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Donnerstag, 18. Juni 2026

Schimmel, Betty "Werden wir uns wiedersehen"

 
Schimmel, Betty mit Gabriel, Joyce "Werden wir uns wiedersehen. Eine Liebe in den Zeiten des Krieges" (Englisch: To See You Again. A True Story of Love in a Time of War) - 1999

Viele meiner Freunde werden sagen: "Nicht schon wieder eine Holocaust-Überlebensgeschichte!" Und wenn das nicht euer Geschmack ist, lasst es lieber. Doch dies ist ein bemerkenswerter Bericht über eine starke Frau – genauer gesagt, über mehrere starke Frauen –, die die schrecklichste Tortur überlebt haben, die man sich vorstellen kann, und dadurch gestärkt hervorgegangen sind. Ich weiß, dass Betty Schimmel dieses Buch nicht allein geschrieben hat; sie hatte eine Helferin. Aber das ändert nichts an der Geschichte, die sie erzählt. Sie ist herzzerreißend.

Wir alle können von Menschen wie Betty Schimmel lernen, nicht aufzugeben, selbst wenn alles hoffnungslos erscheint. Eine fesselnde Lektüre. Fast wie "Das Tagebuch der Anne Frank" (The Diary of a Young Girl), nur mit einem glücklicheren Ende.

Kenneth Branagh soll geplant haben, diese Geschichte zu verfilmen. Das wäre bestimmt ein Erfolg geworden, aber ich glaube, dieser Plan wurde nicht verwirklicht.

Buchbeschreibung:

"Als Betty Schimmel (geboren 1929) 9 Jahre alt ist, endet ihre behütete Kindheit. Ihre jüdische Familie lebt auf der Flucht vor der Naziverfolgung, zuletzt in Budapest, wo sie 1944 mit dem Einmarsch der Deutschen ihr letztes Zuhause verliert. Am Leben hält sie trotz Krankheit und Entkräftung die Hoffnung, ihre Jugendliebe wiederzusehen. Doch die Hoffnung bleibt unerfüllt, der Geliebte verschollen. Mit gemischten Gefühlen geht sie eine Ehe ein, emigriert nach Amerika, wird 3fache Mutter und fühlt sich doch immer innerlich leer. Über 30 Jahre später findet sie den Langgesuchten in Budapest, doch auch er ist verheiratet und hat 3 Kinder."

Donnerstag, 7. Mai 2026

Modiano, Patrick "Place de l'Étoile"

Modiano, Patrick "Place de l'Étoile" (Französisch: La Place de l'Étoile) - La Place de l'Étoile - 1968

Ein interessantes, gewiss herausforderndes Buch. Der Autor war noch sehr jung, erst 23 Jahre alt, als er dieses erste Buch schrieb, das ihm schließlich den Nobelpreis für Literatur einbrachte.

Patrick Modiano beginnt mit einer kleinen Geschichte, die man für einen Witz halten könnte, wäre sie nicht so traurig:
"Im Juni 1942 spricht ein deutscher Offizier einen jungen Mann an und fragt: Entschuldigen Sie, Monsieur, wo ist der Place de l’Étoile?' Der junge Mann deutet auf seine linke Brustseite. – Eine jüdische Geschichte." Der junge Mann meint damit natürlich den Davidstern, den alle Juden tragen mussten, und nicht den berühmten Platz in Paris.

Dann erzählt er weiter von seinem Protagonisten Raphaël Schlemilowitsch und dessen Überleben – oder Nicht-Überleben – im Holocaust. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, worauf er hinauswollte. Er lebt das Leben vieler Menschen und beschreibt dies mit einem fast magisch realistischen, aber zweifellos ungemein sarkastischen Stil. In seinen Erzählungen begegnen wir vielen berühmten Juden und Nichtjuden, die Geschichte geschrieben haben – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart.

Ich weiß nicht, ob dies das Hauptwerk ist, für das der Autor den Literaturnobelpreis erhielt, und ob es ein typischer Roman von ihm ist, aber ich würde es sicherlich nicht als leichte Lektüre bezeichnen. Wer sich jedoch für Geschichte interessiert, könnte Gefallen daran finden.

Buchbeschreibung:

"Der Held Raphaël Schlemilovitch führt viele schillernde Leben, als Kollaborationsjude«, als Geliebter von Eva Braun, als jüdischer Mädchenhändler. Er kommt mehrfach zu Tode und reist durch Zeiten und Länder. Bis er schließlich auf der Couch von Dr. Freud im Wien der sechziger Jahre erwacht.Ein so unterhaltsamer wie provokanter Parforceritt – und ein literarischer Befreiungsschlag von antisemitischen Zuschreibungen."

Patrick Modiano erhielt den Nobelpreis für Literatur 2014 "für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der (deutschen) Besatzung sichtbar gemacht hat".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Dienstag, 10. März 2026

Binet, Laurent "HHhH: Himmlers Hirn heißt Heydrich"

Binet, Laurent "HHhH: Himmlers Hirn heißt Heydrich" (Französisch: HHhH) - HHhH - 2010

"HHhH", der französische Titel ist identisch mit dem englischen, der deutsche hat einen Zusatz, der die seltsamen Buchstaben erklärt: "Himmlers Hirn heißt Heydrich".

Die Geschichte handelt nicht von Hitler oder Himmler, sondern von Reinhard Heydrich, einem hochrangigen deutschen Nazi-Offizier, und Jozef Gabčík, einem slowakischen Soldaten, sowie Jan Kubiš, einem tschechischen Soldaten, und ihrer "Operation Anthropoid", deren Ziel die Ermordung Heydrichs war.

Heydrich war Mitglied des SD (Sicherheitsdienst, Teil der SS). Der unbekanntesten und unheilvollsten aller Nazi-Organisationen. Einschließlich der Gestapo. Er erfand nicht nur den gelben Stern, der von allen Juden getragen werden sollte, sondern entwarf auch die Gaskammern. Unnötig zu erwähnen, dass er als der gefährlichste Mann im Dritten Reich galt; man nannte ihn den "Henker von Prag", den "Schlächter" und das "Blonde Biest". Nicht gerade ein Titel, den sich ein vernünftiger Mensch wünschen würde.

Laurent Binet hat eine einzigartige Möglichkeit gefunden, die Erzählung einer Sachgeschichte mit einem Teil einer Autobiografie zu verbinden und daraus einen Roman zu machen. Er nennt es angeblich den Infraroman. Eine interessante Art, das Thema zu behandeln, und eine großartige Möglichkeit, den Leser an die Charaktere des Buches zu gewöhnen. Es mag etwas gewöhnungsbedürftig sein, dass er von der ersten zur dritten Person springt, aber ich mag seinen Stil wirklich.

Auch wenn ihr nichts mehr über den Zweiten Weltkrieg oder die Nazis lesen möchtet, solltet ihr dieses Buch lesen. Es steckt viel Herz darin und ist gleichzeitig sehr informativ.

Er beginnt mit: "Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Eine wahre Geschichte. Eine Geschichte, die du vielleicht kennst, aber nur flüchtig." und so macht er weiter und spricht mit dem Leser, als wäre er im selben Raum.

Und ich schließe mit einem weiteren Zitat:
"Erinnerung nützt nichts den Erinnerten, sondern nur denen, die sich erinnern." Erinnern wir uns also.

Buchbeschreibung:

"HHhH
HIMMLERS HIRN HEISST HEYDRICH

Die NS-Geschichte pointiert als Groteske. Wie ein Detektiv verfolgt Binet die vielen Spuren, die zu dem Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag führen. Immer wieder kommt er dabei auf seine Rolle als Erzähler zurück. Gibt es überhaupt eine historische Wahrheit, und wie kann man über sie schreiben?

Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt du Premier Roman

Beim Spaziergang durch Prag entdeckt der Autor an der Krypta eine Gedenktafel für tschechische Widerstandskämpfer. Sie versteckten sich dort nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich – bis deutsche Soldaten, nachdem sie auf der Suche nach ihnen schon ganz Prag auf den Kopf gestellt hatten, die Krypta fluten ließen.

Der Ich-Erzähler Binet ist so elektrisiert von dieser Geschichte, dass er beschließt, von Paris nach Prag zu ziehen und ihr nachzugehen.

Er verfolgt die sich kreuzenden Spuren der Nationalsozialisten und Widerstandskämpfer im Frühsommer 1942 in Prag. Der Chef der Gestapo Reinhard Heydrich soll von dem Tschechen Josef Gabčik, der an den braven Soldaten Schwejk erinnert, auf offener Straße erschossen werden. Doch als der Mercedes mit Heydrich naht, klemmt der Abzug ...

Ein freches und mutiges Buch, das man lachend und weinend zugleich liest."

Einige der Bücher, die der Autor erwähnt:
Burgess, Alan "Seven Men at Daybreak" [Sieben Mann bei Sonnenaufgang]
Flaubert, Gustave "Salammbô" (Salambo)
Harris, Robert "Fatherland" (Vaterland) - 1992
Sand, George "Jean Zizka" [Jan Žižka]
Schmitt, Éric-Emmanuel "La Part de l'autre" (Adolf H. Zwei Leben)
Vollmann, William T. "Europe Central" (Europe Central)

Samstag, 21. Februar 2026

Roth, Philip "Der Ghostwriter"

Roth, Philip "Der Ghostwriter" (Englisch: The Ghost Writer) - 1979

Warum ich vorher noch keine Bücher dieses außergewöhnlichen Autors gelesen hatte, ist mir ein Rätsel.

Was soll ich sagen, ich war von dem Buch wirklich begeistert. Ich fragte mich, ob es teilweise autobiografisch ist, denn es hatte auf jeden Fall Tendenzen, die danach klangen. Mir gefiel der alternative Geschichtsteil, ein Genre, das ich sehr schätze.

Ein junger Autor trifft einen älteren Autoren, sein schriftstellerisches Vorbild. Und dort begegnet er einem interessanten jungen Mädchen mit einer faszinierenden Vergangenheit. Das ist die Grundgeschichte. Doch es ist die Art und Weise, wie Philip Roth die Geschichte erzählt, die sie interessant macht. Sie weckt den Wunsch, alles über Nathan Zuckerman, den jungen Autor, und sein Leben zu erfahren und die ganze Reihe lesen zu wollen.

Auf nur 180 Seiten gelingt es Philip Roth, einen Überblick über die jüdische Geschichte, den Holocaust, Anne Franks Tagebuch und das Leben in den Vereinigten Staaten der 1950er Jahre zu geben, insbesondere über die Situation der Juden damals.

Wenn euch die ersten Sätze gefallen (Übersetzung von mir): "Es war die letzte Stunde Tageslicht an einem Dezembernachmittag vor über zwanzig Jahren – ich war dreiundzwanzig, schrieb und veröffentlichte meine ersten Kurzgeschichten und dachte, wie so mancher Bildungsroman-Held vor mir, bereits über meinen eigenen umfangreichen Bildungsroman nach –, als ich in seinem Versteck ankam, um den großen Mann zu treffen. Das Schindelbauernhaus lag am Ende einer unbefestigten Straße, 350 Meter hoch in den Berkshires, doch die Gestalt, die aus dem Arbeitszimmer kam, um mich feierlich zu begrüßen, trug einen Gabardineanzug, eine gestrickte blaue Krawatte, die mit einer schlichten silbernen Spange an einem weißen Hemd befestigt war, und gut gebürstete schwarze Ministerschuhe, die mich eher an einen Schuhputzstand als an den Hochaltar der Kunst denken ließen", dann wird euch das ganze Buch gefallen. Sein Schreibstil ist wunderschön.

Buchbeschreibung:

"Die Anfänge einer großen Schriftsteller-Karriere

In
Der Ghost Writer lernen wir in den fünfziger Jahren Nathan Zuckerman kennen, einen hoffnungsvollen jungen Autor mit einer Leidenschaft für bedeutende Bücher, der in einem abgelegenen Winkel Neuenglands, als Gast im Haus seines literarischen Idols E. I. Lonoff, die gegensätzlichen Ansprüche von Literatur und Erfahrung entdeckt."

Philip Roth erhielt 2011 den Booker International Prize und war 1980 Finalist für den Pulitzer-Preis.

Donnerstag, 8. Januar 2026

Hamill, Pete "Schnee im August"

Hamill, Pete "Schnee im August" (auch: Der Junge und der Rabbi) (Englisch: Snow in August) - 1998

Brooklyn, zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein elfjähriger irisch-katholischer Junge, dessen Vater im Krieg starb und der allein mit seiner Mutter lebt, freundet sich mit einem tschechischen Rabbiner an und lernt etwas über das Judentum und den Holocaust. Gemeinsam begegnen sie Rassismus und Gewalt. Gemeinsam mit Michael lernen wir die jiddische Sprache, jüdische Geschichte, jüdische Literatur, den jüdischen Folklore-Golem kennen - und Baseball.

Die Geschichte ist gut erzählt, wechselt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und steigert die Spannung. Man könnte sie fast an einem Tag lesen, aber man möchte sich nicht zu früh von den Figuren verabschieden, da man sie hoffentlich genauso lieb gewinnt wie ich.

Ich habe dieses Buch wirklich geliebt und würde gerne mehr von diesem Autor lesen.

Buchbeschreibung:

"Winter 1946: Ein Schneesturm fegt durch die Straßen von Brooklyn, aber als Meßdiener muß der zwölfjährige Michael Devlin irgendwie zur Kirche kommen. Als er an der Synagoge des Viertels vorbeieilt, sieht er in der Tür den alten Rabbi, der ihn zu sich winkt. Es ist Sabbat, und Rabbi Hirsch braucht jemanden, der ihm die Heizung anzündet. Mit Herzklopfen betritt Michael die unheimliche Synagoge. Was anfängt wie das Abenteuer eines der von ihm so bewunderten Comic-Helden, wird für Michael bald zum Fenster in die fremde, magisch anziehende Welt von Rabbi Hirsch, der gerade erst dem Grauen Europas entkommen ist. Michael wird sein Schabbes-Goi, hilft ihm, sich in der Neuen Welt zurechtzufinden, erklärt ihm amerikanische Bräuche, Baseballregeln und Grammatik. Umgekehrt beschwört der Rabbi das Leben und die Geschichte von Prag herauf, erzählt von Mozart und der Kabbala und endlich auch von der uralten Legende des Golem. Zum ersten Mal erfährt Michael etwas von jüdischer Weisheit und Tradition. Doch als er davon erzählen will, eckt er bei seinen irisch-katholisch geprägten Schulfreunden schnell an. Michael hat aber noch größere Sorgen. Er hat gesehen, wie Frankie McCarthy und seine Gang den Ladenbesitzer Mr. Greenburger beraubt und geschlagen haben. Frankie schüchtert Michael mit Drohungen ein, und so schweigt er, als die Polizei nach Zeugen sucht. Den ganzen Sommer über terrorisiert Frankies Gang das Viertel: die Rowdys malen Hakenkreuze an die Synagoge, verprügeln Michael als Verräter und belästigen sogar seine Mutter. Als schließlich Rabbi Hirsch brutal zusammengeschlagen wird, sieht die Mutter nur noch einen Ausweg: weg aus der Gegend. Michael aber will nicht aufgeben. In seiner Verzweiflung besinnt er sich auf die Legenden des Rabbis und erkennt: Nur ein Wunder kann die Rettung bringen! Eine einfache Geschichte von Freundschaft und Erwachsenwerden, aber auch ein Konflikt, der wie im Brennglas die großen Fragen aufwirft - nach Mut und Vorurteilen, Anpassung und Widerstand. Poetisch beschwört Pete Hamill die Kraft der Worte und des Glaubens. Mit feinem Ohr für den Tonfall schildert er das irische wie das jüdische Milieu Brooklyns präzise und atmosphärisch dicht. Zwischen Frank McCourt und Isaac Bashevis Singer ist Hamills Roman moderne Fabel und realistisches Porträt zugleich."

Montag, 24. November 2025

Keneally, Thomas "Schindlers Liste"

Keneally, Thomas "Schindlers Liste" (Englisch: Schindler's Ark) - 1982

Ich wollte dieses Buch schon lange lesen, und als ich darauf stieß, nutzte ich die Gelegenheit und begann zu lesen.

Natürlich kennt jeder die Geschichte von Oskar Schindler und davon, dass er Tausende von Juden vor der Ermordung in einem der vielen Konzentrationslager rettete, die die Nazis zu diesem Zweck errichtet hatten.

Zugegeben, die Geschichte ist herzzerreißend. Trotz all der Informationen, die wir heute über die damaligen Ereignisse haben, ist es für mich immer noch unfassbar, wie Menschen so handeln konnten. Jedes Mal, wenn ich davon lese, erscheint es mir unmöglich, aber wir wissen, dass es wirklich passiert ist.

Der Autor hat großartig recherchiert, und das Buch enthält so viele Details – er muss sehr hart daran gearbeitet haben.

Aber es ist schwer zu lesen. Nicht nur wegen des Inhalts. Mir gefiel der Schreibstil nicht. Es war kein flüssiger Lesefluss, vieles in der Geschichte wirkte so zusammenhanglos, als hätte der Autor seine Informationen gesammelt, zusammengewürfelt und alles vermischt. Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll, aber es war definitiv nicht gut geschrieben. Bei einem anderen Thema hätte ich wahrscheinlich nach etwa hundert Seiten aufgegeben. Und das wären hundert Seiten zu viel gewesen. Jeder Zeitungsartikel, selbst über ein langweiliges Thema, ist interessanter geschrieben.

Ich werde weitere Bücher über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg lesen, aber ich bezweifle, dass ich noch ein Buch von Thomas Keneally lesen werde.

Buchbeschreibung:

"Oskar Schindler, Bonvivant, Spekulant und Charmeur, ein Industriellensohn aus Mähren, Liebhaber schöner Frauen, brillanter Geschäftsmann, gutaussehender blonder Deutscher - dieser Mann übernimmt 1939 in Krakau eine 'arisierte' Emailfabrik. Seine Arbeiter sind Juden, sie haben es gut bei ihm. Binnen kurzem ist Schindler mit jedem wichtigen Nazi in Krakau 'befreundet', er macht grosszügige Geschenke, arrangiert ausschweifende Feste, besticht, wo es sich lohnt. 1942, bei der Auflösung des Krakauer Ghettos, sieht er mit an, wie Juden zusammengetrieben und auf der Strasse erschossen werden. Er sagt später dazu: 'Seit damals musste jedem denkenden Menschen klar sein, was geschehen würde. Und ich nahm mir fest vor, das zu verhindern.' Schindler verhindert es in den nächsten Jahren mit allen Mitteln. Er wird zur Hoffnung vieler, die vor allem unter der unglaublichen Willkür des KZ- Kommandanten Göth leiden. Und wenn er auch gegen den organisierten Massenmord nichts tun kann, so schafft er es doch, Personen, die er irgendwie für seinen Betrieb reklamieren kann, noch aus den Transportzügen und den Todeszellen der KZs herauszuholen. Ende 1944 scheint dies alles zusammenzubrechen. Sämtliche Lager um Krakau sollen aufgelöst, ihre Insassen nach Auschwitz gebracht werden. Und noch einmal hat Schindler Erfolg. Er bekommt die Genehmigung, seine Fabrik und seine Arbeiter nach Brünnlitz in Mähren überzusiedeln. Über tausend Juden stehen auf der Liste, sie entgehen dem sicheren Tod. Die Geretteten schmieden ihm aus eigenem Zahngold einen Ring, in den sie den Talmud-Spruch eingravieren: 'Wer ein einziges Leben rettet, der rettet die ganze Welt.'"

Thomas Keneally gewann 1982 den Booker Prize für "Schindler's Ark".

Donnerstag, 16. Oktober 2025

Durlacher, Jessica "Das Gewissen"

Durlacher, Jessica "Das Gewissen" (Niederländisch: Het Geweten) - The Conscience - 1998

Eine Universitätsgeschichte. Edna lernt Samuel kennen. Sie mag ihn, aber er wirkt herablassend. Sie werden Freunde, treffen sich überall, wo sich Studenten treffen, gehen auf Partys, segeln. Doch es gibt noch mehr: eine gemeinsame Vergangenheit. Sie sind beide Juden, und ihre Väter wurden beide nach Auschwitz deportiert. Ein Thema, das niederländische Schriftsteller sehr mögen. Ein Thema, das mir normalerweise sehr gefällt, aber die meisten niederländischen Schriftsteller übertreiben es oft. Dieses Buch führt das Thema jedoch in die nächste Generation, ist zudem sehr realistisch – ein großes Thema in den Niederlanden. Ich mag diese Art des Schreibens oft nicht, aber Jessica Durlacher hat eine großartige Art, es auszudrücken: Sie spricht über Gefühle, anstatt sich zu sehr in der Geschichte zu verlieren. Mir hat es sehr gut gefallen. Sicherlich liegt es an der schönen Schreibweise der Autorin.

Buchbeschreibung:

"Sie sieht ihn zum ersten Mal an der Universität: Er ist wie sie jüdischer Abstammung, beide Familien haben traumatische Kriegserinnerungen, sie erkennt in ihm ihren Seelenverwandten. Mit aller Wucht schmeißt sich die junge Edna in die Katastrophe einer Liebe, die sie für die ihres Lebens hält. Ein bewegendes Buch über eine Frau, die erst lernen muss, ihr Leben und Lieben in die richtige Bahn zu lenken."

Ich habe das Buch im niederländischen Original gelesen.

Dienstag, 30. September 2025

Levi, Primo "Wann, wenn nicht jetzt?"

Levi, Primo "Wann, wenn nicht jetzt?" (Italienisch: Se non ora, quando?) - If Not Now, When? - 1982

Primo Levi lebte den größten Teil des 20. Jahrhunderts. Er war Italiener, Jude, Chemiker und schrieb mehrere Bücher. Dieses hier handelt von zwei russischen Juden, die sich hinter den feindlichen Linien einer Partisanengruppe anschließen.

Das Buch basiert auf einer wahren Begebenheit. Ich muss sagen, es hat mir sehr gut gefallen. Die Sprache war großartig, die Geschichte interessant, die Menschen gut beschrieben. Eine lebhafte Geschichte, die auch viele Fragen zum Krieg aufwirft. Eine gute Lektüre, eine gute Grundlage für interessante Diskussionen.

Buchbeschreibung:

"Auf der Suche nach einer neuen Heimat

'Daß wir Juden sind, versteht sich von selbst. Daß wir bewaffnet waren, können wir nicht leugnen ... Sagt, daß wir Partisanen sind.'

Irgendwo in den Wäldern von Weißrußland begegnen sich 1943 zwei versprengte Soldaten der Roten Armee. Beide haben ihre Einheit verloren, beide sind Juden, und so ziehen sie gemeinsam weiter. Eines Tages stoßen sie auf Blockhütten, in denen sich weitere Juden inmitten der verschneiten Sümpfe versteckt halten. Doch das Quartier wird von Deutschen entdeckt, und nur wenigen Männern und Frauen gelingt die Flucht.

Sie wandern weiter nach Westen, ein schlecht ausgerüsteter Haufen zwischen allen Fronten, eine jüdische Partisaneneinheit, die aussieht wie eine vagabundierende Banditenbande, von den Deutschen verfolgt, von Russen wie Polen beargwöhnt, geduldet, gemieden. '
Wann, wenn nicht jetzt', singen die Partisanen den Talmud zitierend, 'sollen wir den Stein schleudern gegen Goliaths Stirn?'"

Mittwoch, 27. August 2025

Powers, Charles T. "Das Gedächtnis der Wälder"

Powers, Charles T. "Das Gedächtnis der Wälder" (Englisch: In the Memory of the Forest) - 1997

Jemand hat dieses Buch für unseren Lesekreis vorgeschlagen, aber es wurde nicht ausgewählt. Leider. Es ist ein wunderbares Buch.

Charles Powers hat in Polen gearbeitet, daher weiß er, wovon er spricht. Der Roman handelt von Polen nach dem Zweiten Weltkrieg, von den Leichen im Keller, wenn man so will. Eine Gemeinschaft versucht, ihre Vergangenheit, ihre Beteiligung am Holocaust, zu vergessen. Er erzählt die Geschichte ganz normaler Menschen, die in einer ganz normalen Welt überleben wollen.

Dieser Roman ist für jeden interessant, der Krimis, Kriegsgeschichten, historische Romane und psychologische Themen mag – er ist sehr vielseitig. Auch der Wald spielt eine wichtige Rolle, und zwar in vielerlei Hinsicht.

Charles Powers starb 1996, daher ist dies leider sein einziger Roman.

Buchbeschreibung:

"Ein Dorf in der polnischen Provinz wird durch einen Mord aus seiner Ruhe aufgeschreckt. Wer könnte den Sohn des alten Powierza erschlagen haben? Warum senkt sich Schweigen über die Tat? Nur Leszek, der Jugendfreund des Ermordeten, sowie der Vater des Toten arbeiten an der Aufklärung des Verbrechens. Sie stoßen auf Waffenschmuggler und deren Hintermänner, Spuren führen zu denjenigen, die schon zu kommunistischer Zeit das Sagen hatten und ihr Scherflein ins Trockene brachten. Doch da ist noch etwas anderes: Gerüchte werden laut, es gibt Andeutungen. Der Wald, der das Dorf schützend umgibt, birgt verdrängte Erinnerungen an die Kriegszeit: Hier operierten polnische Widerstandsgruppen, hierhin versuchten sich vom sicheren Tod bedrohte jüdische Mitbürger zu retten."

Freitag, 8. August 2025

Hegi, Ursula "Die Andere"

Hegi, Ursula "Die Andere" (Englisch: Stones from the River) - 1994

Eine ganz andere Kriegsgeschichte: Trudi ist kleinwüchsig und wächst im kriegszerrütteten Deutschland auf - keine schöne Zeit für jemanden, der nicht dem entspricht, was die Nazis von einem "normalen" Menschen erwarten.

Eine sehr interessante Lektüre darüber, wie das Leben damals war, wie die Nazis immer mehr an Boden gewannen und wie die Menschen immer misstrauischer wurden.

Ich denke, dies ist ein sehr wichtiger Bericht nicht nur über die deutsche Geschichte, sondern auch über menschliches Verhalten.

Buchbeschreibung:

"Trudi Montag hat die Gabe des Zweiten Gesichts, sie sieht in die Vergangenheit und in die Zukunft. In ihrem Kopf entstehen Geschichten, die zu den Geheimnissen der Menschen vorstoßen, zu den Unterströmungen, den Strudeln, die einen herunterziehen. Geschichten, die uns mit einer unendlichen Vielfalt von Farben umspülen. Geschichten, die sind wie der Fluß, den Trudi so liebt, und dessen Stimmungen und Geheimnisse, dessen Töne und Gerüche vermutlich nie schöner beschrieben worden sind. Die Andere ruft, am Beispiele einer kleinen Stadt, deutsches Schicksal zwischen 1915 und 1952 ins Gedächtnis. Seine überwältigende Stoffülle, der Reichtum konkreter Details, die für das Ganze der Wirklichkeit stehen, sein Realismus und seine lyrisch verdichtete Sprache verleihen dem Buch eine fast magische Qualität."

Freitag, 27. Juni 2025

Frank, Anne "Das Tagebuch der Anne Frank"

Frank, Anne "Das Tagebuch der Anne Frank" (Dutch: Het Achterhuis) - The Diary of a Young Girl - 1942-44

Was gibt es über ein Buch zu sagen, das jeder gelesen hat? Es ist erstaunlich, wie explizit ein junges Mädchen schreiben kann. Ihre Gedanken gehen weit über ihr Alter hinaus, aber das ist unter ihren Umständen wahrscheinlich auch zu erwarten. Wer dieses Buch noch nicht gelesen hat, sollte es tun. Meine Söhne haben es in der Schule gelesen und ich finde, das sollte jeder Schüler tun. Was für eine Lektion, was für ein Bericht über eine Zeit, die hoffentlich nie wiederkehrt.

Buchbeschreibung:

"Dieses lebendige, Einblick gewährende Tagebuch ist seit seiner ersten Veröffentlichung 1947 ein geliebter Klassiker und ein passendes Denkmal für den begabten jüdischen Teenager, der 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben kam. 1929 geboren, bekam Anne Frank zu ihrem 13. Geburtstag ein neues, unbeschriebenes Tagebuch geschenkt, nur wenige Wochen bevor sie und ihre Familie im von den Nazis besetzten Amsterdam untertauchen mußten. Ihre wunderbar detaillierten persönlichen Eintragungen zeichnen 25 anstrengende Monate klaustrophobischer, streitgeladener Intimität mit ihren Eltern, ihrer Schwester, einer zweiten Familie und einem älteren Zahnarzt nach, der wenig Toleranz für Annes Lebhaftigkeit zeigt. Der universelle Reiz des Tagebuchs beruht auf seiner fesselnden Mischung aus den schmuddeligen Besonderheiten des Lebens im Krieg (karge, schlechte Mahlzeiten; schäbige Kleider, aus denen man längst herausgewachsen ist, die aber nicht ersetzt werden können; die ständige Angst, entdeckt zu werden) und der offenherzigen Auseinandersetzung über Gefühle, die jedem Heranwachsenden bekannt sind: 'Jeder kritisiert mich, niemand erkennt meine wahre Natur, wann werde ich endlich geliebt?' Aber Anne Frank war kein gewöhnlicher Teenager: Die späteren Eintragungen verraten einen für eine kaum 15jährige bemerkenswerten Sinn für Mitgefühl und spirituelle Tiefe. Ihr Tod verkörpert den Wahnsinn des Holocaust, aber für die Millionen, die Anne durch ihr Tagebuch kennengelernt haben, ist er auch ein sehr persönlicher Verlust."

Mittwoch, 11. Juni 2025

Massaquoi, Hans J. "Neger, Neger, Schornsteinfeger"

Massaquoi, Hans J. "Neger, Neger, Schornsteinfeger! Meine Kindheit in Deutschland" (Englisch: Destined to Witness) - 1999

Sehr interessante Autobiografie eines deutsch-liberianischen Jungen, der im nationalsozialistischen Deutschland aufwuchs. Er beschreibt seine Kindheit und Jugend in Hamburg zu einer Zeit, als jeder blonde Haare und blaue Augen haben musste. Es gab damals nur sehr wenige dunkelhäutige Menschen in Deutschland, doch aus unerfindlichen Gründen verfolgten ihn die Nazis nie offen.

Mit seiner Geschichte hat er uns wahrscheinlich mehr über die Gedanken und Wünsche eines einfachen Deutschen erzählt als jeder andere Bericht über diese Zeit. Obwohl er alles andere als dem Arier-Stereotyp entsprach, wollte er dazugehören, er wollte ein Hitlerjunge sein. Das ist es, was fast jedes Kind (und jeder Erwachsene) will: zur Gesellschaft um sich herum gehören, egal wie sie behandelt wird. Ich fand, er hat das sehr gut beschrieben. Wir bekommen auch einen guten Einblick in die "einfachen" Leute und die verschiedenen Mitglieder der NSDAP. Er spricht sowohl über die Menschen, die ihm halfen, als auch über diejenigen, die es nicht taten. Er gibt einen fantastischen Einblick in das Leben während des Krieges. Dieses Buch zeigt auch, dass die Nazis nicht nur Juden jagten und vernichteten, sondern dass jeder, der nicht so aussah und/oder dachte wie sie, auf ihrer Liste der "Unerwünschten" stand. Sehr gut geschrieben und absolut lesenswert, besonders wenn man sich für diese Zeit interessiert.

Hans J. Massaquoi emigrierte später in die USA, wo er Chefredakteur der Zeitschriften Jet und Ebony wurde.

Der englische Titel dieses Buches bedeutet "Zum Zeugnis bestimmt. Das Buch wurde unter demTitel "Neger, Neger, Schornsteinfeger" auch recht erfolgreich verfilmt.

Buchbeschreibung:

"1926 in Hamburg: Als Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters wächst Hans-Jürgen Massaquoi zunächst in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Der Großvater, ehemaliger König der Vai, ist liberianischer Generalkonsul in Hamburg. Die Dienstboten sind Weiße.

Doch dann verläßt die liberianische Familie das Land. Massaquoi und seine Mutter bleiben zurück und ziehen in ein Arbeiterviertel. Aber bald darauf übernehmen die Nazis die Macht, und das Leben verändert scih grundlegend...
"

Samstag, 17. Mai 2025

Seth, Vikram "Zwei Leben"

Seth, Vikram "Zwei Leben" (Englisch: Two Lives) - 2005 

Ich hatte bereits zwei Romane von Vikram Seth gelesen, "Eine gute Partie" (A Suitable Boy) und "Verwandte Stimmen" (An Equal Music), die beide völlig unterschiedlich, aber wirklich gut sind.

In diesem Werk beschreibt der Autor nicht nur das Leben seines Großonkels und seiner jüdischen Frau, sondern auch sein eigenes Leben, das Leben und Sterben einfacher Menschen während des Holocaust sowie das schreckliche Schicksal der Juden. Aber er beschreibt auch das Leben in Indien vor und nach der Unabhängigkeit. Ein ziemliches Unterfangen.

Vikram Seth macht es einem extrem leicht, den Lebenswegen von Shanti und Henny, ihren Familien und Freunden durch ein ganzes Jahrhundert und mehrere Kontinente zu folgen. Er lässt kein Detail aus und stützt sich auf persönliche Erfahrungen sowie Interviews und alte Briefe.

Wir lernen die drei Charaktere – ja, wir müssen auch den Autor einbeziehen – ziemlich gut kennen. Vikram Seth lässt nichts unversucht, lässt keine einzige Figur oder Begebenheit aus, die im Moment vielleicht zu trivial erscheint, aber später wichtig ist. Wir erhalten einen guten Einblick in das Leben vor und während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und England, in den Krieg selbst und in die Konzentrationslager. Außerdem – und das fand ich noch interessanter, da wir nicht oft darüber lesen – in das Leben nach dem Krieg in England und Deutschland.

Was soll ich sagen, ein fantastisches Buch. Wenn der Autor jemals eine weitere Biografie schreibt, werde ich sie gerne lesen. Eigentlich werde ich alle seine Bücher auf meine Wunschliste setzen.

Buchbeschreibung:

"In Zwei Leben erzählt Vikram Seth zärtlich und präzise von einer wahren Liebe, die ein Jahrhundert umspannt. Mit zurückschauender Sehnsucht berichtet er von zwei Menschen, seinem Onkel Shanti und Tante Henny, die sich an der Wegkreuzung von indischer Diaspora und jüdischem Exil trafen: ein bewegendes Denkmal und erzählerisches Kunststück zugleich. 'Nimm den Schwarzen nicht', sagt Henny zu ihrer Mutter und meint den jungen Inder an der Tür. Doch Shanti, der im Berlin der dreißiger Jahre Zahnarzt werden will, bekommt das Zimmer in der Bleibtreustraße - und das wird Hennys Glück. Shanti, von den Nazis verdrängt, kann erst in London praktizieren, und dort steht 1939 plötzlich Henny an der Victoria Station - als einziger Jüdin aus dem Freundeskreis ist ihr die Flucht gelungen."

Ein Zitat aus dem Buch, das der Autor am Holocaust Memorial Arch im Memorial Garden im Hendon Park in London fand:
"Lezikaron. Die Bedeutung bezieht sich auf die Wichtigkeit, nach vorne zu blicken und sich gleichzeitig an die Vergangenheit zu erinnern." ("Lezikaron. The meaning refers tot he importance of looking forward as well as remembering the past.")

Dienstag, 8. April 2025

Fredriksson, Marianne "Simon"

Fredriksson, Marianne "Simon" (Schwedisch: Simon och ekarna) - Simon and The Oaks auch Simon's Family - 1985 

Nachdem ich "Hannas Töchter" (Hannah's Daughters) mit zwei verschiedenen Lesekreisen gelesen hatte, wollte ich immer wieder ein anderes Buch von Marianne Fredriksson lesen. Und ich habe es nicht bereut. "Simon" eine wunderbare Geschichte über eine Freundschaft, die von vielen Hindernissen gesäumt ist, über einen Jungen, der aufwächst und sich nicht zugehörig fühlt, über eine Familie mit einem Geheimnis und ein Land, das mit einem Krieg fertig werden muss, der überall um sie herum tobt, nur nicht direkt in ihrem Zuhause.

Marianne Fredriksson war eine sehr kraftvolle Autorin, die uns von einer Zeit erzählen kann, die noch nicht so lange her ist, aber vielen von uns noch unbekannt ist. Sie schafft es, eine reichhaltige Geschichte zu weben, indem sie hier eine Farbe und dort eine Figur hinzufügt, Verbindungen, die zunächst nicht so offensichtlich sind, aber nach einer Weile immer deutlicher werden.

Viele skandinavische Autoren sind für ihre Kriminalgeschichten bekannt und ich bin sicher, dass sie einen würdigen Platz unter den Weltautoren dieses Genres haben. Auch Marianne Fredriksson verdient dort einen Platz.

Buchbeschreibung:

"Als der Zweite Weltkrieg seine Schatten auf die Küste von Göteborg wirft, ist Simon noch ein kleiner Junge. Er ist jüdischer Abstammung. Karin und Erik, seine Adoptiveltern, verschweigen ihm seine Herkunft, um ihn zu schützen. Doch Simon ist sehr sensibel und meint, er habe die Sorgen, die er in den Augen seiner Mutter lesen kann, verschuldet. Und so begibt er sich auf eine Suche, die ihn bis zu den Ursprüngen bringt. 'Simon' ist mehr als ein Roman über eine schicksalsschwere Zeit. Marianne Fredriksson versteht es wieder, auf einfühlsame Weise die Geschichte einer Familie zu erzählen, in der jeder einzelne tief in seiner Seele mit dem Guten und dem Bösen ringen muss."

Samstag, 22. Februar 2025

Némirovsky, Irène "Suite Française"

Némirovsky, Irène "Suite Française" (Französisch: Suite Française) - Suite Française - 2004

Obwohl Iréne Némirovsky 1942 im Konzentrationslager Auschwitz starb, wurde ihr Roman  "Suite Française" erst entdeckt, nachdem ihre Tochter all ihre Papiere einem französischen Archiv spenden wollte, und 2004, mehr als sechzig Jahre nach ihrem viel zu frühen Tod, veröffentlicht. Ursprünglich hatte sie vorgehabt, dieses Buch in fünf Teilen zu schreiben, leider konnte sie nur zwei davon fertigstellen.

Das Interessante an diesem Roman ist, dass er während des Krieges geschrieben wurde, als alles noch sehr frisch war und niemand das Ergebnis kannte, vor allem nicht die Autorin. Man hat das Gefühl, dabei zu sein, es ist kein Bericht, den jemand ein paar Jahrzehnte später geschrieben hat, er ist "jetzt".

Der erste Teil beschreibt die Flucht der reichen Leute aus Paris, nachdem die Deutschen auf die Stadt vorrücken. Der zweite Teil spielt in einer Kleinstadt während der deutschen Besatzung. Der dritte Teil sollte vom Aufstand handeln, dann einer von den Kämpfen und der letzte vom Frieden. Netter Plan, wäre das beste Buch über Frankreich und seine Rolle während des Krieges geworden, wenn sie es hätte fertigstellen können.

Allerdings können beide Teile für sich stehen (auch wenn die eine oder andere Person wieder auftaucht), man kann es also auch ohne die fehlenden Teile lesen.

Wenn sich auch nur im Geringsten für den Zweiten Weltkrieg interessiert, sollte dieses Buch lesen. Ich habe das französische Original gelesen, aber mir wurde gesagt, dass auch die englische Übersetzung sehr gut ist.

Buchbeschreibung:

"Eine der größten literarischen Wiederentdeckungen der letzten Jahre

Sommer 1940: Die deutsche Armee steht vor Paris. Voller Panik packen die Menschen ihre letzten Habseligkeiten zusammen und fliehen. Angesichts der existentiellen Bedrohung zeigen sie ihren wahren Charakter …

Der wiederentdeckte Roman '
Suite française' von Irène Némirovsky wurde 2005 zur literarischen Sensation. Über 60 Jahre lag das Vermächtnis der französischen Starautorin der 30er Jahre unerkannt in einem Koffer – bis der Zufall dieses eindrucksvolle Sittengemälde aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ans Licht brachte."

Dienstag, 10. Dezember 2024

Oates, Joyce Carol "Geheimnisse"

Oates, Joyce Carol "Geheimnisse" (Englisch: The Gravedigger's Daughter) - 2007

Joyce Carol Oates gehört zu meinen Lieblingsautorinnen. Auch mit ihrem neuesten Roman hat sie mich nicht enttäuscht. Eine Geschichte von Neubeginn und Abschied, von Gewalt und Mord, einer Suche nach der eigenen Identität: "Geheimnisse" (The Gravedigger’s Daughter) ist ein packendes, sehr spannendes Buch, das man einfach nicht weglegen kann.

From the back cover:

"Rebecca ist eine erwachsene Frau, als sie endlich bei sich ankommt und ihr Glück findet. Hinter ihr liegt ein halbes Leben voller Abschiede. Weil sie Juden sind, flieht ihre Familie aus Deutschland. Rebecca wird noch auf dem Fluchtschiff im New Yorker Hafen geboren. In der neuen Heimat sind sie ein Niemand und der Vater arbeitet jetzt als Totengräber. Um der depressiven Atmosphäre in der Familie zu entkommen, flieht Rebecca in eine Ehe. Aber auch dort erfährt sie nur Demütigung. Rebecca weiß, hier muss sie raus. Um mit allem zu brechen, erfindet sie sich neu. Sie heißt jetzt Hazel, lässt alles zurück und findet Rettung in der Liebe zu Chet. Joyce Carol Oates erzählt mit unvergleichlicher Intensität eine deutsch-amerikanische Geschichte von epischer Größe - einfühlsam und packend."

Freitag, 20. September 2024

Rosner, Elizabeth "Die Geschwindigkeite des Lichts"

Rosner, Elizabeth "Die Geschwindigkeite des Lichts" (Englisch: The Speed of Light) - 2001

Ich habe dieses Buch vor einiger Zeit gelesen, aber das ist eine dieser Geschichten, die einem für immer im Gedächtnis bleiben. Alle drei Charaktere kämpfen mit ihrer eigenen oder der Vergangenheit ihrer Eltern, mit einer Geschichte, die sie nicht ändern konnten, an der sie völlig unschuldig waren. Die Autorin schafft es, ihre Gefühle so feinfühlig zu beschreiben, als wären es ihre eigenen. Das macht den Roman noch faszinierender. Ich würde gerne mehr von ihren Werken lesen.

Ich habe jedoch nie jemanden gefunden, der dieses Buch gelesen hat. Wie traurig. Ich kann es auf jeden Fall wärmstens empfehlen.

Buchbeschreibung:

"Als Sola Julian zum ersten Mal sieht, wird er vom goldenen Licht eines Ginkgobaumes umhüllt. Der junge Physiker lebt zurückgezogen in einer Welt aus festen Ritualen und starren Regeln. Die geringste Veränderung bringt ihn aus dem Gleichgewicht und löst panische Ängste aus. Wortlose Erinnerungen und Alpträume halten ihn wie in einem Panzer aus Eis gefangen. Bis zu jenem Tag, an dem Paula, Julians Schwester und gefeierte Sängerin, nach Europa aufbricht, um in der Heimat ihres verstorbenen Vaters zu singen. Nur ungern verlässt sie ihren Bruder. Bisher hat sie ihn beschützt, um sich nicht selbst der Vergangenheit stellen zu müssen. Doch ihre Hausgehilfin, die dunkelhäutige Sola, wird für ihn sorgen.Sola begreift schnell, dass Julian von den gleichen Bildern gequält wird wie sie - den Bildern des Todes. Bei einem Überfall auf ihr Heimatdorf wurde ihre Familie ausgelöscht. Während Sola und Julian vorsichtig erste Schritte in die ebenso ersehnte wie gefürchtete Wirklichkeit wagen, begegnet Paula in Budapest der Geschichte ihres Vaters. Der Schmerz lässt sie verstummen. Doch als sie nach Hause zurückkehrt und das Glück ihres Bruders sieht, findet sie zu ihrer wahren Stimme."

Mittwoch, 19. Juni 2024

Abarbanell, Stephan "Morgenland"

Abarbanell, Stephan "Morgenland" - Displaced - 2015

Ein hochinteressantes Buch. Ich lerne immer gerne etwas über die Geschichte und darüber, was in anderen Ländern passiert. Oder auch darüber, was in meinem eigenen Land lange vor meiner Geburt passiert ist.

Nun, dieses Buch hat mir beides gebracht. Eine junge jüdische Frau, die in Palästina aufwuchs, bevor es Israel war. Eine junge Frau, die Mitglied des Widerstands wurde und für ihr eigenes Land kämpfte. Aber jetzt ist es 1946, der Krieg ist vorbei und die Welt ist nicht mehr das, was sie einmal war. So viele Fragen, so viele Probleme. Jemand sucht nach seinem Bruder, glaubt nicht, dass er getötet wurde, viele Bücher haben ihre Besitzer verloren, wem gehören sie? Niemand weiß, wie es weitergeht, vor allem nicht die Briten, die sich mit all diesen Juden auseinandersetzen müssen, die ein Visum für ihr Protektorat bekommen wollen. Die Geschichte führt uns zu vielen Stationen, ehemaligen Konzentrationslagern sowie einigen Kibbuzim in Deutschland, wir treffen viele Menschen, die versuchen, die neue Welt zu organisieren, Amerikaner und Briten, aber auch Deutsche.

Dem Autor gelingt es, Leben in eine dunkle Zeit zu bringen, seine Protagonistin, Lilya Wasserfall, ist eine Frau mit Hoffnung, eine Frau mit Entschlossenheit. Die Geschichte ist faszinierend und spannend, sie fesselt einen und man möchte wissen, wie es weitergeht.

Dies war Stephan Abarbanells erster Roman, er hat seitdem noch mehr geschrieben, von denen ich sicher noch einige lesen werde.

Buchbeschreibung:

"Ein großes Panorama der Zeit, als in der Welt alles auf Anfang stand.

1946: Lilya Wasserfall ist im Widerstand gegen die britische Mandatsmacht in Palästina aktiv und hofft darauf, bei der nächsten großen Sabotageaktion eingesetzt zu werden. Doch sie bekommt einen ganz anderen Auftrag: Im zerstörten Deutschland soll sie nach dem verschollenen jüdischen Wissenschaftler Raphael Lind suchen. Nach Angaben der Briten ist er in einem Konzentrationslager ermordet worden, sein Bruder in Jerusalem hat jedoch Hinweise darauf, dass er noch lebt. Für Lilya beginnt eine abenteuerliche Reise, und bald merkt sie, dass ihr nicht nur der britische Geheimdienst auf den Fersen ist, sondern auch ein mysteriöser Verfolger, der mit allen Mitteln verhindern will, dass sie Raphael Lind findet.

Von den staubigen Straßen Jerusalems über das zerstörte London, von einem amerikanisch verwalteten München über das überfüllte Flüchtlingslager Föhrenwald, von Offenbach bis nach Berlin und in die Lüneburger Heide folgen wir einer so entschlossenen wie liebenswerten Protagonistin bei ihrer spannenden Spurensuche. Ein epischer Roman über die Welt im Schatten einer Katastrophe.
"

Im Buch erwähnt die Protagonistin einige deutsche Bücher, die sie gelesen hat, um ihr Deutsch zu verbessern::
Mann, Thomas "Tonio Kröger"
Kästner, Erich "Fabian"
Stifter, Adalbert "Nachsommer"
Baum, Vicki "Menschen im Hotel", "Tanzpause", "Welt ohne Sünde"

Donnerstag, 6. Juni 2024

Becker, Jurek "Jakob der Lügner"

Becker, Jurek "Jakob der Lügner" - Jacob the Liar - 1969

Ich kenne den Autor dieses Buches durch andere Werke, z.B.
seine Fernsehserien in Deutschland. Seine Geschichten waren immer gut, aber dies ist das beste Werk seines Lebens. Ein Bewohner des Warschauer Ghettos versucht, seinen jüdischen Mitbrüdern zu helfen, zu überleben, indem er ihnen Lügen erzählt, dass die Russen fast da seien, um sie zu befreien. Die Art und Weise, wie dieser gewöhnliche Mensch, der genauso viel zu verlieren hat wie alle anderen, Menschen in ihren verzweifeltsten Momenten motiviert, ist so fesselnd.

Auf jeden Fall ist das Buch wirklich großartig, der Versuch des Autors, die Seele der Menschen in schwierigen Zeiten zu beschreiben, ist einzigartig und er leistet dabei hervorragende Arbeit.
Es gibt einen Film, den ich nicht gesehen habe, aber der soll auch sehr gut sein.


Buchbeschreibung:

"Die Rote Armee ist nur noch wenige hundert Kilometer entfernt, das hat Jakob Heym zufällig erfahren. Und er erzählt es den anderen, die mit ihm eingeschlossen sind im Ghetto einer polnischen Stadt und schon fast alle Hoffnung verloren haben. Und damit die anderen ihm auch glauben, behauptet Jakob, er habe ein Radio. Nun kommen alle zu ihm, um nach Neuigkeiten zu fragen, die Mut machen, weiter auszuhalten in einer Welt, in der die Deutschen die Vernichtung der Juden betreiben. So wird aus ihm Jakob der Lügner; er lügt, um den Menschen wieder Hoffnung zu geben und damit die Kraft zu widerstehen.

'Jurek Becker erzählt ohne Pathos und ohne Sentimentalität. Er zeigt nicht etwa den Widerstand, den heroischen Kampf, sondern den Alltag in einer Welt, in der sich beide Seiten - die Verfolger und die Verfolgten . an das Entsetzlichste gewöhnt haben. [...] Dieser Jakob, ein eher simpler Mensch, doch nicht ohne Phantasie und Humor, gibt den Bewohnern des Ghettos, was sie am meisten brauchen - etwas Hoffnung.' Marcel Reich-Ranicki, Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Mittwoch, 5. Juni 2024

Krall, Hanna "Herzkönig"

Krall, Hanna "Herzkönig" (Polnisch: Król kier znów na wylocie) - Chasing the King of Hearts - 2006

Wir haben dies im Mai 2024 in unserem internationalen Online-Lesekreis besprochen.

Die Lebensgeschichte einer Jüdin, die im Holocaust ihre gesamte Familie verliert. Außer ihrem Mann. Sie ist sicher, dass er noch lebt und sucht überall nach ihm.

In der Beschreibung steht, dass es sich um eine wunderschöne Liebesgeschichte handelt. Und es ist eine. In gewisser Weise. Nur nicht das, was man normalerweise von einer Liebesgeschichte erwarten würde. Und der Stil ist völlig anders. Es liest sich wie ein Tagebuch. Aber es ist mehr als das. Ziemlich interessant.

Es ist erstaunlich, was ein Mensch tun kann, um seine Lieben zu retten.

Ein gutes Buch über eine starke Frau.

Buchbeschreibung:

"'Das ist der letzte Abschnitt meiner Reise, und es wäre dumm, wenn ich jetzt verrückt werden würde.'

Diese nüchterne Feststellung stammt von Izolda Regensberg alias Maria Pawlicka. Seit der Deportation ihres Mannes nach Auschwitz besteht der Sinn ihres Lebens allein darin, ihren Herzkönig zu befreien. Die fieberhaften Bemühungen werden von Absurditäten und Zufällen, von glücklichen und unglücklichen Fügungen begleitet. In Zeiten der Vernichtung wundert sich Izolda über keine Grausamkeit - auch nicht über die eigene.Bis Izolda schließlich im Mai 1945 im Lager Ebensee auf ihren Ehemann trifft, hat sie eine Odyssee von Lagern und Gefängnissen hinter sich. Das Paar kehrt mit 'polnischen' Pässen nach Polen zurück. Jahre später fliegt die geborgte Identität auf, und die beiden erhalten jüdische Pässe, die sie zur Ausreise nach Wien zwingen.

Izolda, die hervorragende Spezialistin im Überleben, muss erkennen, dass sie das Leben nach dem Überleben nicht in den Griff bekommt. Sie empfindet zunehmend Fremdheit gegenüber der Welt, deren Fixpunkt ihr verloren gegangen ist. Sie zieht zu den Töchtern nach Israel. Umgeben von alltäglichen politischen Ausnahmezuständen und unverständlichen Wortfetzen lebt sie in ihrer Erinnerung noch im Zweiten Weltkrieg.

'Herzkönig' handelt vom Schicksal polnischer Juden - jener, die durch den Holocaust umkamen, und jener, die ihn mit Verletzungen unterschiedlichster Art überlebten. Erschütternde historische Situationen korrespondieren mit persönlichen Katastrophen. Und für jede findet die Autorin knappe Sätze, die beim Leser einen tiefen Schrecken hinterlassen. So einfach und zugleich poetisch schreibt nur Hanna Krall."