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Samstag, 13. Dezember 2025

Solschenizyn, Alexander "Große Erzählungen"

Solschenizyn, Alexander (Александр Исаевич Солженицын/Aleksandr Solzhenitsyn) "Große Erzählungen: Iwan Denissowitsch; Zum Nutzen der Sache; Matrjonas Hof; Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka" (Russisch: Оди́н день Ива́на Дени́совича/Odin den' Ivana Denisovicha; Для пользы дела/ lja pol'zy dela; Матрёнин двор/Matrjonin dvor; Случай на станции Кречетовка/Sluchaj na stancii Krechetovka) - His Great Stories: One Day in the Life of Ivan Denisovich - 1962; For the Good of the Cause - 1963; Matryona's House - 1963; An Incident at Krechetovka Station - 1963 - 1962/63

Ich bin ja kein großer Fan von Kurzgeschichten, wollte aber schon immer mal etwas von Solschenizyn lesen. Als ich dann dieses Buch fand, das mit einer seiner größten Erzählungen, "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", beginnt, dachte ich, ich versuche es einfach mal.

Buchbeschreibung:

"Die hier neu veröffentlichten Erzählungen begründeten den Ruhm des modernen russischen Klassikers und Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn."

Aber auch die anderen Geschichten sind hervorragend, deshalb beschreibe ich sie hier alle, aber keine Angst, es sind nur vier.
"Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" (Russisch: Оди́н день Ива́на Дени́совича Odin den' Ivana Denisovicha) - 1962 

Wir hören immer wieder vom Gulag, von den Gefangenen, die nach Sibirien deportiert wurden und dort arbeiten mussten usw. Aber wir wissen nie wirklich, was dort vor sich geht, wie die Arbeit aussieht, wie die Gefangenen gehalten werden.

Es sei denn, wir lesen über einen Tag im Leben von Iwan Denissowitsch Schuchow, vom Moment des Aufwachens bis zum Schlafengehen.

Und wenn wir das gelesen haben, verstehen wir, warum dieser Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur erhielt. Selbst wenn er nichts anderes geschrieben hätte, wäre er einer der größten Autoren der Welt. Beim Lesen fühlt man sich an Iwans Seite, leidet mit ihm, begleitet ihn. Er scheint ein geborener Überlebenskünstler zu sein, jemand, der vieles ertragen kann und sich die extra Portion der schrecklichen Suppe sichert, nach der sich alle sehnen.

Dies ist ein sehr bewegender Roman von jemandem, der den Gulag selbst erlebt hat. Er verbrachte acht Jahre dort und wurde dann lebenslang nach Kasachstan verbannt.

Eine fantastische Geschichte, brillant geschrieben.

Buchbeschreibung:

"'Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch' über den Alltag in einem stalinistischen Arbeitslager war das aufsehenerregendste Buch, das nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion veröffentlicht wurde. Die in seiner Folge entstandenen und in diesem Band neu vorgelegten Erzählungen begründeten den Ruhm des russischen Nobelpreisträgers."

"Zum Nutzen der Sache" (Russisch: Для пользы дела/Dlja pol'zy dela) - 1963

Eine weitere großartige Geschichte über die Schattenseiten der Sowjetunion. Eine Geschichte über Bürokraten, die über das Ziel hinausschießen. Die nicht das Wohl des Volkes im Sinn haben, sondern nur ihren eigenen Vorteil.

Es handelt sich um eine kurze Novelle mit weniger als hundert Seiten, und ich möchte nicht zu viel verraten, aber die Sprache ist genauso brillant wie in "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", und die Charaktere sind genauso treffend beschrieben.

Einzeln habe ich diese Geschichte allerdings nur in Englisch gefunden.

Buchbeschreibung:

"In 'Zum Nutzen der Sache' zeichnet Solschenizyn ein bemerkenswertes Bild des sowjetischen Lebens. Er schildert die gesamte Bandbreite, von einfachen Schülern, Arbeitern und Lehrern bis hin zu den allmächtigen Beamten in Moskau, deren gesichtslose, kafkaeske Anonymität Furcht einflößt. Wie seine weltberühmten Romane 'Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch', 'Der erste Kreis' und 'Die Krebsstation' ist auch 'Zum Nutzen der Sache', an einer neuen Provinzschule angesiedelt, eine vernichtende Anklage gegen die Unterdrückung einfacher, anständiger Menschen durch karriereorientierte sowjetische Bürokraten. Solschenizyn präsentiert die Konflikte zwischen Recht und Unrecht, zwischen der Freiheit des Einzelnen und der Härte des Systems mit absoluter Aufrichtigkeit und Überzeugung."
"Matrjonas Hof" (Russisch: Матрёнин двор/Matrjonin dvor) - 1963

Eine weitere großartige Geschichte, in der wir den "kleinen Mann" – oder in diesem Fall die "kleine Frau" – kennenlernen, der mit dem auskommen musste, was ihm gegeben oder erlaubt war. Diese Geschichte basiert auf Solschenizyns eigenen Erfahrungen als Lehrer nach seiner Entlassung aus dem Gulag.

Buchbeschreibung:

"1956, nachdem er seine Qualen im Gulag hinter sich gelassen hatte, wollte Alexander Solschenizyn in einem ruhigen Winkel der UdSSR untertauchen und bewarb sich als Mathematiklehrer. Auf der Suche nach einer Unterkunft in der Stadt, in die er versetzt worden war, sah er die Hütte von Matrona, einer älteren Witwe, die dort mit einer lahmen Katze und einer Ziege lebte, und beschloss, dort zu bleiben.

'
Matrjonas Haus' ist die Geschichte einer alten Bäuerin, deren zäher Kampf gegen Kälte, Hunger und gierige Verwandte von einem jungen Mann beschrieben wird, der sie erst nach ihrem Tod versteht."
"Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka" (Russisch: Случай на станции Кречетовка/Sluchaj na stancii Krechetovka) - 1963

Offenbar basiert diese Geschichte auf wahren Begebenheiten, genauer gesagt auf einem Unfall im Zweiten Weltkrieg. Ich kann mich nur wiederholen: Der Autor ist ein großartiger Erzähler.

Buchbeschreibung:

"In 'Ein Zwischenfall am Bahnhof Krechetowka' trifft ein Leutnant der Roten Armee auf einen verstörenden Nachzügler und muss entscheiden, was er mit ihm anfangen soll."

Alexander Solschenizyn erhielt den Nobelpreis für Literatur 1970 "für die ethische Kraft, mit der er die unveräußerliche Tradition der russischen Literatur weitergeführt hat". 

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Samstag, 30. August 2025

Alexievich, Svetlana "Tschernobyl"

Alexievich, Svetlana "Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft" (Russisch: Чернобыльская молитва/Černobylskaja molitva) - Voices from Chernobyl: The Oral History of a Nuclear Disaster - 2006

Ich wusste von Tschernobyl. Wie wir alle. Wir alle haben von der Atomkatastrophe 1986 gehört. Wir alle haben von den Gefahren gehört, denen Atomkraftwerke uns alle aussetzen. Und das nicht erst seit Fukushima 2011. Für uns Europäer begann es schon viel früher.

Wir wussten auch, dass die Russen versuchten, den Unfall so lange wie möglich vor dem Ausland zu verheimlichen. Was wir nur vom Hörensagen wussten, war die Tatsache, dass sie ihn sogar vor ihrem eigenen Volk verheimlichten und ihre eigenen Leute in Gefahr schickten. Feuerwehrleute und andere "Freiwillige", die zum Aufräumen in die Gefahrenzone geschickt wurden. Und das nicht nur für ein paar Minuten. Die meisten von ihnen sind inzwischen tot, und ohne Swetlana Alexijewitsch und viele andere heldenhafte Menschen, die ihre Geschichten erzählten, wüssten wir immer noch nicht, was genau in Tschernobyl und Umgebung passiert ist.

Wer sich auch nur im Geringsten für die Zukunft unseres Planeten und für die Umwelt interessiert, sollte Sie diesen erschütternden Bericht darüber lesen, was Geld den Menschen antun kann. Denn genau darum geht es: Geld und Macht. Jeder Krieg wird darum geführt und jede Geschäftsentscheidung wird darauf basiert. Und wer zahlt den Preis? Wir, die "kleinen Leute".

Eine sehr eindringliche Geschichte, die jeder lesen sollte, insbesondere diejenigen, die immer noch glauben, Atomkraft sei die "billigste" und "beste" Energieform.

Dieses Buch erinnert eindringlich an das Zitat: "Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt – sondern von unseren Kindern geliehen." (wahrscheinlich von Moses Henry Cass – laut Quote Investigator, aber vielen anderen weisen Menschen zugeschrieben).

Buchbeschreibung:

"Swetlana Alexijewitsch wurde bekannt durch die Dokumentation menschlicher Schicksale und gilt als wichtigste Zeitzeugin der postsowjetischen Gesellschaft. Über viele Jahre hat sie mit Menschen gesprochen, für die die Katastrophe von Tschernobyl zum zentralen Ereignis ihres Lebens wurde. Entstanden sind eindringliche psychologische Porträts, die ungeheure Nähe zu den Betroffenen aufbauen und von höchster Sensibilität und journalistischer Perfektion zeugen."

Svetlana Alexievich  erhielt den Nobelpreis für Literatur  2015 "für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setztund den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2013.

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Montag, 28. April 2025

Mak, Geert "In Europa"

Mak, Geert "In Europa: Eine Reise durch das 20. Jahrhundert" (Niederländisch: In Europa: Reizen door de twintigste eeuw) - In Europe. Travels through the twentieth century - 2004

Das 20. Jahrhundert. Was für ein Jahrhundert! Wenn wir älter als 30 Jahre sind, erinnern wir uns vielleicht an einen Teil davon. Ich erinnere mich an die letzte Hälfte. Die bessere Hälfte, denke ich, die friedliche Hälfte, in der der Krieg nur kurz bevorstand, aber nie präsent war. Zumindest nicht in dem Teil der Welt, in dem ich lebte.

Geert Mak ist ein exzellenter niederländischer Journalist, der mehrere Sachbücher über das Leben im Allgemeinen und insbesondere in diesem Teil der Welt geschrieben hat (ich habe "Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa" hier beschrieben).

Mit diesem Werk hat er sich selbst übertroffen. Er reist durch Europa (nicht nur im Buch, sondern auch im wirklichen Leben) und beschreibt jedes Jahrzehnt des Landes, das er gerade besucht. Manche davon muss er natürlich mehrmals besuchen.

Auf jeden Fall gibt er einen brillanten Überblick über das Jahrhundert, das das Leben aller (und nicht nur das der Europäer) für immer verändert hat. Lasst uns aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Die Lektüre eines solchen Buches könnte uns allen helfen, diese Fehler besser zu verstehen und zu versuchen, sie für eine bessere und friedlichere Welt zu vermeiden.

Buchbeschreibung:

"Europa erfahren – Geert Mak auf den Spuren des 20. Jahrhunderts

Geert Mak, der große Erzähler unter den Historikern unserer Zeit, legt mit diesem Buch sein bisheriges Hauptwerk vor. Seine Geschichte des 20. Jahrhunderts ist als ein Reisebericht angelegt und versteht sich als eine Bestandsaufnahme Europas am Ende eines katastrophenreichen Jahrhunderts. Mak sucht die Orte auf, an denen die Geschichte in besonderer Weise Spuren hinterlassen hat. Ein kluges und bewegendes Buch, das uns zu Augenzeugen des letzten Jahrhunderts macht.

Für dieses Buch ist Geert Mak ein Jahr lang kreuz und quer durch Europa gereist. In jedem Monat seiner Reise nimmt sich Mak einen weiteren Abschnitt des 20. Jahrhunderts vor. Im Januar besucht er Paris, wo das 20. Jahrhundert mit der großen Weltausstellung seinen optimistischen Anfang nahm. Im Dezember befinden wir uns in den Ruinen Sarajewos, die das Ende des blutigen Jahrhunderts markieren.

Mak liest die Spuren, die das 20. Jahrhundert auf unserem Kontinent hinterlassen hat, er begibt sich auf die Suche nach der Befindlichkeit Europas, wie sie an historischen Erinnerungsorten und in den Geschichten von Menschen zum Vorschein kommt. Dabei wird erkennbar, in welcher Weise die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt, wie sie uns Europäer verbindet, vielfach aber auch trennt.

Mak versteht es wie kein anderer, der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert ein Gesicht zu geben, sie in zahllosen Details sichtbar, fühlbar, sinnlich wahrnehmbar zu machen. Auf seiner Reise sprach Mak mit Schriftstellern und Politikern, mit Dissidenten und hochrangigen Offizieren, mit einem Bauern aus den Pyrenäen und mit dem Enkel des letzten deutschen Kaisers sowie mit zahlreichen anderen Europäern, die ihm ihre Erfahrungen und Erinnerungen anvertraut haben."

Freitag, 25. Oktober 2024

Mak, Geert "In Europa"

Mak, Geert "In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert" (Niederländisch: In Europa: Reizen door de twintigste eeuw) - In Europe. Travels through the twentieth century - 2004

Das 20. Jahrhundert. Welch ein Jahrhundert das war. Wenn wir älter als 20 oder 30 Jahre alt sind, erinnern wir uns vielleicht an einen Teil davon. Ich erinnere mich an die zweite Hälfte. Die bessere Hälfte, würde ich denken, die friedliche Hälfte, in der der Krieg nur um die Ecke drohte, aber nie präsent war. Zumindest nicht in dem Teil der Welt, in dem ich lebte.

Geert Mak ist ein ausgezeichneter niederländischer Journalist, der mehrere Sachbücher über das Leben im Allgemeinen und im Besonderen in diesem Teil der Welt geschrieben hat (ich "Wie Gott Verschwand Aus Jorwerd: Der Untergang des Dorfes in Europa" gelesen.)

Mit dieser Arbeit hat er sich selbst übertroffen. Er reist durch Europa (nicht nur im Buch, sondern auch im wirklichen Leben) und beschreibt jedes Jahrzehnt des Landes, das er gerade besucht. Einige davon muss er natürlich mehrmals besuchen.

Auf jeden Fall gibt er einen brillanten Überblick über das Jahrhundert, das das Leben aller (und nicht nur das der Europäer) für immer verändert hat. Lasst uns aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Die Lektüre eines solchen Buches könnte uns allen helfen, diese Fehler besser zu verstehen und zu versuchen, sie im Interesse einer besseren und friedlicheren Welt zu vermeiden.

Buchbeschreibung:

"Europa erfahren – Geert Mak auf den Spuren des 20. Jahrhunderts

Geert Mak, der große Erzähler unter den Historikern unserer Zeit, legt mit diesem Buch sein bisheriges Hauptwerk vor. Seine Geschichte des 20. Jahrhunderts ist als ein Reisebericht angelegt und versteht sich als eine Bestandsaufnahme Europas am Ende eines katastrophenreichen Jahrhunderts. Mak sucht die Orte auf, an denen die Geschichte in besonderer Weise Spuren hinterlassen hat. Ein kluges und bewegendes Buch, das uns zu Augenzeugen des letzten Jahrhunderts macht.

Für dieses Buch ist Geert Mak ein Jahr lang kreuz und quer durch Europa gereist. In jedem Monat seiner Reise nimmt sich Mak einen weiteren Abschnitt des 20. Jahrhunderts vor. Im Januar besucht er Paris, wo das 20. Jahrhundert mit der großen Weltausstellung seinen optimistischen Anfang nahm. Im Dezember befinden wir uns in den Ruinen Sarajewos, die das Ende des blutigen Jahrhunderts markieren.

Mak liest die Spuren, die das 20. Jahrhundert auf unserem Kontinent hinterlassen hat, er begibt sich auf die Suche nach der Befindlichkeit Europas, wie sie an historischen Erinnerungsorten und in den Geschichten von Menschen zum Vorschein kommt. Dabei wird erkennbar, in welcher Weise die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt, wie sie uns Europäer verbindet, vielfach aber auch trennt.

Mak versteht es wie kein anderer, der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert ein Gesicht zu geben, sie in zahllosen Details sichtbar, fühlbar, sinnlich wahrnehmbar zu machen. Auf seiner Reise sprach Mak mit Schriftstellern und Politikern, mit Dissidenten und hochrangigen Offizieren, mit einem Bauern aus den Pyrenäen und mit dem Enkel des letzten deutschen Kaisers sowie mit zahlreichen anderen Europäern, die ihm ihre Erfahrungen und Erinnerungen anvertraut haben.
"

Freitag, 9. August 2024

Wolf, Christa "Der geteilte Himmel"

  

Wolf, Christa "Der geteilte Himmel" - They Divided the Sky (aka Divided Heaven) - 1963

Ich bin mit dem "Eisernen Vorhang" aufgewachsen. Und so wie die Menschen auf der Ostseite des Vorhangs nicht zu uns kommen konnten, konnten wir im Westen nicht dorthin. Wohlgemerkt, wir hielten uns immer für die Glücklichen und ich erinnere mich an den Tag, als der Vorhang heruntergerissen wurde, den Fall der Berliner Mauer und all das, als wäre es gestern gewesen.

Die Autorin Christa Wolf ist im Osten aufgewachsen, sie war eine große Anhängerin des Sozialismus, aber nicht des Regimes in ihrem Land. Das kann ich ganz gut verstehen, ich würde wahrscheinlich sagen, dass meine politischen Ansichten ihren ähnlich sind.

In diesem Roman, einem ihrer ersten, lernen wir Rita und Manfred kennen, ein junges Paar, das kurz vor dem Bau der Mauer irgendwo in Ostdeutschland lebte. Wir erfahren von ihren Problemen im neuen Staat, ihren unterschiedlichen Ansichten darüber, was getan werden kann und was sie selbst tun.

Sie sind hin- und hergerissen zwischen ihrer Erleichterung, den Krieg überlebt zu haben, und ihrem Wunsch, weiterzumachen. Aber was ist besser? Kapitalismus oder Sozialismus. Eine schwierige Frage, auch heute noch.

Ein brillantes Buch, das beschreibt, wie Deutschland fast ein halbes Jahrhundert lang in zwei Hälften geteilt war. Für diejenigen von uns, die damit aufgewachsen sind, eine Erinnerung daran, was war und was hätte sein können. Ein Einblick in die andere Seite. Für diejenigen, die später geboren wurden und/oder sich selbst nicht daran erinnern (oder nicht in Deutschland gelebt haben), eine gute Geschichtsstunde.

Buchbeschreibung:

"Ende August 1961: In einem kleinen Krankenhauszimmer erwacht Rita Seidel aus ihrer Ohnmacht. Und mit dem Erwachen wird auch die Vergangenheit wieder lebendig. Da ist die Erinnerung an den Betriebsunfall und vor allem die Erinnerung an Manfred Herrfurth. Zwei Jahre sind vergangen, seit sie dem Chemiker in die Stadt folgte, um an seiner Seite und mit ihm gemeinsam ein glückliches Leben zu beginnen. Wann hat die Trennung begonnen? Hat sie die ersten Anzeichen einer Entfremdung übersehen? Denken, Grübeln, Fiebern - Tage und Nächte hindurch! 'Ich gebe Dir Nachricht, wenn Du kommen sollst. Ich lebe nur für den Tag, da Du wieder bei mir bist.' Manfred ist von einem Chemikerkongreß in Westberlin nicht zurückgekehrt in dem festen Glauben, daß Rita ihm folgen wird. Sie muß eine Entscheidung treffen, die sie in eine tiefe Krise stürzt."

Montag, 13. Februar 2023

Tellkamp, Uwe "Der Turm"

  

Tellkamp, Uwe "Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land" - The Tower - 2008

Ich fand dieses Buch hervorragend und kann es wirklich all meinen Freunden empfehlen. Lest es.

Uwe Tellkamp beschreibt das Leben in der DDR in den 1980er Jahren. Ich bin im Westen des Landes aufgewachsen und hatte - wie die meisten von uns - keine Kontakte in den Osten. Das bedeutet, dass ich nicht für die Genauigkeit der abgebildeten Leben bürgen kann. Aber ich habe das Gefühl, dass es ziemlich nah dran ist, nicht unbedingt für alle, vielleicht nur für diejenigen, die aufgrund ihrer Position ein privilegierteres Leben geführt haben.

Die Länge des Buches ermöglichte es dem Autor, auf so viele Details von so vielen verschiedenen Charakteren einzugehen. Ohne das hätte er sich auf weniger Personen oder eine oberflächlichere Beschreibung beschränken müssen.


Christian Hoffmann ist der Protagonist, er ist hervorragend dargestellt. Aber mein Lieblingscharakter ist Meno Rohde, weil er am "lebendigsten" wirkt.

Ich möchte auf jeden Fall mehr von diesem Autor und mehr von anderen DDR-Autoren lesen. Letztes Jahr wurde die Fortsetzung veröffentlicht, "Der Schlaf in den Uhren". Natürlich, wie üblich in deutschen Verlagen, wurde es noch nicht als Taschenbuch herausgegeben, aber da ich jetzt schon vierzehn Jahre warte, kommt es auf ein paar Jahre mehr auch nicht mehr an.

Buchbeschreibung
:

"Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der 'süßen Krankheit Gestern' der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze - oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der 'roten Aristokratie' im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk 'Ostrom', wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird."

Donnerstag, 26. Januar 2023

Müller, Herta "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet"

 

Müller, Herta "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" - The Appointment - 1997

Wir hatten das Glück, dieses Buch mit einem rumänischen Mitglied unseres Lesekreises diskutieren zu können, die uns einige Informationen aus erster Hand geben konnte.

In diesem Roman schildert Herta Müller den Weg einer Rumänin zu einem Termin bei der "Securitate", der Geheimpolizei. Das ganze Buch findet in den 90 Minuten statt, die sie braucht, um dorthin zu gelangen. Während sie mit der Straßenbahn fährt, reflektiert sie ihr Leben und was zuvor passiert ist.

Natürlich haben nicht alle in Rumänien die gleiche Erfahrung gemacht, besonders die jüngere Generation. Einige der schlimmsten Teile für alle waren die Rationalisierung der Lebensmittel, das Schlangestehen für Grundbedürfnisse, die Träume von Reisen, die Zensur. Es gab hauptsächlich klassische Bücher zu lesen oder nationalistische, alles, was verkauft wurde, war sowieso rumänisch. Sogar Filme waren verboten. Wenn man Glück hatte und einen Verwandten oder Freund hatte, der herumkam, bekam man vielleicht Kaffee etc. Die "Securitate", die Geheimpolizei, wusste alles. Man wurde zur Zusammenarbeit erzogen. Die Leute gerieten viel unter Druck. Man wurde zum Mitglied der kommunistischen Partei ernannt. Es schien nicht viel von einem Untergrund zu geben. Die Akten der Geheimpolizei wurden erst vor etwa 15 Jahren geöffnet.

Die meisten von uns wollten dieses Buch unbedingt lesen. Die Botschaft war, sich selbst zu lieben, und das ist so wichtig. Wir mochten den Stil, auch wenn einige es schwierig zu lesen fanden, zu verstehen, dass es im ganzen Buch um eine kurze Zugfahrt ging.

Einige Kommentare unserer Leserinnen: Die Autorin sieht die Welt durch ein Kaleidoskop, nichts hängt zusammen, es gibt keine Staatstrauer. Dies ist eine wunderbare Darstellung über die Unmenschlichkeit, die Verantwortungslosigkeit dieses Regimes, sehr kraftvoll. Es sind die kleinen Momente.
Sie alle waren Opfer. Wir fanden das sehr lehrreich.
Die Autorin beschreibt eine dunkle Niedergeschlagenheit, die einem sehr zu denken gibt.
Ich habe noch
nie etwas mit einem solchen Gefühl der Hoffnungslosigkeit gelesen. Es muss eine erlösende Antwort geben.
In ihrem Leben dreht sich alles um Selbstbeherrschung. Es ist die Zwanghaftigkeit/Besessenheit, die die einzige Kontrolle in ihrem Leben ist.
Das war eine perfekte Art zu zeigen, dass sie verrückt geworden ist. Es ist sehr wichtig, über Diktaturen zu schreiben.

Buchbeschreibung:

"'Ich bin bestellt.' Eine junge Frau in einer Großstadt in Rumänien auf dem Weg zum Verhör beim Geheimdienst. Sie hat diese Fahrt mit der Straßenbahn schon oft machen müssen, doch diesmal hat sie aus einer Vorahnung heraus Handtuch, Zahnpasta und Zahnbürste eingepackt. Unterwegs lässt sie ihr Leben an sich vorüberziehen: die Kindheit in der Provinz, die halberotische Gier nach dem Vater, die Deportation der Großeltern, das sporadische Glück, das ihr mit Paul gelingt, auch wenn sein Trinken für ihre Liebe eine Last ist. Außen: starre Uhrzeiten, Haltestellen, ein- und aussteigende Personen, vorbeiziehende Straßen. All dies soll ablenken und führt doch immer wieder zurück zu: 'Ich bin bestellt.'

Doch an diesem Tag hält der Fahrer an der Station, an der sie aussteigen muss, nicht an. Und sie beschließt zum ersten Mal, nicht zum Verhör zu gehen.
"

Wir haben dies im Februar 2003 in unserem internationalen Lesekreis besprochen.

Herta Müller ist im deutschsprachigen Teil Rumäniens aufgewachsen. Sie ging 1987 nach Deutschland, aber ihre Bücher wurden damals nicht in Rumänien veröffentlicht.

Herta Müller "die mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit zeichnet" erhielt den Nobelpreis für Literatur 2009.

Ich wirke an dieser Seite mit:
Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Dienstag, 13. September 2022

Pausewang, Gudrun "Die letzten Kinder von Schewenborn

 
Pausewang, Gudrun "Die letzten Kinder von Schewenborn oder … sieht so unsere Zukunft aus? (The Last Children) - 1983

Ein Jugendbuch aus den frühen Achtzigern. Als wir mitten im Kalten Krieg waren. Als unsere größte Angst die Atombombe war. Dieses Buch zeigt das Worst-Case-Szenario, den Super-GAU. Mehrere Bomben über mehreren europäischen Städten. Die ersten Opfer. Die Folgen.

Ich habe dieses Buch vor ein paar Jahrzehnten gelesen, aber es ist eines, das mich immer noch begleitet. Ich glaube nicht, dass es veraltet ist, wir haben heute viele andere Probleme und Ängste, aber die nukleare Bedrohung ist heute so lebendig wie damals.


Buchbeschreibung:

"'Als wir durch Lanthen fuhren, war noch alles wie immer. Aber im Wald, gerade in der Kurve am Kaldener Feld, blitzte es plötzlich grell auf, daß wir die Augen zupressen mußten. Meine Mutter stieß einen Schrei aus, und mein Vater trat so fest auf die Bremse, daß die Reifen quietschten. Sobald der Wagen stand, sahen wir am Himmel, hinter den Wipfeln, ein blendendes Licht, weiß und schrecklich, wie das Licht eines riesigen Schweißbrenners oder eines Blitzes, der nicht vergeht. Ich schaute nur einen Augenblick hinein. Trotzdem war ich danach eine ganze Weile wie blind.'

Über Deutschland explodieren Atombomben. Von nun an beherrschen Krankheit, Todesangst und Kriminalität den Alltag. Eine Zukunft gibt es nicht mehr.
Gudrun Pausewang entwirft ein fiktives Szenario, das erschüttert und zum Nachdenken zwingt."

Gudrun Pausewang erhielt 1984 den Gustav-Heinemann Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher.

Montag, 5. September 2022

Müller, Herta "Der König verneigt sich und tötet"

 
Müller, Herta "Der König verneigt sich und tötet" - The King Bows and Kills - 2003

Herta Müller ist im deutschsprachigen Teil Rumäniens aufgewachsen. Alles, was der deutschen Minderheit vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte, wurde beschlagnahmt. Ihr Großvater war ein reicher Grundbesitzer und Kaufmann, ihr Vater arbeitete als Lastwagenfahrer. Als Herta Müller anfing, über ihr Leben und die Repressionen gegen die Menschen in Rumänien zu schreiben, wurde sie zu einem Fall der "Securitate", der rumänischen Geheimpolizei. Sie ging 1987 nach Deutschland, wo sie weitere Bücher veröffentlichte, die nicht ins Rumänische übersetzt wurden und in Rumänien nicht erhältlich waren.

Dieses Buch ist eine Sammlung mehrerer Essays und zeichnet ein Bild eines Lebens in einer Diktatur. Es ist wahrscheinlich das Werk der Autorin, das einer Autobiografie am nächsten kommt.

Buchbeschreibung:

"Das eindrucksvolle Bild einer Lebenserfahrung unter absoluter Herrschaft: Herta Müller, die bedeutende und sprachmächtige Autorin, wuchs auf im Rumänien unter der Diktatur Ceausescus. Hier erfuhr sie Sprache als Instrument der Unterdrückung, aber auch als Möglichkeit des Widerstands und der Selbstbehauptung gegenüber der totalitären Macht. Und dieses Sprachbewusstsein stellt sie neben Erinnerungen an die Kindheit in den Mittelpunkt ihrer poetischen und politischen Selbstbefragung."

Herta Müller, "die mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit zeichnet", erhielt 2009 den Nobelpreis für Literatur.

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Mittwoch, 3. August 2022

Grass, Günter "Mein Jahrhundert"

 

Grass, Günter "Mein Jahrhundert" - My Century - 1999

Lange Zeit gehörte Günter Grass nicht wirklich zu meinen Lieblingsautoren, nicht zu meinen deutschen Lieblingsautoren oder zu meinen Lieblings-Nobelpreisautoren. Aber mittlerweile ist er mir ans Herz gewachsen und hat mit dieser Arbeit gezeigt, warum er den Nobelpreis wirklich verdient hat. Hundert Jahre in hundert Geschichten, erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, von Arm und Reich, von Links und Rechts, von denen, die gegangen sind, und denen, die geblieben sind. Männer, Frauen, Kinder, alle hatten die Chance, ihre Geschichte zu erzählen, die für diesen Teil des Jahrhunderts so besonders ist. Wer verstehen will, was die Deutschen in dieser Zeit durchgemacht und erreicht haben, findet hier einen guten Ausgangspunkt.

Dies ist nicht das GROSSE Buch über das Jahrhundert, das Buch, das uns alle erzählt, wie die Dinge passiert sind, nein, das sind eher kleine Blicke durch das Schlüsselloch in die Wohnzimmer und in die Herzen all jener Deutschen, die im 20. Jahrhundert gelebt haben.

Ich bin auch kein großer Fan von Kurzgeschichten. Aber dies ist so viel mehr als nur eine Sammlung von Kurzgeschichten. Viele von ihnen kamen mir bekannt vor, entweder weil ich sie selbst erlebt oder gesehen habe, schließlich habe ich fast die Hälfte des Jahrhunderts mitgemacht, oder weil sie mir von meinen Eltern und Großeltern erzählt wurden (einige von ihnen wurden sogar in Jahrhundert davor geboren). Man kann unmöglich jeder einzelnen Geschichte zustimmen, weil sie zu unterschiedlich sind, sie zeigen einen breiten Überblick über jeden Aspekt des Lebens, jede politische Partei, jeden persönlichen Standpunkt.

Sicherlich gibt es Geschichten, bei denen jemand, der nichts über die deutsche Geschichte weiß
(außer dass sie DEN Krieg begonnen haben), mehr Erklärungen benötigt, aber ich glaube dennoch, dass dieses Buch uns etwas lehrt, zumindest den Appetit weckt, mehr über bestimmte Teile der Geschichte zu erfahren.

Manche Geschichten sind auch persönlich, sie sind fast wie eine Mini-Biografie des Autors. Wenn man nichts über ihn weiß, ist das vielleicht schwer zu verstehen, man sollte es einfach als Teil des Versuchs ansehen, das Jahrhundert eines Landes in ein Buch zu bringen. Keine leichte Aufgabe, aber Günter Grass hat sie ganz gut gemeistert.

Buchbeschreibung:

"Redet hier das Jahrhundert selbst? Je mehr man blättert, desto stärker wird die Sogwirkung. Ein schweres Buch. Aber auch wieder sehr leicht. Aber doch wieder so schwer, daß es am liebsten an einem Stehpult gelesen werden möchte. Wie seltsam. Wie schön. Günter Grass schlüpft in Rollen. Behutsam werden wir von ihm durch das zu Ende gehende Jahrhundert geführt, Grass zeichnet es nach - Jahr für Jahr - ein Aquarell, eine Geschichte.

Nicht die Großereignisse liegen ihm am Herzen. Es sind die Nebenschauplätze, die er aufspürt, oft scheinbar Unwesentliches, das bei näherer Betrachtung aber schlagartig zur Erhellung des Ganzen beiträgt. Es sind die Sabotagegedanken eines verzweifelten Bordmechanikers während des demütigenden Fluges zur Übergabe des Luftschiffs LZ126 als Reparationszahlung an die Amerikaner 1924. Das Essay über die ideologische Bredouille des linken Lehrerehepaars, dessen Anzeige bei der Polizei 1972 zur Verhaftung Ulrike Meinhofs führte, ist eines der beklemmendsten und feinstbeobachteten in diesem Buch.

Über die furchtbaren Weltkriegsjahre 1914-1918 schwadronieren im edlen Züricher Café die Autoren Remarque und Jünger im Beisein einer jungen Schweizerin. Schnell gerät man sich in die Haare über Stahlhelmqualitäten und Feinheiten des Gaskrieges an der Westfront. Grass läßt das Gespräch Mitte der 60er Jahre stattfinden und plötzlich wird bedrückend klar, wo die Herren noch immer zu Hause sind und es wohl auf immer und ewig sein werden. Die Episode nimmt eine wahrhaft schaurige Wendung, als die junge Eidgenossin in einem kleinen Nebensatz zu erkennen gibt, dieses Gespräch im Rahmen einer Forschungsarbeit für eine der größten Schweizer Waffenschmieden zu führen.

Die Geschichten wollen nicht enden. Es gäbe noch so viel zu erzählen. Von Jankele, dem jüdischen Glaser, der das Panzerglas für Eichmanns Zelle anfertigte und nun im Gerichtssaal über seine getötete Familie reflektiert, und, und, und.

Gegen Ende schlüpft Grass gar noch in Birgit Breuels Kleider. Er konnte nicht anders. Sein Lieblingshaßobjekt. In einer wunderbar entlarvenden Rechtfertigungssuada läßt er die Treuhanddame lamentieren über jenen deutschen Großdichter, der sich erdreistet, sie in seinem geplanten Roman mit der Figur eines anderen Großen, Fontane, zu vergleichen. '
Nur weil eine gewisse Frau Jenny Treibel es genau wie ich verstanden hat, das Geschäftliche mit der Poesie zu verbinden. Aber sollte dennoch alles schiefgehen, man hat ja noch den Familienbesitz mit Elbblick!' Dazu Grass´ aquarellierte Hand, aus der Menschlein wie geknickte Streichhölzer rieseln. Getroffen!

Vielleicht läßt der eine oder andere Käufer ja diesmal seine obligate Geschenkidee, '
Unser Jahrhundert im Bild' auf dem Wühltisch am Kaufhauseingang liegen. Mein Jahrhundert ist ebenso reich an Bildern, keine Königshochzeiten zwar, aber Geschichten und Aquarelle von einer Kraft, die jeden halbwegs sensiblen Leser so schnell nicht mehr losläßt. Ravi Unger."

Günter Grass erhielt den Nobelpreis für Literatur 1999 "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat".

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Samstag, 25. Juni 2022

Neumann, Eva-Maria "Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit"

Neumann, Eva-Maria "Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit. Die Geschichte einer gescheiterten Republikflucht" [They Didn't Just Take My Freedom] - 2007

Eines der besten Bücher, die man lesen kann, wenn man wissen möchte, wie das Leben in der ehemaligen DDR war für diejenigen, die mit dem System nicht übereinstimmten. Die Geschichte eines Ehepaares, das sich nicht immer anpassen möchte, das in den Fängen der SED, der Partei gefangen scheint und daher beschließt, das Land zu verlassen. Als sie bei der Flucht gefangen werden, wird ihnen nicht nur die Freiheit genommen, sondern ihre Tochter und ihre Zukunft.

Ein schrecklicher Bericht über eine Zeit, die zum Glück der Vergangenheit angehört. Ich kann das Buch nur weiterempfehlen.

Buchbeschreibung:

"Im Kofferraum eines Mercedes versucht eine Familie aus der DDR in den Westen zu fliehen. Doch sie werden verraten und an der Grenze festgenommen. Die Eltern und die dreijährige Tochter werden auseinandergerissen, für die junge Geigerin Eva-Maria Neumann beginnt eine traumatische Haftzeit im berüchtigtsten Frauengefängnis der DDR. - Der ergreifende Bericht über eine gescheiterte DDR-Flucht und deren Folgen, ein dunkles Kapitel deutsch-deutscher Geschichte."

Donnerstag, 14. April 2022

MacDonald, Ann-Marie "Wohin die Krähen fliegen"


MacDonald, Ann-Marie "Wohin die Krähen fliegen" (Englisch: The Way the Crow Flies) - 2003

Der zweite Roman der kanadischen Autorin. Den ersten "Fall on Your Knees" (Vernimm mein Flehen) haben wir 2002 gelesen.

Genau wie ihr erstes Buch basiert dieser Roman auf einer Familiengeschichte, in diesem Fall auch auf einer Tragödie aus dem wirklichen Leben in der Nachbarschaft.


Kein unbeschwerter, schöner Roman, viel Tragik.
Auch in diesem Buch hat die Autorin eine großartige Art, die Menschen zu beschreiben, und es hat mir genauso gut gefallen wie ihr erstes.


Wir haben dieses Buch in unserem internationalen Lesekreis im October 2004 besprochen.

Buchbeschreibung:

"'Nach dem Krieg kam die Sonne heraus, und unsere Welt wurde technicolorbunt. Alle hatten den gleichen Gedanken. Wir heiraten. Wir kriegen Kinder. Wir werden alles richtig machen.' Auch Jack McCarthy ist davon überzeugt. Bis zu dem schicksalhaften Tag, an dem für seine Tochter Madeleine Falsch und Richtig nur sehr schwer zu unterscheiden sind. Mit einem tragischen Mord nimmt das Leben der ganzen Familie McCarthy eine endgültige Wendung."

Ich habe das englische Original gelesen und hoffe, die Übersetzung ist genauso gut.

Dienstag, 15. Februar 2022

Lewycka, Marina "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch"

 Lewycka, Marina "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" (Englisch: A Short History of Tractors in Ukrainian) - 2005

Die Geschichte zweier ukrainischer Schwestern, Nadezhda und Vera, deren Familie in England Zuflucht gefunden hat

Ich habe diesen Roman vor ein paar Jahren mit meinem Lesekreis gelesen. Ich dachte, es gibt viele Themen in dieser Geschichte, über die man reden kann, Einwanderung, Geschwisterrivalität, Generationenkonflikt, Kalter Krieg, Eifersucht, Soziologie. Es war großartig, einige osteuropäische Mitglieder in der Besprechung zu haben, die ihre Ansichten einbringen konnten.

Dies war ein einfaches Buch, schnell zu lesen, informativ, interessant, unterhaltsam, kraftvoll. Ich fand es nicht sehr lustig, selbst die Autorin war überrascht über diese Beschreibung. Sie verbindet Traktoren mit ukrainischen Menschen. Es gibt viele Hinweise und historische Bewertung über das Leben in den osteuropäischen Ländern vor dem Mauerfall. Die Charaktere waren sehr gut aufgebaut, die Verwendung der englischen Sprache wunderbar, der Einwanderungsteil war auch für mich, die ihr halbes Leben im Ausland verbracht hat, interessant.

Es gibt einige interessante Personen in dem Buch, besonders bemerkenswert ist wohl der Unterschied der beiden Schwestern, eine wurde im Frieden geboren, eine im Krieg, eine ist 10 Jahre jünger als die andere. Bei der Diskussion im Lesekreis sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es sich manchmal lohnt, mit einem Buch weiterzumachen, es kann eine sehr gute Lektüre sein.
 

Buchrücken:

"Als Nadias verwitweter Vater ihr mitteilt, dass er wieder heiraten will, löst er eine gewaltige Familienkrise aus. Die Angebetete ist eine üppige Blondine aus der Ukraine mit einer Vorliebe für grüne Satinunterwäsche und Fertiggerichte. Sonst nicht gerade ein Herz und eine Seele, sind sich Nadia und ihre Schwester hier sofort einig: Ihr Vater muss aus den Klauen der Glücksritterin gerettet werden! Doch auch der alte Mann arbeitet zielstrebig an der Erfüllung seiner Träume ... "

Ich habe das englische Original gelesen und hoffe, die Übersetzung ist genauso gut.