zur nationalen Sprachliebe zu erziehen.
Die Grammatik ist ein sanftes Lied ist stark von diesem Geist geprägt. Aber Sprachliebe ist ja nicht verwerflich. Und auch jenseits didaktischer Impulse ist Orsennas Buch überaus lesenswert. Ein besonderes Lob ist dabei vor allem auch der Übersetzerin Caroline Vollmann auszusprechen, die den Text nicht nur adäquat und flüssig ins Deutsche übertragen, sondern ihn auch an die Eigenheiten der heimischen Grammatik angepasst hat. Und das ergab in manchen Passagen fast schon wieder ein neues Buch."

Dienstag, 12. Mai 2026

Matheson, Richard "Ich bin Legende"

Matheson, Richard "Ich bin Legende" (auch: Ich, der letzte Mensch) (Englisch: I am Legend) - 1954

Meine Freunde werden staunen, dass ich dieses Buch überhaupt angefangen habe. Ja, ich habe es gelesen. Und ja, ich habe es auch beendet. Es war für einen Online-Lesekreis, und ich hätte es mir selbst nie ausgesucht, wenn ich die Beschreibung gelesen hätte – und das mache ich eigentlich immer.

Ich habe dieses Buch allerdings nicht selbst ausgewählt. Es ist nicht mein Thema; ich glaube nicht an Zombies, Vampire, Zeitreisen oder irgendetwas, das die Wissenschaft nicht erklären kann. Mir gefiel aber, dass der Autor versucht hat, diese Vampire biologisch zu erklären, zu einer Zeit, als man noch nicht wusste, was Vampire sind und wie diese Geschichten entstanden sind. Heute wissen wir es, und auch wenn sie keine Bakterien sind, wie Richard Matheson behauptete, hat er zumindest versucht, eine Erklärung zu finden.

I was not too impressed with the story, I couldn't be with a story like this. But the book is not too bad. If you like these kind of narrations, I think you will like it.

Die Geschichte selbst hat mich nicht sonderlich beeindruckt, sie hätte mich auch nicht begeistern können. Aber das Buch ist gar nicht so schlecht. Wenn man solche Erzählweisen mag, wird es einem wahrscheinlich gefallen.

Buchbeschreibung:

"Robert Neville lebt als letzter Mensch auf Erden in einer Welt von Vampiren. Nachts verbarrikadiert er sich in seinem zu einer Festung ausgebauten Haus, tagsüber durchstreift er das Land der Toten auf der Suche nach Nahrung und Waffen. Experimente an gefangenen Vampiren halten ihn davon ab, wahnsinnig zu werden. Doch die Vampire können warten …"

Samstag, 9. Mai 2026

Štimec, Spomenka "Kroatisches Kriegsnachtbuch"

Štimec, Spomenka "Kroatisches Kriegsnachtbuch" (Esperanto: Kroata Milita Noktlibro) - Croatian War Nocturnal - 1993

Dies ist nicht einfach nur das Tagebuch eines Mädchens, das in Esperanto über ihr Leben während der Balkankriege, ihr eigenes Leben und das ihrer Familie und Freunde und oft auch über deren Tod schreibt. Es ist ein Einblick in das Leben in Kriegszeiten. Bruchstücke aus dem Leben vieler Betroffener ergeben zusammen ein großes Bild.

Ich habe dieses Buch gekauft, weil es in Esperanto geschrieben ist, aber es gibt mehrere Übersetzungen, unter anderem ins Englische. Der Titel ist ein Wortspiel. "Taglibro" ist das Esperanto-Wort für Tagebuch (wie in vielen anderen Sprachen), aber da sie es hauptsächlich nachts schrieb, nennt sie es ihr Nachtbuch. Sie musste es im Badezimmer tippen, weil es der einzige Raum im Haus ohne Fenster war, in dem sie nachts Licht hatte – wenn sie denn welches hatten.

Ich bezweifle, dass dieses Buch in einer normalen Buchhandlung erhältlich ist, aber wenn ihr es findet, ist es absolut lesenswert. * Es ist eine Geschichte darüber, wie Liebe von einer Minute auf die andere in Hass umschlagen kann, wie einem quasi ein Feind "zugesteckt" wird. Nachbarn und Freunde wenden sich plötzlich gegeneinander, nur weil man nicht derselben Gruppe angehört. Was für ein Albtraum! Und wisst ihr was? Ich sehe das ständig und ich befürchte, wenn jemand die Chance dazu bekommt, wird er es den Politikern im ehemaligen Jugoslawien gleichtun und einen Bürgerkrieg oder gar einen noch größeren anzetteln. Wir müssen alle zusammenhalten, denn letztendlich sind wir alle gleich. Niemand von uns ist besser oder schlechter als ein anderer, nur weil er woanders herkommt.

Ich hoffe daher, dass sich alle die Worte einer der Witwen in dieser Geschichte zu Herzen nehmen, deren Rede bei der Beerdigung ihres Mannes auf der Rückseite abgedruckt ist:

"Freunde, Verwandte, Nachbarn, Kollegen – jetzt ist es an der Zeit, den Hass zu beenden. Es spielt keine Rolle, wer angefangen hat und wie oft. Ich hege keinen Groll gegen irgendjemanden, weil mein Mann getötet wurde. Aber haltet inne! Um des Andenkens an meinen Mann willen bitte ich euch: Vergebt und vergesst alle offenen Rechnungen! Lasst uns nach vorn blicken. Lasst nicht zu, dass unsere Kinder und Enkelkinder sich jemals wieder bekämpfen. Ob das geschieht, liegt an uns. Lasst uns tun, was in unserer Macht steht. Lasst uns der Anfang des Friedens sein, von dem alle sprechen."

Bücher, die sie erwähnt:
Krleža, Miroslav "Der Kroatische Gott Mars" (Hrvatski bog Mars) - 1922
Zamenhof, Ludwig L. "Nach dem großen Krieg – Appell an die Diplomaten" (Post la granda milito - Alvoko al Diplomatoj) - 1915
Auld, William "The Infant Race" [Die Kinderrasse] (La infana raso) - 1956

Donnerstag, 7. Mai 2026

Modiano, Patrick "Place de l'Étoile"

Modiano, Patrick "Place de l'Étoile" (Französisch: La Place de l'Étoile) - La Place de l'Étoile - 1968

Ein interessantes, gewiss herausforderndes Buch. Der Autor war noch sehr jung, erst 23 Jahre alt, als er dieses erste Buch schrieb, das ihm schließlich den Nobelpreis für Literatur einbrachte.

Patrick Modiano beginnt mit einer kleinen Geschichte, die man für einen Witz halten könnte, wäre sie nicht so traurig:
"Im Juni 1942 spricht ein deutscher Offizier einen jungen Mann an und fragt: Entschuldigen Sie, Monsieur, wo ist der Place de l’Étoile?' Der junge Mann deutet auf seine linke Brustseite. – Eine jüdische Geschichte." Der junge Mann meint damit natürlich den Davidstern, den alle Juden tragen mussten, und nicht den berühmten Platz in Paris.

Dann erzählt er weiter von seinem Protagonisten Raphaël Schlemilowitsch und dessen Überleben – oder Nicht-Überleben – im Holocaust. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, worauf er hinauswollte. Er lebt das Leben vieler Menschen und beschreibt dies mit einem fast magisch realistischen, aber zweifellos ungemein sarkastischen Stil. In seinen Erzählungen begegnen wir vielen berühmten Juden und Nichtjuden, die Geschichte geschrieben haben – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart.

Ich weiß nicht, ob dies das Hauptwerk ist, für das der Autor den Literaturnobelpreis erhielt, und ob es ein typischer Roman von ihm ist, aber ich würde es sicherlich nicht als leichte Lektüre bezeichnen. Wer sich jedoch für Geschichte interessiert, könnte Gefallen daran finden.

Buchbeschreibung:

"Der Held Raphaël Schlemilovitch führt viele schillernde Leben, als Kollaborationsjude«, als Geliebter von Eva Braun, als jüdischer Mädchenhändler. Er kommt mehrfach zu Tode und reist durch Zeiten und Länder. Bis er schließlich auf der Couch von Dr. Freud im Wien der sechziger Jahre erwacht.Ein so unterhaltsamer wie provokanter Parforceritt – und ein literarischer Befreiungsschlag von antisemitischen Zuschreibungen."

Patrick Modiano erhielt den Nobelpreis für Literatur 2014 "für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der (deutschen) Besatzung sichtbar gemacht hat".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Freitag, 24. April 2026

Dugain, Marc " Die Offizierskammer"

Dugain, Marc " Die Offizierskammer" (Französisch: La Chambre des officiers) - The Officer's Ward - 1999

Ein weiteres Buch, das wir im Lesekreis gelesen haben, empfohlen von unserem französischen Mitglied. Kein so dickes Buch wie das, das wir vorher gelesen haben, weniger als 160 Seiten, fast eine Kurzgeschichte.

Eine etwas andere Kriegsgeschichte, die nur eine Schlacht am Anfang der Handlung, zu Beginn des Krieges, schildert. Unser Protagonist Adrien wird verwundet, schwer verwundet. Die Hälfte seines Gesichts fehlt, und er muss den Rest des Krieges in einem Krankenhaus nahe Paris verbringen, wo er andere Verwundete trifft. Manche überleben viele Operationen, andere nicht.

Adrien begegnet anderen verwundeten Männern und sogar einer Frau, und zwischen ihnen entsteht eine Bindung, wie sie nur Menschen mit einem ähnlichen Schicksal eingehen können. Es beginnt eine Freundschaft, die über den Krieg hinaus ein Leben lang hält.

Es ist eine einfache Geschichte, erzählt in einfachen Worten und Sätzen (deshalb hatte ich keine Probleme, sie auf Französisch zu lesen). Sie ist interessant, aber ich hätte mir gewünscht, sie wäre etwas ausführlicher, etwas tiefgründiger gewesen.

Wir hatten jedoch ein sehr anregendes Gespräch darüber. Die meisten von uns empfanden die Geschichte als traurig, aber auch voller Hoffnung. Sie zeigte, wie die Menschlichkeit selbst dann noch zum Vorschein kommt, wenn scheinbar nichts mehr hilft. Und dass wir am Ende alle gleich sind.

Wir haben dies im Januar 2015 in unserem internationalen Lesekreis besprochen.

Buchbeschreibung:

"In den frühen Tagen des Ersten Weltkriegs, noch bevor die Front wirklich eröffnet ist, wird der junge Offizier Adrien Fournier bei einem Aufklärungsritt von der Explosion einer Granate erfasst, sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Es folgen fünf Jahre im Pariser Hospital Val-de-Grâce, in einem Zimmer mit zwei anderen, deren Gesichter ebenfalls verstümmelt sind. Marc Dugain schildert das bedrückende Vegetieren in der engen Offizierskammer des Hospitals, die entstehende Freundschaft unter den Leidensgenossen, ihre Hoffnung auf neue chirurgische Techniken und ihre Verzweiflung über das unwiederbringlich verlorene Antlitz, die angewiderten und dennoch ehrfürchtigen Reaktionen der Landsleute, als die Verstümmelten sich ein erstes Mal wieder auf die Pariser Boulevards wagen."

Dienstag, 14. April 2026

Burgess, Anthony "Die Uhrwerk-Orange"

Burgess, Anthony "Die-Uhrwerk Orange" (Englisch: A Clockwork Orange) - 1962

Mein erster Gedanke zu diesem Buch: Ich hätte es gern auf Englisch gelesen. Alternativ hätte ich mir gewünscht, die Übersetzung von Nadsat (der vom Erzähler verwendeten Fantasiesprache) direkt im Buch zu finden, anstatt sie online suchen zu müssen.

Der Anfang des Buches war also alles andere als erfreulich. Ich fand es sehr schwierig, Alex' Gedankengängen zu folgen. Aber selbst als ich den Link online endlich gefunden hatte, fiel es mir schwer, seinen Gedankengängen zu folgen. Dies ist keine typische Dystopie, in der man die Welt aus der Perspektive der Unterdrückten sieht, sondern aus der Sicht der Unterdrücker – und auch diese Perspektive ist nicht schön. Vielleicht liegt es daran, dass der Protagonist erst fünfzehn ist; man wünscht sich nicht, dass ein Teenager solche negativen Gedanken hat und ein so gewalttätiges Leben führt. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich das Leben selbst für Alex und seine Freunde verändert.

Wie dem auch sei, obwohl mir einige Teile des Buches gefallen haben, glaube ich nicht, dass ich diesen Roman so schnell wieder zur Hand nehmen werde.

Buchbeschreibung: 

"Allabendlich trifft sich der 16-jährige Alex mit seinen 'Droogs' Pete, Georgie und Dim in der Korova-Milchbar. Die vierköpfige Gang wird von pathologischer Gewaltlust getrieben.

Der Roman beginnt mit der Schilderung eines Abends, an dem Alex mit seinen Kumpanen einen alten Mann auf der Straße niederschlägt, ein Geschäft überfällt, in ein Privathaus eindringt und die Hausherrin brutal vergewaltigt.

Alex kommt ins Gefängnis, wo es ihm gelingt, sich durch die Weitergabe von Häftlingsgeheimnissen bei dem Gefängnisgeistlichen anzubiedern. Als ein Zellengenosse von Alex nach einer Auseinandersetzung tot aufgefunden wird, erhält die Gefängnisleitung das Plazet des Innenministers, den Delinquenten einer noch unausgereiften Konditionierungs-Maßnahme für Straftäter zu unterziehen. Als erster Proband soll Alex innerhalb von 14 Tagen zum gesetzestreuen Bürger umerzogen werden. Tatsächlich bewirkt die barbarische Behandlung, dass Alex schon bei dem Gedanken an Gewalt Schmerz und Ekel zu empfinden beginnt.

Doch seiner Abkehr vom Bösen liegt keine freie moralische Entscheidung, sondern lediglich eine Programmierung zugrunde. Er wird zutiefst verstört aus dem Gefängnis entlassen. Nach der Abweisung durch seine Eltern sowie der Misshandlung durch ein früheres Opfer wird Alex im Wahlkampf als politischer Märtyrer missbraucht, bis er einen Selbstmordversuch unternimmt.

Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, leitet die Regierung schließlich Maßnahmen zu seiner Rekonditionierung ein, und so findet sich der inzwischen 19-jährige Alex im letzten Kapitel in der Korova-Milchbar wieder, diesmal in der Gesellschaft seiner neuen 'Droogs'.

Am Ende jedoch verlässt er die Bar mit dem Wunsch, sich ein bürgerliches Leben aufzubauen und eine Familie zu gründen. Seine Abkehr von der Gewalt hat er nunmehr selbstständig vollzogen."

Samstag, 28. Februar 2026

McCullough, Colleen "Die Ladies von Missalonghi"

McCullough, Colleen "Die Ladies von Missalonghi" (Englisch: The Ladies of Missalonghi) - 1987

Ich habe bereits in meiner Rezension zu "Fly Away Peter" (leider keine deutsche Übersetzung) von David Malouf erwähnt, dass eine meiner Blogger-Freundinnen, Brona aus Australien, vor einiger Zeit eine Liste australischer Novellen veröffentlicht hat. Ich fragte sie, welche sie empfehlen würde, und sie sagte "Ladies of Missalonghi" von Colleen McCullough.

Da wären wir also. Wie die meisten Mädchen meiner Generation habe ich "The Thorn Birds" (Die Dornenvögel) gelesen, daher war mir der Name der Autorin nicht unbekannt.

Der Schauplatz ist die Kleinstadt Byron in den Blue Mountains in Australien, und die Geschichte spielt kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Wie viele Kleinstädte wird sie von wenigen Menschen dominiert, in diesem Fall hauptsächlich von den Männern einer großen Familie. Die Frauen sind die Verlierer, vor allem die unverheirateten.

Da ich in einem kleinen Dorf geboren wurde, in dem meine Eltern nicht aufgewachsen sind, und dort keine Familie hatten, weiß ich genau, wovon Colleen McCullough spricht. Sie hat das Leben in einer solchen Umgebung sehr treffend nacherzählt.

Alles in allem war es eine gute Lektüre, manchmal etwas leicht, aber darum geht es bei dieser Art von Buch. Ich würde es jedem empfehlen, egal, was ihr bevorzugt.

Spoiler:

Offenbar wurde die Autorin des Plagiats beschuldigt, da der Roman Ähnlichkeiten mit "Das Schloss in den Wolken" (The Blue Castle) von L.M. Montgomery aufweist. Das habe ich nicht gelesen. Sollte ich?

Hier ist Bronas Rezension.

Buchbeschreibung (übersetzt aus dem Englischen):

"Die Familie Hurlingford beherrscht seit Generationen das kleine Städtchen Byron in den Blue Mountains. Reich, mächtig und grausam – sie bekommen immer, was sie wollen.

Missy Wrights Mutter, eine geborene Hurlingford, wird von ihrer Familie verstoßen, seit sie aus Liebe und nicht aus Geldgier geheiratet hat. Nun verwitwet, leben die Frauen zurückgezogen in bescheidener, vornehmer Armut. Schlicht, dünn und unverzeihlich alleinstehend, scheint Missys Leben zu einem tristen Dasein verdammt.

Doch dann kommt eine Fremde in die Stadt. Eine Geschiedene aus Sydney. Und sie öffnet Missy die Augen für die Möglichkeit eines Happy Ends.

Dies ist eine herzerwärmende Geschichte voller Witz, Herzlichkeit und Romantik von der Bestsellerautorin von 'Die Dornenvögel'."

Samstag, 21. Februar 2026

Roth, Philip "Der Ghostwriter"

Roth, Philip "Der Ghostwriter" (Englisch: The Ghost Writer) - 1979

Warum ich vorher noch keine Bücher dieses außergewöhnlichen Autors gelesen hatte, ist mir ein Rätsel.

Was soll ich sagen, ich war von dem Buch wirklich begeistert. Ich fragte mich, ob es teilweise autobiografisch ist, denn es hatte auf jeden Fall Tendenzen, die danach klangen. Mir gefiel der alternative Geschichtsteil, ein Genre, das ich sehr schätze.

Ein junger Autor trifft einen älteren Autoren, sein schriftstellerisches Vorbild. Und dort begegnet er einem interessanten jungen Mädchen mit einer faszinierenden Vergangenheit. Das ist die Grundgeschichte. Doch es ist die Art und Weise, wie Philip Roth die Geschichte erzählt, die sie interessant macht. Sie weckt den Wunsch, alles über Nathan Zuckerman, den jungen Autor, und sein Leben zu erfahren und die ganze Reihe lesen zu wollen.

Auf nur 180 Seiten gelingt es Philip Roth, einen Überblick über die jüdische Geschichte, den Holocaust, Anne Franks Tagebuch und das Leben in den Vereinigten Staaten der 1950er Jahre zu geben, insbesondere über die Situation der Juden damals.

Wenn euch die ersten Sätze gefallen (Übersetzung von mir): "Es war die letzte Stunde Tageslicht an einem Dezembernachmittag vor über zwanzig Jahren – ich war dreiundzwanzig, schrieb und veröffentlichte meine ersten Kurzgeschichten und dachte, wie so mancher Bildungsroman-Held vor mir, bereits über meinen eigenen umfangreichen Bildungsroman nach –, als ich in seinem Versteck ankam, um den großen Mann zu treffen. Das Schindelbauernhaus lag am Ende einer unbefestigten Straße, 350 Meter hoch in den Berkshires, doch die Gestalt, die aus dem Arbeitszimmer kam, um mich feierlich zu begrüßen, trug einen Gabardineanzug, eine gestrickte blaue Krawatte, die mit einer schlichten silbernen Spange an einem weißen Hemd befestigt war, und gut gebürstete schwarze Ministerschuhe, die mich eher an einen Schuhputzstand als an den Hochaltar der Kunst denken ließen", dann wird euch das ganze Buch gefallen. Sein Schreibstil ist wunderschön.

Buchbeschreibung:

"Die Anfänge einer großen Schriftsteller-Karriere

In
Der Ghost Writer lernen wir in den fünfziger Jahren Nathan Zuckerman kennen, einen hoffnungsvollen jungen Autor mit einer Leidenschaft für bedeutende Bücher, der in einem abgelegenen Winkel Neuenglands, als Gast im Haus seines literarischen Idols E. I. Lonoff, die gegensätzlichen Ansprüche von Literatur und Erfahrung entdeckt."

Philip Roth erhielt 2011 den Booker International Prize und war 1980 Finalist für den Pulitzer-Preis.

Freitag, 20. Februar 2026

MacLaverty, Bernard "Cal"

MacLaverty, Bernard "Cal" (Englisch: Cal) - 1983

Ein schwer zu lesendes Buch. Nicht, weil es seltsam geschrieben ist oder schwierige Wörter enthält. Es liegt einfach am Thema. Die Probleme in Nordirland. Katholiken gegen Protestanten. Bruder gegen Bruder. Vater gegen Sohn. Jeder kann dein Feind sein.

Was für eine traurige Geschichte, was für eine traurige Vergangenheit. Gibt es eine Lösung? Selbst wenn sie jemals gefunden wird, gibt es in diesem Buch nichts, was uns Hoffnung gibt. Und selbst wenn, wäre es nicht so authentisch.

Der Autor vermittelt einem das Gefühl, dass die Figuren in ihrem Leben, ihrem Umfeld, ihrer Rolle in der Gesellschaft gefangen sind. Für einen Jungen in Belfast gibt es keine Hoffnung, er bekommt keine vernünftige Ausbildung und selbst mit einer vernünftigen Ausbildung keine Arbeit.

Cal versucht sein Bestes, um da rauszukommen. Er arbeitet sogar als Landarbeiter, obwohl er keine Erfahrung mit der Arbeit auf einem Bauernhof hat, wahrscheinlich war er noch nie auf einem Bauernhof, bevor er eingestellt wurde. Und dann ist da noch seine Liebe zu einer jungen Witwe. Kein einfaches Leben. Aber was tun, wenn man keine andere Wahl hat?

Wenn ihr gerne über unterschiedliche Geschichtsthemen lest und verstehen möchtet, was Menschen durchmachen, ist dieses Buch genau das Richtige. Es wurde vor etwa vierzig Jahren geschrieben, wirkt aber immer noch so authentisch wie damals. Bernard MacLaverty gelingt es, den gesamten Konflikt in diesem recht kurzen (160 Seiten) Buch zu fassen.

Wir sind inzwischen in Belfast gewesen, und es ist eine wirklich interessante und schöne Stadt, aber man merkt immer noch, wie die "Troubles" nachwirken.

Buchbeschreibung:

"Der junge katholische Arbeitersohn Cal McClasky wohnt in einer protestantischen Wohnsiedlung in Nordirland. Die Konflikte beginnen, als er sich in Marcella verliebt, die Witwe des Polizisten, bei dessen Ermordung durch die IRA er geholfen hat."

Montag, 16. Februar 2026

Bjørnson, Bjørnstjerne "Absaloms Haar"

Bjørnson, Bjørnstjerne "Absaloms Haar" (Norwegisch: Absalons Haar) - Absalom's Hair - 1894

Ich lese ja immer mal wieder gerne Bücher von Nobelpreisträgern. Als ich auf diesen Roman stieß, musste ich ihn daher begutachten. Es handelt sich hier um eine Novelle, also nicht sehr lang. Etwas mehr Handlung hätte der Erzählung sicher nicht geschadet. Ich war nicht sonderlich begeistert. Die Geschichte hüpfte hin und her, die Protagonisten hatten nichts an sich, was einen faszinieren konnte. Es ist eben ein sehr altes Buch, das die Zeichen der Zeit nicht überstanden hat.

Und wenn es als Satire gedacht war, hätte ich etwas Humor etwartet.

Bjørnson verfasste unter anderem die norwegische Nationalhymne "Ja, vi elsker dette landet" (Ja, wir lieben dieses Land)

Da auf meiner Ausgabe nur steht, dass der Verlag "zur Bewahrung der Literatur und Förderung der Kultur" gedruckt wurde, ich auch keine deutsche Buchbeschreibung finden konnte  und auch der englische Klappentext nicht viel hergab (siehe mein englischer Eintrag), habe ich mal KI befragt. Das war gar nicht mal so schlecht:

"Absaloms Haar von Bjørnstjerne Bjørnson ist eine satirische Erzählung, die Eitelkeit, Selbstüberschätzung und menschliche Natur thematisiert. Die Geschichte nutzt das biblische Motiv von Absalom, dessen üppiges Haar symbolisch für Hochmut steht, um eine allegorische Erzählung über die Gefahren übermäßigen Stolzes zu verweben. 

Inhaltliche Schwerpunkte: Die Erzählung behandelt die Obsession einer Figur mit ihrem äußeren Erscheinungsbild und die daraus resultierenden Konsequenzen, ähnlich dem biblischen Absalom, der durch sein Haar zu Fall kam.

Charakter: Absalom wird als gutaussehend, aber ehrgeizig dargestellt, wobei sein Haar als Symbol für Eitelkeit dient.

Es handelt sich um eine psychologische Charakterstudie, die oft als Allegorie interpretiert wird."

1903 erhielt Bjørnson als erster Skandinavier den Nobelpreis für Literatur "als einen Beweis der Anerkennung für seine edle, großartige und vielseitige Wirksamkeit als Dichter, die immer durch einmalige Frische der Eingebung und durch eine seltene Seelenreinheit ausgezeichnet war".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Samstag, 14. Februar 2026

Defoe, Daniel "Die Pest zu London"

Defoe, Daniel "Die Pest zu London" (Englisch: A Journal of the Plague Year) - 1722

Was für eine Geschichte! Daniel Defoe zeigt uns, wie das Leben zur Zeit der Pest war, wie die Menschen mit der Todesdrohung umgingen (oder auch nicht).

Ich habe viele Bücher gelesen, die während verschiedener Seuchen an unterschiedlichen Orten spielen, aber dieses war das aufschlussreichste und eindringlichste. Es gibt viele unterschiedliche Zahlen darüber, wie viele Menschen tatsächlich starben, aber Tatsache ist, dass diese Katastrophe mehr Todesopfer forderte als jede andere Naturkatastrophe in England. Man spricht immer vom Großen Brand von London zehn Jahre später, aber nur sehr wenige Menschen kamen dabei ums Leben.

Daniel Defoe macht dies greifbar, wir haben das Gefühl, fast dabei gewesen zu sein. Das ist großartiges Schreiben. Allerdings ist es keine leichte Lektüre, es ist eher ein Artikel als ein Roman. Und wir müssen bedenken, dass Romane, wie wir sie heute kennen, gerade erst erfunden wurden, unter anderem von Daniel Defoe, dessen größter Roman "Robinson Crusoe" (Robinson Crusoe) zu den frühesten gehört. Aber ich bin froh, dass ich dies gelesen habe.

Buchbeschreibung:

"'Bringt eure Toten raus!' Dieser von Glockenläuten begleitete Ruf der in den Straßen umherfahrenden Leichensammler hat Leser über die Jahrhunderte mit kaltem Grauen erfüllt. Daniel Defoe, der bekannte Schriftsteller und Autor von 'Robinson Crusoe', war zur Zeit der in den Jahren 1664/65 grassierenden Pest gerade einmal fünf Jahre alt, griff jedoch 1722 die Erinnerungen der Überlebenden auf, um diese realistische Chronik der Epidemie und ihrer Opfer zu erstellen. Der fiktive Erlebnisbericht folgt Defoes Erzähler, der den verheerenden Fortschritt der Seuche durch die Straßen von London hautnah miterlebt. London wird bald zur Geisterstadt. Einige Straßen sind nahezu ausgestorben, aus den noch bewohnten Häusern sind die Töne menschlichen Leidens zu vernehmen. Derweil nutzen Quacksalber und Beutelschneider die Gunst der Stunde, um die Not der Menschen in klingende Münze zu verwandeln. Jeder Bürger hat seine eigene schreckliche Geschichte zu erzählen und versucht, den Wahnsinn irgendwie zu überleben - und doch werden viele von ihnen sich am Ende trotz aller Vorsichtsmaßnahmen in die Liste der beinahe hunderttausend Pestopfer einreihen ..."

Samstag, 7. Februar 2026

Saramago, José "Kain"

Saramago, José "Kain" (Portugiesisch: Caim) - Cain - 2009

Ich liebe die Romane unserer Nobelpreisträger und konnte daher nicht widerstehen, dieses hier zu lesen. Ich habe gelesen, dass dies das letzte Buch dieses Atheisten über die Bibel ist. Hmm, das klang interessant.

Und das war es auch. Die Geschichte beginnt mit Adam und Eva und ihrer Vertreibung aus dem Paradies ... nun ja, wir alle kennen diese Geschichte. Oder etwa nicht? José Saramago findet eine einzigartige und satirische Art, diese Geschichte zu erzählen, die so alt ist wie die Menschheit. Wir sehen dann den ersten Mord, Kain tötet seinen Bruder Abel, und dann sehen wir, wie Kain weiterlebt und alle biblischen Berühmtheiten wie Abraham, Moses, Noah, Lilith und Hiob trifft und alle wichtigen Orte besucht, zum Beispiel in Lot, Babel, Jericho, Sodom und Gomorra, zu den wichtigsten Zeiten – kurz gesagt, er ist allgegenwärtig.

Was mich am meisten beeindruckt hat: Die Charaktere waren sehr realistisch, sehr real. Der Hintergrund wurde gut erklärt, und viele Geschichten ergaben Sinn. Wir erfahren hier, was mit Adam und Eva geschah, nachdem sie das Paradies verlassen hatten, und wohin sie gingen.

Ob man nun an die Bibel glaubt oder nicht, dies ist ein hochinteressantes Buch, ein sehr guter Ausgangspunkt für tiefgründige Diskussionen. Es hilft auch, viele der Geschichten zu verstehen, auch wenn es nur eine Sichtweise darstellt. Aber genau dieser Teil wird im Religionsunterricht normalerweise nicht behandelt. Ich möchte nicht behaupten, dass irgendetwas in diesem Buch wahr ist, denn das ist es nicht. Es ist die Interpretation eines Atheisten. Es trägt dennoch zu einem besseren Verständnis bei. Es ist manchmal sogar lustig.

Der Autor wurde für diesen Roman und "Das Evangelium nach Jesus Christus" (O Evangelho Segundo Jesus Cristo/The Gospel According to Jesus Christ) vielfach kritisiert, insbesondere von der katholischen Kirche. Ich denke, ich muss hier einen anderen Nobelpreisträger zitieren, Sir Winston Churchill, der sagte: "Sie haben Feinde? Gut. Das bedeutet, dass Sie irgendwann in Ihrem Leben für etwas eingetreten sind."

Ich bin sehr froh, dies gelesen zu haben.

Buchbeschreibung:

"Jesus als 'Mensch unter Menschen' - lebenshungrig und voller Neugierde, sinnenfroh und genießerisch, manchmal aber auch ängstlich und unsicher. José Saramago gibt in seiner bisweilen skandalösen, stets aber glaubwürdigen "Heilandsgeschichte" den bekannten Ereignissen immer wieder überraschende, phantasievolle neue Wendungen. Er rüttelt an den Fundamenten unserer Kultur und stellt mit beeindruckender Radikalität Geschichte, Religion und Legende in Frage."

José Saramago "der mit Gleichnissen, getragen von Phantasie, Mitgefühl und Ironie, ständig aufs Neue eine entfliehende Wirklichkeit greifbar machterhielt den Nobelpreis für Literatur 1998.

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Dienstag, 27. Januar 2026

Larsen, Nella "Seitenwechsel"

Larsen, Nella "Seitenwechsel" (Englisch: Passing) - 1929

Ich hatte den Ausdruck "Passing" in diesem Zusammenhang noch nie gehört. Eine "schwarze" Frau, die hellhäutig genug ist, um als "weiß" wahrgenommen zu werden und als "weiß" "durchzugehen". Ich verstehe zwar vollkommen, dass Frauen (oder Männer) in einer so rassistischen Welt so etwas tun würden, aber ich sehe nicht ein, warum sie es tun müssen. Meiner Meinung nach sollte die Hautfarbe keine Rolle spielen. Aber wenn man zwischen "schwarz" und "weiß" unterscheidet, sollte dann nicht jemand, der hellhäutig aussieht, als "weiß" gelten? Irgendetwas verstehe ich nicht. Oder besser gesagt, ich will es gar nicht verstehen. In was für einer Welt leben wir eigentlich???

Ich bin jedenfalls auf dieses Buch gestoßen, weil es in Britt Bennetts Roman "The Vanishing Half" (Die verschwindende Hälfte) erwähnt wurde, in dem eine ähnliche Situation beschrieben wird.

Wie man in der Buchbeschreibung lesen kann, geht es in dem Roman um zwei hellhäutige Frauen, die beide als "schwarz" gelten. Aber während eine der Frauen offiziell als Schwarze lebt, hat die andere ihrem Mann nicht einmal von ihrer Herkunft erzählt. Er ist extrem rassistisch. Und warum heiratet man so jemanden? Ach ja, manche heiraten eben wegen des Geldes. Und wie die meisten Figuren, die das tun, muss sie irgendwann die Konsequenzen tragen.

Die Autorin hathier wohl viel aus ihrem eigenen Leben verarbeitet.

Diese recht kurze Novelle hätte für meinen Geschmack etwas länger sein können, aber sie regt sehr zum Nachdenken an. Ein großartiges Buch.

Buchbeschreibung:

"Irene Redfield führt mit ihrem Mann und ihren Kindern ein zufriedenes, ruhiges Leben. Bis Clare, ihre Freundin aus Kindertagen, nach New York zieht. Beide Frauen sind trotz ihrer afroamerikanischen Wurzeln hellhäutig. Während Irene im blühenden Harlem der 1920er Jahre in der afroamerikanischen Gemeinde zu Hause ist, hat Clare die Seiten gewechselt. Sie lebt in der Welt der Weißen und ist mit einem reichen Rassisten verheiratet, der nichts von ihrer schwarzen Herkunft ahnt. Zunehmend ist Irene beunruhigt über Clares leichtsinniges Verhalten, zumal die attraktive Freundin eine magische Wirkung auf ihren Ehemann zu haben scheint: Clare, die Wanderin zwischen den Welten, liebt die Gefahr und das Spiel mit dem Feuer."

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Benali, Abdelkader "Hochzeit am Meer"

Benali, Abdelkader "Hochzeit am Meer" (Niederländisch: Bruiloft aan zee) - Wedding by the Sea - 1996

Ein seltsames Buch. Ich habe es ausgewählt, weil es von einem niederländischen Autor marokkanischer Herkunft geschrieben wurde und ich dachte, es könnte interessant sein. Er erhielt dafür den Preis für das beste literarische Debüt in den Niederlanden und stand auf der Shortlist für den Libris Literatuur Prijs, der so etwas wie der Booker Prize ist.

Die Geschichte an sich ist interessant, aber der Autor springt von einem Thema zum anderen, ohne dass man einem roten Faden folgen kann. Ich dachte, es wäre eher eine Geschichte von Marokkanern in den Niederlanden als von jemandem, der in den Niederlanden aufwächst und das Leben in Marokko von außen sieht. Auch kein schlechtes Thema, aber der Autor konnte mich nicht fesseln. Eine verwirrende Geschichte mit einem noch verwirrenderen Ende.

Buchbeschreibung:

"Eigentlich waren die Minars nach Touarirt gekommen, um ihre Tochter Rebekka unter die Haube zu bringen. Alles war abgesprochen, sie sollte ihren Onkel Mosa heiraten. Am Tag der Hochzeit war aber Mosa unauffindbar, und alles sprach dafür, daß er sich in sein Lieblingsbordell Lolita zurückgezogen hatte. Während die Hochzeitsgesellschaft und die zerknirschten Eltern warteten, blieb Rebekkas Bruder Lamarat nichts anderes übrig, als den flüchtigen Mosa wieder herbeizuschaffen. Und der sollte diesen Tag sein Leben lang nicht mehr vergessen..."

Donnerstag, 27. November 2025

Fitzgerald, Penelope "Die Buchhandlung"

Fitzgerald, Penelope "Die Buchhandlung" (Englisch: The Bookshop) - 1978

"Eine Stadt ohne Buchhandlung ist nicht unbedingt eine Stadt, die eine will." Das ist leider die Moral der Geschichte. Eine Witwe eröffnet einen Buchladen – ein Traum der meisten Leser. Leider ist der Rest der Kleinstadt nicht sehr einladend, ignoriert ihr Geschäft und begegnet ihr schlichtweg feindselig.

Mich hat der Titel des Buches natürlich angezogen. Es begann vielversprechend, konnte dem aber nicht gerecht werden. Etwas zu oberflächlich, etwas zu "leichte Lektüre" für mich. Aber wer leichte "Strandlektüre" mag, wird es vielleicht zu schätzen wissen.

Buchbeschreibung:

"Florence Green erwirbt in dem kleinen verschlafenen Dorf am Meer das Old House als zukünftiges Domizil für ihre Buchhandlung. Daß das Gebäude von einem Poltergeist besessen und bis auf die Grundmauern feucht ist, bringt sie von ihrem Vorhaben ebensowenig ab wie die Tatsache, daß sie von finanziellen Dingen keine Ahnung hat. Als Florence Green ein gerade erschienenes Buch mit dem Titel 'Lolita' von einem Autor namens Nabokov verkauft, ist der Skandal in dem kleinen Städtchen perfekt..."

Penelope Fitzgerald stand 1978 mit "The Bookshop" auf der Shortlist für den Booker Prize.

Freitag, 21. November 2025

Bâ, Mariama "Ein so langer Brief"

Bâ, Mariama "Ein so langer Brief: Ein afrikanisches Frauenschicksal" (Französisch: Une si longue lettre) - So Long a Letter - 1979

Vor einiger Zeit schickte mir eine Freundin einen Artikel mit dem Titel "Nicht-westliche Bücher, die jeder Student lesen sollte" (The non-western books that every student should read). Ich leitete ihn an meinen Lesekreis weiter, und wir beschlossen, mindestens eines der Bücher aus der Liste zu lesen. Wir entschieden uns für dieses.

Es ist wirklich ein sehr lesenswertes Buch. Wir hören selten von Frauen, die in Polygamie leben, und noch weniger davon, was mit ihnen passiert, wenn der Ehemann stirbt. Dies ist nur einer dieser Fälle, und die Autorin hat die Situation der Protagonistin so gut beschrieben. Offenbar ist es mehr oder weniger ihre eigene Geschichte – kein Wunder, dass sie uns allen die Situation so gut erklären kann.

Wir erhalten zwei verschiedene Lösungen, die beide nicht besonders gut sind, aber das ist alles, was die Frauen haben, wenn ihr Mann eine zweite Frau nimmt. Sie können ihren Mann entweder verlassen oder zurückbleiben und die "alte" Frau sein. Keine der beiden Lösungen ist besonders verlockend.

Es ist interessant, wie kurz diese Novelle ist und wie viel sie uns erzählt. Ich kann dieses Buch nur empfehlen, es ist beeindruckend.

Wir haben dies in unserem internationalen Lesekreis im Februar 2017 und in unserem internationalen Online-Lesekreis im August 2019 besprochen.

Buchbeschreibung:

"Nach dreißig scheinbar glücklichen Ehejahren wird eine Frau von ihrem Mann verlassen. Aber nicht wegen einer Geliebten: Er heiratet ein zweites Mal; ein Schulmädchen, das die selben Rechte haben wird wie sie.

Dieser preisgekrönte Briefroman ist ein erschütternder Aufruf zum Kampf gegen die Tradition der Polygamie."