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Samstag, 10. Oktober 2026

Yu, Hua "China in zehn Wörtern"

Yu, Hua (余華/Yú Huá) "China in zehn Wörtern" (Chineseisch 十個詞彙裡的中國/Shi ge cihui li de Zhongguo) - China in Ten Words - 2012

Ein Vorschlag für den Lesekreis. Ich bin froh, dass jemand darauf gekommen ist, denn es ist ein bemerkenswertes Buch. Ich lese sehr gerne über andere Kulturen, aber auch über Sprache – und darüber, welche Wörter in welchem ​​Zusammenhang verwendet werden. Es ist äußerst interessant, etwas über Begriffe wie "Disparität" oder "Copycat" (Nachahmung) zu lesen und zu erfahren, welche Bedeutung sie im heutigen China haben. Ob es um den "Großen Sprung nach vorn" oder die Kulturrevolution geht, um das allgegenwärtige "Kleine Rote Buch" oder einfach um den ganz normalen Chinesen: Der Autor hat all das hautnah miterlebt.

Mein Lieblingskapitel war auf jeden Fall "Lesen"; es enthält einige fantastische Zitate (von mir übersetzt), die meine eigenen Empfindungen wunderbar auf den Punkt bringen:

"Ich habe meine Erfahrung einmal folgendermaßen zusammengefasst:
'Jedes Mal, wenn ich eines der großen Bücher lese, fühle ich mich an einen anderen Ort versetzt; wie ein schüchternes Kind schmiege ich mich an sie und folge ihren Schritten, während ich langsam den langen Fluss der Zeit durchmesse – auf einer Reise, bei der Wärme und Emotionen miteinander verschmelzen. Sie nehmen mich mit, lassen mich dann aber meinen eigenen Weg zurückfinden, und erst bei meiner Rückkehr wird mir klar, dass sie für immer ein Teil von mir sein werden.'"

und

"Wenn Literatur tatsächlich eine geheimnisvolle Kraft besitzt, dann ist es meiner Meinung nach wohl genau diese: Man kann ein Buch eines Autors aus einer anderen Zeit, einem anderen Land, einer anderen Ethnie, einer anderen Sprache und einer anderen Kultur lesen und dabei auf ein Gefühl stoßen, das zutiefst das eigene ist. Heine hat jenes Gefühl in Worte gefasst, das ich als Kind hatte, wenn ich schlafend in der Leichenhalle lag. Und genau das, so sage ich mir, ist Literatur."

Das Buch vermittelt uns viel über das Leben in China während der Lebenszeit des Autors (geboren 1960) sowie über den Autor selbst. Ich fand es faszinierend, etwas über ein Leben zu erfahren, das auch mein eigenes hätte sein können, da ich ungefähr im gleichen Alter bin wie Hua Yu. Ein fesselndes Werk.

Buchbeschreibung:

"Volk - Führer - Lesen - Schreiben - Lu Xun - Revolution - Unterschied - Graswurzeln - Gebirgsdorf - Schaukeln: Anhand dieser zehn Schlüsselbegriffe erklärt der chinesische Schriftsteller Yu Hua sein Land. Die Mischung aus persönlicher Erinnerung, unterhaltsamen Anekdoten und scharfsichtigen Analysen eignet sich sowohl für Einsteiger als auch für Kennerinnen und bietet ein facettenreiches Bild der jüngeren Geschichte und der heutigen Gestalt Chinas. Das Buch ist in China verboten, wagt Yu Hua doch die These, das der kapitalistische Aufbruch die Fortführung der Revolution in anderer Form, aber mit den gleichen Mitteln sei."

Wir haben dieses Buch im Juli 2019 in unserem internationalen Online-Lesekreis besprochen.

Samstag, 22. August 2026

Fatland, Erika "Die Grenze"

Fatland, Erika "Die Grenze. Eine Reise um Russland" (Norwegisch: Grensen: En reise rundt Russland gjennom Nord-Korea, Kina, Mongolia, Kasakhstan, Aserbajdsjan, Georgia, Ukraina, Hviterussland, Litauen, Polen, Latvia, Estland, Finland og Norge samt Nordøstpassasjen) - The Border: A Journey Around Russia Through North Korea, China, Mongolia, Kazakhstan, Azerbaijan, Georgia, Ukraine, Belarus, Lithuania, Poland, Latvia, Estonia, Finland, Norway, and the Northeast Passage - 2017

Die Autorin ist eine norwegische Journalistin, die eine Reise entlang der gesamten russischen Grenze unternommen hat. Sie besuchte jedes einzelne Land – auch solche, die international nicht anerkannt sind, wie die de facto souveränen Gebiete im Kaukasus: Abchasien, Südossetien, Adscharien, Bergkarabach und Donezk. Die Einreise in einige dieser Gebiete war nicht einfach. Um nach Bergkarabach zu gelangen, musste sie über Armenien reisen, da eine Einreise von Aserbaidschan aus – zu dem das Gebiet offiziell noch immer gehört – nicht möglich ist.

Sie bereiste all diese Gebiete unter schwierigen Bedingungen und sprach mit den Menschen vor Ort über die jüngere und ältere Geschichte; dabei erfährt man viel über diesen Teil der Welt. Ich halte es für wichtig, mehr über das größte, sehr mächtige und wohl gefährlichste Land der Welt zu wissen.

Es handelt sich um ein großartiges, hervorragend geschriebenes Buch, bei dem man das Gefühl hat, gemeinsam mit der Autorin zu reisen und mit ihr die Länder, die dort lebenden Menschen und deren Geschichte zu entdecken. Fantastisch.

Dies ist das zweite Buch über Russland und seine Geschichte, das Erika Fatland verfasst hat. Ihr erstes Werk, "Sowjetistan. Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan" (Sovietistan: Travels in Turkmenistan, Kazakhstan, Tajikistan, Kyrgyzstan, and Uzbekistan), habe ich nach diesem gelesen. Daraus habe ich ebenso viel gelernt wie aus diesem Buch.

Buchbeschreibung:

"Die Journalistin Erika Fatland reist entlang der schier endlosen Grenze Russlands. Von Nordkorea über den Kaukasus, das Kaspische und das Schwarze Meer. Durch die Ukraine und die Staaten Osteuropas geht es bis zur russisch-norwegischen Grenze – nach 14 Staaten und über 20 000 Kilometern stößt sie auf die Arktis. Doch hier endet die Reise nicht etwa.

Von der tschuktschischen Hauptstadt Anadyr aus macht sich Erika Fatland im 'Arktischen Sommer' auf die Reise entlang der Nordostpassage, vorbei an Franz-Josef-Land und Sewernaja Semlja bis nach Kirkenes – und hat damit das flächenmäßig größte Land der Welt einmal umrundet.

Erika Fatland, Autorin des Bestsellers Sowjetistan, reist entlang der über 20 000 Kilometer langen russischen Grenze durch 14 Länder und begegnet dort den unterschiedlichsten Menschen – Taxifahrern, Geschichtsprofessoren, Rentierhirten und anderen. Sie hört zu, stellt Fragen, sammelt Geschichten. So entstehen schillernde Porträts dieser eigenwilligen Menschen und Länder. Aber auch ein Porträt des weltpolitischen Giganten – aus der Sicht seiner Nachbarn."

Freitag, 31. Juli 2026

Hsueh-Chin, Tsao "Der Traum der roten Kammer"

Hsueh-Chin, Tsao (Cáo Xuěqín) "Der Traum der roten Kammer" (Chinesisch: 红楼梦/Hung lou meng/aka The Story of the Stone) - Dream of the Red Chamber - ca. 1717-1763 (18th century)

Offenbar zählt dieser Roman zu den "vier Höhepunkten der klassischen chinesischen Literatur". Die anderen drei sind: Die Geschichte der Drei Reiche, Die Reise nach Westen und Die Räuber vom Liang-Schan-Moor.

Auch bekannt als "Die Geschichte vom Stein", gilt er als erster chinesischer Roman dieser Art und begründete ein ganzes Forschungsgebiet, die "Rotologie".

Ich entdeckte ihn auf der Liste der "101 meistverkauften Bücher aller Zeiten" und dachte, er könnte interessant sein.

Und er war tatsächlich äußerst interessant. Der Roman hat teils autobiografische Züge; er soll nicht nur den Aufstieg und Fall der Familie des Autors, sondern auch den der Qing-Dynastie schildern.

Ich fand es schwierig, mir all die Namen zu merken, die gleich klangen wie ein anderer und daher eine andere Bedeutung hatten. Ich musste ständig zwischen Glossar und Text hin- und herblättern, um zu verstehen, wer sprach oder von wem die Rede war, wenn von "großer Schwester" oder "zweiter Sohn" usw. die Rede war. Manchmal wurde zuerst das chinesische Wort verwendet, dann die Übersetzung und schließlich der richtige Name – ziemlich verwirrend. Ich vermute, es liegt an der Übersetzung; eine modernere hätte das Problem gelöst. Die Ausgabe in meiner Bibliothek stammt von 1957 und ist mit "nur" 574 Seiten eine gekürzte Fassung.

Dennoch lehrt uns der Roman viel, nicht nur über den chinesischen Alltag im 18. Jahrhundert, sondern auch über Kultur, Religion, Wissenschaft, Kunst und Literatur. Wirklich fesselnd. Sicherlich eines der informativsten Bücher, die ich über das alte China gelesen habe, und ich habe schon einige gelesen.

Buchbeschreibung:

"Der Traum der Roten Kammer ( 红楼梦, Hóng Lóu Mèng) ist ein literarisches Meisterwerk der chinesischen Literatur, geschrieben von Cao Xueqin im 18. Jahrhundert während der Qing-Dynastie. Dieses epische Werk, auch bekannt als Die Geschichte des Steins (石头记, Shítóu Jì), ist eines der vier großen klassischen Romane Chinas und wird oft als der bedeutendste angesehen.

Der Roman erzählt die Geschichte der wohlhabenden und einflussreichen Jia-Familie, deren Aufstieg und Fall im Mittelpunkt der Handlung stehen. Durch die detaillierte Darstellung des Familienlebens, der komplexen Charaktere und der vielfältigen gesellschaftlichen Interaktionen bietet das Werk einen tiefen Einblick in die chinesische Gesellschaft jener Zeit. Die Hauptfiguren, wie der junge und sensible Baoyu, die schöne und tragische Daiyu und die kluge und tugendhafte Baochai, sind unvergesslich und repräsentieren verschiedene Facetten menschlicher Erfahrungen und Emotionen.
Cao Xueqin nutzte seine eigene Lebenserfahrung und familiären Hintergrund, um ein reiches und vielschichtiges Bild der chinesischen Aristokratie zu zeichnen. Der Roman ist nicht nur eine bewegende Liebesgeschichte, sondern auch eine scharfsinnige Analyse der sozialen und politischen Verhältnisse. Die poetische Sprache, die symbolische Tiefe und die psychologische Komplexität des Werkes machen es zu einem zeitlosen Klassiker.

Der Traum der Roten Kammer ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich für die chinesische Kultur und Literatur interessieren. Es bietet eine einzigartige Kombination aus Schönheit, Weisheit und Menschlichkeit und bleibt bis heute ein Zeugnis für die künstlerische und literarische Brillanz Cao Xueqins. Durch die Lektüre dieses Romans wird der Leser in eine vergangene Welt entführt, die dennoch in ihrer Menschlichkeit und emotionalen Tiefe zeitlos aktuell bleibt."

Samstag, 7. März 2026

See, Lisa "Eine himmlische Liebe"

See, Lisa "Eine himmlische Liebe" (Englisch: Peony in Love) - 2007 

Dies ist eine zauberhafte Geschichte über ein junges Mädchen namens Peony, das im 17. Jahrhundert lebt. Ich habe viele Bücher über China gelesen, historische und zeitgenössische, fiktionale und Sachbücher, aber dieses Buch hat mich in eine völlig neue Welt entführt. Der Roman erklärt nicht nur alte chinesische Geschichten und das Theater, ja die gesamte chinesische Kunst, sondern auch andere Traditionen, wie etwa die arrangierten Ehen und vor allem die chinesische Vorstellung vom Leben nach dem Tod. Außergewöhnlich.

Durch Peony erfahren wir viel über die Oper "Der Päonien-Pavillon" (The Peony Pavilion) von Tang Xianzu, der die Handlung in die Song-Dynastie (906–1127) verlegte, obwohl er über die Ming-Dynastie (1368–1644) schrieb – ein Kunstgriff, der in der Literatur bis heute Anwendung findet, wenn über schwierige Zeiten eines Landes geschrieben wird. Das zweite große Kunstprojekt, das im Roman dargestellt wird, ist der "Gemeinschaftskommentar der drei Frauen von Wu Wushan zu Der Päonien-Pavillon", der im Buch eine wichtige Rolle spielt und tatsächlich existiert hat. Das macht das Buch noch interessanter.

Die Autorin beschreibt nicht nur das Leben von Peony, sondern auch das aller anderen Frauen, mit denen sie in Kontakt kommt oder verwandt ist – Großmutter, Mutter, Tanten, Cousinen, Konkubinen … und wie diese miteinander umgehen. Wir erfahren von der Katastrophe, dem Sturz des Ming-Regimes durch die Mandschu und dem Beginn der Qing-Dynastie (1644–1911) – Epochen, die ich nie wirklich trennen konnte, aber ich denke, mit Hilfe dieses Romans wird es mir gelingen. Sie informiert uns auch über das Füßebinden, arrangierte Ehen, Hochzeiten, Totenzeremonien und die Stellung der chinesischen Frau zu jener Zeit.

Ein weiteres großartiges Buch über ein Land mit einer reichen Geschichte und einer vermutlich noch größeren Zukunft.

Buchbeschreibung:

"Kann sie ihrer großen Liebe je wirklich nahe sein? 

Die junge Mudan liebt nichts mehr als die Oper, und so macht ihr Vater ihr kurz vor der arrangierten Hochzeit ein besonderes Geschenk. Er lässt im Garten seines herrschaftlichen Hauses ihre Lieblingsoper aufführen, auch wenn sie diese nur durch einen Wandschirm hindurch verfolgen darf – so wollen es die strengen Regeln im China des 17. Jahrhunderts. Doch obwohl Mudan sich so auf die Aufführung gefreut hat, wird ihr Blick stattdessen von einem attraktiven jungen Mann gefesselt. Als folgsame Tochter darf sie ihm niemals nahekommen – Mudan jedoch kann nicht Sie tritt hinter dem Schirm hervor, der sie vor fremden Blicken schützen sollte, und spricht sogar mit ihm! Aber das verändert ihr Leben auf dramatische Weise ..."

Dies ist die Autorin von "Der Seidenfächer" (Snow Flower and the Secret Fan), das anscheinend viel beliebter ist, aber ich würde auf jeden Fall auch dieses Buch empfehlen.

See, Lisa "Der Seidenfächer"

See, Lisa "Der Seidenfächer" (Englisch: Snow Flower and the Secret Fan) - 2005

Lily und ihre Freundin Schneerose wurden beide am "fünften Tag des sechsten Monats im dritten Jahr der Herrschaft des Daoguang-Kaisers" geboren, was dem 5. Juni 1824 in unserem Kalender entspricht. Aufgrund dessen und einiger anderer Gemeinsamkeiten sind sie dazu bestimmt, "Laotong" zu sein – wir würden heute wohl sagen: beste Freundinnen für immer (BFF). Doch genau wie ihre Ehemänner wählen sie ihre Partner nicht selbst, sondern die Sterne bestimmen es.

Ich habe bereits ein anderes Buch von Lisa See gelesen, "Eine himmlische Liebe" (Peony in Love), in dem sie hauptsächlich über die chinesische Kultur im Umgang mit dem Tod und die Ahnenverehrung schreibt. Dieses Buch hier handelt mehr vom Leben der Menschen, insbesondere der Frauen, und wie Frauen im China des 19. Jahrhunderts lebten. Sie waren nicht nur weitgehend auf die Frauengemächer (und die Küche) des Hauses beschränkt, sondern mussten auch das Füßebinden ertragen. Dieser schreckliche Brauch wird in diesem Buch sehr gut beschrieben, und obwohl ich viele Bücher über China (Original-Bücher hier) gelesen habe (meine ersten waren von Pearl S. Buck - Originalbücher -, als ich noch ein Teenager war), kann ich mich nicht erinnern, dass er jemals so anschaulich geschildert wurde. Es ist auch interessant zu sehen, wie wichtig kleine Füße waren: Je kleiner, desto begehrter war ein junges Mädchen für eine Heirat und desto höher war ihr späterer Lebensstandard.

Heute können wir uns kaum vorstellen, wie Eltern ihren Kindern so etwas antun konnten. Und wie Frauen im Allgemeinen behandelt wurden. Wie konnte eine Mutter ihrer Tochter so etwas antun? Nun, zunächst einmal wird ihnen ihr Leben lang eingetrichtert, dass Frauen nichts wert sind und dass sie ihre Töchter für eine andere Familie erziehen. Aber sie wollen, dass ihre Töchter ein angenehmes oder zumindest halbwegs anständiges Leben führen. Und die Kultur schrieb vor, dass Frauen kleine Füße haben mussten. Je kleiner die Füße, desto besser die Heirat. Ich bezweifle, dass ich das heute noch gekonnt hätte, aber aus unserer Sicht ist es leicht, so zu urteilen. Wir können uns entscheiden, nicht zu heiraten oder unseren Ehemann selbst zu wählen, ohne große Probleme. Aber damals war es überlebenswichtig.

Wir lasen aber auch über Nü Shu, eine geheime Lautschrift, die von Frauen verwendet wurde und mich von Anfang an faszinierte. Und über den Brauch, dass eine Frau erst nach der Geburt ihres ersten Kindes mit ihrem Mann (und seiner Familie) zusammenlebte. Bis dahin lebte sie bei ihren Eltern und kehrte nur an bestimmten Tagen im Jahr zu ihnen zurück, wenn alle anderen dasselbe taten.

Im Buch blickt Lily aus der Perspektive einer 80-jährigen Frau auf ihr Leben zurück. Sie erzählt uns von ihrem Leben in ihrer Heimatfamilie, ihrer Ehe, ihrer Freundschaft und der Trennung von Schneerose, ihren Erlebnissen während des Taiping-Aufstands (Wikipedia) und ihren Rollen als Tochter, Ehefrau, Mutter und Freundin. Sie lässt nichts aus.

Ich fand es auch interessant, wie wichtig Horoskope waren. Lily und Schneerose waren im Zeichen des Pferdes geboren, was bedeutete, dass sie freiheitsliebend und unabhängig, aber auch fleißig waren.

Die Sprache des Buches ist wunderschön und lädt zum Weiterlesen ein.

Ein sehr interessanter Roman für alle, die sich für Geschichte, China oder das Leben von Frauen im Allgemeinen interessieren.

Buchbeschreibung:

"Fremd, exotisch, geheimnisvoll - Eine große Frauenfreundschaft im China des 19. Jahrhunderts

Lilie und Schneerose wachsen in einer Welt auf, in der Mädchen als Last gelten und in der mit dem BInden der Füße auch das Herz gefesselt werden soll. Mit siebzehn Jahren werden beide verheiratet. Nur dank einer über 1000 Jahre alten Geheimschrift, Nushu, zu der nur Frauen Zugang haben, gelingt es den beiden Freundinnen, in Kontakt zu bleiben. Doch die Sehnsucht nach Liebe, Glück und Freiheit kann ihnen niemand nehmen.."

Montag, 12. Januar 2026

Mo, Yan "Das rote Kornfeld"

Mo, Yan "Das rote Kornfeld" (Chinesisch: 红高粱家族 Hóng gāoliang jiāzú) - Red Sorghum. A Novel of China - 1987

Jedes Jahr warte ich gespannt auf die Bekanntgabe des Literaturnobelpreisträgers. Ich habe die brillantesten Schriftsteller unter ihnen entdeckt und entscheide mich immer für einen ihrer Romane. Bisher wurde ich nicht enttäuscht, und 2012 war keine Ausnahme.

Ich hatte noch nie von dem chinesischen Autor Mo Yan gehört und war überrascht, dass er die chinesische Antwort auf Franz Kafka oder Joseph Heller sei.

Die Geschichte spielt während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges zwischen 1937 und 1945, also ungefähr zu der Zeit, als sich die ganze Welt im Krieg befand. Der Erzähler berichtet die Geschichte seiner Vorfahren, hauptsächlich die seines Vaters, der damals ein Teenager war, sowie seines Großvaters und seiner Großmutter. Wie in den meisten Kriegsgeschichten ist das Buch von großer Brutalität geprägt, und der Autor beschreibt die Gräueltaten beider Seiten sehr anschaulich. Aber er spricht nicht nur über den Krieg, wir erfahren auch, wie die Menschen damals im Osten Chinas lebten.

"Rotes Sorghum", der Originaltitel des Buches, bedeutet den Chinesen so viel. Es ist nicht nur ein Nahrungsmittel, es repräsentiert ihr Land.

Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen gelesen. Der Schreibstil ist zwar stellenweise etwas verwirrend, aber dennoch sehr fesselnd; der Autor beschreibt die Welt mit seinen eigenen Worten. Ich habe mich schon immer sehr für China interessiert, angefangen mit den Büchern einer anderen Nobelpreisträgerin, Pearl S. Buck, die viel über China geschrieben hat. Mo Yan berichtet aus einer anderen Perspektive und aus einer anderen Zeit. Absolut lesenswert.

Buchbeschreibung:

"Die endlosen Felder sind der Glanz und der Reichtum des chinesischen Dorfes Gaomi. In mächtigen roten Wellen erstrecken sie sich bis zum Horizont. Rot sind auch die Vorhänge der Sänfte, in der die schöne Dai Fenglian zu ihrem zukünftigen Ehemann Shan getragen wird. Aber als der Sänftenträger Yu Zhan'ao und Dai Fenglian sich sehen, entbrennen sie in Liebe zueinander.

Als opulente Familiensaga zeichnet der Roman das Schicksal eines Dorfes vor dem Hintergrund des chinesisch-japanischen Krieges nach. Vierzig Jahre später erinnert sich der Enkel an den süßen Duft des frisch gebrannten Schnapses und an die vielen Geschichten und losen Scherze. Die Geister seiner Vorfahren fordern ihn auf, die Tradition des Dorfes und seiner Familie fortzuführen, Vergangenheit und Gegenwart zu versöhnen."

Mo Yan erhielt den Nobelpreis für Literatur 2012 "weil er mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Mittwoch, 7. Januar 2026

Liao, Yiwu "Für ein Lied und hundert Lieder"

Liao, Yiwu/Lao Wei "Für ein Lied und hundert Lieder: Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen" (Chinesisch: 證詞/Zheng-Ci) - Testimonials or: For a Song and a Hundred Songs: A Poet's Journey Through a Chinese Prison - 2000 

Ich habe die erweiterte deutsche Übersetzung des chinesischen Buches gelesen. Er hat gerade den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Das Buch beschreibt die grausame Behandlung von Liao Yiwu und anderen politischen Gefangenen in einem Gefängnis in Chongqing, die nach der Razzia am 4. Juni 1989 verhaftet wurden.

Es ist erschreckend zu lesen, was Menschen in chinesischen Gefängnissen durchmachen müssen. Dieses Buch ist lesenswert, aber es zeigt auch schreckliche Bilder dessen, was sie einander antun. Es ist kaum zu glauben, dass Menschen so sein können.

Was für ein tragischer Bericht über so viele verlorene und vergeudete Leben. Manchmal dachte ich: "Will ich das wirklich alles wissen?" Aber dann machte ich weiter, denn wenn Menschen diese Folter ertragen können, sollten wir uns zumindest bemühen, darüber Bescheid zu wissen. Wie viel kann ein Mensch ertragen?

Da Yiwu Liao ein Dichter ist, enthält das Buch auch viel Poesie, sowie viel chinesische Geschichte und Literatur und Informationen über das chinesische Leben und Denken. Mein Lieblingszitat lautet: "Wasser in der Ferne wird deinen jetzigen Durst nicht stillen."

Buchbeschreibung:

"Ein großes literarisches Zeugnis über das Menschsein in widrigsten Umständen

Bis zum Vorabend des 4. Juni 1989 führt Liao Yiwu das Leben eines so unbekannten wie unpolitischen Hippie-Poeten. Doch mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens ist schlagartig alles anders. Nachdem Liao ein kritisches Gedicht verfasst hat, wird er zu vier Jahren Haft im Gefängnis und in einem Arbeitslager verurteilt.

In seinem großen Buch schildert Liao auf literarisch höchst eindringliche Weise die brutale Realität seiner Inhaftierung. Dabei ist er schonungslos, auch sich selbst gegenüber: Er beschreibt, wie er und seine Mithäftlinge zu Halbmenschen degradiert werden und dabei manchmal selbst vergessen, was es bedeutet, Mensch und Mitmensch zu sein.

Liao Yiwu zeigt sich in diesem eindrucksvollen Buch abermals als einer der ganz großen Autoren Chinas, als einer der sprach- und bildmächtigsten Schriftsteller unserer Zeit.
"

Yiwu Liao hat 2012 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten.

Dienstag, 21. Oktober 2025

Chang, Jung "Wilde Schwäne"

Chang, Jung "Wilde Schwäne: Die Geschichte einer Familie - Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute" (Englisch: Wild Swans: Three Daughters of China) - 1991

Jung Changs Großmutter wurde zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts geboren, als Mädchen in China noch die Füße gebunden hatten. Ihr Vater gab sie einem Kriegsherrn als Konkubine, und sie bekam Jungs Mutter. Die Mutter war eine aktive Kommunistin und verliebte sich in einen sehr wichtigen Mann, mit dem sie fünf Kinder hatte, Jung war das zweite. Im China Maos durchlebten sie alle möglichen Schwierigkeiten, von hohen Beamten bis hin zu Denunziationen, von allgemeinem Lob bis hin zu Gefängnisstrafen. Niemand durfte sich seinen Lebensweg aussuchen, weder seinen Wohnort noch seinen Beruf. Als Jung die Chance bekam, im Ausland zu studieren, ergriff sie sie. In England schrieb sie diese Memoiren über ihre Jugend, das Leben ihrer Eltern und Großeltern.

Angeblich ist dies das umsatzstärkste Sachbuch der Verlagsgeschichte. Das überrascht mich nicht. Selbst mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung und mehr als ein halbes Jahrhundert nach den meisten Ereignissen ist es heute noch genauso aktuell wie damals.

Auch wenn dies wie die wahre Geschichte einer Großmutter, Mutter und Tochter aussieht, ist es in Wirklichkeit die Geschichte ihrer Familie, die Geschichte ihres Volkes. Jung Chang gelingt es zu zeigen, was vielen anderen Roman- und Sachbuchautoren fehlt: eine wahre Geschichte über das Leben der Menschen im kommunistischen China unter Mao und seinen Handlangern. "Er war so böse wie Hitler oder Stalin und hat der Menschheit genauso viel Schaden zugefügt wie sie", sagt die Autorin. "Und doch weiß die Welt erstaunlich wenig über ihn."

Ja, warum wissen wir so wenig? Mindestens 70 Millionen Menschen wurden getötet, das ist mehr als die Bevölkerung der meisten europäischen Länder. Deshalb ist dieses Buch so wichtig. Es soll uns und zukünftigen Generationen zeigen, wozu Menschen fähig sind, zu unvorstellbaren Gräueltaten. Wie sind sie nur darauf gekommen? Aber nicht nur die körperliche Misshandlung war schlimm, die anderen Aspekte waren noch schlimmer. Ich habe viel über China gelesen, aber vorher wusste ich nichts. Wie so viele andere dachte ich, Intellektuelle würden zur Arbeit aufs Land geschickt, neben die Menschen, die schon immer dort lebten und arbeiteten. Ich hatte keine Ahnung, wie schlimm die Auswirkungen sein würden, dass man innerhalb kürzester Zeit von der richtigen Position in die falsche geraten konnte.

Ich war sehr traurig über das Familienleben, das die Menschen hatten – oder besser gesagt, nicht hatten. Dass sie es trotzdem schafften, sich so treu zu sein, lässt meine Bewunderung für sie noch größer werden.

Ich bewundere den Vater der Autorin, der an seinen Prinzipien festhielt. Es gibt nur wenige Menschen wie ihn auf dieser Erde. Wenn wir alle so wären, könnten wir in Frieden leben. Überall.

Dies ist wirklich ein außergewöhnliches Buch, das jeder lesen sollte.

Ich würde gerne "Mao" (Mao: The Unknown Story) von der selben Autorin lesen.

Nur einige ihrer Zitate, die mich berührt haben:
"Das Ergebnis dieser schrecklichen Realität war, dass wir alle davon besessen waren, wer aus welcher Familie stammte, und oft wurde diese Frage schon im ersten Gespräch direkt gestellt. Doch als ich in London Menschen traf, spürte ich diesen Druck nicht. Alle schienen außerordentlich gleichberechtigt zu sein und sich völlig um die Herkunft zu scheren." Unglaublich in unserer heutigen Welt.

"Louisa May Alcotts "Eine glückliche Zeit" (Little Women) war der erste Roman, den ich auf Englisch las. Ich fand Autorinnen wie sie, Jane Austen und die Brontë-Schwestern viel leichter zu lesen als männliche Autoren wie Dickens, und ich konnte mich auch besser in ihre Figuren hineinversetzen." Mir ging es genauso; es war einer der ersten Romane, die ich auf Englisch las. Ich bevorzuge Autorinnen, wahrscheinlich aus demselben Grund.

Und über ihren Vater: "Für ihn gab es in Maos China keinen Platz, denn er hatte versucht, ein ehrlicher Mann zu sein. Er war von etwas verraten worden, dem er sein ganzes Leben gewidmet hatte, und dieser Verrat hatte ihn zerstört."

Mehr gibt es dazu eigentlich nicht hinzuzufügen.

Buchbeschreibung:

"Die Schriftstellerin Jung Chang erzählt in ihrem Weltbestseller Wilde Schwäne das Schicksal ihrer Familie im China des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Frauen: ihre Großmutter, ihre Mutter sowie sie selbst. Ihre Geschichte reflektiert jedoch zugleich die Entwicklung Chinas von der späten Kaiserzeit über die japanische Besetzung und den Bürgerkrieg zwischen Kuomintang und Kommunisten bis hin zur Errichtung einer kommunistischen Diktatur."

Samstag, 11. Oktober 2025

Dai, Sijie "Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht"

 
Dai, Sijie "Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht" (Französisch: Par une nuit où la lune ne s’est pas levée) - Once on a Moonless Night - 2007

Ich finde es immer schwierig, einem Roman zu folgen, der in der weiblichen Hauptform geschrieben ist, wenn der Autor männlich ist. Umgekehrt ist es wahrscheinlich dasselbe, aber ich persönlich kann dem nicht so gut folgen.

In diesem Fall war es jedenfalls überhaupt nicht schwierig. Ob das daran liegt, dass der Autor Asiate ist und in Europa lebt, oder ob er einfach jemand ist, der andere so gut einfühlen kann, weiß ich nicht. Ich weiß nur, es funktioniert.

Diese tiefgründige und komplexe Geschichte dreht sich um einen französischen Studenten in China und einen chinesischen Gemüsehändler. Doch es sind viele kleine Geschichten darin verwoben, die Geschichte von Kaiser Puyi, der eine alte Schriftrolle verliert, und einem französischen Linguisten, der sie findet. Der Roman führt uns vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1990er Jahre, von China über Laos und Myanmar bis nach Frankreich. Er umspannt die halbe Erde und fast ein ganzes Jahrhundert. Er erzählt von Geschichte und Archäologie, Sprache und Politik, aber vor allem erzählt er von der Liebe zwischen Mann und Frau – eine Geschichte, die sowohl philosophisch als auch mythisch ist. Und vor allem ist die Sprache so schön, fast poetisch. Es ist ein stilles Buch, eines von denen, die nicht voller Action sind, aber dennoch ist immer etwas los. Es ist ein friedliches Buch trotz all des Bösen in der Welt, das alle unsere Protagonisten betrifft. Es gibt Hoffnung.

Ich habe dieses Buch geliebt, es gibt einem so viel Stoff zum Nachdenken. Es ist eines dieser Bücher, von denen man beim Lesen weiß, dass es eines Tages ein großer Klassiker werden wird. Weil es zeitlos ist. Dai Sijie wird als wunderbarer Geschichtenerzähler in die Geschichte eingehen.

Der Titel stammt aus der alten Geschichte "Einst wanderte in einer mondlosen Nacht ein einsamer Wander im Dunkeln, als er auf einen langen Pfad stieß, der in die Berge und die Berge in den Himmel führt. Auf halbem Weg stolperte er jedoch an einer Biegung des Pfades. Beim Fallen klammerte er sich an ein Grasbüschel, wodurch er kurzzeitig vor tödlichen Folgen geschützt wird, doch bald konnten ihn seine Hände nicht mehr halten und wie ein Verurteilter in seiner letzten Stunde wirft er einen letzten Blick nach unten, wo er nur die Dunkelheit dieser unergründlichen Tiefen sehen konnte. Werden diejenigen, die auf der Suche nach diesem Text sind, auch vor ihrem Wahnsinn bewahrt, seine Geheimnisse lüften zu wollen? Der Mensch, der von Glauben oder Verlangen beseelt ist, muss den Schritt wagen, weil er weiß, dass er auf die Seite der Heimat zurückfallen wird." (Ich habe keine deutschen Text dafür gefunden, dies ist von mir übersetzt, das Original lautet: "Par une nuit où la lune ne s'est pas levée", un voyageur solitaire progresse sur un chemin escarpé, fait un faux pas et tombe. Par qui, par quoi sera-t-il sauvé de cette chute? Ceux qui sont en quête de ce texte seront-ils sauvé eux aussi de leur folie à vouloir en percer les mystères? Habité par la foi ou le désir, l'homme doit franchir le pas car il sait qu'il retombera 'du côté de chez soi'.") So eine schöne Geschichte.

Buchbeschreibung:

"Schicksalhaft kreuzen sich in Peking die Wege einer französischen Studentin und eines chinesischen Gemüsehändlers. Beide sind auf der Suche nach der verlorenen Hälfte einer uralten, seidenen Schriftrolle. Denn diese birgt nichts Geringeres als die geheimnisumwobenen Anfänge des Buddhismus. Fasziniert vom Zauber der Schrift und ihrer Macht begeben sie sich auf eine entbehrungsreiche Reise."

Dai, Sijie "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin"

Dai, Sijie "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" (Französisch: Balzac et la Petite Tailleuse Chinoise) - Balzac and the Little Chinese Seamstress - 2002

Eine großartige Geschichte über die chinesische Kulturrevolution in ihren späteren Jahren. Zwei Jungen aus einer gebildeten Familie werden zur Umerziehung in ein Dorf geschickt. Durch die Geschichten Balzacs (dessen Bücher sie finden und stehlen) lernen sie ein Dorfmädchen kennen und verlieben sich in sie, die als die kleine Schneiderin bekannt ist.

Für jemanden, der in Westeuropa aufwächst, ist es schwer vorstellbar, was es bedeutet, in der Situation der Jungen zu sein. Sie haben nichts Unrechtes getan, niemandem geschadet, und trotzdem werden sie dafür bestraft, dass sie sie sind und eine Ausbildung haben; ihre Eltern werden dafür bestraft, dass sie ihre Kinder erziehen.

Offenbar handelt es sich um einen halb-autobiografischen Roman, daher weiß der Autor, wovon er schreibt. Und das ist in seinem Schreibstil deutlich spürbar.

Ich finde es interessant, dass der Autor seine Geschichte auf Französisch schrieb und sie erst in seine Muttersprache übersetzt wurde, nachdem das Buch verfilmt und in 25 weitere Sprachen übersetzt worden war.

Buchbeschreibung:

"Zwei pfiffige chinesische Studenten, die zur 'kulturellen Umerziehung' in ein abgelegenes Bergdorf ans Ende der Welt verschickt wurden, merken bald, dass sie nur eine einzige Möglichkeit haben zu überleben: Sie müssen in den Besitz jenes wunderbaren Lederkoffers gelangen, der die – verbotenen – Meisterwerke der westlichen Weltliteratur enthält. Denn nur mit ihnen können sie den Widrigkeiten ihres Daseins entkommen – und vielleicht am Ende das Herz der kleinen Schneiderin gewinnen."

Freitag, 28. März 2025

Allende, Isabel "Porträt in Sepia"

Allende, Isabel "Porträt in Sepia" (Spanisch: Retrato en Sepia) - Portrait in Sepia - 2000

Ein weiterer großartiger historischer Roman der chilenischen Autorin Isabel Allende. Die Geschichte spielt am Ende des 19. Jahrhunderts und führt die wunderbaren Sagen fort, die in ihren früheren Romanen "Das Geisterhaus" (House of the Spirits) und "Fortunas Tochter" (Daughter of Fortune) begonnen haben. Erst beim Lesen dieses Buches versteht man wirklich, warum beide Teile derselben Trilogie sind.

Aurora de la Valle lebt nach einer schlechten Erfahrung in ihrer frühen Kindheit bei ihrer Großmutter. Ihre Familie ist ziemlich reich, aber Aurora wird von Albträumen heimgesucht. Sie begibt sich auf die Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit, um das Geheimnis hinter ihren Problemen zu finden. Sehr spannend und fesselnd. Ich habe es sehr genossen.

Buchbeschreibung:

"'Das Licht ist die Sprache der Fotografie, die Seele der Welt. Es gibt kein Licht ohne Schatten, wie es kein Glück ohne Schmerz gibt', sagte Don Juan Ribero vor siebzehn Jahren zu mir an diesem ersten Tag in seinem Atelier. Ich habe es nicht vergessen. Aber ich darf nicht vorgreifen. Ich habe mir vorgenommen, diese Geschichte Schritt für Schritt zu erzählen, wie es sein muß.'

Aurora del Valle, aufgewachsen im pompösen Haus ihrer Großmutter, hat eine bewegte Kindheit und Jugend zwischen Kalifornien, dem Europa der Belle Époque und Chile hinter sich. Je mehr sie aber von der Welt kennenlernt, um so deutlicher wächst in ihr das Bedürfnis, aus eigener Kraft zu leben. Eine Kamera, die sie als Kind geschenkt bekommt, wird ihr zum Mittel der Suche nach ihrer persönlichen Wahrheit. Als sie auf einem Foto, das sie selbst gemacht hat, mit dem Verrat des Mannes konfrontiert wird, den sie liebt, entschließt sie sich, das Geheimnis ihrer Vergangenheit zu erforschen.
"

Allende, Isabel "Fortunas Tochter"

Allende, Isabel "Fortunas Tochter" (Spanisch: Hija de la Fortuna) - Daughter of Fortune - 1999

Obwohl ich "Das Geisterhaus" (The House of the Spirits) geliebt habe, fand ich dieses hier sogar noch besser. Es spielt größtenteils in den Vereinigten Staaten, insbesondere in Kalifornien, und handelt von verschiedenen Kulturen, die zur Zeit des Goldrauschs zusammenkamen. Das ist eins meiner Lieblingsthemen, die ersten Jahrzehnte der USA, als Menschen aus aller Welt zusammenkamen, um so hart wie möglich zu arbeiten und mit Menschen aus anderen Ländern auszukommen ... Es erinnert mich irgendwie an mein eigenes Leben in verschiedenen Ländern in einem internationalen Umfeld.

Wie auch immer, das ist wahrscheinlich mein Lieblingsbuch aus der Trilogie, obwohl ich sie alle mochte. Das letzte Buch heißt "Porträt in Sepia" (Portrait in Sepia).

Buchbeschreibung:

"Der Roman erzählt die bewegte Geschichte von Eliza Sommers, einer lebenshungrigen jungen Frau, die Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen zwei Kulturen lebt: in Chile und Kalifornien. Als chilenisches Findelkind in der Obhut einer englischen Familie in Valparaiso aufgewachsen, bricht sie, kaum 17-jährig, aus ihrer wohlbehüteten Welt aus. Die Suche nach ihrem Geliebten Joaquin Andieta, einem nicht gesellschaftsfähigen jungen Mann, der dem Sog des kalifornischen Goldrauschs nicht widerstehen konnte, macht aus dem unerfahrenen Mädchen eine selbstbewußte Frau - und am Ende ihrer Odyssee ist Eliza endlich ganz bei sich und in der Welt."

Dienstag, 18. März 2025

Ishiguro, Kazuo "Als wir Waisen waren"

Ishiguro, Kazuo "Als wir Waisen waren" (Englisch: When We Were Orphans) - 2000

Ein berühmter britischer Detektiv begibt sich auf die Suche nach dem Grund, warum seine Eltern in Shanghai auf mysteriöse Weise verschwunden sind, als er noch jung war.

Ich habe dieses Buch mit meinem Lesekreis gelesen und es hat mir überhaupt nicht gefallen. Normalerweise mag ich keine Kriminalgeschichten, aber das hier war einfach ein seltsamer Versuch, eine zu schreiben, zu verworren und verwirrend. Wenn es nicht eine Lektüre für den Lesekreis gewesen wäre, hätte ich es nicht zu Ende gelesen und ich hatte geschworen, nie wieder ein Buch von Ishiguro zu lesen. Einige meiner Freunde meinten, dies sei nicht sein bestes Buch. Ich sollte es mal mit "Was vom Tage übrig blieb" (The Remains of the Day) versuchen, aber solange ich einen riesigen Stapel mit Büchern habe, die ich noch lesen muss, werde ich das wohl nicht so bald versuchen.

Buchbeschreibung:

"England in den Dreißigerjahren: Ganz London schwärmt von Christopher Banks und seinen Erfolgen. Es gibt nur einen Fall, den der Meisterdetektiv bisher nicht aufklären konnte: Das mysteriöse Verschwinden seiner Eltern in Shanghai, der Stadt seiner Kindheit. Beide waren in den Opiumhandel verstrickt: der Vater als Profiteur, die Mutter als erklärte Gegnerin. Als die Erinnerungen an die Zeit, als er Waise wurde, Banks immer häufiger quälen, beschließt er, sich auf den Weg nach Shanghai zu machen, um endlich das größte Rätsel seines Lebens zu lösen."

Kazuo Ishiguro stand 2000 auf der Shortlist für den Booker Prize.

Wir haben dies im Mai 2002 in unserem internationalen Lesekreis besprochen.

Kazuo Ishiguro "der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat" erhielt den Nobelpreis für Literatur in 2017.

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"Was vom Tage übrig blieb" (The Remains of the Day) habe ich inzwischen gelesen. Es war zwar etwas besser, aber einer meiner Lieblingsautoren wird Kazuo Ishiguro sicher nicht werden.

Mittwoch, 15. Januar 2025

Ghosh, Amitav "Die Flut des Feuers"

Ghosh, Amitav "Die Flut des Feuers" (Englisch: Flood of Fire) (Ibis Trilogy #3) - 2015

Nachdem ich zwei Jahre vorher "Das mohnrote Meer" (Sea of Poppies) gelesen hatte, war ich froh, dass das zweite Buch "Der rauchblaue Fluss" (River of Smoke) bereits erschienen war und ich einfach weiterlesen konnte. Dann war ich so enttäuscht, dass das dritte Buch noch nicht einmal geschrieben war.

Nun, das Warten hat sich gelohnt. Wahrscheinlich hätte ich zuerst die ersten beiden noch einmal lesen und dann mit dem letzten weitermachen sollen, aber ich konnte einfach nicht warten. Charaktere, Szenen, Ereignisse kamen zwar wieder, aber in einigen Fällen hätte ich mir etwas mehr Wiedereinführung gewünscht. Ich war auch froh zu sehen, was mit einigen der Charaktere aus "Das mohnrote Meer" (Sea of ​​Poppies) passierte, die in "Der rauchblaue Fluss" (River of Smoke) kaum oder gar nicht erwähnt wurden, sodass alles wieder zusammenkam. Ich war nicht froh zu erfahren, dass der Autor den Gedanken aufgegeben hat, die Geschichte nach dem zweiten Buch wie beabsichtigt fortzusetzen. Wie schade. Ich hoffe jedoch, dass er mehr schreiben wird, denn ich liebe seinen Stil, den ich bereits in "Der Glaspalast" (The Glass Palace) bewundert habe.

Es ist einfach eine fantastische Lektüre. Faszinierend, fesselnd. So viel mehr Geschichte aus einem Teil der Welt, über den ich nicht viel weiß. Ich glaube nicht, dass wir im Unterricht sehr ins Detail über den Opiumkrieg gegangen sind, weil ich mich bestimmt nicht daran erinnern konnte, aber heute weiß ich viel darüber.

Wer sich wirklich für die Geschichte dieses Teils der Welt interessiert oder einfach nur eine gute Abenteuergeschichte lesen möchte oder eine fesselnde Geschichte über viele Menschen mag, für den ist diese Trilogie genau das Richtige. Viel Spaß.

Buchbeschreibung: 

"Nachdem China den vornehmlich von den Briten und deren Kolonien betriebenen Handel mit Opium nicht mehr dulden will, erklärt ihm Großbritannien den Krieg.

Die Hind ist eines der Schiffe, die bei dem Angriff zum Einsatz kommen sollen und segelt zu diesem Zweck von Bengalen nach China. An Bord sind unter anderem Kesri Singh, ein Kommandant der britisch-ostindischen Armee, der eine Kompanie Soldaten befehligt; außerdem Zachary Reid, ein verarmter junger Seemann, der auf der Suche ist nach seiner verlorenen Liebe ist, und Shireen Modi, die in China die Hinterlassenschaft ihres verstorbenen Mannes, eines erfolgreichen Opiumhändlers, an sich nehmen will. Sie alle geraten schon bald in die Wirren der Opiumkriege, die in Chinas verheerender Niederlage und in der Annektierung Hong Kongs durch Großbritannien enden werden.

Eine vor Atmosphäre und Detailfreude flirrende, turbulente, spannende und berührende Geschichte vor der Kulisse Bengalens und Hongkongs, mit der Amitav Ghosh sein großes historisches Panorama über die Opium Kriege, die eine frühe Ära der Globalisierung markieren, fulminant vollendet."

Dies ist auch ein Buch über Bücher. Viele davon werden erwähnt, entweder weil die Charaktere sie lesen oder weil sie daraus zitieren.

Defoe, Daniel "Robinson Crusoe" (Robinson Crusoe)
Goldsmith, Oliver "Der Pfarrer von Wakefield" (The Vicar of Wakefield)
Haywood, Eliza "Love in Excess"
Richardson, Samuel "Pamela oder die belohnte Tugend" (Pamela)
Sterne, Laurence "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman" (The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman)
Voltaire "Zadig" (Zadig ou la Destinée)

Ghosh, Amitav "Der rauchblaue Fluss"

Ghosh, Amitav "Der rauchblaue Fluss" (Englisch: River of Smoke) (Ibis Trilogy #2) - 2011

Dieser Roman ist Teil 2 der "Ibis-Trilogie". Ich war froh, dass er bereits geschrieben war, als ich "Das mohnrote Meer" (Sea of Poppies) beendet hatte, denn so konnte ich gleich mit der Geschichte weitermachen.

Selten war ich so gespannt darauf, mit dem nächsten Buch einer Reihe anzufangen wie mit diesem. Das mag zum Teil daran liegen, dass das erste Buch kein richtiges Ende zu haben schien und einen einfach dazu einlud, mit diesem weiterzumachen, aber es liegt sicherlich auch an dem fantastischen Talent dieses Autors, einem eine Geschichte zu erzählen.

Wie ich bereits in meiner Rezension zu "Das mohnrote Meer" (Sea of Poppies) geschrieben habe, gelingt es Amitav Ghosh, alles so zu beschreiben, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein. Er ist ein so realistischer Autor, es ist unglaublich. Es fühlt sich an, als ob man eine Zeitreise gemacht hätte und sich im Indien oder China des 19. Jahrhunderts befände.

Wer wie ich das erste Buch der Reihe gelesen hat, konnte es sicher kaum erwarten zu erfahren, was mit den Charakteren dieser Geschichte passiert. Und wir werden nicht enttäuscht. Obwohl er jedoch andere Personen einführt, die im ersten Buch nicht auftauchen, braucht er eine ganze Weile, um mit dem Schicksal einiger unserer Helden aus dem Ibis klarzukommen. Wer sehr ungeduldig ist, könnte sich ein wenig über den Erzähler ärgern.

In diesem Teil werden viele neue Themen eingeführt, obwohl sie im ersten Roman bereits kurz angesprochen wurden. Eines davon ist die Moral und der Unterschied zwischen Hinduismus und Christentum.

Ich möchte nicht alles wiederholen, was ich über die erste Episode der Geschichte gesagt habe, also verweise ich Sie einfach auf meine Rezension von "Das mohnrote Meer" (Sea of Poppies). Ich habe jetzt auch den dritten Teil der Reihe gelesen: "Die Flut des Feuers" (Flood of Fire).

Angeblich sagte der Autor in einem Interview: "Ich weiß nicht, ob ich bei drei aufhören kann". Nun, ich fände es toll, wenn er mehr als drei davon schreiben würde, aber ich hätte wirklich gern, dass er sich mit dem nächsten beeilt.

Buchbeschreibung:

"Ein monumentaler Roman über Ruhm und Leid in einer frühen Ära der Globalisierung

Kanton 1838. Über den sagenumwobenen Perlfluss gelangen Glückssucher und Abenteurer aus aller Welt in die chinesische Hafenstadt: Für den jungen Maler Robin Chinnery ist die pulsierende Metropole der ideale Zufluchtsort, um den Heiratsplänen, die seine Mutter für ihn hat, zu entkommen. Der britische Botaniker Fitcher Penrose ist in Begleitung seiner jungen Assistentin Paulette unterwegs nach Kanton, um dort nach einer geheimnisvollen Kamelienart zu suchen, der wahre Zauberkräfte zugesprochen werden. Und der indische Kaufmann Bahram Modi erhofft sich mit der größten Ladung Opium, die er je von Kalkutta nach Kanton transportiert hat, das Geschäft seines Lebens. Es sieht so aus, als würden die Dinge gut für ihn anlaufen, denn man beruft ihn in die Kantoner Handelskammer. Doch dann beginnen die autoritätseinflößenden Mandarine den ausländischen Kaufleuten auf den Leib zu rücken, denn der chinesische Kaiser will den Handel mit Opium verbieten. Und plötzlich stehen alle Zeichen auf Krieg ...

Ein schillerndes Epos, ein entlarvender Blick auf die Ursprünge unseres Wirtschaftssystems und eine Verbeugung vor der chinesischen Kulturgeschichte, betörend und spannend zugleich.
"

Es gibt eine gute (englischsprachige) Webseite über "Die Ibis-Trilogie" (The Ibis Trilogy).

Montag, 23. Dezember 2024

Buck, Pearl S. "Söhne"

Buck, Pearl S. "Söhne" (Englisch: Sons) - 1932

Der zweite Band der "Haus der Erde Trilogie" (House of Earth Trilogy) konzentriert sich auf Wang Lungs Söhne und wie das Leben nach seinem Tod weitergeht. Wieder gelingt es Pearl S. Buck, das Leben aller so detailliert zu beschreiben.

Die Charaktere gefielen mir nicht so gut wie die in "Die gute Erde" (The Good Earth), aber ich fand die Handlungen sehr interessant und spannend. Man kann sehen, wie China der Revolution näher kam. Man kann auch sehen, warum es eine Revolution gab und wie sich die Geschichte von da an entwickelte.

Tolles Buch. Ich suche immer noch nach dem dritten Band "Das geteilte Haus" (A House Divided), der leider vergriffen ist. :-(

Buchbeschreibung:

"Der zweite Teil der berühmten Familiensaga der Nobelpreisträgerin: Der alte Bauer Lang Wung stirbt. Nur der jüngste Sohn scheint die Familienehre retten zu können.

China während der Revolution: Erzählt wird im zweiten Teil der großen Familiensaga der Lebensweg der drei Söhne des Bauern Wang Lung. Die durch die Revolutionswirren und den westlichen Einfluß bedingten Veränderungen erfassen auch die Söhne: sie wenden sich vom traditionellen Weg ihrer Vorfahren ab. Die Familie erfährt fast ihren Untergang.

Nach dem Tod des Vaters wird das Erbe geteilt. Die Söhne ergreifen unterschiedliche Berufe: den des Kaufmanns, den des Gelehrten, und der Jüngste, genannt '
Wang der Tiger', dessen Geschichte im Mittelpunkt steht, den des Kriegers und Offiziers eines Revolutionsheers. Er möchte auch seinen Sohn zum Soldaten erziehen. Diesem ist jedoch zu seiner großen Enttäuschung die Liebe zur Natur und zum bäuerlichen Leben wichtiger."

Pearl S. Buck erhielt den Nobelpreis für Literatur 1938 "für ihre reichen und echten epischen Schilderungen aus dem chinesischen Bauernleben und für ihre biographischen Meisterwerke".

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Mittwoch, 20. November 2024

Gao, Xingjian "Der Berg der Seele"

Gao, Xingjian "Der Berg der Seele" (Chinesisch: 灵山, língshān) - Soul Mountain - 1989

Ein außergewöhnliches Buch. Eine Biografie, eine Suche nach der Seele eines Menschen in einer Welt, in der das Individuum nichts bedeutet. Eine Sammlung von Geschichten aus der Gegenwart und der Vergangenheit, die hin und her springen, aber nach einer Weile hat man den Dreh raus. Eine Einführung in die Charaktere, die "ich" und "du", "er" und "sie" sind, aber sie scheinen sich alle zu vermischen. Eine Geschichte über einen Reisenden, der sein eigenes Land entdeckt und dabei sich selbst entdeckt. Und nebenbei führt er den Leser in viel chinesische Kultur, Religion, Politik und Geschichte sowie in seine eigene Geschichte ein, die Geschichte seines Vaters, seiner Vorfahren.

Mir gefiel auch seine Einsicht in viele Probleme, die nicht die seinen sind, man könnte meinen, er hätte andere eigene Probleme, über die er nachdenken muss, aber nein, er liefert Zitate wie "... wenn Menschen die Natur angreifen, rächt sich die Natur unweigerlich." oder "... nicht die Natur ist furchteinflößend, es sind die Menschen, die furchteinflößend sind!"

Eine meiner Lieblingspassagen: "Ich suche ständig nach Sinn, aber was ist Sinn eigentlich? Kann ich die Menschen davon abhalten, diesen großen Damm als Grabinschrift für die Vernichtung ihres Selbst zu bauen? Ich kann nur nach dem Selbst des Ich suchen, das klein und unbedeutend ist wie ein Sandkorn. Ich könnte genauso gut ein Buch über das menschliche Selbst schreiben, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob es veröffentlicht wird. Aber welche Konsequenzen hat es dann, ob ein Buch mehr oder ein Buch weniger geschrieben wird? Ist nicht schon genug Kultur zerstört worden? Braucht die Menschheit so viel Kultur? Und außerdem, was ist Kultur?"

Und dann liebe ich es, als Esperanto-Sprecherin, wenn ich meine Sprache in einem Buch finde: "Er hatte eine tiefe Stimme und konnte Die Internationale auf Esperanto singen."

Dies ist auf jeden Fall keine leichte Lektüre, nichts, was man nebenbei liest, um eine "nette Geschichte" zu hören. Der Autor fordert uns auf, seine Lebensweise und die Lebensweise seiner Kultur zu verstehen. Und indem wir ihn auf seiner Suche nach dem Berg der Seele an der Quelle des Jangtse begleiten, können wirauch viel über uns selbst erfahren.

Buchbeschreibung:

"Der Berg der Seele ist der große autobiographische Roman des Nobelpreisträgers Gao Xingjian. Den Fluss Yangtze hinab von der Quelle bis ans Meer führt ihn eine epische Reise in das Herz eines unbekannten China. 1983 diagnostiziert ein Arzt bei Gao Lungenkrebs und gibt ihm nur noch wenige Monate. Dies stellt sich bald als falsch heraus und mit dem Gefühl, dem Tod durch Finger geschlüpft zu sein, beschließt er, der sich abzeichnenden politischen Repression in der Hauptstadt zu entgehen. Lingshan, der von Legenden umwobene Berg der Seele, wird zum Fluchtpunkt einer Reise, auf der er die leuchtenden Farben einer vom offiziellen Peking an den Rand gedrängten Welt entdeckt. Unterwegs wie Bruce Chatwin in Australien ist er auf der Spur einer anderen, einer sinnlichen Geschichte, begegnet er weisen Frauen, skurilen Helden und den letzten Schamanen."

Xingjian Gao erhielt den Nobelpreis für Literatur in 2000 "für sein Werk von universaler Güte, bitterer Einsicht und sprachlichem Sinnreichtum".

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Mittwoch, 7. August 2024

Rosendorfer, Herbert "Briefe in die chinesische Vergangenheit"

Rosendorfer, Herbert "Briefe in die chinesische Vergangenheit" - Letters Back to Ancient China - 1983

Ich habe mich immer gefragt, was meine Großmutter, die 1981 starb, sagen würde, wenn sie auf die Erde zurückkäme. Würde sie sich fragen, warum die Leute in kleine schwarze Kästen mitten auf der Straße sprechen? Und was verkaufen all diese komischen Läden, in denen man eigentlich nichts anderes als schwarze oder andere bunte Kästen sieht? Warum gibt es keine Schallplatten? Und viele andere Fragen.

Nun, in diesem Buch bekommen wir einen Einblick in das, was passieren würde. In diesem Fall ist es keine Frau aus unserer Zeit dreißig Jahre später, sondern ein Mann aus China, der sich mit einer Zeitmaschine auf den Weg gemacht hat, tausend Jahre gereist ist und über alles, was er sieht, mehr als überrascht ist. Er kennt keine Autos, kein Telefon, keine Gebäude, die mehr als ein Stockwerk hoch sind.

Aber er stellt sich nicht die Frage, wozu all die neuen Maschinen gut sind oder warum sie erfunden wurden. Er stellt die Frage, was sie mit unserem Lebensstil gemacht haben, wie die Menschen den Bezug zur Natur und zu den Grundbedürfnissen verloren haben. Er kann nicht glauben, wie schnell alles geht, wie sich niemand mehr Zeit für die Freuden des Lebens nimmt.

Obwohl dieses Buch ein großartiges philosophisches Werk ist, ist es auch ziemlich humorvoll. Allein die Umschreibung der Namen vom Deutschen ins Chinesische ist urkomisch.

Wir wüssten nicht so viel über seine Erfahrungen und Gedanken, wenn er nicht regelmäßig Briefe an einen im alten China zurückgebliebenen Freund geschrieben hätte, der seine Berichte über die moderne Welt erhält. Er scheint Deutsch ziemlich schnell zu lernen (ein bisschen zu schnell, aber das macht nichts, es macht das Buch nur viel unterhaltsamer), und während er die Sprache lernt, lernt er mehr über das Land und die Menschen.

Während des gesamten Buches sorgen seine Bemühungen, die moderne Welt zu verstehen und sie seinem Freund zu beschreiben, für viele Lacher. Ein unterhaltsames Buch mit erstaunlicher Tiefe.

Nicht viele deutsche Romane werden ins Englische übersetzt, es überrascht mich nicht, dass dieser dazu gehört.

Buchbeschreibung:

"Ein chinesischer Mandarin aus dem 10. Jahrhundert gelangt mittels Zeitmaschine in das heutige München und sieht sich mit dem völlig anderen Leben der 'Ba Yan' und ihren kulturellen und technischen Errungenschaften konfrontiert. Die grotesken Erlebnisse und witzigen Kommentare des der deutschen Sprache und modernen Lebensweise zunächst unkundigen Chinesen ergeben eine vergnügliche Lektüre."

Mittwoch, 22. Mai 2024

Rutherfurd, Edward "Das Reich der Mitte"

Rutherfurd, Edward "Das Reich der Mitte: Der große China-Roman" (Englisch: China) - 2021

Ich habe mich wirklich sehr auf dieses Buch gefreut, das ich zu Weihnachten bekommen habe (danke, Zach), weil ich alles liebe, was von Edward Rutherfurd geschrieben wurde. Und ich wurde nicht enttäuscht. Er hielt, was er mit seinen anderen Büchern versprochen hatte.

Es gibt nur eine geringfügige Änderung. In den meisten seiner Bücher erzählt er Geschichten von Familien im Laufe der Jahrhunderte, die oft lange vor unserem Kalender beginnen. Dieser beginnt im Jahr 1839 und endet im frühen 20. Jahrhundert, lange genug, um die Lebenszeit aller Protagonisten zu sehen. Und das ist der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem Buch habe. Ich hätte mir am Ende oder am Anfang eine Liste mit allen verschiedenen Charakteren gewünscht, wie er es in all seinen früheren historischen Romanen getan hat. Auf diese Weise weiss man, wo man in der Geschichte steht. Zugegeben, dies erstreckt sich nicht einmal über ein Jahrhundert, aber die chinesischen Namen machen es etwas schwieriger, sich daran zu erinnern, wer wer ist, zumal es manchmal mehrere andere gibt, die ihre Geschichte erzählen, bevor wir zu einem Bestimmten zurückkehren. Es war immer noch möglich, sich daran zu erinnern, wer wer war, aber sonst wäre es einfacher gewesen.

Wie in all seinen anderen Büchern erfahren wir viel über die Geschichte Chinas. Ich habe viele Bücher darüber gelesen, aber dieses hier ist sehr detailliert und gibt uns so viele Informationen über die Opiumkriege und die Aufstände, die mehr oder weniger das neue China geformt haben, und wenn wir uns über etwas beschweren, was die Chinesen heute tun, unsere Länder waren für vieles davon verantwortlich. In diesem Fall nicht meins, aber wir haben genug andere Leiche in unserem Keller, deshalb werde ich nicht weiter darauf eingehen, wer dort war und wer nicht.

Ich kann verstehen, dass Edward Rutherfurd nicht die gesamte Geschichte Chinas durchgehen wollte, sie ist so umfassend und das Land ist so riesig, dass das Buch viel länger als die 784 Seiten meiner Ausgabe gewesen wäre. Ich denke, dass es eine ausgezeichnete Idee war, sich auf diesen Teil zu konzentrieren, da viele von uns unsere Geschichte aus dieser Zeit kennen und vergleichen können.

Ich würde nicht sagen, dass mir diese Art, die Geschichte eines Landes zu schreiben, lieber ist als die andere, wahrscheinlich gefällt mir die gesamte Geschichte immer noch besser, aber es gibt so viel aus diesem Buch zu lernen, dass ich es nur wärmstens empfehlen kann. Seine Bücher zu lesen ist besser als jede Geschichtsstunde, an die ich mich aus der Schule erinnere.

Ich hoffe, dass er noch viele, viele weitere schreiben wird.

Buchbeschreibung:

"Opulent, farbenprächtig, hochspannend und zutiefst menschlich.

Der historische Roman 'Das Reich der Mitte' von Bestseller-Autor Edward Rutherfurd entführt ins chinesische Kaiserreich des 19. Jahrhunderts und erzählt vom Zusammenprall von Ost und West, der schließlich zur Entstehung des heutigen China führte.

China, 1838: das stolze Kaiserreich ist für Fremde meist unerreichbar. Abenteurer schmuggeln Opium ins Land, um es gegen Tee, die im Westen so begehrte Handelsware, zu tauschen. Die Versuche der Qing-Dynastie, der Droge Einhalt zu gebieten, führen schließlich zu den Opiumkriegen, die das uralte Kaiserreich für immer verändern sollten. Von den schicksalhaften, blutigen Konflikten des neunzehnten Jahrhunderts über Maos Kulturrevolution bis in die Gegenwart, von Shanghai über Peking und die Chinesische Mauer entspinnt sich eine große Geschichte über Glücksritter, Abenteurer, Gewinner und Verlierer, über den Aufstieg und Fall eines großen Kaiserreichs und den immerwährenden Konflikt zwischen Kulturen, Traditionen und Weltmächten.

Edward Rutherfurds epischer historischer Roman erzählt die Geschichte von Missverständnissen und Demütigungen, von Habgier, Liebe und uralten Traditionen - eine monumentale Saga, die in ihrer Dramatik und Ehrlichkeit das heute China verstehen hilft."

Hier ist ein Link zu all meinen Berichten über seine englischen Bücher.

Freitag, 7. Juli 2023

Theroux, Paul "Das chinesische Abenteuer"

Theroux, Paul "Das chinesische Abenteuer. Reise durch das Reich der Mitte" (Englisch: Riding the Iron Rooster) - 1988

Der Name Theroux ist im Vereinigten Königreich wohlbekannt. Allerdings nicht mit dem Vornamen Paul, sondern mit dem seines Sohnes Louis. Ich hatte also noch nie etwas vom älteren Theroux gelesen, bis ich von einer unserer Lesekreismitglieder dieses Buch bekam.

Ich liebe Reisebücher und dieses hier macht da keine Ausnahme.
Der Autor reiste in den 1980er Jahren zunächst mit einer Reisegruppe, dann alleine durch China. Die Mitglieder bzw. die Reisegruppe werden so beschrieben, wie ich sie wahrscheinlich auch sehen würde. Ich habe es immer vorgezogen, mit meiner Familie oder guten Freunden zu reisen, statt mit Fremden, die sich als wirklich langweilig oder furchtbar nervig erweisen könnten. Aber auch wenn er alleine unterwegs ist, ist er kaum allein, denn die Chinesen geben ihm gerne einen Aufpasser mit.


Auf jeden Fall sind die Beschreibungen der Reise interessant, die Menschen, die er im Zug trifft, einer ist seltsamer als der andere, die Landschaft ist so gut dargestellt, dass man sie sich selbst vorstellen kann, das Essen scheint direkt vor einem zu stehen.

Mir gefielen der Austausch mit den Chinesen und die Erkundung von Gegenden, in die kaum Ausländer reisen.
Ein gutes Buch über ein Land, das immer noch sehr unbekannt ist. Ich frage mich, was Paul Theroux heute sehen würde?


Einige Bücher, die Paul Theroux während seines "chinesischen Abenteuers" las:
Avedon, John "In Exile from the Land of Snows" - 1984 (Goodreads)
Balzac "Old Goriot" (FR: Le Père Goriot) - 1834 (Goodreads) - Vater Goriot (Goodreads)
Lewis, Sinclair "Elmer Gantry" - 1927 (Liberaturnobelpreis 1930) (Goodreads) - Elmer Gantry
Lewis, Sinclair "Main Street" - 1920 (Goodreads) - Hauptstraße (Goodreads)
Morrison, Arthur "The Hole in the Wall" - 1902 (Goodreads)
Stevenson, Robert Louis "Kidnapped" - 1886 (Goodreads) - Entführt (Goodreads)

Buchbeschreibung:

"Mit seinem Abenteuergeist und seiner reichhaltigen Prosa hat Theroux wichtige Memoiren über das Privatleben Chinas heute, die Kulturrevolution, Mao, die tausend Details des Alltagslebens, Unzufriedenheit, Patriotismus und die Möglichkeit eines besseren Lebens in Amerika verfasst. Humorvoll beschreibt der Autor eine unkonventionelle Reise mit der Eisenbahn nach und durch China."