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Dienstag, 11. Februar 2025

Morrison, Toni "Gnade"

Morrison, Toni "Gnade" (Englisch: A Mercy) - 2008

In meinem (englischen) Beitrag über Antirassismus (Anti-Racism) habe ich viele, viele Bücher aufgelistet, die uns viel über das Leben von Schwarzen in Vergangenheit und Gegenwart erzählen. Dies ist ein weiteres Buch aus der Vergangenheit, das ich dieser Liste hinzugefügt habe.

Heutzutage sollte niemand mehr darunter leiden müssen, "anders" zu sein (egal, was das bedeutet), und dennoch tun es so viele immer noch. Wenn ich all die Vorwürfe gegen den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama sehe, zeigt das, auch wenn man sich hochgearbeitet hat und eine hervorragende, qualifizierte Person ist, dass es einem nichts nützt, wenn einem anderen die Hautfarbe nicht gefällt. Man bekommt trotzdem keinen Respekt.

In dieser Geschichte erzählt uns Toni Morrison alles über ein kleines Sklavenmädchen namens Florens. Sie hat in gewisser Weise Glück, in diese Familie aufgenommen zu werden. Ihr "Herr" misshandelt sie nicht. Das heißt aber nicht, dass man sie beneiden sollte. Wenn man sich nicht entscheiden kann, wo man leben möchte, ob man bei seiner Familie bleiben möchte (und welcher Achtjährige würde das nicht?) oder welche Art von Arbeit man machen möchte, ist man nicht zu beneiden.

Abgesehen davon habe ich gleichzeit noch ein anderes Buch gelesen ("Das Kapital" von Karl Marx) und, soweit wir das erfahren, waren die armen Menschen in Europa auch nicht in einer viel besseren Lage. Das ist jedoch keine Entschuldigung.

Kommen wir zurück zu dieser Geschichte. Es ist nicht nur die Geschichte von Florens, sondern die aller weiblichen Mitglieder dieser Familie, der Indianerin Lina, der Schiffbrüchigen Sorrow und Rebecca, der Frau des Besitzers, die aus England herübergeschickt wurde und ihren Mann vor ihrer Hochzeit nicht kannte. Sie alle haben ein unterschiedliches Schicksal, aber sie stecken alle gemeinsam in dieser Situation.

Toni Morrison versteht es gut, die Gefühle ihrer Figuren zu beschreiben, man kann ihren Geschichten folgen, als wäre man ein Familienmitglied, als wäre man eine der Personen in ihrem Buch.

Ihre Bücher sollten Pflichtlektüre in allen Schulen werden. Vielleicht, nur vielleicht, würden wir dann alle Rassismus ein bisschen besser verstehen. Ihr Nobelpreis ist wohlverdient.

Florens‘ Mutter beschreibt ihre Ankunft in Barbados nach ihrer Gefangennahme in Afrika und einer langen Seereise:

"Dort lernte ich, dass ich weder eine Person meines Landes noch meiner Familie war. Ich war eine Negrita. Alles. Sprache, Kleidung, Götter, Tanz, Gewohnheiten, Schmuck, Gesang – all das vereint in der Farbe meiner Haut." (übersetzt von mir)

Ich denke, das sagt alles. Was definiert uns? Sicherlich nicht die Farbe unserer Haut. Man könnte genauso gut sagen, dass jemand mit dunklem (oder hellem) Haar weniger wert ist als jemand mit hellem (oder dunklem). Was ist der Unterschied? Der Unterschied ist nur das, was einige von uns daraus machen.

Buchbeschreibung:

"Milton, Delaware, 1682: Gegen seine Überzeugung nimmt der Pflanzer Vaark aus Mitleid ein junges Sklavenmädchen in Zahlung. Doch bald stirbt er, und das Mädchen bleibt mit drei anderen Frauen, die das Schicksal dort zusammengeweht hat, allein auf seiner Farm zurück. Zusammen kämpfen sie gegen die Wildnis – die der harschen Natur um sie herum und die in ihnen selbst ...

Eine ergreifende Geschichte über Freiheit, Unabhängigkeit und die geschichtlichen Ursprünge des Rassismus."

Toni Morrison erhielt den Nobelpreis für Literatur 1993 "für ihre literarische Darstellung einer wichtigen Seite der US-amerikanischen Gesellschaft durch visionäre Kraft und poetische Prägnanz".

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels, und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Donnerstag, 16. Mai 2024

Mora, Terézia "Das Ungeheuer"

Mora, Terézia "Das Ungeheuer" [The Monster] - 2013

Terézia Mora hat 2013 den Deutschen Buchpreis für dieses Buch bekommen. Wie das leider oft so ist in Deutschland, kam das Buch dann erst zwei Jahre später als Taschenbuch heraus. Bis dahin unterhielt sich so gut wie niemand mehr über den Roman. Das hätte mir eigentlich zu denken geben sollen.

Mir hat das Buch nicht sonderlich gefallen. Könnte auch daran liegen, dass es der zweite Teil einer Trilogie ist, aber ich glaube, das war nicht der Hauptgrund. Darius Frau Flora hat Selbstmord begangen und er liest sich durch ihre Computereinträge. Und das ist es auch, das Buch liest sich nicht wie ein normaler Roman sondern ist einfach eine Ansammlung von Nachrichten auf dem Computer. Es sind noch nicht einmal Kurzgeschichten, die ich ja auch nicht besonders mag.

Das Buch hat mich nicht dazu angeregt, den ersten oder dritten Teil der Trilogie zu lesen oder ein anderes Buch der Autorin.

Buchbeschreibung:

"'Solche Geschichten gibt's, zu Hauf. Ingenieur gewesen, Job verloren, Frau verloren, auf der Straße gelandet': Kein außergewöhnliches Schicksal vielleicht auf den ersten Blick, doch Terézia Moras Romanheld Darius Kopp droht daran zu zerbrechen. Denn Flora, seine Frau, die Liebe seines Lebens, ist nicht einfach nur gestorben, sie hat sich das Leben genommen, und seitdem weiß Darius Kopp nicht mehr, wie er weiter existieren soll. Schließlich setzt er sich in seinen Wagen, reist erst nach Ungarn, wo Flora aufgewachsen ist, und dann einfach immer weiter. Unterwegs liest er in ihrem Tagebuch, das er nach ihrem Tod gefunden hat, und erfährt, wie ungeheuer gefährdet Floras Leben immer war - und dass er von alldem nicht das Geringste mitbekommen hatte.

Arbeit und Schlaf, Arbeit, Arbeitsweg und Schlaf. So sah das erfolgreiche Leben von Darius Kopp aus. Bis er eines Tages den Job verlor. Und bis sich bald darauf seine Frau das Leben nahm und ihm zum zweiten Mal in kürzester Zeit der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde. Seitdem lebt er apathisch dahin, tötet die Zeit mit stumpfem Fernsehen und Fertigpizzen. Sein Freund Juri versucht Darius zwar wieder zurück in sein altes Leben als IT-Experte zurückzubefördern, doch dieser beschließt, eigene Wege zu gehen. Er wollte doch das geheime Tagebuch seiner Frau lesen, und er muss auch noch ihre Urne beisetzen. Aber wo? In ihrem ungarischen Heimatdorf oder in Budapest oder an den Hängen des Ararat? Und so begibt sich Darius Kopp auf eine lange Reise - auf der Suche nach der Wahrheit über seine Frau. Über sich selbst. Und über diese dunkle und ungeheuere Welt.
"

Hier noch ein paar Zitate:

"Sie wissen nicht, wovon sie reden. Wenn ich jemandem sag: ich bin zuckerkrank, fühlt er mit mir und fragt mich höchtens nach der Beschaffenheit meiner Diät oder wie sich die Spritzen anfühlen. Wenn ich jemandem sage: ich leide unter der manisch-depressiven Krankheit, bin ich auf der Stelle durch bei ihm, denn er hat keine Lust und auch wirklich keien Kraft, sich um die Probleme anderer Leute zu scheren, er ist zu müde für eine fremde Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, ihm geht's doch auch nicht immer gut, ..."

"Stell dir vor, dass, egal, wie dein Tag war, ob er gut war oder schlecht, öde oder von guter Aktivität erfüllt oder vielleicht hektisch, vollkommen egal, egal, ob und was du gegessen hast, ob du an der frischen Luft warst oder nicht, ob du geredet hast oder geschwiegen, ferngesehen oder gelesen oder gar nichts, vollkommen, absolut, uneingeschränkt gleichgültig, was du getan und was du gelassen hast, nur eines ist sicher, dass dich jeden einzelnen gottverdammten Tag deines Lebens schreckliche Hoffnungslosigkeit heimsuchen wird, jeden Tag, unendlich Hoffnungslosigkeit ..."

Mittwoch, 19. Juli 2023

Owens, Delia "Der Gesang der Flusskrebse"

Owens, Delia "Der Gesang der Flusskrebse" (Englisch: Where the Crawdads Sing) - 2018

Dieses Buch wurde mir von so vielen Freunden empfohlen, und obwohl mein SUB ständig wächst, musste ich es einfach in die Hand nehmen, als ich es in einem örtlichen Buchladen entdeckte. Die Auswahl an englischen Büchern ist dort nicht immer groß, das sagt also schon viel. Normalerweise bin ich sehr skeptisch gegenüber Büchern, die jeder lobt, weil ich sie oft nicht mag, aber das war hier anders.

Ich denke, die Bewertung dieses Buches gehört zu den schwierigsten, die ich je machen musste.
Ich möchte es niemandem verraten, aber es ist nicht einfach, darüber zu schreiben, nachdem man alles gelesen hat. Ich hätte meine Rezension schreiben sollen, bevor ich das letzte Kapitel gelesen habe.


Wie auch immer, eine großartige Geschichte über Kya, ein Mädchen, das von ihrer Familie ganz allein gelassen wird, einer nach dem anderen geht, und im Alter von neun Jahren ist sie ganz auf sich allein gestellt. Die Dorfbewohner sehen sie, gelinde gesagt, "nicht wohlwollend" an.

In gewisser Weise gibt es zwei Geschichten, eine, in der Kya ein Kind ist, und eine, in der Kya 19 ist und ein Mord passiert ist. Unnötig zu erwähnen, dass es nicht lange dauert, bis sie die Hauptverdächtige ist. Die beiden Geschichten werden abwechselnd erzählt, bis sie schließlich miteinander verschmelzen. Ich liebe diese Art des Geschichtenerzählens.

Wir lernen Kya nicht nur als eine sehr einfallsreiche und bodenständige Person kennen, sondern auch als eine wunderbare Künstlerin, die am Ende ihre gebührende Anerkennung erhält.

Ich werde jetzt im Spoiler-Bereich weiter über den Rest des Buches sprechen. Wer das Buch noch nicht gelesen haben, auf keinen Fall öffnen.


Spoiler:

Wer auf der Suche nach einem fesselnden Buch ist, das man nicht aus der Hand legen kann, dem kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen. Ich hoffe, dass Delia Owens weitere Bücher schreiben wird. Vielleicht versuche ich es mit einer ihrer Memoiren, "Cry of the Kalahari" (Der Schrei der Kalahari), "The Eye of the Elephant" (Das Auge des Elefanten), or "Secrets of the Savanna" (Geheimnisse der Savanne).

Buchbeschreibung:

"Die berührende Geschichte von Kya, dem Marschmädchen, von der Zerbrechlichkeit der Kindheit und der Schönheit der Natur

Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben - mit dramatischen Folgen. Delia Owens erzählt intensiv und atmosphärisch davon, dass wir für immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts entgegensetzen können.
."

"Der Gesang der Flusskrebse" wurde 2019 von den Deutschen Unabhängigen Buchhandlungen zum "Lieblingsbuch der Unabhängigen" gewählt.

Freitag, 19. Mai 2023

Dangarembga, Tsitsi "Der Preis der Freiheit"

Dangarembga, Tsitsi "Der Preis der Freiheit" oder "Aufbrechen" (Englisch: Nervous Conditions) - 1988

Die erste Zeile "I was not sorry when my brother died" (Ich war nicht traurig, als mein Bruder starb) sollte in die Liste der besten ersten Zeilen aufgenomen werden.

Diese Geschichte gibt uns einen Einblick in das Leben der 13jährigen Tambudzei, ein Mädchen in den 1960er Jahren aus Simbabwe, das damals noch Rhodesien hieß. Man liest selten Bücher von afrikanischen Frauen. Die Autorin ist 1945 geboren und kann von den traditionallen Strukturen berichten, in denen allein Männer zählen. Der Roman ist halbautobiographisch. Die Protagonistin ist schlau und wünscht sich, ihre Intelligenz auch anderswo zu nutzen als in der Küche und im Kinderzimmer. Ihre Cousine, die einen Teil ihrer Kindheit in England verbracht hat, trägt weiter dazu bei, dass Tambu nach Bildung hungert.

Ein fantastisches Buch, das die Situation der Frauen in fast jeder Gesellschaft beschreibt. Ja, auch bei uns ist es leider immer noch ein Unterschied, ob man als Mann oder als Frau zur Welt kommt und in einem reichen oder armen Haushalt.

Ich möchte auf jeden Fall die beiden weiteren Bücher dieser Trilogie lesen: The Book of Not (Verleugnen) und This Mournable Body (Überleben).

Buchbeschreibung:

"Für Tambu, Mädchen vom Land und Kind sehr armer Eltern, scheint das Leben schon gelaufen zu sein, noch bevor es richtig begonnen hat. Durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wendet sich das Blatt. Ihr vermögender, westlich gebildeter Onkel setzt gegen die Widerstände ihres Vaters durch, dass sie den Platz des Bruders in der Missionsschule einnimmt. Sie geht ihren eigenen Weg, wohlwissend, dass sie die Geborgenheit von Familie und Tradition verlieren wird. Ihre Befreiung gelingt nur um den Preis der Entfremdung von den eigenen Wurzeln. Das lernt sie am Beispiel ihrer Cousine Nyasha, die aus England nach Rhodesien zurückgekehrt ist. Sie wird zerrieben zwischen den Ansprüchen ihres traditionsbewussten Vaters und ihrem eigenen Bestreben, ein freies, westliches Leben zu führen."

"…die Geschichte, die ich hier erzählt habe, ist meine eigene Geschichte, die Geschichte von vier Frauen, die ich geliebt habe, und die Geschichte unserer Männer; es ist die Geschichte davon, wie alles begann." Tsitsi Dangarembga

"Dieser Roman ist ein ausgezeichnetes Porträt und Interpretation einer afrikanischen Gesellschaft, deren jüngere Generation von Frauen mit unterschiedlichem Erfolg (bis hin fast zu Niederlagen) darum kämpft, dass die Gesellschaft nicht mehr patriarchalisch dominiert und kolonial geprägt wird. In der afrikanischen Literatur hat es zuvor noch nie eine überzeugende Darstellung von Anorexie gegeben." Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.

Die deutsche Übersetzung ist von Ilja Trojanow, ein wirklich guter Schriftsteller, sie dürfte also gut sein.

"Nervous Conditions" wurde 2021 von der BBC als eines der 100 besten Bücher ausgezeichnet, die die Welt geprägt haben.

Das Buch erhielt 1989 den Commonwealth Writers Prize als bestes Erstlingswerk für die Region Afrika.

Tsitsi Dangarembga hat 2021 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten.
In der Begründung der Jury heißt es: "In ihrer Romantrilogie beschreibt Tsitsi Dangarembga am Beispiel einer heranwachsenden Frau den Kampf um das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und weibliche Selbstbestimmung in Simbabwe. Dabei zeigt sie soziale und moralische Konflikte auf, die weit über den regionalen Bezug hinausgehen und Resonanzräume für globale Gerechtigkeitsfragen eröffnen. In ihren Filmen thematisiert sie Probleme, die durch das Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne entstehen. Ihre Botschaften richten sich erfolgreich an ein breites Publikum sowohl in Simbabwe als auch in den Nachbarländern."

Eine andere afrikanische Schriftstellerin, von der ich schon Bücher gelesen habe und die ich gerne weiterempfehlen kann ist:

Chimamanda Ngozi Adichie
"Half of a Yellow Sun" - Die Hälfte der Sonne - 2006
"Americanah" - Americanah - 2013
"We Should All Be Feminists" (Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories) - 2014

Mittwoch, 8. Februar 2023

Petrowskaja, Katja "Vielleicht Esther"

Petrowskaja, Katja "Vielleicht Esther" - Maybe Esther - 2014

Eine großartige Erzählung über die Geschichte einer jüdischen Familie. Ein Kritiker schrieb, Katja Petrowskaja hätte einen großen Roman schreiben können hat aber nur Fragmente widergegeben. Ich finde, gerade diese Fragmente zeigen eher, was diese Familie - stellvertretend für alle anderen jüdischen Familien - mitgemacht hat, all die kleinen Einzelheiten, von denen man sonst so oft nichts hört.

Ein wunderbares Buch.

Katja Petrowskaja erhielt den Ingeborg Bachmann Preis 2013.

Buchbeschreibung:

"Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete - wer hat sie gehört? Und als die Soldaten die Babuschka erschossen, 'mit nachlässiger Routine' - wer hat am Fenster gestanden und zugeschaut?

Die unabgeschlossene Familiengeschichte, die Katja Petrowskaja in kurzen Kapiteln erzählt, hätte ein tragischer Epochenroman werden können: der Student Judas Stern, ein Großonkel, verübte 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau. Sterns Bruder, ein Revolutionär aus Odessa, gab sich den Untergrundnamen Petrowski. Ein Urgroßvater gründete in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder. Wenn aber schon der Name nicht mehr gewiß ist, was kann man dann überhaupt wissen? Statt ihren gewaltigen Stoff episch auszubreiten, schreibt die Autorin von ihren Reisen zu den Schauplätzen, reflektiert über ein zersplittertes, traumatisiertes Jahrhundert und rückt Figuren ins Bild, deren Gesichter nicht mehr erkennbar sind. Ungläubigkeit, Skrupel und ein Sinn für Komik wirken in jedem Satz dieses eindringlichen Buches.
"

Mittwoch, 25. Januar 2023

Ondaatje, Michael "Der englische Patient"

Ondaatje, Michael "Der englische Patient" (Englisch: The English Patient) - 1992

Ich habe "Anil's Ghost" (Anils Geist) und "Warlight" (Kriegslicht) von Michael Ondaatje gelesen, die mir beide sehr gut gefallen haben. Ich hatte mich schon seit Ewigkeiten darauf gefreut, dieses Buch zu lesen, und als ich kürzlich darauf stieß, beschloss ich, dass es endlich an der Zeit war, es zu lesen.

Es mag einen Grund gegeben haben, warum ich es nicht früher angegangen bin. Ich war damit nicht so zufrieden wie mit den anderen. Vielleicht hätte ich alleine deshalb davon Abstand halten sollen, weil es den Booker Prize bekommen hat, ich mag die selten und ich habe keine Ahnung warum.

Es war teilweise ziemlich verwirrend. Von wem spricht der Autor? Zu welcher Zeit spricht er? Vor dem Krieg? Während des Krieges? Nach dem Krieg? Spielt die Handlung gerade in Italien oder in Ägypten, in Kanada oder Indien? Und warum kommt dieses englische Paar in der Geschichte vor? Ich weiß, ich weiß, sie haben den englischen Patienten schon einmal getroffen, aber es ist trotzdem seltsam, es passt irgendwie nicht.

Ich habe eine Rezension gesehen, in der jemand sagte, die Leute in dem Buch würden nicht wie die Menschen in den 1940er Jahren sprechen. Das könnte auch einer der Gründe sein.

Was mich aber am meisten gestört hat, war, dass man die Leute nicht richtig kennengelernt hat, sie bleiben seicht, trivial, oberflächlich.

Diese Geschichte hätte mir vielleicht mehr Spaß gemacht, wenn ich seine anderen Bücher nicht gelesen und geliebt hätte und daher einen brillanten Roman erwartet hätte. Dies ist ein guter Roman, aber das ist alles. Also werde ich wohl noch eine Weile warten, bis ich das nächste Buch dieses Autors lesen werde.

Buchbeschreibung:

"
Oberflächlich gesehen erzählt der Roman die Geschichte von vier Personen, die 1945 bei Kriegsende in einer zerbombten, toskanischen Villa gestrandet sind und versuchen, wieder ein normales Leben aufzunehmen. Da ist Hana, eine kanadische Krankenschwester, die sich um den verbrannten Mann kümmert, der mit seinem Flugzeug in der Wüste abgestürzt war. Täglich wäscht sie seinen Körper und unterhält sie beide mit dem Vorlesen von Rudyard Kipling und Stendhal.

Wenige Tage nach ihrem Einzug in die verfallene Villa taucht Caravaggio - der Dieb - auf, dem die Deutschen die Daumen abgehackt haben. Hana und Caravaggio kennen sich noch aus der Zeit vor dem Krieg. Der Vater Hanas war mit Caravaggio befreundet. Als Caravaggio hört, dass sie mit einem Verwundeten allein in der Villa lebt, beschließt er zu ihrem Schutz zu bleiben. Zu diesen Dreien gesellt sich Kip, ein junger Inder, der ein Meister im Bomben entschärfen ist - als in Hiroshima und Nagasaki Bomben fallen, mit denen auch er es nicht mehr aufnehmen kann, gibt er sich geschlagen und kehrt verzweifelt in seine Heimat zurück. Jede der Personen ist in ihrer Biographie gebrochen, wurde tief verletzt durch den Krieg. Sie treffen sich an diesem Ort der Welt, um auszuharren, zu verschnaufen, Luft zu holen und um letztlich wieder auseinander zu gehen.

Michael Ondaatje schildert in Rückblenden und Traumsequenzen die erlittenen Wunden und Demütigungen. Doch keine Angst, es handelt sich dabei nicht um einen jener modernen Romane, bei denen der Leser ein riesiges Puzzle in die Hand bekommt, das schon der Autor nicht zusammensetzten vermochte und aus dem der Leser nun einen verständlichen, tiefsinnigen Text kreieren soll.

Bruchstückhaft erzählt der '
englische Patient' Hana und Caravaggio, wie er in der libyschen Wüste mit seinem Flugzeug abstürzte, dabei seine große Liebe verlor und sich nun selbst nur durch Morphium an sein Leben erinnert. 'Manche der Geschichten, die der Mann ruhig in das Zimmer hinein erzählt, gleiten wie Falken von Schicht zu Schicht.'

Es ist schon etwas ganz Besonderes, wie Ondaatje über die Wüste schreibt, das Leben der Nomadenstämme, wie die Arzneifläschchen am Körper des Medizinmannes klirren, so dass seine Erscheinung an einen Erzengel erinnert. Oder die Wüstenwinde, wie sie sich ankündigen, den Tag verhüllen und mit gewaltigen Sandmassen vorbeirauschen, tänzeln oder sich auslöschen - sich auflösen, mit allem, was sie eingehüllt haben. Diese Szenen bleiben beim Leser wie auch beim Kinofreund unvergessen. Der Roman ist keine einfach gestrickte Unterhaltungslektüre, nichts geschieht zufällig, alles wurde von Ondaatje wohl komponiert. Er verlangt jedoch von seinem Leser, dass er genau hinhört, konzentriert liest. Nur so entfaltet das Buch seine unvergleichliche Poesie. In der Malerei wäre dieses Werk ein Bild aus weichen, hellen Pastelltönen mit fein verwischten Konturen, gerade noch erahnbar unter einer dichten Schicht aus Staub.
"

Ich habe das englische Original gelesen.

Dienstag, 17. Januar 2023

Adichie, Chimamanda Ngozi "Die Hälfte der Sonne"

Adichie, Chimamanda Ngozi "Die Hälfte der Sonne" (Englisch: Half of a Yellow Sun) - 2006

Ich erinnere mich an die Zeit, als wir Teenager waren und ich Mitglied einer Jugendgruppe in der Kirche war. Wir kauften Orangen, schrieben "Biafra" darauf und verkauften sie nach der Messe. Wir wollten all den armen Kindern helfen, die in Biafra an Hunger starben.

Ich glaube nicht, dass viele von uns wussten, wo Biafra war. Immerhin war es ein neues Land. Wir haben die afrikanischen Länder in der Schule gelernt, aber Biafra war nicht dabei.

Und auch wenn sicher viele andere Geld für Biafra gesammelt haben, kann ich das Zitat "Die Welt war still, als wir starben" gut nachvollziehen. Ja, wir haben geschwiegen, wir schweigen immer noch. Viele von uns wissen nicht, was passiert ist, und ich bin froh, diese Geschichte gelesen und ein bisschen mehr über einen Teil dieses Kontinents erfahren zu haben, der noch so viele Probleme überwinden muss, die von uns Europäern verursacht wurden und werden. Biafra ist nur eines der Gebiete, mir fallen noch viele andere ein, zum Beispiel Ruanda.

Dieses Buch hatte schon einige Zeit auf meinem SUB gelegen. Warum? Ich denke, der einzige Grund ist, dass mein Stapel einfach zu groß ist. Das Buch ist wunderbar. Die Geschichte wirft uns direkt in das Leben von Ugwu, Olanna und Odenigbo, Kainene und Richard. Wir sind mitten in ihren Kämpfen, ihren Problemen, ihrem Überlebenswillen. Was für eine fantastische Geschichte. Man möchte es eigentlich innerhalb eines Tages zu Ende lesen, aber man will es auch nicht zu Ende lesen, weil man Angst vor dem hat, was am Ende kommt. Man lernt nicht nur die Charaktere kennen, sondern die ganze Situation, man lernt das Land und die Geschichte kennen. Einfach brilliant.

Der Titel dieses Romans stellt die Flagge von Biafra dar, eine Flagge, die ich noch nie gesehen hatte, daher sagte mir der Titel überhaupt nichts. Aber wenn man die Flagge sieht, wird alles klar. Hier bei Wikipedia kann man sie sehen.

Ich werde sicher noch mehr von dieser wunderbaren Autorin lesen.


Buchbeschreibung:

"Der große Afrika-Roman einer begnadeten Erzählerin: lebensprall, episch, überwältigend.

In ihrem neuen Roman erzählt Chimamanda Ngozi Adichie von der hoffnungsvollen Gründung und der grausamen Zerschlagung des Staates Biafra in den Sechzigern. Sie erzählt von den Menschen dort, einem Dorfjungen, einer privilegierten jungen Frau, einem englischen Schriftsteller, deren Wege sich kreuzen und deren Leben vom Krieg unwiderruflich verändert wird. Sie erzählt, am Beispiel Biafras, von Afrika.

Ugwu, ein ungebildeter kleiner Junge, kommt als Hausboy aus einem Dorf zu einem linksintellektuellen Dozenten in der Universitätsstadt Nsukka. Hier lernt Ugwu lesen, schreiben und selbständig denken und wird von der Geliebten seines Herrn unter die Fittiche genommen. Olanna stammt aus einer wohlhabenden, aber auch korrupten Familie und versucht, ihren eigenen, unabhängigen Weg zu gehen. Sie teilt die freiheitlichen Überzeugungen ihres Geliebten und lehnt es ab, wie ihre Zwillingsschwester auf der Klaviatur der Macht zu spielen. Der englische Schriftsteller Richard sucht in Nigeria nach Inspiration, ist fasziniert von der alten Igbo-Kunst und verliebt sich Hals über Kopf in Olannas Zwillingsschwester Kainene. Richard, Ugwu und Olanna werden Zeugen der überschäumenden Hoffnung, als im Osten Nigerias, wo die meisten Angehörigen der Igbo leben, der unabhängige Staat Biafra ausgerufen wird - und sie erleben, wie Biafra nach nur drei Jahren in einem der schlimmsten Bürgerkriege, die in Afrika je geführt worden sind, wieder untergeht. Wie die Hälfte der Sonne, die auf Biafras Flagge strahlte.

Nach ihrem preisgekrönten Debüt
Blauer Hibiskus erzählt auch Adichies neuer Roman vom Schicksal Afrikas: von den Nachwehen der Kolonialzeit, von Korruption, Verantwortung, ethnischen Bindungen, von den Brutalitäten des Krieges und von den Menschen, die er verändert, aber auch von der Liebe, die alles noch schwieriger macht - oder leichter."

Die Autorin erwähnt viele Bücher, die sie für die Recherche verwendet hat. Ich denke, sie alle wären es auch wert, gelesen zu werden, obwohl ich bezweifle, dass ich dies jemals schaffen werde.

Achebe, Chinua "Girls at War and Other Stories"
Amadi, Elechi "Sunset in Biafra"
Brandler, J.L. "Out of Nigeria"
Collis, Robert "Nigeria in Conflict"
De St. Jorre, John "The Nigerian Civil War"
Ekwe-Ekwe, Herbert "The Biafran War: Nigeria and the Aftermath"
Ekwensi, Cyprian "Divided We Stand"
Emecheta, Buchi "Destination Biafra"
Enekwe, Ossie "Come Thunder"
Forsyth, Frederick "Biafra Story"
Gold, Herbert "Biafra Goodbye"
Ike, Chukwuemeka "Sunset at Dawan"
Iroh, Eddie "The Siren at Night"
Jacobs, Dan "The Brutality of Nations"
Kanu, Anthonia "Broken Lives and Other Stories"
Madiebo, Alex "The Nigerian Revolution and the Biafran War"
Mok, Micheal "Biafra Journal
Niven, Rex "The War of Nigerian Unity"
Njoku, Hilary "A Tragedy Without Heroes"
Nwankwo, Arthur Agwuncha "The Making of a Nation"
Nwapa, Flora "Never Again"
Nwapa, Flora "Wives at War"
Odogwu, Bernard "No Place to Hide: Crises and Conflicts Inside Biafra"
Okigbo, Christopher "Labyrinths"
Okonta, Ike and Douglas, Oronta "Where Vultures Feed"
Okpaku, Joseph "Nigeria: Dilemma of Nationhood"
Okpi, Kalu "Biafra Testament"
Soyinka, Wole "The Man Died"
Stremlau, John J. "The International Politics of the Nigerian Civil War"
Uwechue, Ralph "Reflections on the Nigerian Civil War"
Uzokwe, Alfred Obiora "Surviving in Biafra"

Am Ende werden noch weitere Bücher von Chimamanda Ngozi Adichie und anderen afrikanischen Schriftstellern erwähnt, die es wert sind, gelesen zu werden:

Achebe, Chinua "Arrow of God" (Der Pfeil Gottes)
Adichie, Chimamanda Ngozi "Purple Hibiscus" (Blauer Hibiskus)
Chinodya, Shimmer "Harvest of Thorns" (Dornenernte)
Oguibe, Olu "Lessons from the Killing Fields"
Wainana, Binyavanga "How To Write About Africa"

Sie erwähnt dieses Buch auch mehrmals im Roman:
Douglass, Frederick "Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave"

Montag, 16. Januar 2023

Menasse, Robert "Die Hauptstadt"

 

Menasse, Robert "Die Hauptstadt" - The Capital - 2017

Ich habe vor vierzig Jahren in Brüssel gelebt und dort meinen Mann kennengelernt. Wir waren jedes Jahr mindestens einmal dort, meistens öfter. Als mein Sohn dort jedoch eine Stelle fand, stellte ich fest, dass ich sehr wenig über Belgien und nichts über Brüssel selbst gelesen habe. Also ging ich los und suchte nach Literatur. Dieses Buch erhielt 2017 den Deutschen Buchpreis und wurde international gelobt. Es wird erwähnt, dass es das erste Buch ist, in dem Brüssel die europäische Hauptstadt genannt wird. Wir haben es immer so genannt.

Das Buch erzählt uns von mehreren Beamten des Kulturministeriums und ihren Aufgaben. Die Charaktere sind so international wie alle Ämter der Europäischen Union, sie kommen aus Österreich, Belgien, der Tschechischen Republik, Zypern, Ungarn, den Niederlanden, Polen und dem Vereinigten Königreich.


Es beinhaltet auch einen Krimi für diejenigen, die so etwas in einem Buch lieben. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, warum das für die Geschichte nötig ist, zumal es nicht wirklich etwas mit der Hauptgeschichte zu tun hat. Die Protagonisten sind hauptsächlich Beamte, die für die EU arbeiten und versuchen, etwas zu erreichen, meistens ihre Beförderung. Wir treffen Bürokraten, Experten, Lobbyisten … Es zeigt, wie bei vielen Veranstaltungen, Gesetzen, Verordnungen die unterschiedlichen Interessen innerhalb der EU berücksichtigt werden müssen. Keine leichte Aufgabe, wie wir alle wissen. Dennoch profitieren wir alle davon, dass unsere Länder Mitglied in dieser großen Union sind - auch wenn das manche nicht sehen wollen.

Eine der Geschichten in diesem dicken Buch ist der Plan, das 50-jährige Jubiläum mit einem großen Jubiläumsprojekt zu feiern und dies so zu gestalten, dass sich alle über das Ergebnis freuen. Wir sehen die Schwierigkeit, einen europäischen Konsens zu erreichen und trotzdem alle Staaten am Ergebnis teilhaben zu lassen.

Oh, und da ist ein Schwein. Eine der Einleitungen zum Buch lautet: "In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein läuft durch die Straßen." Wieder nicht wirklich notwendig für die Geschichte.

Aber was diese Geschichte lesenswert macht, ist die Botschaft, die sie uns über die Europäische Union vermittelt. Es ist eine der wichtigsten Organisationen, der wir je angehört haben. Es hat viele Länder vereint, die zuvor verfeindet waren, und uns nicht nur Wohlstand, sondern auch Frieden für die längste Zeit gebracht, an die man sich erinnern kann. Allein schon deshalb finde ich dieses Buch bedeutsam.

Buchbeschreibung:

"In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein durch die Straßen.

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an - die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; 'zu den Akten legen' wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.

In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.

Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen - für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.
"

Samstag, 14. Januar 2023

Kermani, Navid "Dein Name" - 2011

Kermani, Navid "Dein Name" [Your Name] - 2011

Navid Kermani ist ein Deutsch-Iranischer Schriftsteller, Orientalist, Gewinner des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Ich dachte also, das könnte ein gutes Buch werden. Und irgendwie war es das auch. Allerdings war ich selten so erleichtert, ein Buch zu beenden. Noch nicht einmal "Ulysses" war so eine große Herausforderung.

Der Autor hat die Geschichte seines Großvaters, seiner Großmutter, seiner eigenen, seiner Familie, seiner Freunde und seiner Familie geschrieben und über alle Bekannten berichtet, die gestorben sind. Er hätte gut und gerne fünf Bücher aus diesem einen machen können, dann hätte man sich eher auf das eine Thema, die eine Person konzentrieren können.

Dennoch, wir lernen viel über das Leben im Iran, das Leben eines Iraners in Deutschland, die west-östlichen Beziehungen

Als Autoren fand ich ihn sehr gut, ich habe auch noch mehr von ihm gelesen, aber ich würde dieses Buch wahrscheinlich nicht als erstes empfehlen.

Inhaltsangabe:

"Am 8. Juni 2006 beginnt Navid Kermani sein neues Buch, und es wird einer der ungewöhnlichsten Romane unserer Zeit. Hier schreibt einer über alles, was es zu wissen gibt über sein Leben und das Leben überhaupt: die Gegenwart und die Vergangenheit seiner Familie, die Erinnerung an gestorbene Freunde und die mitreißende Lektüre Jean Pauls und Hölderlins. Die Geschichte seines Großvaters, der von Nahost nach Deutschland ging, wird zum Herzstück des Romans. Immer wieder drängt sich dem Romancier der entscheidende Moment dazwischen: der des Schreibens. 'Dein Name' ist ein Roman, der das Privateste ebenso in den Blick nimmt wie die Geschichte, in der wir leben - ein Buch, das unser Bild der Gegenwart nachhaltig verändern wird."

Navid Kermani hat 2015 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten.

Samstag, 3. Dezember 2022

Hahn, Ulla "Spiel der Zeit"

Hahn, Ulla "Spiel der Zeit" [Game of Time] - 2014

Ich habe die ersten zwei Bücher dieser ursprünglich als Trilogie geplanten Autobiografie gelesen, so musste dieses auch irgendwann an die Reihe kommen. Nach "Das verborgene Wort" und "Aufbruch" ist Hilla mittlerweile erwachsen geworden und studiert in Köln. Zu einer Zeit, die interessanter nicht sein könnte und in die sie genau passt, sie ist ein 68er Kind.

Wie ich schon in den vorhergehenden Büchern erwähnte, hat mich Hilla sehr an mich selbst erinnert, nur dass sie mehr Glück hatte und studieren konnte/durfte. Vielleicht habe ich diese Bücher deshalb so gern gelesen, man kann sich dann überlegen, was hätte sein können. Obwohl, manchmal macht es mich auch traurig. Und ärgerlich.

Auf jeden Fall hat die Autorin eine hervorragende Geschichte gewoben.

Ulla Hahn hat noch ein viertes Buch über Hilla dazugepackt, das werde ich wohl auch demnächst lesen: "Wir werden erwartet".

Buchbeschreibung:

"Hilla Palm, Arbeiterkind vom Dorf, ist als Studentin in Köln angekommen. Im turbulenten Jahr 1968 sucht sie hier heimisch zu werden, erkundet die Welt der Sprache, genießt die Freiheit des Denkens, sehnt sich nach Orientierung im Leben und muss doch erkennen: Ich bin meine Vergangenheit. Erst als sie ihrer Liebe begegnet, findet sie die Kraft für einen neuen Blick auf alte Verletzungen.
Ulla Hahn verwebt in diesem großen Epos eigene Erfahrungen mit Erfindungen, lässt Hilla Palm erzählen und fällt der 'kleinen Schwester' auch mal ins Wort. 'Spiel der Zeit' ist ein Buch über die Jahre der Sehnsucht und Leidenschaft - ein mitreißender Entwicklungsroman und zugleich ein imposantes Epochengemälde der 68er Jahre, eine der radikalen Umbruchphasen in der Geschichte der Bundesrepublik.
"

Samstag, 12. November 2022

Hansen, Dörte "Altes Land"

Hansen, Dörte "Altes Land" - This House is Mine - 2015

Ich glaube nicht, dass ich dieses Buch jemals gefunden hätte, wenn es nicht von einer Amerikanerin im Lesekreis vorgeschlagen worden wäre. Ich hatte es gesehen, fand aber, dass es eher wie ein seichtes Buch (Chick-Lit) aussah, und ich hatte bereits viele Bücher auf meinem SUB.

Jedenfalls habe ich es gelesen und geliebt. Eine großartige Beschreibung einiger Frauen, die versuchen, sich in dieser Welt zurechtzufinden, angefangen bei der Mutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen fliehen muss, der Tochter, die in dem neuen Teil Deutschlands, in dem sie leben, immer die Ausländerin sein wird, die  Enkelin, die versucht, ihre Wurzeln zu finden. Viele Frauenprobleme werden im Roman erwähnt, aber auch der ländliche Wandel, das deutsche Wort "Landflucht" beschreibt es wohl am besten. Die Kinder von Bauern, die seit Generationen ihr Land bewirtschaften, verlassen ihre Heimat und sich siedeln sich in den Städten an, sie wollen keine Bauern mehr sein. Wer zurückbleibt, muss viele Kämpfe führen, gegen die Natur und ihre Härte, aber auch gegen Gesetze und Neuankömmlinge, die am liebsten alles anders, neu gemacht hätten,
bis sie feststellen, dass das manchmal einfach nicht geht.

Ich komme aus einer Gegend nicht allzu weit entfernt vom "Alten Land" und bin mit dem Plattdeutschen aufgewachsen, das von den älteren Menschen im Roman gesprochen wird. Daher war die Lektüre dieses Buches für mich ein bisschen wie Heimat. Der englische Titel stammt von der Inschrift am Giebel des alten Hauses: "Dit Huus is mien und doch nich mien, de no mi kummt, nennt' t ook noch sien." (Dies Haus ist mein und doch nicht mein, der nach mir kommt, nennt es auch noch sein.) Die Autorin ist Journalistin und dies ist ihr erstes Buch. Auch ihr nächstes Buch, "Mittagsstunde", ist hervorragend. Ich hoffe, dass weitere folgen werden, weil ich beabsichtige, sie alle zu lesen.

Wir haben dieses Buch im März 2017 in unserem internationalen Lesekreis besprochen.

Buchbeschreibung:

"Zwei Frauen, ein altes Haus und eine Art von Familie

Das 'Polackenkind' ist die fünfjährige Vera auf dem Hof im Alten Land, wohin sie 1945 aus Ostpreußen mit ihrer Mutter geflohen ist. Ihr Leben lang fühlt sie sich fremd in dem großen, kalten Bauernhaus und kann trotzdem nicht davon lassen. Bis sechzig Jahre später plötzlich ihre Nichte Anne vor der Tür steht. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn aus Hamburg-Ottensen geflüchtet, wo ehrgeizige Vollwert-Eltern ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen - und wo Annes Mann eine Andere liebt. Vera und Anne sind einander fremd und haben doch viel mehr gemeinsam, als sie ahnen.
"
 
"Altes Land" wurde 2015 von den Deutschen Unabhängigen Buchhandlungen zum "Lieblingsbuch der Unabhängigen" gewählt.

Samstag, 5. November 2022

Hahn, Ulla "Aufbruch"

Hahn, Ulla "Aufbruch" [Departure] - 2009

Wie ich schon über "Das verborgene Wort" sagte, erinnerte mich vieles in Ulla Hahns Fast-Biografie an meine Kindheit. Leider ging es bei mir nach der zehnten Klasse nicht so weiter wie bei Hilla. Ich gehöre mehr zu denen, die dann "etwas gelernt" haben, um mich auf den Beruf der Frau und Mutter vorzubereiten. Nicht, dass ich mir nicht auch ein Studium gewünscht hätte, aber es war niemand da, der mich auch nur ein wenig ermutigt hätte. Und auch im Berufsleben "auf dem Lande" hatte man keine Möglichkeit, irgendwie voranzukommen. In meinem Lehrbetrieb wurde ein junger Mann von außerhalb eingestellt, statt mich zu befördern. Und nur, weil ich ja wohl doch heiraten würde.

Nun aber zu Hillas Geschichte. Ich finde es fabelhaft, wie sie es geschafft hat, ihr Abitur zu machen und zu studieren. Aber wir lernen nicht nur den beruflichen Werdegang Hillas kennen, auch ihre Gedanken und Gefühle und wie sie mit bestimmten Ereignissen fertig wird, tragen zum Gelingen des Buches bei.
Ich hätte dies gerne früher gelesen, als ich selbst noch in der Schule war, es hätte mir vielleicht geholfen. So hoffe ich, dass es anderen auch Anstöße gibt. Wenn es auch für junge Mädchen nicht mehr ganz so schwierig ist wie damals, überhaupt auf die höhere Schule zu kommen, können sie immer noch unsere Unterstützung gebrauchen. Vor allem, wenn es sonst niemand tut.

Buchbeschreibung:

"Ihr Leben scheint vorgezeichnet: Kinder, Küche, Kirche. Doch Hilla träumt sich weg aus dem Dorf am Rhein. Nichts kann dem Kind kleiner Leute die Sehnsucht nach der Freiheit des Geistes austreiben. Unverhofft bietet sich ihr ein neues Leben: Abitur, Studium, ihre selbst gewählte Zukunft liegt vor ihr. Nach 'Das verborgene Wort' hat die Lyrikerin und Bestsellerautorin Ulla Hahn erneut ein imposantes Epos vorgelegt, das feinnervig vom Erwachsenwerden, Wachwerden, Menschwerden erzählt.

Hilla lacht das freieste Lachen der Welt. Es ist der erste Tag nach den Weihnachtsferien im Januar 1963; das Lehrerkollegium des Aufbaugymnasiums hat beschlossen, die Siebzehnjährige noch ins laufende Schuljahr aufzunehmen. Mit diesem Tag beginnt für das wissbegierige Kind '
vun nem Prolete' endlich das lang ersehnte neue Leben, in dem die einfachen Wahrheiten der Eltern nicht mehr gelten, in dem das Buckeln in der Papierfabrik von der Freiheit der Worte abgelöst wird. Doch wird Hilla ihre wahre Heimat wirklich in der Sprache finden?

'
Aufbruch' gewährt einen anrührenden Blick in die Seele einer mutigen und doch so verletzlichen Heranwachsenden - und zeichnet sprachübermütig und mit großem epischem Temperament ein detailreiches Sittengemälde von den bundesrepublikanischen Mittsechzigern."

Montag, 8. August 2022

Hahn, Ulla "Das verborgene Wort"

Hahn, Ulla "Das verborgene Wort" [The Hidden Word] - 2001

Die Geschichte von Hildegard "Hilla" Palm ist auch die Geschichte von Ulla Hahn. Und von mir.

Ich bin zwar ein paar Jahre jünger als die Autorin, aber vieles aus ihrer Geschichte erinnert mich auch an meine Kindheit. Unsere Gegend war katholisch. Ich war das einzige Mädchen (und älteste Kind) einer Arbeiterfamilie. Es war kein Geld da, dass ich das Abitur machen konnte. Und da auch nicht in der Nähe einer größeren Stadt wohnte, kamen meine Einflüsse auch eher von den umliegenden Dorfbewohnern. Es war in unserem Dörfchen schon fast ein Skandal, dass mein Lehrer mich fürs Gymnasium vorgeschlagen hatte (und zum Teil nicht die Kinder reicher Bauern), aber das Abitur zu machen war unmöglich. Ich hatte auch keinen Großvater oder sonst einen Verwandten, der mir Mut zugesprochen hat. So habe ich denn dieses Buch mit einem lachenden und einem weinenden Auge gelesen. Schön für Ulla Hahn oder auch Hilla Palm, dass sie es geschafft hat. Aber es brachte auch negative Erinnerungen hoch.

Es war eben wie es war. Meine Mutter musste auch früher von der Schule abgehen, um Geld zu verdienen, meiner Großmutter ging es genauso. Undsoweiter undsoweiter. Die Geschichte von Generationen von Frauen. Man hatte zu heiraten ("du heiratest ja sowieso"), wozu braucht man da eine ordentliche Schulausbildung? Geld verdienen, die Familie unterstützen, für die Aussteuer sparen. Das war das Motto.

Da ich später mal eine Weile in Köln und in der Nähe von Aachen gewohnt habe und außerdem niederdeutsch spreche, war es für mich nicht zu schwierig, den Text zu lesen, er ist ziemlich mit kölsch "durchsetzt". Menschen mit wenig Sprachverständnis haben womöglich Probleme mit der ein oder anderen Unterhaltung, aber auch diesen möchte ich zu diesem Buch raten. Es ist einfach sehr, sehr schön. Wer aus ähnlichen Verhältnissen kommt, findet vielleicht viele Parallelen, die anderen kann ich nur bitten, mehr Verständnis für all die "Ullas/Hillas" dieser Welt aufzubringen.

Buchumschlag:

"Im Wettstreit um das katholischste Milieu einer Romanhandlung hat sie dem unerreichbar führenden Heinrich Böll einige Punkte abgenommen: Ulla Hahn, Rheinländerin wie Böll, schildert in Das verborgene Wort eine Nachkriegskindheit, die so bedrückend katholisch ist, dass man Mühe hat, sich ins Gedächtnis zurückzurufen: Ja, genauso war es. So wird der Ich-Erzählerin Hildegard als Kleinkind nach ihren ersten vier Worten ["Mama", "Wauwau", "Bäbä" und "Hamham"] gleich ein Gebet beigebracht; die Nachbarin rechnet sich derweil aus, dass sie dreieinhalb Jahre lang täglich einen schmerzensreichen Rosenkranz und fünf Vaterunser beten muss, um ihrer Schwiegermutter, die ohne letzte Ölung gestorben war, aus dem Fegefeuer in den Himmel zu helfen. Es fällt schwer, das zu glauben, aber so ging es wohl wirklich mal zu in Deutschland.

Das heranwachsende Mädchen, ein neugieriges, aufgeschlossenes Kind, wird beinahe erdrückt von dieser muffigen Enge. Die Verständnislosigkeit der Eltern und die unnachgiebige Strenge der gottesfürchtigen Großmutter lassen Hildegard fast zerbrechen - wäre da nicht der Großvater, der ihr mit verwunschenen Geschichten das Tor zum Reich der Fantasie öffnet. Sie tritt ein in die Welt der Bücher und in dieser Welt findet sie ihr Zuhause, hier ist sie so frei, wie sie es im echten Leben nicht sein kann.
Ulla Hahn, als Lyrikerin eher die knappe literarische Form gewohnt, lässt beim Erzählen dieser [ihrer?] Kindheitsgeschichte alle Selbstbeschränkung fahren -- durch fast 600 Seiten hat man sich zu kämpfen. Das ist nicht immer einfach, denn die sehr poetische Sprache und vor allem der Versuch, den rheinischen Dialekt wiederzugeben, verlangen dem Leser einiges ab. Doch es lohnt sich:
Das verborgene Wort ist eine wunderschöne emotionsgeladene Hymne auf die Kraft der Fantasie. "

Ulla Hahn erhielt sie 2002 den deutschen Bücherpreis für diesen Roman.

Freitag, 20. Mai 2022

Zöller, Elisabeth "Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens"

Zöller, Elisabeth "Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens" [Anton or The Time of The Unworthy Life] - 2004

Die Buchbeschreibung beginnt mit "Im Dritten Reich haben Behinderte kein Lebensrecht." Ja, wer hatte überhaupt ein Lebensrecht. Nur diejenigen, die in ein bestimmtes Bild passten.

Dieses ist bestimmt eines der besten Bücher, die über die Opfer des dritten Reiches geschrieben wurde. Sicher kann sich auch der letzte eingefleischte Nazi vorstellen, irgendwann einmal einen Unfall zu haben und dann nicht mehr in das Bild des "perfekten" Deutschen zu passen. Die Frage, die sich uns hier stellt, ist auch, ab wann ist ein Leben unwert? Wenn man eine bestimmte Krankheit hat, ein gewisses Alter erreicht hat, nicht in der Lage ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Wann? Meine Antwort darauf ist, man muss immer das Beste aus seinem Leben machen, ganz egal, was uns zugeteilt wird. Sollte jemand aber anfangen zu sortieren, ist immer die Frage, wo fängt man an. Spätestens dann sollte einem der Gedanke kommen, wie blödsinnig die ganze Angelegenheit ist.

Es gibt viele Menschen, die trotz einer Behinderung nicht nur fest im Leben stehen, nein, die meisten senden so viel Liebe und Fröhlichkeit aus, man muss sie einfach gern haben. Und das ist doch das Allerwichtigste.

Anton hatte also einen Unfall und war seither behindert. Keine Krankheit, kein angeborenes Problem. Trotzdem muss die Familie ihn verstecken. Gut, dass sie liebe Verwandte haben, die sich Antons annehmen, als es im eigenen Haus gar nicht mehr geht.

Die Geschichte Antons und seiner Famlie muss einfach jedermann berühren. Sie ist eigentlich für Kinder geschrieben (und beschreibt das Leben des Onkels der Autorin)

Dieses Buch zeigt uns, dass es kein unwertes Leben gibt und dass jedes Leben lebenswert ist.

Wir haben dieses Buch im März 2009 in unserem deutschen Lesekreis besprochen.

Das Buch wurde 2005 mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis ausgezeichnet. Es hätte noch mehr Preise verdient gehabt.

Buchbeschreibung:

"Im Dritten Reich haben Behinderte kein Lebensrecht: Anton kommt im Jahre 1932 in Deutschland auf die Welt. Nach einem Unfall ist er leicht behindert. Er stottert und sein rechter Arm ist gelähmt. Anton hat aber tiefe Gedanken und eine grosse Sensibilität. Er kann wunderschön malen und ist ein kleines Rechengenie. Doch was zählt das in einer Zeit, wo Behinderten kein Wert zuerkannt wird? Einer seiner Lehrer, ein überzeugter Nazi, macht ihm das Leben zur Hölle. Das spornt die Klassenkameraden an, ihn ebenfalls zu schikanieren, ungestraft. Die Zeit der Euthanasie beginnt, Behinderten wird kein Lebensrecht mehr zugestanden. Anton darf nicht mehr zur Schule, die Eltern verstecken ihn zu Hause. Später wird er zu einer Verwandten aufs Land gebracht. Die besorgt für Anton einen Totenschein. Damit kann er überleben, bis der Krieg zu Ende ist. Sachlich und bewegend zugleich erzählt die Autorin über das grosse Unrecht, das den Behinderten im Dritten Reich zugefügt wurde. Die Erzählung über Anton beruht auf der eigenen Familiengeschichte. Er war ihr Onkel."

Mittwoch, 16. Juni 2021

Bánk, Zsuzsa "Die hellen Tage"

Bánk, Zsuzsa "Die hellen Tage" [The Bright Days] - 2011

Eine (imaginäre?) Kleinstadt in Süddeutschland mit dem klangvollen Namen Namen Kirchblüt. Sie liegt in der Nähe von Heidelberg, ist aber sonst nicht weiter beschrieben. Es könnte jedes Kleinstädtchen, jedes Dorf in Süddeutschland sein, nein, es könnte jedes Kleinstädtchen, jedes Dorf in Deutschland sein.

Hier lebt Therese, genannt Seri, und erlebt ihre Kindheit gemeinsam mit ihren Freunden Aja und Karl. Sie haben alle eine liebe Person verloren, vielleicht verbindet das die sonst so unterschiedlichen Kinder.
Die Geschichte ist wunderschön zu lesen. Fast wie ein Märchen. Die Kindheit ist keinesfalls rosarot dargestellt, trotzdem kommt sie einem so vor. Wir wachsen gemeinsam mit den drei Kindern auf, begleiten sie auf ihrem Weg ins Erwachsenensein.

Das Buch enthält viele Themen, Freundschaft und Liebe, Vertrauen und Verrat, Kinder und Erwachsene, Krankheit und Tod, Probleme und deren Lösung. Wobei wir auch lernen müssen, dass sich nicht jedes Problem lösen lässt. Es wird uns keine heile Welt vorgegaukelt. Ganz im Gegenteil, im Unterton klingt immer die Tatsache mit, dass es eine heile Welt nicht gibt. Eine sehr realistische und darum großartige Erzählung mit sehr leisen Tönen.

Ich habe Zsuzsa Bánks erstes Buch "Der Schwimmer" nicht gelesen, werde das aber sicher irgendwann nachholen, weil mir ihre Erzählweise gefällt. Dafür erhielt sie 2003 den deutschen Bücherpreis.

Ach ja, und dann noch ein Nachtrag: Ich liebe die Grabinschrift, die sich Eva wünscht: "Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück." Ein schöner Gedanke.

Buchumschlag:

"In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt.

Aber schon die scheinbar heile Welt ihrer Kindheit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, und Ajas Vater, der als Trapezkünstler in einem Zirkus arbeitet, kommt nur einmal im Jahr zu Besuch. Karl, der gemeinsame Freund der Mädchen, hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wieder gekommen ist.

Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen und Untiefen ihrer Kindheit lotsen und die ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und sich in seine Mitte zu begeben.

Zsuzsa Bánk erzählt die Geschichte dreier Familien und begleitet ihre jungen Helden durch ein halbes Leben: Als Seri, Karl und Aja zum Studium nach Rom gehen, wird die Stadt zum Wendepunkt ihrer Biographien - und zur Zerreißprobe für eine Freundschaft zwischen Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung.
"

Ich lese nicht viele neue deutsche Bücher, sie werden einfach viel zu spät als Taschenbücher herausgegeben. Aber ich habe mir Zsusza Bánks Namen notiert und werde nach ihren anderen Werken Ausschau halten.