Koch, Herman "Angerichtet" (Niederländisch: Het Diner) - The Dinner - 2009
Ein Lesekreis-Buch – eine Geschichte über zwei Paare, die gemeinsam zum Abendessen gehen, wobei jedoch offenbar alles schiefgeht.
Obwohl dies ein gutes Buch für Diskussionen ist, hat es mir persönlich nicht sonderlich gut gefallen. Ich mochte keine der Figuren – nun ja, die Ehefrauen taten mir ein wenig leid, aber nein: Ich mochte wirklich niemanden von ihnen. Sie waren nicht nur oberflächlich, sondern auch berechnend und einzig auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Ein anderes Mitglied merkte an, dass sie beim Lesen regelrecht wütend geworden sei; wir waren uns jedoch einig, dass es sich hervorragend als Gesprächsstoff eignete.
Mir gefiel die Beschreibung des Kellners sowie des gesamten "Sterne-Restaurants". Ich war selbst schon in einigen solcher Lokale, in denen man scheinbar für den gesamten Teller bezahlt – und dementsprechend wenig darauf serviert bekommt –, wobei jedoch alles irgendwie "besonders" sein soll. Ich gehe da lieber in ein nettes, kleines Restaurant, in dem noch alles aus frischen Zutaten zubereitet wird und man zudem darauf achtet, dass die Gäste das Lokal nicht mit knurrendem Magen verlassen.
Ich empfand die Figuren als rassistisch oder faschistisch – oder wie auch immer man Menschen nennen mag, die jemanden bloß deshalb ablehnen, weil dieser weniger Geld besitzt als sie selbst. Genau die Art von Menschen, die ich keinesfalls zu meinem Freundeskreis zählen möchte. Wie auch immer die Handlung verläuft – ich möchte niemandem die Lektüre verderben –, ich würde für meine Kinder aus Liebe nicht "alles" tun; vielmehr würde ich versuchen, sie von jeglichem Ärger fernzuhalten, noch bevor überhaupt etwas passieren kann.
Die Frage lautet: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, die von genau dieser Art von Menschen bestimmt wird?
Das Buch wurde auch verfilmt. Ich bin mir jedoch noch nicht sicher, ob ich mir den Film ansehen möchte.
Wir haben dieses Buch im November 2017 in unserem internationalen Lesekreis sowie im Februar 2026 in unserem internationalen Online-Lesekreis besprochen.
Hier sind die Kommentare aus der jüngsten Diskussionsrunde:
- Das Gespräch war gleichermaßen intensiv und anregend.
- Insgesamt waren wir uns einig, dass der Roman fantastisch geschrieben ist und über einen so starken Erzählfluss verfügt, dass man ihn kaum aus der Hand legen mag. Die Spannung baut sich subtil, aber äußerst intensiv auf; dem Autor gelingt es zudem, klassische Erzählstrukturen aufzubrechen und dabei – im weiteren Verlauf der Geschichte – ganz beiläufig die Sichtweise des Lesers auf die einzelnen Figuren zu verändern. Obwohl die meisten von uns das Buch liebten, waren wir uns doch darin einig, dass wir eigentlich keine der Figuren wirklich sympathisch fanden – und es wirkte fast so, als hätte der Autor selbst keinerlei "Lieblinge" unter ihnen.
- Viele Leser bewerteten das Buch sehr positiv (4/5 oder 5/5), wenngleich einige ihm aufgrund der verstörenden und moralisch düsteren Natur der Geschichte lediglich 3/5 Punkte gaben. Für die meisten von uns war Koch ein neuer Autor, und wir hatten das Gefühl, dass wir dieses Buch ohne die Gruppe wahrscheinlich nicht entdeckt hätten. Einige Mitglieder hatten zudem bereits Verfilmungen der Geschichte gesehen – darunter die Adaption aus dem Jahr 2017, den niederländischen Film Het Diner (2013) sowie die italienische Verfilmung I nostri ragazzi (2014). Einigen Lesern gefiel der Roman so gut, dass sie umgehend weitere Werke Kochs auf ihre Leselisten setzten – insbesondere "Sommerhaus mit Swimming Pool" (Zomerhuis met zwembad).
- Eines der Hauptthemen der Diskussion war die Moral und die Frage, wie das Buch unsere moralische Wahrnehmung herausfordert. Wir sprachen über die Einstellungen gegenüber Obdachlosen, Minderheiten und anderen benachteiligten Gruppen – sowohl in Finnland als auch weltweit. Die Geschichte regte uns dazu an, zu hinterfragen, was Gerechtigkeit eigentlich bedeutet: Gilt Gerechtigkeit nur dann, wenn sie durch formelle Bestrafung und ein Gerichtsverfahren herbeigeführt wird? Zudem erörterten wir, welchen Wert die Gesellschaft Opfern beimisst. Wenn das Opfer ein Obdachloser ohne Familie oder engen sozialen Kreis ist, mag die Öffentlichkeit zwar kurzzeitig entsetzt sein, wendet sich jedoch rasch wieder anderen Nachrichten zu. Wenn niemand mehr übrig bleibt, um zu trauern oder Rechenschaft zu fordern, fragten wir uns, ob eine Bestrafung dann noch wirklich als Gerechtigkeit empfunden wird – oder ob sie eher zu einem symbolischen Akt für das Gewissen der Gesellschaft verkommt.
- Ein weiteres zentrales Thema war die Elternschaft: das Spannungsverhältnis zwischen dem Beschützerinstinkt der Eltern und der Erkenntnis, dass Liebe auch bedeuten kann, Grenzen zu setzen. Das Buch warf schwierige Fragen auf: Wie weit ist ein Elternteil bereit zu gehen, um die Zukunft seines Kindes zu sichern? Und kann dieser Schutz womöglich in moralische Mittäterschaft umschlagen?
- Wir diskutierten auch die Kulisse des Restaurants als eine Art Bühne. Das Ritual des gemeinsamen Essengehens, der höfliche Ablauf der Gänge sowie die Anwesenheit von Kellnern und anderen Gästen erzeugen eine Fassade der Zivilisiertheit, die in scharfem Kontrast zu den verstörenden Themen steht, die dort verhandelt werden. Diese theatralische Atmosphäre beeinflusst unsere Wahrnehmung der Figuren und lässt deren Reaktionen, Umgangsformen und ihr Verhalten gegenüber anderen im Verlauf des Abends noch entlarvender erscheinen.
- Besonders ausgiebige Diskussionen löste die Charakteranalyse aus. Zunächst neigten viele von uns dazu, den bekannten Politiker Serge auf der Grundlage der Darstellung durch den Erzähler zu verurteilen. Babette wirkte auf uns wie eine Dame der Gesellschaft, der die Wahrung des schönen Scheins wichtiger war als moralische Verantwortung. Claire überraschte viele Leser durch ihre Kälte und die extremen Schritte, die sie bereit war zu unternehmen, um die Zukunft ihres Kindes zu schützen. Der Erzähler Paul hingegen entpuppte sich nach und nach als unzuverlässig; möglicherweise leidet er an einer schweren psychischen Störung, von der er befürchtet, sie an seinen Sohn Michel vererbt zu haben. Im weiteren Verlauf der Geschichte begannen wir, seine Version der Ereignisse anzuzweifeln: Bildete er sich bestimmte schreckliche Gedanken und Taten nur ein – oder handelte es sich bei ihm tatsächlich um einen Psychopathen? Zudem reflektierten wir darüber, wie seine Denkweise womöglich Michels Weltbild und Handeln geprägt haben könnte.
- Wir schätzten es sehr, wie der Roman – vermittelt durch einen einzigen, subjektiven Erzähler – unterschiedliche Arten der Weltwahrnehmung und -akzeptanz darstellt und wie geschickt er unsere Sympathien verschiebt, ohne dass wir dies zunächst überhaupt bemerken.
- Das Buch enthält zudem zahlreiche literarische und moralische Bezüge. Es spielt auf Werke wie "Flussfahrt" (Deliverance) von James Dickey an (das wir einen Monat später gelesen haben) und greift viele berühmte biblische Moralgeschichten auf – insbesondere Themen wie Schuld, Gericht und moralische Verantwortung; hierzu zählen etwa die Geschichte von Kain und Abel sowie allgemeinere biblische Betrachtungen über Sünde, Heuchelei und Gerechtigkeit.
- Schließlich zogen wir Vergleiche zwischen "Angerichtet" und anderen Büchern, die ähnliche moralische Dilemmata behandeln. Zu den erwähnten Titeln zählten Thomas Manns "Der Tod in Venedig", Albert Camus' "Der Fremde" (L'étranger) sowie Chuck Palahniuks "Fight Club" (Fight Club) (insbesondere hinsichtlich der unzuverlässigen Erzählweise und der verzerrten moralischen Argumentation) und "American Psycho" (American Psycho).
- Nach der Erörterung dieser Themen verlagerte sich das Gespräch ganz natürlich hin zu einer breiteren Diskussion über Sekten, die häusliche Beschulung von Kindern und Tara Westovers Memoiren "Befreit" (Educated) – und darüber, wie deren Themenkreise (Erziehung, elterliche Autorität und die Prägung der kindlichen Weltanschauung) auf interessante Weise mit den moralischen und familiären Dynamiken verknüpft sind, die in "Angerichtet" beleuchtet werden.
- Alles in allem führten wir also eine äußerst facettenreiche Diskussion.
Ein weiteres Mitglied fügte hinzu:
"Man stelle sich eine Welt vor, in der schwerwiegendes Fehlverhalten straflos bleibt – ermöglicht durch Privilegien, Täuschung und Loyalität. Dies ist die moralisch verkommene Welt jener Familie, die im Mittelpunkt von 'Angerichtet' steht. Anstelle von Liebesbanden existieren hier Bande der Feigheit und der Mittäterschaft. Es ist eine faszinierende Geschichte, die zudem hervorragend erzählt ist. Ich empfand diese Buchauswahl als eine ebenso zeitgemäße wie lohnenswerte Lektüre. Kiitos!"Buchbeschreibung:
"Zwei Ehepaare - zwei Brüder und ihre Frauen - haben sich zum Essen in einem Spitzenrestaurant verabredet. Sie sprechen über Filme und Urlaubspläne und vermeiden zunächst das eigentliche Thema: die Zukunft ihrer Söhne Michel und Rick. Die beiden Fünfzehnjährigen haben etwas getan, was ihr Leben für immer ruinieren kann. Paul Lohman, der Erzähler und Vater von Michel, will das Beste für seinen Sohn. Und ist bereit, dafür weit zu gehen, sehr weit. Auch die anderen am Tisch haben ihre eigene, geheime Agenda. Während des Essens brechen die Emotionen auf, schwelende Konflikte zwischen den Brüdern entladen sich, und auf einmal steht eine Entscheidung im Raum, die drei der vier mit aller Macht verhindern wollen."


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