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Samstag, 10. Oktober 2026

Yu, Hua "China in zehn Wörtern"

Yu, Hua (余華/Yú Huá) "China in zehn Wörtern" (Chineseisch 十個詞彙裡的中國/Shi ge cihui li de Zhongguo) - China in Ten Words - 2012

Ein Vorschlag für den Lesekreis. Ich bin froh, dass jemand darauf gekommen ist, denn es ist ein bemerkenswertes Buch. Ich lese sehr gerne über andere Kulturen, aber auch über Sprache – und darüber, welche Wörter in welchem ​​Zusammenhang verwendet werden. Es ist äußerst interessant, etwas über Begriffe wie "Disparität" oder "Copycat" (Nachahmung) zu lesen und zu erfahren, welche Bedeutung sie im heutigen China haben. Ob es um den "Großen Sprung nach vorn" oder die Kulturrevolution geht, um das allgegenwärtige "Kleine Rote Buch" oder einfach um den ganz normalen Chinesen: Der Autor hat all das hautnah miterlebt.

Mein Lieblingskapitel war auf jeden Fall "Lesen"; es enthält einige fantastische Zitate (von mir übersetzt), die meine eigenen Empfindungen wunderbar auf den Punkt bringen:

"Ich habe meine Erfahrung einmal folgendermaßen zusammengefasst:
'Jedes Mal, wenn ich eines der großen Bücher lese, fühle ich mich an einen anderen Ort versetzt; wie ein schüchternes Kind schmiege ich mich an sie und folge ihren Schritten, während ich langsam den langen Fluss der Zeit durchmesse – auf einer Reise, bei der Wärme und Emotionen miteinander verschmelzen. Sie nehmen mich mit, lassen mich dann aber meinen eigenen Weg zurückfinden, und erst bei meiner Rückkehr wird mir klar, dass sie für immer ein Teil von mir sein werden.'"

und

"Wenn Literatur tatsächlich eine geheimnisvolle Kraft besitzt, dann ist es meiner Meinung nach wohl genau diese: Man kann ein Buch eines Autors aus einer anderen Zeit, einem anderen Land, einer anderen Ethnie, einer anderen Sprache und einer anderen Kultur lesen und dabei auf ein Gefühl stoßen, das zutiefst das eigene ist. Heine hat jenes Gefühl in Worte gefasst, das ich als Kind hatte, wenn ich schlafend in der Leichenhalle lag. Und genau das, so sage ich mir, ist Literatur."

Das Buch vermittelt uns viel über das Leben in China während der Lebenszeit des Autors (geboren 1960) sowie über den Autor selbst. Ich fand es faszinierend, etwas über ein Leben zu erfahren, das auch mein eigenes hätte sein können, da ich ungefähr im gleichen Alter bin wie Hua Yu. Ein fesselndes Werk.

Buchbeschreibung:

"Volk - Führer - Lesen - Schreiben - Lu Xun - Revolution - Unterschied - Graswurzeln - Gebirgsdorf - Schaukeln: Anhand dieser zehn Schlüsselbegriffe erklärt der chinesische Schriftsteller Yu Hua sein Land. Die Mischung aus persönlicher Erinnerung, unterhaltsamen Anekdoten und scharfsichtigen Analysen eignet sich sowohl für Einsteiger als auch für Kennerinnen und bietet ein facettenreiches Bild der jüngeren Geschichte und der heutigen Gestalt Chinas. Das Buch ist in China verboten, wagt Yu Hua doch die These, das der kapitalistische Aufbruch die Fortführung der Revolution in anderer Form, aber mit den gleichen Mitteln sei."

Wir haben dieses Buch im Juli 2019 in unserem internationalen Online-Lesekreis besprochen.

Freitag, 9. Oktober 2026

Gordimer, Nadine "Burgers Tochter"

Gordimer, Nadine "Burgers Tochter" (Englisch: Burger's Daughter) - 1979

Ich wollte schon lange ein Buch von Nadine Gordimer lesen. Sie ist eine produktive Autorin aus Südafrika, schreibt über Politik, ist eine Frau und hat den Nobelpreis für Literatur erhalten – es gibt also viele Gründe, warum sie auf meiner Liste stehen sollte.

Als "leichte Lektüre" würde ich dieses Buch definitiv nicht bezeichnen. Der Stil der Autorin ist nicht sehr einladend, und vom Lesefluss kann man kaum sprechen – es gibt eigentlich gar keinen. Die Dialoge sind wenig klar; oft hat man den Eindruck, dass man gar nicht wissen soll, wer gerade spricht oder wessen Gedanken man folgt. Die Geschichte springt von einer Person zur nächsten.

Das Thema des Romans ist jedoch sehr gut. Die Handlung basiert lose auf dem Leben von Bram Fischer und seiner Familie, insbesondere seiner Tochter. Bram Fischer war ein südafrikanischer Anwalt, der für seinen Kampf gegen die Apartheid bekannt war. Die größte Bekanntheit erlangte er als Verteidiger von Nelson Mandela.

Ich habe mich gerne mit der Geschichte befasst, auch wenn mir das Lesen des Buches selbst nicht allzu viel Freude bereitet hat. Das Buch vermittelt Wissen über Südafrika, dessen Geschichte und das Apartheid-System sowie über die Menschen, die dagegen gekämpft haben – auch wenn es durchaus mehr hätten sein können.

Buchbeschreibung:

"Rosa Burger wächst als Tochter des angesehenen Arztes Lionel Burger in Johannesburg in einem hochpolitischen Umfeld auf. Ihre Eltern engagieren sich in der Kommunistischen Partei Südafrikas gegen das Regime der Rassentrennung. Als sie im Gefängnis landen, muss Rosa mit 14 Jahren den Haushalt allein organisieren. Mit 18 verlobt sie sich zum Schein mit einem Regimegegner, zu dem politische Kontakte aufrecht erhalten werden sollen. Mit 20 Jahren ist sie als Tochter ihres zu lebenslanger Haft verurteilten Vaters politisch abgestempelt und als Bürgerin ohne Reisepass. Nach dem Tod ihrer Eltern fühlt sich die 25-jährige Rosa zunächst verpflichtet, deren Arbeit fortzusetzen. Doch dann weigert sie sich zum ersten Mal, die erwartete Rolle zu übernehmen. Nachdem sie endlich ihren Pass erhalten hat, reist sie nach Europa. In Frankreich lernt sie Katya, die erste Frau ihres Vaters, kennen und den linksgerichteten Intellektuellen Bernard lieben. In London trifft sie ihren im Exil lebenden schwarzen Ziehbruder Baasie wieder, der sie als Weisse zurückweist. Inmitten des kultiviert-dekadenten Lebens in Europa erkennt Rosa, wo sie hingehört. Sie kehrt zurück nach Südafrika und nimmt den Kampf gegen die Apartheid wieder auf."

Wir haben dieses Buch im Juni 2019 in unserem internationalen online Lesekreis besprochen.

Nadine Gordimer erhielt 1991 den Nobelpreis für Literatur "für ihre epische Dichtung, die der Menschheit einen großen Nutzen erwiesen hat und durch die tiefen Einblicke in das historische Geschehen dazu beiträgt, dieses Geschehen zu formen"

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Dienstag, 29. September 2026

Tschukovskaya, Lydia "Untertauchen"

Tschukovskaya, Lydia (Чуковская, Лидия Корнеевна) "Untertauchen" (Russisch: Спуск под воду/Spusk pod vodu) - Going Under - 1972

Ich entdeckte die Übersetzung dieses Buches in einer deutschen Buchhandlung. Der Grund, warum ich es zuerst in die Hand nahm, war das Bild auf dem Cover: ein Birkenwald im Winter). Ich liebe Birken, sie haben etwas Besonderes.

Und da ich russische Literatur liebe, war ich neugierig auf diese mir völlig unbekannte Autorin.

"Untertauchen" spielt in einem russischen Sanatorium. Die Ich-Erzählerin hat ihren Mann durch das Sowjetregime verloren und versucht herauszufinden, was mit ihm geschehen ist.

Die Autorin muss sehr mutig gewesen sein. Als unerschrockene Kritikerin des Regimes konnte sie ihr autobiografisches Buch in der UdSSR nicht veröffentlichen, doch Jahre später erschien es in einem New Yorker Verlag. Dies führte zu einem Berufsverbot. Sehr  tapfer.

Wenn ihr euch für Geschichte, Russland, das Stalin-Regime und die UdSSR interessiert, dies ist eine Geschichte, die authentisch wirkt.

Buchbeschreibung:

"Nina Sergejewna verbringt winterliche Wochen im Jahr 1949 in einem Sanatorium für Künstler auf dem Lande. Hier ist alles auf Vergessen gestimmt. Doch sie will mehr über die Vergangenheit, über ihr eigenes Leid und das ihrer Mitmenschen erfahren.

Als sie Bilibin kennenlernt, der im gleichen Arbeitslager wie ihr Mann war, sucht sie seine Nähe. Es entspinnt sich eine zarte Zuneigung, doch enttäuscht wendet sie sich ab, als auch Bilibin nicht die Wahrheit, sondern das Verdrängen und Vergessen sucht."

Montag, 28. September 2026

Marshall, Tim "Abschottung"

Marshall, Tim "Abschottung: Die neue Macht der Mauern" (Englisch: Divided: Why We're Living in an Age of Walls/auch: The Age of Walls. How Barriers Between Nations Are Changing Our World) - 2018

Brücken bauen – keine Mauern. Das ist die Botschaft dieses Buches.

Es verbindet meine Hauptinteressen: Geografie, Geschichte und Politik. Ich bin in einem Land aufgewachsen, das durch eine Mauer geteilt war, und obwohl ich auf der "freien" Seite dieser Mauer lebte, hatte sie enorme Auswirkungen auf unser aller Leben. Natürlich bin ich gegen all die Mauern, die in diesem Buch beschrieben werden.

Zugegeben, der Autor schildert viele der weltweiten Probleme auf rund 300 Seiten. Ich bezweifle, dass er ein vollständiges Bild mit allen Einzelheiten vermitteln will. Doch wer keine Ahnung von all den Mauern hat, die weltweit errichtet werden, und glaubt, die Mauer im eigenen Land sei die einzige, kann hier viel lernen.

Wie die Berliner Mauer gehen auch viele dieser Grenzbefestigungen auf ausländische Eingriffe zurück – sei es durch Kolonialherrschaft oder andere politische Umbrüche. Wir alle kennen die Chinesische Mauer, die Berliner Mauer, die Mauer zwischen den USA und Mexiko sowie die zwischen Israel und Palästina. Doch wie viele von uns haben schon von anderen Mauern im Nahen Osten oder in Afrika gehört? Oder davon, dass es in Afrika noch immer Mauern gibt? In Marokko zum Beispiel? Warum ist die Westsahara kein eigenständiger Staat? Warum gibt es in Belfast immer noch Mauern?

Tim Marshall zitiert zudem David Goodhart, der in seinem Buch "The Road to Somewhere" erklärt, dass sich die Menschen heute in "Anywheres" (Überall-Zuhause-Menschen) und "Somewheres" (Verwurzelte) unterteilen lassen. Während die "Anywheres" meist ihren Heimatort verlassen haben und nicht nur die Welt bereist, sondern auch im Ausland gelebt haben, wohnen die "Somewheres" in der Nähe ihres Geburtsortes und stehen Veränderungen weniger offen gegenüber. Ein interessantes Konzept. Da ich selbst schon in vier verschiedenen Ländern gelebt habe, gehöre ich definitiv zur ersten Gruppe.

Jedem Kapitel sind ein Zitat über Freiheit und das Bild einer Mauer vorangestellt.

Hier sind meine beiden Lieblingszitate:
"Wähle eine Führungspersönlichkeit, die in den Bau von Brücken investiert, nicht von Mauern. In Bücher, nicht in Waffen. In Moral, nicht in Korruption." (Choose a leader who will invest in building bridges, not walls. Books, not weapons. Morality, not corruption.) Rise Up and Salute the Sun: The Writings of Suzy Kassem

"Die Kräfte, die uns vereinen, sind uns innewohnend und stärker als die von außen auferlegten Einflüsse, die uns trennen." (The forces that unite us are intrinsic and greater than the superimposed influences that keep us apart.) Kwame Nkrumah

Zudem finden sich in den Kapiteln zahlreiche Karten, die die Standorte der Mauern veranschaulichen.

Dies ist also ein großartiges Buch, das uns hilft, die Spaltungen in der heutigen Welt zu verstehen.

Buchbeschreibung:

"Das Zeitalter der Mauern hat eben erst begonnen – der neue Bestseller von Tim Marshall

Wir leben in einem neuen Zeitalter des Isolationismus und Nationalismus, in dem Mauern wieder Konjunktur haben, von der amerikanischen Mauer an der Grenze zu Mexiko bis hin zu der Firewall, mit der China sich gegen den Westen abschottet. Europa errichtet Zäune gegen Flüchtlinge, Mauern und Zäune ziehen sich durch den Nahen Osten, den Sudan, Korea, Indien. Mindestens 65 Länder der Welt, mehr als je zuvor, haben stark befestigte Grenzen. Es gibt viele Gründe dafür: Reichtum und Armut, Rasse, Religion, Politik, Angst. Tim Marshall zeigt in seiner fesselnden und scharfsinnigen Analyse, wie Abschottung unsere Gegenwart prägt. Sie steht für ein Versagen von Politik und ist eine Gefahr für die Zukunft."

Ich möchte unbedingt auch die beiden anderen Bücher seiner Reihe "Politics of Place" (svw: Politik der Orte) lesen (sowie alle weiteren, die er zu diesen Themen künftig noch schreiben sollte):

"Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt" (Prisoners of Geography: Ten Maps That Tell You Everything You Need to Know About Global Politics)

"Im Namen der Flagge. Die Macht politischer Symbole" (Worth Dying For: The Power and Politics of Flags)

Freitag, 25. September 2026

Biden, Joe "Versprich es mir"

Biden, Joe "Versprich es mir. Über Hoffnung am Rande des Abgrunds" (Englisch: Promise Me, Dad. A year of hope, hardship, and purpose) - 2017

Joe Biden ist ein bewundernswerter Mann. Zunächst zog er zwei Kinder allein groß, nachdem diese ihre Mutter und ihre kleine Schwester verloren hatten, und fand die Kraft, in die Politik zu gehen – nicht um bewundert zu werden, sondern um anderen wirklich zu dienen. Das sagt eigentlich schon alles. Dann übernahm er eines der mächtigsten und stressigsten Ämter und musste mitansehen, wie sein Sohn langsam, aber sicher sein Leben verlor. Dennoch blieb er stark und erfüllte seine Pflicht. Was für ein Mann! Es überrascht mich nicht, dass einer der größten Präsidenten aller Zeiten ihn als seinen Vizepräsidenten auswählte.

Wie schon in Michelle Obamas Buch "Becoming - Meine Geschichte" (Becoming) verfolgen wir hier die Beziehung zwischen den Familien Biden und Obama und erleben die besondere Verbundenheit, die zwischen ihnen herrscht. Beide sind anständige Familien, die ihre Kinder lieben und sich wünschen, dass diese in einer besseren Gesellschaft aufwachsen.

Die Krankheit von Beau Biden wurde auf sehr einfühlsame Weise geschildert; sein Vater bewunderte ihn für alles, was er tat, und für die Stärke, die er während dieser schweren Prüfung bewies. Es war traurig und herzzerreißend, doch man sah auch die Kraft, die ihnen diese Erfahrung verlieh – wie sie dadurch noch enger zusammenwuchsen und voneinander lernten. Was für eine wunderbare Familie, was für ein wunderbarer Mann.

Wie schade, dass er auf die Präsidentschaftskandidatur verzichtet hat. Er wäre ein großartiger Präsident gewesen!

Ich freue mich auf weitere Bücher von Joe Biden – vielleicht noch eines über seine Beziehung zu Barack Obama?

Buchbeschreibung:

"Im November 2014 versammelten sich die Bidens in Nantucket, um gemeinsam Thanksgiving zu feiern - eine Familientradition seit vierzig Jahren. Aber diesmal fühlte sich alles ganz anders an. Bei Beau, dem ältesten Sohn von Joe Biden, war zuvor ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert worden, und sein Überleben war ungewiss. 'Versprich es mir', bat der kranke Sohn seinen Vater. 'Versprich mir, dass du klarkommst, ganz egal, was passiert.' Joe Biden gab ihm sein Wort. Das darauffolgende Jahr stellte ihn auf eine schwere Probe. Der damalige Vizepräsident reiste mehr als hunderttausend Meilen quer durch die Welt und befasste sich mit schwierigen Krisen in der Ukraine, in Mittelamerika und im Irak. Während sein Sohn zu Hause um sein Leben kämpfte, das er schließlich verlor, musste Joe Biden sowohl der Verantwortung für sein Land als auch seinen familiären Pflichten gerecht werden. Bidens Memoir ist das Buch eines Politikers, aber mehr noch eines Vaters, Großvaters, Freundes und Ehemanns. Es ist eine Geschichte der Hoffnung am Rande des Abgrunds."

Donnerstag, 10. September 2026

Kross, Jaan " Professor Martens Abreise"

Kross, Jaan " Professor Martens Abreise" (Estnisch: Professor Martensi ärasõit) - Professor Martens' Departure - 1984

Ich hatte mir vorgenommen, für mein Projekt "Die Welt durch Bücher bereisen" (Travel the World Through Books) ein Buch über Estland zu lesen.

Dabei stieß ich auf ein Buch über Estland, das die Geschichte anhand des Lebens von Friedrich Fromhold Martens erzählt – einem estnischen Diplomaten im Dienste des russischen Zaren. Es steckt voller Geschichte. Professor Martens verfasste zahlreiche Werke zum Völkerrecht und war maßgeblich an der Etablierung dessen beteiligt, was wir heute als Völkerrecht bezeichnen. Er gehörte zu den Politikern, die nach dem Ende des Russisch-Japanischen Krieges verhandelten; es kursierte sogar die (falsche) Meldung, er habe den Friedensnobelpreis erhalten – eine Auszeichnung, die er zweifellos verdient hätte. Dennoch wurde er mit diversen anderen Preisen und Ehrentiteln geehrt. Zu seinen bedeutendsten Leistungen zählt die Gründung des Weltgerichtshofs in Den Haag.

Obwohl das Werk als Roman deklariert ist, liest es sich wie eine Biografie – und es ist wahrscheinlich historisch akkurater als viele Bücher, die diesen Anspruch tatsächlich erheben. Schon nach kurzer Lektüre verspürt man den Wunsch, mehr über diese Persönlichkeit zu erfahren und zu wissen, ob er tatsächlich so war, wie er im Buch geschildert wird. Das Internet ist voll von Artikeln über ihn. Auch das Buch selbst ist reich an Details und erzählt die faszinierende Lebensgeschichte eines Mannes aus einer Region, über die wir noch immer viel zu wenig wissen.

Buchbeschreibung:

"Estland zu Beginn dieses Jahrhunderts: Professor Martens fährt nach Petersburg. Unterwegs läßt er noch einmal sein Leben an sich vorüberziehen. Es ist, von außen gesehen, eine steile Karriere, vom Sohn eines Flickschneiders zum international angesehenen Diplomaten. Doch als er auf den inneren Konflikt zwischen politischem Opportunismus und persönlicher Integrität stößt, weicht sein Stolz der Todesangst. In diesem historischen Roman voller politischer Brisanz stellt Jaan Kross die Frage nach der Mittäterschaft unter einem autoritären Regime."

Freitag, 4. September 2026

Bandi "Denunziation"

Bandi (반디) "Denunziation" (Koreanisch: 고발/Gobal) - The Accusation: Forbidden Stories from Inside North Korea - 2014

Sieben Kurzgeschichten erzählen uns vom Leben in Nordkorea. Sieben individuelle Geschichten über sieben Menschen und ihre Familien. Wir können uns vorstellen, dass das Leben in einer derart abgeschotteten Diktatur nicht einfach sein kann; doch der Autor gewährt uns einen tiefen Einblick in das Leben von Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen. Und die Verhältnisse sind für alle schlichtweg entsetzlich.

Ein sehr beeindruckendes Buch. Ein äußerst wichtiges Buch. Normalerweise bin ich kein Liebhaber von Kurzgeschichten, doch dieses Werk ist definitiv lesenswert. Sowohl der Autor als auch die Person, die die Aufzeichnungen außer Landes schmuggelte, riskierten ihr Leben, um uns diese Geschichten zugänglich zu machen – wir sollten sie nicht enttäuschen.

Buchbeschreibung:

"Bandi ist das Pseudonym des ersten literarischen Dissidenten aus Nordkorea. Sein Buch ist die Sammlung von sieben Geschichten, die in den Neunziger Jahren geschrieben wurden und erst jetzt unter riskanten Umständen aus dem Land gelangt sind. In schlichter Poesie und mit feinem Sinn für Humor erzählt der Autor von einem Leben, das vom totalitären Regime durchdrungen ist. Da ist der junge Bauer, dem die nötige Reisegenehmigung fehlt, um seine sterbende Mutter in einer nahen Provinz zu besuchen. Und die Ehe eines jungen Ingenieurs zerbricht an den vererblichen Hierarchien. Der Autor der Geschichten klagt an, macht keinen Hehl aus seiner Wut auf das Regime. Denunziation ist ein einzigartiger Blick in ein abgeschottetes Land und ein so mutiges wie beeindruckendes Stück Literatur."

Samstag, 22. August 2026

Fatland, Erika "Sowjetistan"

Fatland, Erika "Sowjetistan. Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan" (Norwegisch: Sovjetistan. En reise gjennom Turkmenistan, Kasakhstan, Tadsjikistan, Kirgisistan og Usbekistan) - Sovietistan: Travels in Turkmenistan, Kazakhstan, Tajikistan, Kyrgyzstan, and Uzbekistan - 2014

Nachdem ich "Die Grenze" (The Border) der norwegischen Autorin gelesen hatte, in dem sie die gesamte russische Grenze bereist und jedes angrenzende Land besucht, war ich gespannt auf ihr erstes Buch, in dem sie die zentralasiatischen Staaten (die sogenannten "Stans") besucht, die nach dem Zerfall der Sowjetunion unabhängig wurden.

Ich wurde nicht enttäuscht. Erika Fatland scheint ihre Themen gründlich zu recherchieren. Sie spricht mehrere Sprachen, darunter Russisch, was die Arbeit erleichtert, aber sie trifft dennoch viele Menschen, die keine ihrer Sprachen sprechen. Man merkt ihr die Erfahrung an, die sie im Umgang mit anderen Kulturen gesammelt hat. Und es ist interessant, die Perspektive einer Frau auf diesen Teil der Welt zu lesen – das kommt nicht allzu oft vor.

Diese Region blickt auf eine lange Geschichte zurück, länger als die europäische, definitiv länger als die der "Neuen Welt". Dieses Buch macht uns bewusst, dass wir immer die Geschichte eines Landes betrachten müssen, wenn wir es verstehen wollen. Von den mongolischen Eroberern über das Russische Reich bis hin zur Sowjetunion – all diese Länder haben viel Leid erfahren müssen. Es ist nicht einfach, innerhalb einer Generation zu dem zurückzukehren, was wir "normale Demokratie" nennen. Einige Länder scheinen auf einem besseren Weg zu sein als andere, aber ich bin sicher, es wird noch lange dauern, bis alle Einwohner ein freies Leben führen können.

Die Autorin erzählt uns von der Seidenstraße, den Bergen und Tälern, den einst so reichen Städten (wie Samarkand – weckt dieser Name nicht geradezu verträumte Assoziationen an Tausendundeine Nacht?). Und von den ethnischen Gruppen, die diese Gegend seit Jahrtausenden bewohnen. Indem sie ihre Geschichte in den historischen Kontext einordnet, vermittelt sie uns einen guten Eindruck vom Leben in diesen Ländern. Von alten Bräuchen wie dem Brautraub bis zum Reichtum aus dem Ölgeschäft gibt es viel zu entdecken.

Wir erfahren von Dschingis Khan und Timur (auch bekannt als Tamerlan), zwei mongolischen Eroberern, die die Region ebenso stark prägten wie später Stalin.

Vor einiger Zeit las ich ein Buch über die Hutterer (Das vergessene Volk/The Forgotten People), die über diese Region nach Kanada kamen. Erika Fatland erwähnt darin auch die Mennoniten, die dasselbe Schicksal erlitten, von denen einige noch heute in ihrer Gegend leben. Es war interessant, diese beiden Religionsgruppen zu vergleichen.

Aber das sind nicht die einzigen interessanten Menschen, denen die Reisende begegnete. Es gibt unzählige Anekdoten über die Menschen, die sie traf, und wie sie oft herzlich empfangen wurde.

Da ist zum Beispiel dieser Mann (Igor Savitsky, siehe hier auf Wikipedia), der mitten im Nirgendwo – selbst für usbekische Verhältnisse – ein Museum gründete: das Staatliche Kunstmuseum der Republik Karakalpakistan, benannt nach I.V. Savitsky, auch bekannt als Nukus-Kunstmuseum oder Savitsky-Museum und Wüste der Verbotenen Kunst.

Oder sie spricht mit Menschenrechtsaktivisten, Menschen, die in den Bergen ohne Strom oder irgendetwas anderes leben, was wir alle für ein menschenwürdiges Leben als notwendig erachten. Sie leben bewusst so. Absolut faszinierend.

Wie immer war es großartig, über einen Teil der Welt zu lesen, über den wir so wenig wissen. Die meisten Europäer könnten auf einer Karte nicht einmal die richtigen Länder finden, geschweige denn die Hauptstädte nennen. Ich habe sie mir jetzt gemerkt und hoffe, sie mir zu merken. Allerdings wurde Nur-Sultan wieder zu Astana umbenannt. Wer weiß, wie lange das so bleibt:

Kasachstan: Nur-Sultan, ehemals Astana
Kirgisistan: Bischkek
Tadschikistan: Duschanbe
Turkmenistan: Aşgabat
Usbekistan: Taschkent

Zugegeben, das Buch behandelt so viele Themen – Anthropologie, Kommunismus, Diktatur, Wirtschaft, Ökologie, Menschenrechte, Politik, Religion, Soziologie, einfach alles, was zum menschlichen Leben gehört –, aber es ist trotzdem eine sehr angenehme Lektüre.

Ich fand es auch sehr wertvoll, diese Welt aus der Perspektive einer Frau zu sehen. Einer Frau, die in einer freien Welt aufgewachsen ist und daher die Einschränkungen, mit denen Frauen in diesen Ländern leben müssen, viel besser kennt als jeder Mann. Bravo, Erika!

Dies war das Buch, das unser internationaler Online-Lesekreis im November 2020 gelesen hat.

Einige Kommentare der Leser:

  • Ich hatte einmal ein Reisebuch gelesen, das mir nicht gefallen hatte, und dachte deshalb, dieses hier würde mir auch nicht gefallen. Aber es hat mich absolut gefesselt und mein Interesse durch die vielen Ebenen von Geschichte, Politik, Kultur, Reisen usw. geweckt.
  • In unserem Treffen haben wir viel darüber gesprochen, wie die Nostalgie für die UdSSR aufkommt und wie wir beispielsweise in Finnland, die dieses Buch lesen, darauf reagieren könnten.
  • Mir persönlich hat das Buch wirklich sehr gut gefallen. Es hat meinen Horizont in vielen Bereichen erweitert und war wirklich gut geschrieben. Buchbeschreibung:

Buchbeschreibung:

"Eine Reise durch die ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens: Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. Voller Fragen, Neugierde und Abenteuerlust machte sich die norwegische Journalistin Erika Fatland auf in diesen so fernab gelegenen Teil der Welt. Sowjetistan ist das Ergebnis dieser Reise: eine beeindruckende Reportage voller erstaunlicher, ergreifender und skurriler Geschichten, Begebenheiten und Begegnungen, die einem immer wieder aufs Neue die Augen öffnen.

Mit dem Ende der Sowjetunion feierten diese fünf Staaten ihre Unabhängigkeit. Sie erstrecken sich von der Wüste bis ins Hochgebirge, gelangten, wie Kasachstan, dank großer Öl- und Gasreserven zu beachtlichem Reichtum, oder zählen, wie Usbekistan, zu den ärmsten Ländern der Welt. Was sie eint, ist eine große Zerrissenheit – zwischen jahrzehntelanger Sowjetherrschaft und autonomer Selbstverwaltung; zwischen hypermoderner Großmachtinszenierung und ärmlichen Lebensbedingungen; zwischen diktatorischem Herrscherkult und höchst lebendigen Traditionen und Kulturen. Erika Fatland erzählt von Samarkand und Dschingis Khan, von Brautraub und der Kunst der Adlerjagd, von erstaunlichen Machtdemonstrationen korrupter Despoten, von marmornen Städten und riesigen Goldstatuen, die sich mit der Sonne drehen.

Sowjetistan ist ein fulminant erzähltes, ebenso bereicherndes wie lehrreiches Buch über einen im wahrsten Sinne des Wortes unfassbaren Teil der Welt."

Freitag, 14. August 2026

Koch, Herman "Angerichtet"

Koch, Herman "Angerichtet" (Niederländisch: Het Diner) - The Dinner - 2009

Ein Lesekreis-Buch – eine Geschichte über zwei Paare, die gemeinsam zum Abendessen gehen, wobei jedoch offenbar alles schiefgeht.

Obwohl dies ein gutes Buch für Diskussionen ist, hat es mir persönlich nicht sonderlich gut gefallen. Ich mochte keine der Figuren – nun ja, die Ehefrauen taten mir ein wenig leid, aber nein: Ich mochte wirklich niemanden von ihnen. Sie waren nicht nur oberflächlich, sondern auch berechnend und einzig auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Ein anderes Mitglied merkte an, dass sie beim Lesen regelrecht wütend geworden sei; wir waren uns jedoch einig, dass es sich hervorragend als Gesprächsstoff eignete.

Mir gefiel die Beschreibung des Kellners sowie des gesamten "Sterne-Restaurants". Ich war selbst schon in einigen solcher Lokale, in denen man scheinbar für den gesamten Teller bezahlt – und dementsprechend wenig darauf serviert bekommt –, wobei jedoch alles irgendwie "besonders" sein soll. Ich gehe da lieber in ein nettes, kleines Restaurant, in dem noch alles aus frischen Zutaten zubereitet wird und man zudem darauf achtet, dass die Gäste das Lokal nicht mit knurrendem Magen verlassen.

Ich empfand die Figuren als rassistisch oder faschistisch – oder wie auch immer man Menschen nennen mag, die jemanden bloß deshalb ablehnen, weil dieser weniger Geld besitzt als sie selbst. Genau die Art von Menschen, die ich keinesfalls zu meinem Freundeskreis zählen möchte. Wie auch immer die Handlung verläuft – ich möchte niemandem die Lektüre verderben –, ich würde für meine Kinder aus Liebe nicht "alles" tun; vielmehr würde ich versuchen, sie von jeglichem Ärger fernzuhalten, noch bevor überhaupt etwas passieren kann.

Die Frage lautet: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, die von genau dieser Art von Menschen bestimmt wird?

Das Buch wurde auch verfilmt. Ich bin mir jedoch noch nicht sicher, ob ich mir den Film ansehen möchte.

Wir haben dieses Buch im November 2017 in unserem internationalen Lesekreis sowie im Februar 2026 in unserem internationalen Online-Lesekreis besprochen.

Hier sind die Kommentare aus der jüngsten Diskussionsrunde:
  • Das Gespräch war gleichermaßen intensiv und anregend.
  • Insgesamt waren wir uns einig, dass der Roman fantastisch geschrieben ist und über einen so starken Erzählfluss verfügt, dass man ihn kaum aus der Hand legen mag. Die Spannung baut sich subtil, aber äußerst intensiv auf; dem Autor gelingt es zudem, klassische Erzählstrukturen aufzubrechen und dabei – im weiteren Verlauf der Geschichte – ganz beiläufig die Sichtweise des Lesers auf die einzelnen Figuren zu verändern. Obwohl die meisten von uns das Buch liebten, waren wir uns doch darin einig, dass wir eigentlich keine der Figuren wirklich sympathisch fanden – und es wirkte fast so, als hätte der Autor selbst keinerlei "Lieblinge" unter ihnen. 
  • Viele Leser bewerteten das Buch sehr positiv (4/5 oder 5/5), wenngleich einige ihm aufgrund der verstörenden und moralisch düsteren Natur der Geschichte lediglich 3/5 Punkte gaben. Für die meisten von uns war Koch ein neuer Autor, und wir hatten das Gefühl, dass wir dieses Buch ohne die Gruppe wahrscheinlich nicht entdeckt hätten. Einige Mitglieder hatten zudem bereits Verfilmungen der Geschichte gesehen – darunter die Adaption aus dem Jahr 2017, den niederländischen Film Het Diner (2013) sowie die italienische Verfilmung I nostri ragazzi (2014). Einigen Lesern gefiel der Roman so gut, dass sie umgehend weitere Werke Kochs auf ihre Leselisten setzten – insbesondere "Sommerhaus mit Swimming Pool" (Zomerhuis met zwembad).
  • Eines der Hauptthemen der Diskussion war die Moral und die Frage, wie das Buch unsere moralische Wahrnehmung herausfordert. Wir sprachen über die Einstellungen gegenüber Obdachlosen, Minderheiten und anderen benachteiligten Gruppen – sowohl in Finnland als auch weltweit. Die Geschichte regte uns dazu an, zu hinterfragen, was Gerechtigkeit eigentlich bedeutet: Gilt Gerechtigkeit nur dann, wenn sie durch formelle Bestrafung und ein Gerichtsverfahren herbeigeführt wird? Zudem erörterten wir, welchen Wert die Gesellschaft Opfern beimisst. Wenn das Opfer ein Obdachloser ohne Familie oder engen sozialen Kreis ist, mag die Öffentlichkeit zwar kurzzeitig entsetzt sein, wendet sich jedoch rasch wieder anderen Nachrichten zu. Wenn niemand mehr übrig bleibt, um zu trauern oder Rechenschaft zu fordern, fragten wir uns, ob eine Bestrafung dann noch wirklich als Gerechtigkeit empfunden wird – oder ob sie eher zu einem symbolischen Akt für das Gewissen der Gesellschaft verkommt.
  • Ein weiteres zentrales Thema war die Elternschaft: das Spannungsverhältnis zwischen dem Beschützerinstinkt der Eltern und der Erkenntnis, dass Liebe auch bedeuten kann, Grenzen zu setzen. Das Buch warf schwierige Fragen auf: Wie weit ist ein Elternteil bereit zu gehen, um die Zukunft seines Kindes zu sichern? Und kann dieser Schutz womöglich in moralische Mittäterschaft umschlagen?
  • Wir diskutierten auch die Kulisse des Restaurants als eine Art Bühne. Das Ritual des gemeinsamen Essengehens, der höfliche Ablauf der Gänge sowie die Anwesenheit von Kellnern und anderen Gästen erzeugen eine Fassade der Zivilisiertheit, die in scharfem Kontrast zu den verstörenden Themen steht, die dort verhandelt werden. Diese theatralische Atmosphäre beeinflusst unsere Wahrnehmung der Figuren und lässt deren Reaktionen, Umgangsformen und ihr Verhalten gegenüber anderen im Verlauf des Abends noch entlarvender erscheinen.
  • Besonders ausgiebige Diskussionen löste die Charakteranalyse aus. Zunächst neigten viele von uns dazu, den bekannten Politiker Serge auf der Grundlage der Darstellung durch den Erzähler zu verurteilen. Babette wirkte auf uns wie eine Dame der Gesellschaft, der die Wahrung des schönen Scheins wichtiger war als moralische Verantwortung. Claire überraschte viele Leser durch ihre Kälte und die extremen Schritte, die sie bereit war zu unternehmen, um die Zukunft ihres Kindes zu schützen. Der Erzähler Paul hingegen entpuppte sich nach und nach als unzuverlässig; möglicherweise leidet er an einer schweren psychischen Störung, von der er befürchtet, sie an seinen Sohn Michel vererbt zu haben. Im weiteren Verlauf der Geschichte begannen wir, seine Version der Ereignisse anzuzweifeln: Bildete er sich bestimmte schreckliche Gedanken und Taten nur ein – oder handelte es sich bei ihm tatsächlich um einen Psychopathen? Zudem reflektierten wir darüber, wie seine Denkweise womöglich Michels Weltbild und Handeln geprägt haben könnte.
  • Wir schätzten es sehr, wie der Roman – vermittelt durch einen einzigen, subjektiven Erzähler – unterschiedliche Arten der Weltwahrnehmung und -akzeptanz darstellt und wie geschickt er unsere Sympathien verschiebt, ohne dass wir dies zunächst überhaupt bemerken.
  • Das Buch enthält zudem zahlreiche literarische und moralische Bezüge. Es spielt auf Werke wie "Flussfahrt" (Deliverance) von James Dickey an (das wir einen Monat später gelesen haben) und greift viele berühmte biblische Moralgeschichten auf – insbesondere Themen wie Schuld, Gericht und moralische Verantwortung; hierzu zählen etwa die Geschichte von Kain und Abel sowie allgemeinere biblische Betrachtungen über Sünde, Heuchelei und Gerechtigkeit.
  • Schließlich zogen wir Vergleiche zwischen "Angerichtet" und anderen Büchern, die ähnliche moralische Dilemmata behandeln. Zu den erwähnten Titeln zählten Thomas Manns "Der Tod in Venedig", Albert Camus' "Der Fremde" (L'étranger) sowie Chuck Palahniuks "Fight Club" (Fight Club) (insbesondere hinsichtlich der unzuverlässigen Erzählweise und der verzerrten moralischen Argumentation) und "American Psycho" (American Psycho).
  • Nach der Erörterung dieser Themen verlagerte sich das Gespräch ganz natürlich hin zu einer breiteren Diskussion über Sekten, die häusliche Beschulung von Kindern und Tara Westovers Memoiren "Befreit" (Educated) – und darüber, wie deren Themenkreise (Erziehung, elterliche Autorität und die Prägung der kindlichen Weltanschauung) auf interessante Weise mit den moralischen und familiären Dynamiken verknüpft sind, die in "Angerichtet" beleuchtet werden.
  • Alles in allem führten wir also eine äußerst facettenreiche Diskussion. 
Ein weiteres Mitglied fügte hinzu:
"Man stelle sich eine Welt vor, in der schwerwiegendes Fehlverhalten straflos bleibt – ermöglicht durch Privilegien, Täuschung und Loyalität. Dies ist die moralisch verkommene Welt jener Familie, die im Mittelpunkt von 'Angerichtet' steht. Anstelle von Liebesbanden existieren hier Bande der Feigheit und der Mittäterschaft. Es ist eine faszinierende Geschichte, die zudem hervorragend erzählt ist. Ich empfand diese Buchauswahl als eine ebenso zeitgemäße wie lohnenswerte Lektüre. Kiitos!"

Buchbeschreibung:

"Zwei Ehepaare - zwei Brüder und ihre Frauen - haben sich zum Essen in einem Spitzenrestaurant verabredet. Sie sprechen über Filme und Urlaubspläne und vermeiden zunächst das eigentliche Thema: die Zukunft ihrer Söhne Michel und Rick. Die beiden Fünfzehnjährigen haben etwas getan, was ihr Leben für immer ruinieren kann. Paul Lohman, der Erzähler und Vater von Michel, will das Beste für seinen Sohn. Und ist bereit, dafür weit zu gehen, sehr weit. Auch die anderen am Tisch haben ihre eigene, geheime Agenda. Während des Essens brechen die Emotionen auf, schwelende Konflikte zwischen den Brüdern entladen sich, und auf einmal steht eine Entscheidung im Raum, die drei der vier mit aller Macht verhindern wollen."

Samstag, 1. August 2026

Vance, J.D. "Hillbilly Elegie"

Vance, J.D. "Hillbilly Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise" (Englisch: Hillbilly Elegy: a memoir of a family and culture in crisis) - 2016

Ich habe dieses Buch besprochen, kurz nachdem es erschienen war und niemand ahnte, dass J.D. Vance einmal der Vizepresident von Donald Trump werden würde. Nach der Lektüre des Buches kann ich es einfach nicht verstehen, wie jemand wie dieser Autor zu den Republikanern gehen kann, die rein gar nichts für die einfachen Menschen im Land tun. Normalerweise übersetze ich die alte Beschreibung, ohne einen neuen Kommentar abzugeben, denn ich möchte den Eindruck widergeben, den ich direkt nach der Lektüre hatte. Aber diesen Absatz musste ich einfach dazupacken.

Dieses Buch wurde vor zehn Jahren als Lektüre für unseren Lesekreis ausgewählt. Nachdem ich Arlie Russell Hochschilds "Strangers in Their Own Land: Anger and Mourning on the American Right" gelesen hatte, dachte ich: Nicht schon wieder ein Buch, das versucht, Donald Trump zu erklären. Ich bezweifle, dass jemals ein Buch erklären kann, warum er gewählt wurde, denn ich glaube, es gibt keinen wirklichen Grund dafür.

Allerdings würde ich dieses Buch nicht als Erklärung dafür bezeichnen, warum Menschen für so jemanden stimmen. Es versucht vielmehr zu erklären, wie man einem Leben entkommen kann, das einem keine Chancen bietet. Denn der Autor war selbst einmal so jemand: Seine Mutter war drogenabhängig, wechselte ständig die Partner und vernachlässigte ihre Kinder. Wenn es zu schlimm wurde, sprang die Großmutter ein, wie es wohl viele Großmütter tun.

Ja, J.D. Vance hat mir geholfen, diese Menschen besser zu verstehen. Ich kenne keine vergleichbare Gemeinschaft in Europa, wo man mehr oder weniger verloren ist, wenn man aus einer bestimmten Gegend kommt, wo die Schule einem kaum hilft, aus dieser Situation herauszukommen. Es war interessant zu lesen, und ich finde, jeder Politiker sollte das lesen und versuchen, diesen Kindern bessere Lebenschancen zu ermöglichen (einschließlich der Autor selbst).

Ein interessanter Einblick in eine Gesellschaft, über die die meisten Menschen nichts wissen. Das schließt mich und die anderen Mitglieder meines Lesekreises mit ein.

Wir haben dies im Juni 2017 in unserem internationalen Lesekreis besprochen.

Buchbeschreibung:

"Armut und Chaos, Resignation und Gewalt, Drogen und Alkohol: In diesem Teufelskreis befinden sich viele weiße Arbeiterfamilien in den USA – entfremdet von der politischen Führung, abgehängt vom Rest der Gesellschaft und damit anfällig für die einfachen Lösungen von Populisten. Früher konnten sich die „Hillbillys“, die weißen Fabrikarbeiter etwa aus Ohio oder Kentucky, erhoffen, kraft ihrer Arbeit zu bescheidenem Wohlstand zu kommen. Doch spätestens gegen Ende des 20sten Jahrhunderts zog der Niedergang der alten Industrien auch die Arbeiterfamilien in eine Abwärtsspirale, aus der die meisten bis heute keinen Ausweg finden. J. D. Vance ist es anhand der Geschichte seiner Familie wie keinem anderen gelungen, diese ausweglose Situation und die Krise einer ganzen Gesellschaft eindrücklich zu schildern. Sein Buch bewegte Millionen von Lesern in den USA und erklärt nicht zuletzt den Wahltriumph eines Donald Trump."

Samstag, 18. Juli 2026

Harari, Yuval Noah "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert"

Harari, Yuval Noah "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" (Englisch: 21 Lessons for the 21st Century) - 2018

Eine brillante Fortsetzung von "Eine kurze Geschichte der Menschheit" (Sapiens) und "Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen" (Homo Deus). Dies ist ein weiteres Buch, das meiner Meinung nach jeder lesen sollte. Der Autor zeigt uns auf, was die Zukunft für uns bereithalten könnte und wie wir uns darauf vorbereiten sollten. Dabei geht es mir nicht um die Angst vor Kriegen oder Naturkatastrophen infolge des Klimawandels, sondern um den Alltag. Was sollten wir studieren oder lernen, um einen vernünftigen Job zu bekommen? Und noch wichtiger: Was sollten unsere Kinder lernen, um im Leben zu bestehen? Meine Eltern und Großeltern verließen die Schule mit 14 oder 15 Jahren, absolvierten eine Ausbildung, und viele von ihnen arbeiteten ihr Leben lang im selben Unternehmen. Nach Abschluss der Ausbildung konnten sie das Gelernte jahrzehntelang anwenden, ohne sich neues Wissen aneignen zu müssen. Das ist heute nicht mehr der Fall. Das galt weder für meine Generation noch für die heutige Generation, und es wird ganz sicher auch nicht für die übernächste Generation gelten.

Wir brauchen also kluge Köpfe wie Yuval Harari, die uns sagen, was geschehen könnte und was wir tun können, um keine Angst vor der Zukunft zu haben. Genau das tut er. Seine Empfehlungen sind sinnvoll und fundiert; er erläutert jede seiner Aussagen ausführlich. Was noch besser ist: Er erklärt die Dinge so verständlich, dass auch Menschen ohne großes wissenschaftliches Vorwissen (wie ich) seinen Ausführungen folgen können, sei es zu Themen wie Politik, Weltwirtschaft oder anderen Bereichen, die uns betreffen und unser Leben beeinflussen.

Ich kann dieses Buch sowie seine anderen Werke wärmstens empfehlen. Sie sind einfach fantastisch. Ich hoffe, er schreibt noch mehr davon.

Buchbeschreibung:

"Yuval Noah Harari ist der Weltstar unter den Historikern. In 'Eine kurze Geschichte der Menschheit"'erzählte er vom Aufstieg des Homo Sapiens zum Herrn der Welt. In 'Homo Deus' ging es um die Zukunft unserer Spezies. Sein neues Buch schaut auf das Hier und Jetzt und konfrontiert uns mit den drängenden Fragen unserer Zeit.

Wie unterscheiden wir Wahrheit und Fiktion im Zeitalter der Fake News? Was sollen wir unseren Kindern beibringen? Wie können wir in unserer unübersichtlichen Welt moralisch handeln? Wie bewahren wir Freiheit und Gleichheit im 21. Jahrhundert?

Seit Jahrtausenden hat die Menschheit über den Fragen gebrütet, wer wir sind und was wir mit unserem Leben anfangen sollen. Doch jetzt setzen uns die heraufziehende ökologische Krise, die wachsende Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen und der Aufstieg neuer disruptiver Technologien unter Zeitdruck. Bald schon wird irgendjemand darüber entscheiden müssen, wie wir die Macht nutzen, die künstliche Intelligenz und Biotechnologie bereit halten.

Dieses Buch will möglichst viele Menschen dazu anregen, sich an den großen Debatten unserer Zeit zu beteiligen, damit die Antworten nicht von den blinden Kräften des Marktes gegeben werden."

Samstag, 9. Mai 2026

Satrapi, Marjane "Persepolis. Kindheit und Jugendjahre"

Satrapi, Marjane "Persepolis. Eine Kindheit im Iran" (Französisch: Persepolis) - Persepolis. The Story of a Childhood - 2000 
Satrapi, Marjane "Persepolis. Jugendjahre" (Französisch: Persepolis. Vol. 2) - Persepolis. The Story of a Return - 2000 

Dies ist ein weiteres Buch aus der Goodreads-Gruppe "Our Shared Shelf". Und diesmal ein wirklich gutes.

Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Comic (außer Astérix) so gut gefallen könnte. Es ist nicht einfach nur ein Comic, sondern eine Autobiografie, ein historischer Roman. Es erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das im Krieg aufwächst. Man kann sie mit Anne Frank oder Zlata Filipović vergleichen, die beide als Kinder Tagebücher schrieben und die Welt über die Gräueltaten in ihren Ländern informierten.

Marjane Satrapi ist genau so ein Kind. Sie wächst im Iran auf und muss mitansehen, wie ihre Welt zerbricht, wie alles, was sie kannte, getötet oder zerstört wird. Sie lernt, mit der Gefahr zu leben und ihre Gedanken vor den Menschen um sie herum zu verbergen, manchmal sogar vor ihren besten Freunden. Ihre Eltern schicken sie nach Österreich, wo sie ohne die Hilfe eines Erwachsenen mit verschiedenen Problemen zu kämpfen hat.

Im zweiten Band kehrt sie in den Iran zurück, in der Hoffnung, dort wieder ein besseres Leben zu finden, doch sie wird erneut in Aufruhr und Trauer gestürzt. Ich möchte euch nicht zu viel verraten, aber ihr könnt es überall lesen; die Autorin lebt inzwischen in Frankreich.

Das Schöne an dem Buch sind nicht nur die Geschichten selbst, sondern auch die Art, wie sie erzählt wird. Sie veranschaulicht die Geschichte in einfachen Zeichnungen, ohne sie auszuschmücken, und zeigt sie, wie sie ist/war. Sie erklärt die Hintergründe und versucht, uns die damaligen Verhältnisse verständlich zu machen.

Tolle Bücher! Ich hatte sie mir damals aus der Bibliothek ausgeliehen, aber ich will sie mir kaufen und an interessierte Freunde weitergeben. Denn wenn wir nicht aus solchen Geschichten lernen, werden wir es nie verstehen.

Bei meinen Recherchen – ja, die mache ich auch immer – bin ich auf ein sehr interessantes Video gestoßen, das 100 Jahre iranische Geschichte anhand von elf Frauenfrisuren erklärt. Schaut es euch an, es ist wirklich beeindruckend.

Einige Kommentare aus der Lesekriesdiskussion:

  • Es war eine erschreckende, aber sehr fesselnde Art, vom Aufwachsen in einem Kriegsgebiet und der anschließenden Ankunft in Europa zu erzählen.
  • Ich fühle mich durch die Lektüre um einiges klüger, und die Diskussion war sehr interessant.
  • Ich hoffe, das Comic wird in viele Sprachen übersetzt. Sie hat in Finnland Preise gewonnen, und ich konnte mich in allem wiedererkennen, was der Künstler über das Überleben und die Heilung nach einer Todesangst ausdrückte.
  • Das vollständige Werk "Persepolis" ist ein wunderbares und bewegendes Buch. Besonders gefallen haben mir die Zeichnungen, die die Entwicklung eines jungen Mädchens vom Teenageralter zur jungen Frau so eindrücklich festhalten. Stellt euch sich vor, ihr wachst auf, während euer Zuhause von solch einem Umbruch erschüttert wird. Ich habe beim Lesen eine große Zuneigung und Bewunderung für Marji entwickelt. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist das Gefühl einer reichen, lebendigen und wunderschönen Kultur, die unter dem Schleier eines repressiven religiösen Regimes erstickt wird. So eindringlich.
Wir haben dies im Oktober 2021 in unserem internationalen Online-Lesekreis besprochen.

Buchbeschreibung:

"Im Jahr 1979 fegt die Iranische Revolution unter Ayatollah Chomeini den Schah von Persien vom Thron. Marjane ist zehn Jahre alt und das einzige Kind einer linksintellek­tuellen Familie aus dem Teheraner Bürgertum, die hofft, dass nun bessere Zeiten anbrechen. Bald jedoch wachen Revolutionswächter über den Kopftuchzwang, und der Iran­-Irak­-Krieg bricht aus. Marjane lässt sich nicht unter­kriegen und rebelliert mit Kim-­Wilde-­Kassetten und Nike-­Turnschuhen. Zu ihrer eigenen Sicherheit wird sie von den Eltern als 14­Jährige allein nach Österreich geschickt. Doch mit der westlichen Lebensart kommt sie nicht zurecht und kehrt nach vier Jahren wieder in den Iran zurück."

und

"Ohne Integrität gegenüber sich selbst gibt es keine gesellschaftliche Integration! Sagt sich Marjane in Wien, wo sie von ihren Eltern am Ende des ersten Bandes hingeschickt wurde, um dem iranisch-irakischen Krieg zu entkommen. Doch nach vier Jahren Zerrissenheit zwischen Heimweh und europäischer Jugendkultur kehrt sie nach Teheran zurück, nachdem sie die letzten drei Monate in Wien als Obdachlose verbracht hatte. Doch im Iran gilt sie nun als dekadent und wird mit den täglichen Widerwärtigkeiten des islamischen Regimes konfrontiert. So beschliesst sie, nachdem sie Kunst studiert hatte und verheiratet gewesen war, Mann und Land zu verlassen, und zieht 1994 wieder nach Europa. Sie ist nirgendwo mehr zuhause."

Dienstag, 5. Mai 2026

Stupid White Men: Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush

 Moore, Michael "Stupid White Men: Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush" (Englisch: Stupid White Men) - 2001

Ich habe dieses Buch im Jahre 2015 gelesen. Seitdem sind 10 Jahre vergangen und Michael Moore scheint noch mehr ein Hellseher zu sein, als es damals aussah.

Damals wussten wir noch nicht, dass es noch schlimmer ging. Bush sieht mittlerweile wie der freundliche Nachbar aus. Aber dies habe ich kurz nach meiner Lektüre geschrieben.

Eine meiner diesjährigen Challenges in dem Jahr lautete: "Lies ein Buch von einem Autor mit denselben Initialen wie du." Da ich dieses Buch schon seit Erscheinen lesen wollte, dachte ich, es wäre an der Zeit, es endlich anzugehen.

Michael Moore teilt nicht nur meine Initialen und die meisten meiner politischen Ansichten, sondern ist, wie ich herausfand, auch ein Eagle Scout. Genau wie meine beiden Söhne.

Nun aber zum Buch. Es war noch schlimmer als erwartet. Nicht vom Schreibstil her, sondern vom Inhalt. Manches ist so unglaublich, dass man sich fragt, warum die Leute diese Partei überhaupt noch wählen. Und noch schlimmer: Ausgerechnet diese Leute schreiben am Negativsten über andere.

Allerdings schimpft Michael Moore nicht nur über die Partei, die er nicht gewählt hat. Nein, er beschreibt auch, was die Mitglieder der Partei, die er lieber im Amt sehen würde, getan und falsch gemacht haben. Das finde ich gut. Es bedeutet, dass man nicht einfach die Gegenseite als böse darstellt, sondern das Gesamtbild betrachtet und vielleicht sogar akzeptiert, dass auch sie ab und zu etwas richtig machen. (Allerdings glaube ich kaum, dass er da im Moment etwas findet.)

Dieses Buch hat gehalten, was es versprochen hat. Es bietet einen guten Überblick über die damaligen Verhältnisse im sogenannten Land der Freiheit und nicht nur über das, was man von Freunden hört, die ihren Hass auf die jeweils andere Partei gerne im Internet zur Schau stellen.

Natürlich stammt das Buch aus dem Jahr 2001 und wurde noch vor dem 11. September veröffentlicht, war also schon damals nicht mehr ganz aktuell. Ich denke aber, dass es im Nachhinein sogar an Aktualität gewinnt, da man erkennt, dass einige seiner Befürchtungen prophetisch waren. Wir sehen, dass viele der Probleme dieser Welt ihren Ursprung in dieser Zeit haben.

Ich möchte hier keine große Diskussion anstoßen. Wenn ihr also zu meinen Freunden gehören, die Präsident Obama hassen und Präsident Bush verehrt haben, scrollt einfach darüber, so wie ich es fast täglich mit euren unzähligen Hassbeiträgen tue. Danke.

"Stupid White Men" (Dumme weiße Männer) erklärt euch alles, was ihr darüber wissen müsst, wie die Mächtigen und Guten uns ausbeuten.

Buchbeschreibung:

"Bananenrepublik USA: Im Weißen Haus sitzt ein »Präsident«, der nie gewählt wurde, und regiert mit einer Junta aus Geschäftsfreunden seines Daddys. Michael Moore, Filmemacher und Bestsellerautor, rechnet in dieser beißenden Satire gnadenlos ab mit den Stupid White Men an der Spitze der USA."

Ich weiß, dass sich die meisten dieser Anführer inzwischen geändert haben, aber ich fordere jeden von euch heraus, mehr als zehn der aktuellen zu nennen, ohne zu googeln oder bei Wikipedia oder Ähnlichem nachzuschauen.

Liste der Staats- und Regierungschefs der fünfzig größten Länder
(nach Größe des Landes geordnet)

1. China - Präsident Jiang Zemin
2. Indien - Präsident Kocherit Raman Narayanan
3. Vereinigte Staaten - Präsident George W. Bush
4. Indonesien - Präsident Megawati Sukarnoputri
5. Brasilien - Präsident Fernando Henrique Cardoso
6. Russland - Präsident Vladimir Putin
7. Pakistan - General Pervez Musharraf
8. Bangladesh - Präsident Shahabuddin Ahmed
9. Japan - Premier MInister Junichiro Koizumi
10. Nigeria - Präsident Olusegun Obasanjo
11. Mexiko - Präsident Vicente Fox Quesada
12. Deutschland- Chancellor Gerhard Schröder
13. Philippines - Präsident Gloria Macapagal-Arroyo
14. Vietnam - Präsident Tran Duc Luong
15. Ägypten - Präsident Mohammed Hosni Mubarak
16. Türkei - Präsident Ahmet Necdet Sezer
17. Iran - Ayatollah Ali Hoseini-Khamemei, Präsident Mohammad Khatami
18. Äthiopien - Präsident Negasso Gidada
19. Thailand - Premier MInister Thaksin Chinnawat
20. Vereinigtes Königreich - Premier MInister Anthony C. L. Blair
21. Frankreich - Präsident Jacques Chirac
22. Italien - Premier MInister Silvio Berlusconi
23. Kongo (Kinshasa) - Präsident Joseph Kabila
24. Ukraine - Präsident Leonid D. Kuchma
25. Südkorea - Präsident Kim Dae-Jung
26. Südafrika - Präsident Thabo Mbelki
27. Burma - Premier MInister Than Shwe
28. Spanien - Präsident Jose Mariaaznar
29. Koloubien - Präsident Andres Pastrana
30. Polen - Präsident Aleksander Kwasniewski
31. Argentinien - Präsident Fernando De La Rua
32. Tansania - Präsident Benjamin Wiliam Mkapa
33. Sudan - Präsident Lt. Gen. Omar El-Bashir
34. Kanada - Premier MInister Jean Chretien
35. Algerien - Präsident Abdelaziz Bouteflika
36. Kenia - Präsident Daniel Arap Moi
37. Marokko - Premier MInister Abderrahmane Youssoufi
38. Peru - Präsident Alejandro Toledo
39. Afghanistan - Mullah Mohammed Rabbari
40. Uzbekistan - Präsident Islam Karimov
41. Nepal - König Gyanendra, Premier MInister Sher Bahadur  Derba
42. Venezuela - Präsident Hugo Chavez Frias
43. Uganda - Präsident Lt Gen. Yoweri Museveni
44. Irak - Präsident Saddam Hussein
45. Rumänien - Präsident Ion Iliescu
46. Taiwan - Präsident Chen Shui-Bian
47. Saudi Arabiaen- König Fahd Bin Abd Al-Aziz Al Saud
48. Malaysia - Premier MInister Dr. Mahathir Bin Mohamed
49. Nordkorea - Präsident Vim Jong Il
50. Ghana - Präsident John Agyekum Kufuor

Mittwoch, 29. April 2026

Shteyngart, Gary " Snack Daddys abenteuerliche Reise"

Shteyngart, Gary " Snack Daddys abenteuerliche Reise" oder "Absurdistan" (Englisch: Absurdistan) - 2006

Ein wirklich witziges Buch. Ziemlich schräg sogar. Ein Roman über Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll – angesiedelt in der heutigen Zeit. Allerdings in einem Land, das wohl noch in den Sechzigern feststeckt. Absurdistan, ein fiktives Land am Kaspischen Meer. Mischa, der Sohn eines reichen Russen, der seinen Titel als 1237. reichster Mann Russlands unter undurchsichtigen und sicherlich nicht ganz legalen Umständen erworben hat, musste nie arbeiten und ist nun nicht nur Waise, sondern auch obdachlos. Die USA, wo er vor dem Tod seines Vaters lebte, wollen ihn nicht einreisen lassen, er will nicht in Russland bleiben, also ist Absurdistan vielleicht die Lösung.

Wenn ihr euch nicht an Kraftausdrücken stört, könnte euch der Roman gefallen. Wenn doch, ist er nichts für euch.

Ich bin mir sicher, dass der Autor Gary Shteyngart, der viel mit seinem Protagonisten gemeinsam hat, dieses Buch als Satire konzipiert hat, und ich finde, das ihm gut gelungen ist. Ziel erreicht.

Buchbeschreibung:

"Mischa 'Snack Daddy' Vainberg, ein unverbesserlicher Fettsack, ist der Sohn des 1238streichsten Mannes in Russland, dem leider in St. Petersburg von der Konkurrenz der Kopf weggesprengt wird. Verzweifelt versucht die Waise, sich in den schützenden Westen durchzuschlagen, zurück nach New York, zu seiner untreuen Angebeteten in der Bronx und seinem Analytiker an der Park Avenue. Es ist eine Reise voller Irrungen und Wirrungen, internationaler Verwicklungen und privater Verstrickungen, die schon durch Mischas barocke Gestalt zu schauriger Akrobatik werden. Wie geschmacklos und unappetitlich ist das alles. Aber doch so wahr! Und sie muss erzählt werden, die Geschichte dieses Weltreisenden. Mischa besichtigt für uns ein Zeitalter, so gewalttätig, kaltherzig und liebeshungrig, dass nur eine groteske Erscheinung wie er es uns richtig vorführen kann. Es ist unser Zeitalter. Einen tumben Tor wie Mischa Vainberg hat es in der Literatur lange nicht mehr gegeben. Simplicissimus, Don Quichotte und Oblomow sind seine nächsten Verwandten. Unsere ganze globalisierte Welt lagert sich in seinen Fettpolstern ab, und schrecklich erkennen wir sie in diesem grotesken Geschwabbel wieder. Snack Daddy ist verloren, und wir sind es wohl mit ihm! Brächte Gary Shteyngart uns nicht immer wieder auf so unvergleichliche Weise zum Lachen, unsere Tränen würden noch lange fließen. Eine furiose Tour de Force, die man nicht mehr vergisst."

Samstag, 25. April 2026

Obama, Barack "Ein verheißenes Land"

Obama, Barack "Ein verheißenes Land" (Englisch: A Promised Land) - 2020

Es gibt Bücher, die sich leicht beschreiben lassen. Ich mochte das Buch, ich mochte das Buch nicht. Es war leicht zu lesen, es war schwer zu lesen … Manchmal muss man seinen Lesern seine Meinung zu einem bestimmten Thema mitteilen.

Ich bezweifle, dass ich das muss. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich laut einem Facebook-Test "sehr liberal bin, so weit links wie möglich, bevor man sich in Stalins Hinterhof begibt". Das ist mindestens zehn Jahre her, aber nichts hat sich geändert.

Obwohl viele Präsident Obama als Sozialisten bezeichnen, haben diese Leute keine Ahnung, was ein Sozialist ist. Er hat jedoch das Wohl seines Volkes im Sinn, das wusste ich schon vor der Lektüre des Buches. Leider können wir nichts tun oder sagen, um die Leute davon zu überzeugen, dass er ein guter Mensch ist. Was ich wahrscheinlich am meisten an ihm schätze, ist, dass er seine Fehler eingesteht und nicht fehlerlos ist (im Gegensatz zu einem anderen, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte).

Ich habe dieses Buch so sehr geliebt, dass ich es gar nicht zu Ende lesen wollte. Barack Obama hat eine so angenehme Art, mit dem Leser zu sprechen, dass es sich wirklich anfühlt, als säße man einem Freund gegenüber. Man erfährt nicht nur etwas über sein Leben, sondern auch über Präsidenten im Allgemeinen, welche Aufgaben sie haben und wie schwierig es manchmal ist, diese zu erfüllen. Es war ungemein interessant, so viele Einblicke hinter die Kulissen zu bekommen.

Ich habe alles, was ich von Barack Obama gelesen habe, sehr genossen. Er ist ein so kluger, anständiger und netter Mann, und ich freue mich schon auf den zweiten Teil seiner Memoiren.

Das Zitat, das ich am meisten liebe:

"Ehrlich gesagt, habe ich nie wirklich an Schicksal geglaubt. Ich befürchte, es fördert Resignation bei den Bedürftigen und Selbstgefälligkeit bei den Mächtigen. Ich vermute, Gottes Plan, wie auch immer er aussehen mag, wirkt auf einer Ebene, die unsere irdischen Leiden übersteigt; dass in einem einzigen Leben Zufälle und glückliche Umstände mehr bestimmen, als wir wahrhaben wollen; und dass wir am besten versuchen, uns an dem auszurichten, was wir für richtig halten, und unserem Chaos einen Sinn zu geben, und in jedem Augenblick mit Anmut und Mut das Beste aus unserem Schicksal zu machen."

Buchbeschreibung:

"Ein fesselnder und zutiefst persönlicher Bericht darüber, wie Geschichte geschrieben wird – von dem US-Präsidenten, der uns inspirierte, an die Kraft der Demokratie zu glauben

In diesem mit Spannung erwarteten ersten Band seiner Präsidentschaftserinnerungen erzählt Barack Obama die Geschichte seiner unwahrscheinlichen Odyssee vom jungen Mann auf der Suche nach seiner Identität bis hin zum führenden Politiker der freien Welt. In erstaunlich persönlichen Worten beschreibt er seinen politischen Werdegang wie auch die wegweisenden Momente der ersten Amtszeit seiner historischen Präsidentschaft – einer Zeit dramatischer Veränderungen und Turbulenzen.

Obama nimmt die Leser und Leserinnen mit auf eine faszinierende Reise von seinem frühesten politischen Erwachen über den ausschlaggebenden Sieg in den Vorwahlen von Iowa, der die Kraft basisdemokratischer Bewegungen verdeutlichte, hin zur entscheidenden Nacht des 4. Novembers 2008, als er zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde und als erster Afroamerikaner das höchste Staatsamt antreten sollte.

Sein Rückblick auf seine Präsidentschaft bietet eine einzigartige Reflexion über Ausmaß und Grenzen präsidialer Macht und liefert zugleich außergewöhnliche Einblicke in die Dynamik US-amerikanischer Politik und internationaler Diplomatie. Wir begleiten Obama ins Oval Office und in den Situation Room des Weißen Hauses sowie nach Moskau, Kairo, Peking und an viele Orte mehr. Er teilt seine Gedanken über seine Regierungsbildung, das Ringen mit der globalen Finanzkrise, seine Bemühungen, Wladimir Putin einzuschätzen, die Bewältigung scheinbar unüberwindlicher Hindernisse auf dem Weg zur Verabschiedung einer Gesundheitsreform. Er beschreibt, wie er mit US-Generälen über die amerikanische Strategie in Afghanistan aneinandergerät, die Wall Street reformiert, wie er auf das verheerende Leck der Bohrplattform Deepwater Horizon reagiert und die Operation 'Neptune’s Spear' autorisiert, die zum Tode Osama bin Ladens führt.

'Ein verheißenes Land' ist ungewöhnlich intim und introspektiv – die Geschichte eines einzelnen Mannes, der eine Wette mit der Geschichte eingeht, eines community organizer, dessen Ideale auf der Weltbühne auf die Probe gestellt werden. Obama berichtet offen vom Balanceakt, als Schwarzer Amerikaner für das Amt zu kandidieren und damit die Erwartungen einer Generation zu schultern, die Mut aus der Botschaft von 'Hoffnung wagen' gewinnt, und was es bedeutet, die moralische Herausforderung anzunehmen, Entscheidungen von großer Tragweite zu treffen. Er spricht freimütig über die Kräfte, die sich ihm im In- und Ausland entgegenstellten, gibt ehrlich Auskunft darüber, wie das Leben im Weißen Haus seine Frau und seine Töchter prägte, und scheut sich nicht, Selbstzweifel und Enttäuschungen offenzulegen. Und doch verliert er nie den Glauben daran, dass innerhalb des großen, andauernden amerikanischen Experiments Fortschritt stets möglich ist.

In diesem wunderbar geschriebenen und eindrücklichen Buch bringt Barack Obama seine Überzeugung zum Ausdruck, dass Demokratie kein Geschenk des Himmels ist, sondern auf Empathie und gegenseitigem Verständnis gründet und Tag für Tag gemeinsam geschaffen werden muss."

Ich habe einige Rezensionen des Buches gelesen, und alle waren positiv. Ich nehme an, wer den Autor nicht mag, wird seine Biografie ohnehin nicht lesen. Eine Bloggerfreundin von mir hat diese Art von Nicht-Rezension mit vielen weiteren Zitaten geschrieben (in Englisch). Schau mal rein, es lohnt sich.

Ihr Hauptargument:

"War Präsident Obama perfekt? Nein. Glaube ich aber, dass er in seinen acht Amtsjahren das Wohl unserer Nation im Blick hatte und seine Aufgaben hervorragend erfüllt hat? Zweifellos ja."

Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen.

Barack Obama erhielt 2009 den Friedensnobelpreis "für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Wir warten immer noch auf den zweiten Teil.

Obama, Barack "Hoffnung wagen"

Obama, Barack "Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream" (Englisch: The Audacity of Hope: Thoughts on Reclaiming the American Dream) - 2006

Ich denke, spätestens seit meiner Rezension von "Dreams from My Father" (Ein amerikanischer Traum) (oder Hillary Clintons "Living History" - Gelebte Geschichte) weiß jeder, welche Partei ich unterstützen würde, wenn ich in den USA leben würde. Ich fand das Buch großartig und wollte mehr über Barack Obama erfahren, also habe ich sein nächstes gelesen.

Ich bin oft schockiert, wenn ich höre, wie manche Leute über diesen Präsidenten reden, als wäre er ein Bösewicht und würde nur das Schlimmste für sein Land wollen, obwohl er so viel für sie getan hat und versucht, jedem zu helfen. Ich verstehe auch nicht, warum Menschen, die hart für ihr Geld arbeiten müssen, ihn und seine Partei nicht unterstützen, wenn diese versucht, die Steuervorteile für Reiche zu kürzen und das Leben des "kleinen Mannes" etwas leichter zu machen. Wer wünscht sich denn keine Krankenversicherung? Ich lebe in einem Land, in dem Krankenversicherung und Unterstützung bei Arbeitslosigkeit selbstverständlich sind. Wir glauben daran, dass niemand zurückgelassen wird. Vielleicht hat Barack Obama deshalb hier so viele Anhänger – er verfolgt dieselben Ziele wie wir.

Aber zurück zum Buch. Während der Autor in "Dreams from My Father" (Ein amerikanischer Traum), über seine Kindheit und seine ersten Schritte ins Erwachsenenleben berichtet, schildert er nun seine Anfänge als Politiker. Ich fand es äußerst interessant, einen Blick hinter die Kulissen eines ehemaligen Senators zu werfen, der alle Facetten der Politik sowie ihre Vor- und Nachteile kennt. Sehr lesenswert, ich finde, jeder sollte dieses Buch lesen.

Er zitiert Daniel Patrick Moynihan: "Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten." (Everyone is entitled to his own opinion, but not to his own fact.) Ich denke, das sollten wir uns alle zu Herzen nehmen.

Buchbeschreibung:

"Persönlich, glaubwürdig, visionär – Ansichten und Standpunkte des politischen Hoffnungsträgers der USA vor seiner Wahl 2008

Wie US-Senator Barack Obama im Wahljahr 2008 Millionen Menschen für sich gewann, ist Legende. Zu seinem schnell aufsteigenden Stern in hohem Maße beigetragen hat sein zuvor erschienenes Buch 'Hoffnung wagen'('The Audacity of Hope'). Hier präsentierte Obama sich als Mann der Integration, als Liberaler im positiven Sinn mit klaren Positionen. Uns allen machte er Hoffnung auf eine Renaissance des 'besseren Amerika'. Nicht wenige wünschen sich Barack Obama heute sehnsüchtig zurück ins Weiße Haus."

Barack Obama erhielt 2009 den Friedensnobelpreis "für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken".

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Obama, Barack "Ein amerikanischer Traum"

Obama, Barack "Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie" (Englisch: Dreams from My Father: A Story of Race and Inheritance) - 1995

Ich wollte dieses Buch schon ewig lesen, aber so ist das eben mit Büchern: Man kauft sie, leiht sich immer mehr aus der Bibliothek oder bekommt welche von Freunden, und der Stapel ungelesener Bücher wird immer länger …

Aber vor zehn Jahren habe ich es endlich geschafft und bin froh, es gelesen zu haben, bevor ein großartiger Präsident sein Amt niederlegte. Ich habe anschließend auch "The Audacity of Hope: Thoughts on Reclaiming the American Dream" (Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream) und "A Promised Land" (Ein verheißenes Land) gelesen, sowie die Bücher seiner Frau Michelle gelesen, alles fantastische Bücher von einem wundervollen Paar.

Mir wurde auf Facebook gesagt, dass dieses Buch voller Lügen sei, aber meine Recherchen haben ergeben, dass dies nur von rechten Zeitungen behauptet wird. Falls also jemand eine verlässliche Quelle findet, kann ich die Kommentare gerne hier hinterlassen, aber ich werde alle beleidigenden und beschimpfenden Beiträge löschen. Dies ist kein politischer Blog, ich schreibe hier nur über die Bücher, die ich lese. Wer Barack Obama hasst, dem empfehle ich, jetzt aufzuhören zu lesen und für das nächste Buch, das ich rezensiere, wiederzukommen. Oder auch nicht.

Eines sollte man beim Lesen dieses Buches bedenken: Diese Memoiren wurden nicht von einem Präsidenten geschrieben. Es wurde nicht einmal von einem Präsidentschaftskandidaten geschrieben. Es stammt aus dem Jahr 1995, es ist also schon lange her. Er hatte gerade sein Jurastudium abgeschlossen und begann seine politische Karriere. Ich glaube, er wollte ein wirklich authentisches Buch über sein Erbe schreiben.

Eines ist sicher: Obama ist ein großartiger Autor. Seine Worte fließen förmlich über die Seiten, man fühlt sich direkt in seine Geschichte hineinversetzt. Ich hoffe, er wird in Zukunft weitere Bücher schreiben. Ich denke, wir können viel von ihm lernen. Er weiß so viel über Rasse, Politik und Kultur in den USA, seine Erfahrungen werden sicherlich noch viele weitere Veröffentlichungen wert sein. Ich fand es äußerst interessant zu lesen, wie es sich anfühlt, als "schwarzer" Mensch behandelt zu werden. Persönlich, als Europäer, bin ich immer wieder überrascht, dass jemand, der einen schwarzen Großelternteil oder sogar Ururgroßelternteil hat, immer noch als schwarz gilt. Das erinnert mich zu sehr an die dunklen Zeiten meines Landes, als wir die Menschen in Halbjuden, Vierteljuden usw. einteilten und keiner von ihnen als vollwertiger Mensch galt. Und ich glaube, das steckt hier dahinter: Man ist nur dann ein Mensch zweiter Klasse, wenn man schwarz ist. So traurig.

Aber mal abgesehen davon: Wenn ich ihn vorher nicht gemocht hätte, würde ich ihn nach der Lektüre dieses Buches ganz sicher mögen. Er wirkt sehr sympathisch, obwohl er seine Fehler nicht verheimlicht und auch mal zugibt, im Unrecht gewesen zu sein. Natürlich ist es eine Autobiografie, und jeder, der so etwas schreibt, möchte gemocht werden. Aber ich bezweifle, dass er sich das alles ausgedacht hat, nur um eines Tages Präsident zu werden. Er wirkt in seinen Schriften sehr ehrlich. Und es ist eine großartige Möglichkeit, jemanden besser kennenzulernen, der ständig in der Öffentlichkeit steht und täglich von so vielen verschiedenen Leuten dargestellt und verunglimpft wird.

Ich wünsche ihm und seiner Familie alles Gute für die Zukunft. Ich habe größten Respekt vor ihnen allen.

Buchbeschreibung:

"Seit Barack Obama für das Amt des US-Präsidenten kandidiert hat, begeistert er die Menschen: Er verkörpert die weltweite Sehnsucht nach einer Politik des Friedens und der Menschlichkeit. Aufgewachsen unter ärmlichen Verhältnissen in Hawaii und Indonesien, musste Barack nach seiner Rückkehr in die USA erleben, wie er wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wurde. Dies weckte seinen Ehrgeiz, der ihm zunächst eine glänzende juristische Laufbahn eröffnete und dann seinen furiosen Aufstieg als Politiker der Demokraten begründete. Wer nun seine Familiengeschichte liest, spürt, dass in ihm auch ein begnadeter Erzähler steckt.

Der Präsident und sein amerikanischer Traum

In diesen großartig erzählten, unsentimentalen Erinnerungen sucht der Sohn eines schwarzen afrikanischen Vaters und einer weißen amerikanischen Mutter nach der Bedeutung seines Lebens als farbiger Amerikaner. Es beginnt in New York, als Barack Obama erfährt, dass sein Vater - für ihn mehr ein Mythos als ein Mensch - bei einem Autounfall ums Leben kam. Dieser plötzliche Tod löst eine Odyssee der Gefühle aus. Sie führt zuerst in eine kleine Stadt in Kansas, von wo aus er den Spuren der Familie seiner Mutter auf der Wanderung nach Hawaii folgt. Dann nach Kenia, wo er dem afrikanischen Teil seiner Familie begegnet und mit der bitteren Wahrheit über das Leben seines Vaters konfrontiert wird. Am Ende führt sie zu einer Versöhnung mit seinem geteilten Erbe."

Barack Obama erhielt 2009 den Friedensnobelpreis "für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken".

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