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Samstag, 22. August 2026

Fatland, Erika "Die Grenze"

Fatland, Erika "Die Grenze. Eine Reise um Russland" (Norwegisch: Grensen: En reise rundt Russland gjennom Nord-Korea, Kina, Mongolia, Kasakhstan, Aserbajdsjan, Georgia, Ukraina, Hviterussland, Litauen, Polen, Latvia, Estland, Finland og Norge samt Nordøstpassasjen) - The Border: A Journey Around Russia Through North Korea, China, Mongolia, Kazakhstan, Azerbaijan, Georgia, Ukraine, Belarus, Lithuania, Poland, Latvia, Estonia, Finland, Norway, and the Northeast Passage - 2017

Die Autorin ist eine norwegische Journalistin, die eine Reise entlang der gesamten russischen Grenze unternommen hat. Sie besuchte jedes einzelne Land – auch solche, die international nicht anerkannt sind, wie die de facto souveränen Gebiete im Kaukasus: Abchasien, Südossetien, Adscharien, Bergkarabach und Donezk. Die Einreise in einige dieser Gebiete war nicht einfach. Um nach Bergkarabach zu gelangen, musste sie über Armenien reisen, da eine Einreise von Aserbaidschan aus – zu dem das Gebiet offiziell noch immer gehört – nicht möglich ist.

Sie bereiste all diese Gebiete unter schwierigen Bedingungen und sprach mit den Menschen vor Ort über die jüngere und ältere Geschichte; dabei erfährt man viel über diesen Teil der Welt. Ich halte es für wichtig, mehr über das größte, sehr mächtige und wohl gefährlichste Land der Welt zu wissen.

Es handelt sich um ein großartiges, hervorragend geschriebenes Buch, bei dem man das Gefühl hat, gemeinsam mit der Autorin zu reisen und mit ihr die Länder, die dort lebenden Menschen und deren Geschichte zu entdecken. Fantastisch.

Dies ist das zweite Buch über Russland und seine Geschichte, das Erika Fatland verfasst hat. Ihr erstes Werk, "Sowjetistan. Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan" (Sovietistan: Travels in Turkmenistan, Kazakhstan, Tajikistan, Kyrgyzstan, and Uzbekistan), habe ich nach diesem gelesen. Daraus habe ich ebenso viel gelernt wie aus diesem Buch.

Buchbeschreibung:

"Die Journalistin Erika Fatland reist entlang der schier endlosen Grenze Russlands. Von Nordkorea über den Kaukasus, das Kaspische und das Schwarze Meer. Durch die Ukraine und die Staaten Osteuropas geht es bis zur russisch-norwegischen Grenze – nach 14 Staaten und über 20 000 Kilometern stößt sie auf die Arktis. Doch hier endet die Reise nicht etwa.

Von der tschuktschischen Hauptstadt Anadyr aus macht sich Erika Fatland im 'Arktischen Sommer' auf die Reise entlang der Nordostpassage, vorbei an Franz-Josef-Land und Sewernaja Semlja bis nach Kirkenes – und hat damit das flächenmäßig größte Land der Welt einmal umrundet.

Erika Fatland, Autorin des Bestsellers Sowjetistan, reist entlang der über 20 000 Kilometer langen russischen Grenze durch 14 Länder und begegnet dort den unterschiedlichsten Menschen – Taxifahrern, Geschichtsprofessoren, Rentierhirten und anderen. Sie hört zu, stellt Fragen, sammelt Geschichten. So entstehen schillernde Porträts dieser eigenwilligen Menschen und Länder. Aber auch ein Porträt des weltpolitischen Giganten – aus der Sicht seiner Nachbarn."

Samstag, 30. August 2025

Alexievich, Svetlana "Tschernobyl"

Alexievich, Svetlana "Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft" (Russisch: Чернобыльская молитва/Černobylskaja molitva) - Voices from Chernobyl: The Oral History of a Nuclear Disaster - 2006

Ich wusste von Tschernobyl. Wie wir alle. Wir alle haben von der Atomkatastrophe 1986 gehört. Wir alle haben von den Gefahren gehört, denen Atomkraftwerke uns alle aussetzen. Und das nicht erst seit Fukushima 2011. Für uns Europäer begann es schon viel früher.

Wir wussten auch, dass die Russen versuchten, den Unfall so lange wie möglich vor dem Ausland zu verheimlichen. Was wir nur vom Hörensagen wussten, war die Tatsache, dass sie ihn sogar vor ihrem eigenen Volk verheimlichten und ihre eigenen Leute in Gefahr schickten. Feuerwehrleute und andere "Freiwillige", die zum Aufräumen in die Gefahrenzone geschickt wurden. Und das nicht nur für ein paar Minuten. Die meisten von ihnen sind inzwischen tot, und ohne Swetlana Alexijewitsch und viele andere heldenhafte Menschen, die ihre Geschichten erzählten, wüssten wir immer noch nicht, was genau in Tschernobyl und Umgebung passiert ist.

Wer sich auch nur im Geringsten für die Zukunft unseres Planeten und für die Umwelt interessiert, sollte Sie diesen erschütternden Bericht darüber lesen, was Geld den Menschen antun kann. Denn genau darum geht es: Geld und Macht. Jeder Krieg wird darum geführt und jede Geschäftsentscheidung wird darauf basiert. Und wer zahlt den Preis? Wir, die "kleinen Leute".

Eine sehr eindringliche Geschichte, die jeder lesen sollte, insbesondere diejenigen, die immer noch glauben, Atomkraft sei die "billigste" und "beste" Energieform.

Dieses Buch erinnert eindringlich an das Zitat: "Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt – sondern von unseren Kindern geliehen." (wahrscheinlich von Moses Henry Cass – laut Quote Investigator, aber vielen anderen weisen Menschen zugeschrieben).

Buchbeschreibung:

"Swetlana Alexijewitsch wurde bekannt durch die Dokumentation menschlicher Schicksale und gilt als wichtigste Zeitzeugin der postsowjetischen Gesellschaft. Über viele Jahre hat sie mit Menschen gesprochen, für die die Katastrophe von Tschernobyl zum zentralen Ereignis ihres Lebens wurde. Entstanden sind eindringliche psychologische Porträts, die ungeheure Nähe zu den Betroffenen aufbauen und von höchster Sensibilität und journalistischer Perfektion zeugen."

Svetlana Alexievich  erhielt den Nobelpreis für Literatur  2015 "für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setztund den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2013.

Ich wirke an dieser Seite mit: Read the Nobels und Ihr könnt alle meine Blog-Einträge über Nobelpreisträger und ihre Bücher hier finden.

Montag, 16. September 2024

Orth, Stephan "Couchsurfing in der Ukraine"

Orth, Stephan "Couchsurfing in der Ukraine" [Couchsurfing in Ukraine] - 2024

"Stephan Orth versteht es hervorragend, Land und Leute für den Leser lebendig werden zu lassen." Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Dem kann ich nur zustimmen.)

Ich bin ein Stephan Orth-Fan, seitdem ich sein erstes Buch gelesen habe. Damals ist er durch den Iran gefahren und hat Land und Leute bei ihnen zu Hause kennengelernt. Zwischendrin war er dann noch in Russland, in China, in Saudi-Arabien und in England - während der Corona-Pandemie. Das war ja alles schon abenteuerlich genug. 

Aber dann - wie kommt man auf die Idee, durch ein Kriegsland zu fahren, dort bei Menschen zu übernachten, wo es jeden Tag einschlagen kann, oder bei denen es schon eingeschlagen hat? Na ja, seine ukrainische Freundin hat sicher sehr dazu beigetragen.

So oder so, ich kenne Ukrainer, habe diese aber schon lange nicht mehr gesehen. Erst die Pandemie, dann der Krieg. Einfach furchtbar. Daher finde ich es bewundernswert, dass der Autor diese Strapazen auf sich genommen und uns daher das ukrainische Volk nähergebracht hat.

Das ist überhaupt das Beste an all seinen Büchern, er kann alles so gut beschreiben, dass man den Eindruck hat, selbst dabei gewesen zu sein. Da lernen wir nicht nur Julija und ihre Familie kennen, wir treffen auch Polina und Roman, Lidija und Swetlana, Aleksandr und Natascha, und viele viele mehr. Alle zusammen zeigen, was für ein bewundernswertes Volk das ist, das da um seine Freiheit kämpft. Die Älteren sind noch in der Sowjetunion aufgewachsen, die Jüngeren kennen das nicht. Aber alle haben etwas gemeinsam, sie wollen ihr Land, sie wollen ihre Demokratie, sie wollen Frieden.

Menschen wie Stephan Orth können sicher nicht die Weltpolitik auf den Kopf stellen, leider. Aber sie tun doch einiges, sie wecken die Leute auf, die meinen, es sei ja alles gar nicht so schlimm, sie rütteln an den Gedanken derer, die die Russen als die Opfer ansehen. Auch wenn diese solche Bücher nicht lesen, sie hören davon, und jeder Tropfen höhlt den Stein.

Deshalb, danke an Stephan Orth und alle, die es ihm ermöglicht haben, dieses Buch zu schreiben. Hoffentlich bereist er noch mehr Länder, die ich nie werde kennenlernen können.

Buchbeschreibung:

"Stephan Orth hat den Krieg Russlands gegen die Ukraine von Anbeginn intensiv miterlebt. Durch seine ukrainische Freundin Julija verbindet ihn ein besonderes Band mit dem Land. Wie sieht der Alltag der Menschen aus, die geblieben sind, was ässt die durchhalten? Und was hat das alles mit uns zu tun? Mit diesen Fragen reist er Tausende Kilometer zwischen Kyjiw und Kramatorks, zwischen Charkiw und den Karpaten. Er wohnt bei den Einheimischen. Und liefert uns einen packenden Bericht über das Leben im Ausnahmezustand, die Macht starker Geschichten und eine große Liebe.

Persönliche Einblicke und Begegnungen auf Augenhöhe

Sein bewegender Bericht verleiht den Ukrainerinnen und Ukrainern eine Stimme und ermöglicht uns eine Perspektive, die weit über den Krieg hinausreicht."

Meine englischen Berichte über Stephan Orths Bücher findet ihr hier. Ich finde, die anderen Bücher sollten auch übersetzt werden.

Dienstag, 4. Juni 2024

Erpenbeck, Jenny "Aller Tage Abend"

Erpenbeck, Jenny "Aller Tage Abend" - The End of Days - 2012

Jenny Erpenbeck ist eine ziemlich bekannte deutsche Autorin, also dachte ich, es wäre an der Zeit, eines ihrer Bücher zu lesen. Ich wurde nicht enttäuscht. Was für ein interessantes Buch.

Wie lange wird ein Kind leben, was für ein Leben wird es sein? Wer wird da sein, wer wird um es trauern, wenn es stirbt. In diesem Buch bekommen wir ein Gefühl dafür, wie unterschiedlich ein Leben verlaufen kann und wie unterschiedlich das Ende sein kann. Ein sehr interessantes Konzept, das beschreibt, wie bestimmte Entscheidungen ein Leben beenden oder verlängern können.

Eine brillante Geschichte, die mit so viel Gelassenheit und Hingabe geschrieben ist, dass es fast so ist, als würde die Autorin über jemanden schreiben, den sie selbst persönlich kennt.

Ein sehr bewegendes Buch, ein großartiger Roman von einer großartigen Autorin.

Buchbeschreibung:

"Wie lang wird das Leben des Kindes sein, das gerade geboren wird? Wer sind wir, wenn uns die Stunde schlägt? Wer wird um uns trauern? Jenny Erpenbeck nimmt uns mit auf ihrer Reise durch die vielen Leben, die in einem Leben enthalten sein können. Sie wirft einen scharfen Blick auf die Verzweigungen, an denen sich Grundlegendes entscheidet. Die Hauptfigur ihres Romans stirbt als Kind. Oder doch nicht? Stirbt als Liebende. Oder doch nicht? Stirbt als Verratene. Als Hochgeehrte. Als von allen Vergessene. Oder doch nicht? Meisterhaft und lebendig erzählt Erpenbeck, wie sich, was wir 'Schicksal' nennen, als ein unfassbares Zusammenspiel von Kultur- und Zeitgeschichte, von familiären und persönlichen Verstrickungen erweist. Der Zufall aber sitzt bei alldem 'in seiner eisernen Stube und rechnet'."

Dienstag, 23. April 2024

Janesch, Sabrina "Sibir"

Janesch, Sabrina "Sibir" [Sibiria] - 2023

Die Geschichte von Josef, der mit 10 Jahren nach Sibirien verschleppt wird. Und von seiner Tochter Leila, die in Deutschland aufwächst. Eine Geschichte über verschiedene Generationen, aber auch über eine Vergangenheit, die diese gemeinsam bewältigen müssen.

Dies ist auch eine Geschichte über Einwanderer, Aussiedler, we auch immer wir sie bezeichnen, und wie sie in der neuen Gegend zurechtkommen müssen. Josef hat dies zweimal erlebt und sieht auch die Neuankömmlinge, die wesentlich später nach Deutschland kommen. Auch wenn wir nicht viel von ihnen hören, so merken wir doch, wie es ihn berührt und was diese Situation für ihn bedeutet.

Ein Buch, das mir ein Lesekreismitglied empfohlen und geliehen hat mit den Worten, "ein Buch über die Vergangenheit, das auch für die heutige Zeit bedeutend ist." Recht hat sie.

Buchbeschreibung:

"Furchterregend klingt das Wort, das der zehnjährige Josef Ambacher aufschnappt: Sibirien. Die Erwachsenen verwenden es für alles, was im fernen, fremden Osten liegt. Dorthin werden Hunderttausende deutscher Zivilisten - es ist das Jahr 1945 - von der Sowjetarmee verschleppt, unter ihnen auch Josef. Kasachstan ist das Ziel. Dort angekommen, findet er sich in einer harten, aber auch wundersamen, mythenvollen Welt wieder - und er lernt, sich gegen die Steppe und ihre Vorspiegelungen zu behaupten.

Mühlheide, 1990: Josef Ambacher wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Woge von Aussiedlern die niedersächsische Kleinstadt erreicht. Seine Tochter Leila steht zwischen den Welten und muss vermitteln - und das zu einem Zeitpunkt, an dem sie selbst den Spuk der Geschichte zu begreifen und zu bannen versucht.

Sabrina Janesch erzählt mitreißend und in leuchtenden Farben die Geschichte zweier Kindheiten, einmal in Zentralasien nach dem Zweiten Weltkrieg, einmal fünfzig Jahre später in Norddeutschland. Dabei spannt sie meisterhaft einen Bogen, der unbekannte, unerzählte Kapitel der deutsch-russischen Geschichte miteinander verbindet. Ein großer Roman über die Suche nach Heimat, die Geister der Vergangenheit und die Liebe, die sie zu besiegen vermag."

Freitag, 26. Mai 2023

Kurkow, Andrej "Graue Bienen"

Kurkow, Andrej "Graue Bienen" (Russisch: Серые пчелы/Seryye Pchely) - Grey Bees - 2019

Dieses ist kein Buch über den derzeitigen Krieg in der Ukraine, es geht um den in 2014. Paramilitärische russische Truppen hatten gewaltsam Kontrolle über einige Stadtverwaltungen erlangt, selbsternannte "Volksrepubliken" wurden ausgerufen.

Die Gegend um Donezk und Luhansk wurde zur Grauzone. Und genau dort lebt unser Protagonist, Sergej Sergeijitsch. In seinem Dorf wohnt außer ihm nur noch ein anderer Mann, Paschka Chmelenko, alle anderen sind geflohen. Sergej züchtet Bienen. Im ersten Teil lernen wir das Leben in der Grauzone kennen, man hört Schüsse und Detonationen, aber man selbst wird nicht angegriffen. Bis auf die Kirche stehen noch alle Häuser. Allerdings haben sie weder Strom noch werden sonst irgendwie mit Lebensmitteln versorgt, dafür müssen sie ins nächste bewohnte Dorf laufen.

Dann wird es Zeit, die Bienen ausfliegen zu lassen. Da Sergej Angst hat, sie könnten bei dem vielen Krach nicht ihrer üblichen Arbeit nachgehen, fährt er mit seinen Bienenstöcken in die Ukraine, wo wir das Leben in dem anderen Teil des Landes kennenlernen. Dort funktioniert das Netzwerk noch einigermaßen. Aber er ist nicht willkommen, also bricht er ein zweites Mal aus und geht auf die Krim, wo er einen anderen Bienenzüchter kennt. Dort lernen wir das Leben in dem von Russland besetzten Teil kennen.

Zusätzlich haben wir einen Einblick in das Leben und die Arbeit eines Bienenzüchters.

Alles sehr interessant. Ein ungewöhnlicher Roman, der viel über die derzeitigen Zustände aussagt. Es gibt ein gutes Gefühl darüber, wie es sein könnte.

Auf der englischen Wikipedia-Seite habe ich gelesen, dass seine Bücher voll schwarzem Humor, postsowjetischer Realität und Elementen des Surrealismus sind, und ich kann da nur zustimmen.

Buchbeschreibung:

"Der Bienenzüchter Sergej lebt im Donbass, wo ukrainische Kämpfer und prorussische Separatisten Tag für Tag aufeinander schießen. Er überlebt nach dem Motto: Nichts hören, nichts sehen - sich raushalten. Ihn interessiert nur das Wohlergehen seiner Bienen. Denn während der Mensch für Zerstörung sorgt, herrscht bei ihnen eine weise Ordnung und wunderbare Produktivität. Eines Frühlings bricht er auf: Er will die Bienen in eine Gegend bringen, wo sie wieder in Ruhe Nektar sammeln können."

Freitag, 28. April 2023

Krone-Schmalz, Gabriele "Russland verstehen"

Krone-Schmalz, Gabriele "Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens" [Understanding Russia. The battle for the Ukraine and the arrogance of the West] - 2015

Gabriele Krone-Schmalz war jahrelang Fernsehkorrespondentin in Moskau und kennt sich mit Russland sicher besser aus als der Durchschnittsdeutsche. In diesem Buch versucht sie, uns Russland nicht nur näherzubringen sondern uns auch zu helfen, Verständnis für das Land aufzubringen.

Allerdings ist das Buch auch schon acht Jahre alt und ich denke, heute würde sie es (hoffentlich) anders schreiben, denn im Moment verstehen wir es alle nicht. Und wollen das auch gar nicht.

Ich habe dieses Buch auch schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht ganz verstehen können. Gut, Frau Krone-Schmalz hat in Russland gelebt und das Land wohl auch geliebt. Aber deshalb sollte man nicht für jemanden eintreten, der zuerst Teile eines Landes annektiert und dann auch noch einen Krieg anzettelt.

Ich kann ein Land mögen, muss aber trotzdem nicht mit deren Politik oder unmöglichen Politikern einverstanden sein. Ich habe jahrelang in England gelebt (ja, England, nicht Schottland, Wales oder Nordirland sondern England, ganz unten im Süden) und liebe Land und Leute. Aber ich bin trotzdem gegen Brexit und viele der heutigen Politiker, die das gutheißen, finde ich einfach zum Kotzen. So würde es mir auch gehen, wenn ich in Russland statt in England gelebt habe. Von Frau Krone-Schmalz sollte man erwarten, dass sie das auch trennen kann. Und als arrogant würde ich in diesem Fall nicht den Westen bezeichnen sondern ganz jemand anderen.

Buchbeschreibung:

"Wie ist es um die politische Kultur eines Landes bestellt, in dem ein Begriff wie 'Russlandversteher' zur Stigmatisierung und Ausgrenzung taugt? Muss man nicht erst einmal etwas verstehen, bevor man es beurteilen kann? Gabriele Krone-Schmalz bietet in diesem Buch eine Orientierungshilfe für all jene, denen das gegenwärtig in den Medien vorherrschende Russlandbild zu einseitig ist. Antirussische Vorbehalte haben in Deutschland eine lange Tradition und sind in zwei Weltkriegen verfestigt worden. Auch in der Ukraine-Krise lässt sich ihre Wirksamkeit beobachten. Tatsächlich ist aber nicht nur das Verhältnis zwischen Russland, dem Westen und der Ukraine vielschichtiger, als es der Medien-Mainstream suggeriert, sondern auch die russische Geschichte seit dem Ende des Kalten Krieges. Demokratie und Menschenrechte verbreiten - wer möchte das nicht. Es lässt sich aber sehr wohl über das Tempo und über die Methoden streiten. Und es lässt sich fragen, welche Interessen der Westen unter dem Deckmantel einer Menschenrechtsrhetorik verfolgt."

Mittwoch, 8. Februar 2023

Petrowskaja, Katja "Vielleicht Esther"

Petrowskaja, Katja "Vielleicht Esther" - Maybe Esther - 2014

Eine großartige Erzählung über die Geschichte einer jüdischen Familie. Ein Kritiker schrieb, Katja Petrowskaja hätte einen großen Roman schreiben können hat aber nur Fragmente widergegeben. Ich finde, gerade diese Fragmente zeigen eher, was diese Familie - stellvertretend für alle anderen jüdischen Familien - mitgemacht hat, all die kleinen Einzelheiten, von denen man sonst so oft nichts hört.

Ein wunderbares Buch.

Katja Petrowskaja erhielt den Ingeborg Bachmann Preis 2013.

Buchbeschreibung:

"Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete - wer hat sie gehört? Und als die Soldaten die Babuschka erschossen, 'mit nachlässiger Routine' - wer hat am Fenster gestanden und zugeschaut?

Die unabgeschlossene Familiengeschichte, die Katja Petrowskaja in kurzen Kapiteln erzählt, hätte ein tragischer Epochenroman werden können: der Student Judas Stern, ein Großonkel, verübte 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau. Sterns Bruder, ein Revolutionär aus Odessa, gab sich den Untergrundnamen Petrowski. Ein Urgroßvater gründete in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder. Wenn aber schon der Name nicht mehr gewiß ist, was kann man dann überhaupt wissen? Statt ihren gewaltigen Stoff episch auszubreiten, schreibt die Autorin von ihren Reisen zu den Schauplätzen, reflektiert über ein zersplittertes, traumatisiertes Jahrhundert und rückt Figuren ins Bild, deren Gesichter nicht mehr erkennbar sind. Ungläubigkeit, Skrupel und ein Sinn für Komik wirken in jedem Satz dieses eindringlichen Buches.
"

Freitag, 27. Januar 2023

Ulitzkaja, Ljudmila "Medea und ihre Kinder"

Ulitzkaja, Ljudmila "Medea und ihre Kinder" (Russisch: Медея и её дети/ Medeja i eë deti) - Medea and Her Children - 1996

Dieses Buch wurde uns von einem Lesekreismitglied vorgeschlagen. Es hieß, hier würde die ukrainische Geschichte anhand von einer Familie von der Krim dargestellt. Nun ja, nach der Beschreibung hatte ich mir etwas anderes vorgestellt und war froh, vorher "Ukraine verstehen" von Steffen Dobbert gelesen zu haben. Ich hatte zwar schon viel über die Ukraine gehört, auch von den Problemen mit Russland, lange bevor diese zuerst mal die Krim annektierten und dann über das Land herfielen, aber es war gut, noch mal Details mitzubekommen, die auch für das Verständnis dieses Buches beigetragen haben.

Medea ist die gute Seele der Familie Sinopli. Sie lebt auf der Krim, wo ihre Vorfahren herkamen, und jeden Sommer fällt die Familie ein. Diese sind mittlerweile nicht nur über die ganze Ukraine und sonstige ehemalige Länder der Sowjetunion verstreut, sie haben auch, wie das so üblich ist in großen Familien, alle irgendwelche unterschiedlichen Probleme und Beweggründe, die sie zu Tante Medea führen. Die Familie hat auch viele verschiedene Ursprünge. Während sie sich wohl in erster Linie als griechisch beschreiben würde, kommen die Vorfahren auch aus vielen anderen Gegenden.

Zu Anfang des Buches wird uns ein Familienstammbaum gezeigt, der hätte meines Erachtens etwas eingehender sein können, zumal auch immer wieder Nachnamen, Vaternamen, Spitznamen usw. benutzt werden, was zu Verwirrungen führen kann. Außerdem erwähnt die Autorin im Vorwort, dass sie von ihrer Familie erzählt, aber ich denke, es handelt sich hier eher um einen Roman, der auf ihrer Familie basiert.

Die verschiedenen Personen sind sehr gut beschrieben, man fühlt sich irgendwie mitten in der Familie. Insofern ist es ein hervorragendes Buch. Ich hatte von Ljudmila Ulitzkaja bereits "Das grüne Zelt" gelesen und fand dieses einfach bemerkenswert. Wahrscheinlich habe ich auch zu viel Erwartung in dieses Buch gesteckt, oder war falsch vorbereitet, aber ich hatte nicht das gleich Gefühl wie bei dem ersten Buch. Und die Lesekreismitglieder waren fast alle derselben Meinung. Aber das wird mich nicht davon abhalten, weitere Bücher dieser Autorin zu lesen.

Buchbeschreibung:

"Ein Sommer auf der Krim

Jedes Jahr im April herrscht wildes Chaos im Haus von Medea, wenn ihre Verwandtschaft aus aller Welt zu ihr auf die Krim strömt. Ljudmila Ulitzkajas beeindruckendes Epochengemälde zeigt die Halbinsel so, wie sie schon immer war: weltoffen und vielfältig. Ein Familienroman, der die unerschütterliche Hoffnung offenbart, Zerwürfnisse überwinden zu können.
"

Montag, 2. Januar 2023

Dobbert, Steffen "Ukraine verstehen"

Dobbert, Steffen "Ukraine verstehen: Geschichte, Politik und Freiheitskampf" [Understanding Ukraine: History, Politics and Struggle for Freedom] - 2022

Wir hatten gerade für unseren Lesekreis das Buch "Medea und ihre Kinder" von Ljudmila Ulitzkaja ausgesucht, da stolperte ich über dieses. Ich dachte, das ist sicher eine fabelhafte Ergänzung zu dem Roman. Und ich hatte recht, dieses Buch ist eine hervorragende Zusammenfassung der ukrainischen Geschichte. Wenn jemand noch Zweifel hatte, dass das ukrainische Volk ihr eigenes Land haben sollte (wobei ich nicht verstehen kann, warum man das nicht gleich nachvollziehen kann), sind die nach der Lektüre dieses Buches bestimmt beseitigt.

Wir erfahren hier sehr viel über die Geschichte der Ukrainer, ihre Kämpfe für die Selbständigkeit, den Holodomor, d.h. die von der Sowjetunion ausgelöste Hungersnot, die in den 30er Jahren mehr als 3,5 Millionen Ukrainer dahinraffte. Und allgemein, wie das Leben in der Ukraine für Ukrainer war und ist.

Der Autor ist ein Journalist, der viele Jahre in der Ukraine tätig war. So ist es Buch kein Geschichtsbuch, aber die Punkte, die Steffen Dobbert vorbringt sind (vielleicht gerade deswegen) sehr gut nachzuvollziehen.

Außerdem empfiehlt er noch weitere Lektüre zum Thema, zum Beispiel dieses hier:
Gogol, Nikolai "Taras Bulba" (RUS: Тарас Бульба) (Teil des Sammelbandes Mirgorod) - 1835

"Basierend auf ukrainischen Chroniken und Liedern schildert Gogel darun rund um die erfundene Geschichte des Kosaken-Hauptmanns Bulba und seinen beiden Söhnen das Leben, die Aufstände (gegen die polnische Herrschaft) und das Sterben der freien Kosaken der Saporoschskaja Sitsch."

Buchbeschreibung:

"Warum haben wir so lange den Freiheitskampf der Ukraine nicht verstanden?

Eine mutige Reise durch Historie und Gegenwart der Ukraine, die Wolodymyr Selenskyj porträtiert, Putins Propagandalügen entlarvt und das Wissen vermittelt, um den größten in Europa liegenden Staat zu verstehen. '
Steffen Dobbert zeichnet in einem beeindruckenden Bogen die Geschichte der Selbster-mächtigung der Ukraine - von ihrem Kampf für Freiheit und Demokratie bis hin zur Rückkehr in die gemeinsame europäische Familie.' Marieluise Beck, Zentrum Liberale Moderne

Steffen Dobbert gibt Antworten auf einige der drängendsten Fragen unserer Zeit: Weshalb kämpft sie so furchtlos für Selbstbestimmung und Freiheit? Woher kommt das Nationalbewusstsein des ukrainischen Volkes? Und warum steht im größten in Europa liegenden Land auch die europäische Nachkriegsordnung auf dem Spiel? Dieses Buch ist eine Reise durch die wechselvolle Geschichte der Ukraine, des wohl derzeit mutigsten Landes unseres Kontinents.

Zerstörung des Kosakenstaates, Holodomor, blutige Revolutionen und Putins Invasion - die Ukraine musste eine Menge verkraften, vielleicht mehr als jede andere Nation Europas. Viel zu lange haben wir die Ukraine nicht verstanden, wussten nichts mit der Kyjiwer Rus, mit Iwan Masepa, dem Holodomor oder dem Budapester Memorandum anzufangen. Steffen Dobbert beschreibt einen brutalen Weg zur Freiheit und die Entwicklung eines ukrainischen Nationalbewusstseins - von den Ursprüngen des ersten Kosakenstaats, über die Ausrufung der Ukrainischen Volksrepublik, bis zum aktuellen Verteidigungskrieg. Eine prägnante Überblicksdarstellung in zugänglicher Sprache, die das erforderliche Wissen vermittelt, um die Vorgänge in der Ukraine einordnen und verstehen zu können.
"

Dienstag, 9. August 2022

Goethe, Johann Wolfgang von "Iphigenie auf Tauris"

 
Goethe, Johann Wolfgang von "Iphigenie auf Tauris" - Iphigenia in Tauris - 1787

Ein Theaterstück von Goethe, eines der Bücher, die man im deutschen Gymnasium lesen muss. Iphigenie ist die Tochter von Agamemnon, die sie der Göttin Artemis anbietet. Obwohl die Göttin Iphigenie rettet und sie auf die Insel Tauris bringt, führt dies zu vielen Konsequenzen.

Ich bin kein großer Fan von Theaterstücken, ich schaue sie mir lieber an. Dies ist jedoch eine sehr interessante Geschichte, die viel über die griechische Mythologie lehrt.

Buchbeschreibung:

"Das Werk knüpft an die alte Sage von Orest an, der den Gattenmord an seiner eigenen Mutter rächen muß. Von den Erinnerungen verfolgt, wird er ruhelos umhergetrieben. Seine Schwester Iphigenie vermag durch reine 'Menschlichkeit' ihrem Bruder zu helfen. Die Seelengröße der lphigenie verhilft der Tragödie zu Formenschönheit und Vollkommenheit, die sie zur klassischen Dichtung macht.
Das Nachwort gibt Aufschluß über das Entstehen des Werkes. 5 Seiten Anmerkungen helfen dem Schüler.
"

Dienstag, 15. Februar 2022

Lewycka, Marina "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch"

 Lewycka, Marina "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" (Englisch: A Short History of Tractors in Ukrainian) - 2005

Die Geschichte zweier ukrainischer Schwestern, Nadezhda und Vera, deren Familie in England Zuflucht gefunden hat

Ich habe diesen Roman vor ein paar Jahren mit meinem Lesekreis gelesen. Ich dachte, es gibt viele Themen in dieser Geschichte, über die man reden kann, Einwanderung, Geschwisterrivalität, Generationenkonflikt, Kalter Krieg, Eifersucht, Soziologie. Es war großartig, einige osteuropäische Mitglieder in der Besprechung zu haben, die ihre Ansichten einbringen konnten.

Dies war ein einfaches Buch, schnell zu lesen, informativ, interessant, unterhaltsam, kraftvoll. Ich fand es nicht sehr lustig, selbst die Autorin war überrascht über diese Beschreibung. Sie verbindet Traktoren mit ukrainischen Menschen. Es gibt viele Hinweise und historische Bewertung über das Leben in den osteuropäischen Ländern vor dem Mauerfall. Die Charaktere waren sehr gut aufgebaut, die Verwendung der englischen Sprache wunderbar, der Einwanderungsteil war auch für mich, die ihr halbes Leben im Ausland verbracht hat, interessant.

Es gibt einige interessante Personen in dem Buch, besonders bemerkenswert ist wohl der Unterschied der beiden Schwestern, eine wurde im Frieden geboren, eine im Krieg, eine ist 10 Jahre jünger als die andere. Bei der Diskussion im Lesekreis sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es sich manchmal lohnt, mit einem Buch weiterzumachen, es kann eine sehr gute Lektüre sein.
 

Buchrücken:

"Als Nadias verwitweter Vater ihr mitteilt, dass er wieder heiraten will, löst er eine gewaltige Familienkrise aus. Die Angebetete ist eine üppige Blondine aus der Ukraine mit einer Vorliebe für grüne Satinunterwäsche und Fertiggerichte. Sonst nicht gerade ein Herz und eine Seele, sind sich Nadia und ihre Schwester hier sofort einig: Ihr Vater muss aus den Klauen der Glücksritterin gerettet werden! Doch auch der alte Mann arbeitet zielstrebig an der Erfüllung seiner Träume ... "

Ich habe das englische Original gelesen und hoffe, die Übersetzung ist genauso gut.