Donnerstag, 8. Dezember 2022

Mulisch, Harry "Die Entdeckung des Himmels"

 

Mulisch, Harry "Die Entdeckung des Himmels" (Niederländisch: De ontdekking van de hemel) - The Discovery of Heaven- 1992

Ein außergewöhnliches Buch, das viele verschiedene Themen berührt. Wissenschaft, Technologie, Krieg, Religion, Philosophie, soziale Werte, Politik, Intelligenz, Jugend, Familienleben.

Die Geschichte von zwei Männern und einer Frau, einem Kind, einer Suche nach dem Sinn des Lebens.

Eine fast epische Geschichte. Nicht gerade eine leichte Lektüre, aber es lohnt sich.

Einige Zitate, die mir sehr gut gefallen haben (meine Übersetzungen werden wahrscheinlich nicht die gleichen sein wie im Buch, daher füge ich den niederländischen Originaltext in Klammern hinzu):

Wenn das Außergewöhnliche zur alltäglichen Norm wird, ist eine Revolution im Gange. (Wanneer het onmogelijke het dagelijkse wordt, is er een revolutie aan de gang.)

Über politische Parteien
In Kuba konnte man die Bedeutung von Radikalismus lernen. In den Vereinigten Staaten war der linke Flügel der Demokratischen Partei immer noch rechter als eine rechte Partei in den Niederlanden, und eine so rechte Partei wie die Republikanische Partei, geschweige denn ihr rechter Flügel, existierte hier nicht ernsthaft, aber in Kuba war das Regime wesentlich linker als selbst die kommunistische Partei in den Niederlanden.
(Op Cuba kon je de betekenis van het woord radicaliteit leren. In de Verenigde Staten was de linkervleugel van de Democratische Partij altijd nog rechtser dan een rechtse partij in Nederland, en een partij zo rechts als de Republikeinse Partij, laat staan haar rechtervleugel, bestond hier helemaal niet op een serieuze manier; maar op Cuba was het bewind nog aanzienlijk linkser dan in Nederland zelfs de communistische partij.)

Über Menschen in verschiedenen Jahreszeiten
Die Leute sahen mürrisch und unglücklich aus ... Kann man in einem solchen Klima an Chopin oder Strawinsky denken?
Sie hätten sowieso nicht existiert, und außerdem wurde nie etwas Wichtiges erdacht oder erfunden ...
(De mensen keken nors en ontevreden … Waren Chopin of Strawinsky denkbaar in zo'n klimaat?  Ze waren er in elk geval niet verschenen, en ook verder was er nooit iets belangrijks bedacht of uitgevonden … )

Über den Sinn des Lebens
Warum war da eigentlich etwas und nicht nichts? Wenn doch alles zu Ende ging, welchen Sinn hatte es dann, dass es jemals etwas gegeben hatte? War da eigentlich etwas gewesen? Wenn es eines Tages keine Menschen mehr geben würde, niemanden, der sich an etwas erinnern könnte, könnte man dann sagen, dass jemals etwas passiert ist?
...
(Waarom was er eigenlijk iets, en niet niets? Als alles toch voorbij ging, wat had het dan voor zin dat her er ooit was geweest?  Was het er dan eigenlijk wel geweest? Als er op een dag geen mensen meer zouden zijn, niemand meer die zich nog iets kon herinneren, kon je dan zeggen dat er ooit iets was gebeurd? …)

Buchbeschreibung:

"Eine in das umtriebige und abgründige 20. Jahrhundert ausschwärmende Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft, eine Liebe, die aufmüpfigen Sechziger, die pragmatischen Siebziger und die windigen Achtziger Jahre und den langen Nachhall der Kriegs- und Nachkriegszeit; über ein ungewöhnliches Kind, das einen noch ungewöhnlicheren 'Auftrag' hat; einen Astronomen und Don Juan, der nie zur Ruhe kommt, und ein Sprachgenie, das in der Politik Karriere macht."

Ich habe das niederländische Original gelesen und hoffe, die Übersetzung ist genauso gut.

Dieser Roman wurde zum besten niederländischen Buch aller Zeiten gewählt.

Wir haben darüber im Februar 2004 in unserem
internationalen Lesekreis gesprochen.

Mittwoch, 7. Dezember 2022

Zweig, Stefanie "Wiedersehen mit Afrika"

Zweig, Stefanie "Wiedersehen mit Afrika" [Reunion with Africa] - 2002

Noch eine Geschichte, in der Stefanie Zweig an ihre Erlebnisse in Afrika zurückdenkt. Dieses Mal geht es um eine ihrer Freundinnen. Stella ist eine Engländerin, die genausoviel Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Kontinent hat wie Regine aus "Nirgendwo in Afrika". Und wie alle Immigranten muss sie erkennen, dass nichts mehr so ist wie in ihrer Erinnerung.

Ein gutes Buch nicht nur über Afrika sondern auch über Immigranten und wie es ist, so keine richtige Heimat zu haben.

Buchbeschreibung:

"Stella ist in Afrika aufgewachsen und musste nach England fliehen. Jetzt kehrt sie in ihre alte Heimat zurück und baut zusammen mit ihrer afrikanischen Freundin aus Kindertagen eine Lodge im Hochland von Kenia. Stella genießt die Vertrautheit mit den Menschen und fühlt sich aufgehoben in den Farben und Düften Kenias. Doch schmerzvoll erkennt sie, dass das Afrika ihrer Träume sich verändert hat. Und immer öfter schleichen sich Bilder aus England in ihre Gedanken."

Andere Bücher von Stefanie Zweig zu diesem Thema:
Doch die Träume bleiben in Afrika (Goodreads)
Karibu heißt willkommen (Goodreads)

Inschrift auf dem Grabstein von Stefanie Zweig:
"Ihre Liebe und Güte bleiben unvergessen, auch wenn ihr Leben vom Verlust geprägt war. Ihre Geschichten bleiben uns als ewiges Geschenk."

Dienstag, 6. Dezember 2022

Precht, Richard David "Die Kunst, kein Egoist zu sein"

Precht, Richard David "Die Kunst, kein Egoist zu sein: Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält" [The Art of not being Selfish: "Why We Want to be Good and What Keeps Us From Doing So] - 2010

Wie schon in seinen anderen Büchern über Philosophie, versucht der Richard David Precht, uns die Philosophie und ihre Bedeutung näherzubringen. Sind wir Egoisten oder eher das Gegenteil? Wie bringt die Moral uns zu einem besseren Handeln? Und was sagt die Geschichte dazu? Vorschläge, wie wir die Welt verbessern könnten, sind auch dabei. Dass die meisten Menschen sich nicht dafür interessieren, war vor zehn Jahren bekannt und ist es leider auch noch heute.

Buchbeschreibung:

"Ist der Mensch gut oder schlecht? Ist er in der Tiefe seines Herzens ein Egoist oder hilfsbereit? Und wie kommt es eigentlich, dass sich fast alle Menschen mehr oder weniger für die 'Guten' halten und es trotzdem so viel Unheil in der Welt gibt? Das Buch stellt keine Forderung auf, wie der Mensch zu sein hat. Es untersucht - quer zu unseren etablierten Weltbildern - die Frage, wie wir uns in unserem täglichen Leben tatsächlich verhalten und warum wir so sind, wie wir sind: Egoisten und Altruisten, selbstsüchtig und selbstlos, rivalisierend und kooperativ, nachtragend und verzeihend, kurzsichtig und verantwortungsbewusst. Je besser und unbestechlicher wir unsere wahre Natur erkennen, desto gezielter können wir unsere Gesellschaft verändern und verbessern. Ein Buch, das uns dazu bringt, uns selbst mit neuen Augen zu sehen!"

Samstag, 3. Dezember 2022

Kishon, Ephraim "Mein Freund Jossele"

Kishon, Ephraim "Mein Freund Jossele und andere neue Satiren" [My Friend Jossele and Other New Satires] - 1980

"Ein funkelnagelneues satirisches Lesevergnügen" steht auf dem Umschlag. Na ja, wenn man bedenkt, dass diese Ausgabe von 1980 stammt und der Autor leider schon seit 17 Jahren nicht mehr unter uns weilt, kann man von funkelnagelneu schon nicht mehr sprechen. Aber ein Lesevergnügen, das ist nicht zu viel versprochen, das ist es allemal.

Ich habe Kishon schon geliebt, als ich noch zur Schule ging. Unser Deutschlehrer las uns immer am letzten Tag vor den großen Ferien Geschichten von ihm vor (ich habe das schon einige Male erwähnt). Wie er das geschafft hat, ohne dauernd laut loszuprusten, weiß ich bis heute nicht.

Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, alle Bücher die ich von Kishon habe, noch einmal zu lesen.

In diesem erzählt er uns von seinem (erfundenen) Freund Jossele. Der hat immer wieder neue Ideen, wie man andere zum Lachen bringen kann. Das heißt, eigentlich ist das gar nicht seine Absicht, aber er schafft es immer wieder. Mal will er uns praktische Winke für den Alltag geben, mal den Steuerzahler entlasten, es läuft aber immer auf das Gleiche heraus, wir können uns über eine komische Geschichte amüsieren.

Und dann erzählt er von dem Traum, unsichtbar zu sein, und dass ihm das bei den israelischen Kellnern schon gelungen ist. (siehe Der Kampf um den Blick des Kellners) Das kenne ich, das gelingt mir bei den deutschen Kellnern auch immer. Da lobe ich mir die neuen Einrichtungen, in denen man per App bestellt und bezahlt und dann das Essen und Trinken an den Tisch gebracht bekommt. Kein Halsverrenken, um zu sehen, wo man denn einen Kellner erhascht, der wirklich zufällig gerade in meine Richtung schaut. Ach, ist das schön. Hoffentlich wird das demnächst auch auf dem Lande Sitte. Obwohl, so wie ich das einschätze, werde ich das nicht mehr miterleben. Hier gibt es ja sogar noch Restaurants (und Geschäfte), die nur Bargeld nehmen.

Wer Kishon noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen.

Und dies sind die Geschichten, viele der Titel sind schon ein guter Einstieg in die Geschichten:

Das Einstein-Jossele-System
Auf Ölsuche
Praktische Winke für den Alltag
Rettungsloses Schweigen
Zur Entlastung des Steuerzahler
Gangsterfilm in Eigenproduktion
Neue Wege zum Geschichtsunterricht
Gangsterfilm in Eigenproduktion
Gewußt wo
Verbotene Spiele
Ein vergnüglicher Abend
Rohmaterial für drei Geschichten
Wo ist die Zerkowitz-Straße?
Gäste willkommen
Das Werkstatt-Kabarett
Wegweisung
Jüdisches Poker
Ideale Nummer
Der Eskimo-Effekt
Tragisches Ende eines Feuilletonisten
Geteilte Rechnung
Falsch geparkt ist halb gewonnen
Die heilsamen Schildchen
Das Fleisch ist nicht immer schwach
Strafmandat bleibt Strafmandat
Bewunderung à la Jossele
Kleine Spende - großer Dank
Ehrlich, aber nicht offen
Gottes Hand und Josseles Fuß
Der perfekte Mord
Falscher Alarm
Sulzbaum ist erledigt
Die Sache läuft
Alarm und Seelenfrieden
Der Kampf um den Blick des Kellners
Franzi ist menschlich
Mussa und Garfinkei
Nie wieder Pornofilm
Als uns der Strom gesperrt wurde
Ein Denkmal für den Spinat
Freundschaftspreis
Inspektor Fischbaums sechster Sinn
Platonische Liebe
Ich bin Zeuge
Rom sehen …
Tagungen müssen sein
Fernsehen hat Vorrang
Der Abend des langen Messers
Herzl - Schmerzl
Türkische Früchte
Dingsda
Unvergeßliche Erinnerungslücken

Buchbeschreibung:

"'Die Stunde der Wahrheit ist gekommen: Ich muß gestehen, daß ich eine kleine Schwäche für Schwindler und Hochstapler habe', bekennt Ephraim Kishon in der Einleitung zu diesem, seinem neuesten Satiren-Band 'Mein Freund Jossele' und fährt fort: 'Eigentlich dürfte das niemanden überraschen. Der Beruf des Humoristen hat ja mit dem des Schwindlers vieles gemeinsam. Beide leben von der menschlichen Dummheit, beide machen sich die Schwächen der Bürokratie zunutze, beide spekulieren auf häuslichen Zwist, auf Eitelkeit und Heuchelei, auf Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft - beide, der Schwindler und der Humorist, begehen ihre 'kriminellen' Handlungen auf intel-lektueller Basis, der eine durch Taten, der andere mit Worten, zwei Halunken von gleicher Wesensart, zwei Brüder im Geiste.'

Mit dieser sclbstironischcn Charakterisierung reicht Ephraim Kishon, der '"Weltmeister des Humors', die Fackel weiter an Jossele, diesem Schalk besonderer Art aus der unerschöpflichen Phantasie des Bestsellerautors. Im Cafe, seinem bevorzugten Aufenthaltsort, entwickelt Jossele mit genialer Geschicklichkeit täglich neue Strategien für raffiniert ausgeklügelte Streiche, die es ihm ermöglichen, sowohl seine materielle Lage aufzubessern, als auch sein seelisches Gleichgewicht und seine innere Befriedigung immer wieder zu befestigen.

Dieses jüngste Kishon-Buch erzählt in seinem ersten, von Rudolf Angcrer brillant und treffend illustrierten Teil von den perfektionierten Schwindeleien des schlitzohrigen Lebenskünstlers Jossele. Der zweite Teil enthält eine Auswahl ganz neuer Alltagssatiren mit zum Teil politischem Hintergrund in der bewährten und vielgeliebten Form.

So präsentiert sich dieser Band als ein funkelnagelneues satirisches Lesevergnügen voller Charme, Phantasie und überraschender Pointen zum Spaß, zum nachdenklichen Schmunzeln und zur Erheiterung aller alten und neuen Kishon-Fans."

Hahn, Ulla "Spiel der Zeit"

Hahn, Ulla "Spiel der Zeit" [Game of Time] - 2014

Ich habe die ersten zwei Bücher dieser ursprünglich als Trilogie geplanten Autobiografie gelesen, so musste dieses auch irgendwann an die Reihe kommen. Nach "Das verborgene Wort" und "Aufbruch" ist Hilla mittlerweile erwachsen geworden und studiert in Köln. Zu einer Zeit, die interessanter nicht sein könnte und in die sie genau passt, sie ist ein 68er Kind.

Wie ich schon in den vorhergehenden Büchern erwähnte, hat mich Hilla sehr an mich selbst erinnert, nur dass sie mehr Glück hatte und studieren konnte/durfte. Vielleicht habe ich diese Bücher deshalb so gern gelesen, man kann sich dann überlegen, was hätte sein können. Obwohl, manchmal macht es mich auch traurig. Und ärgerlich.

Auf jeden Fall hat die Autorin eine hervorragende Geschichte gewoben.

Ulla Hahn hat noch ein viertes Buch über Hilla dazugepackt, das werde ich wohl auch demnächst lesen: "Wir werden erwartet".

Buchbeschreibung:

"Hilla Palm, Arbeiterkind vom Dorf, ist als Studentin in Köln angekommen. Im turbulenten Jahr 1968 sucht sie hier heimisch zu werden, erkundet die Welt der Sprache, genießt die Freiheit des Denkens, sehnt sich nach Orientierung im Leben und muss doch erkennen: Ich bin meine Vergangenheit. Erst als sie ihrer Liebe begegnet, findet sie die Kraft für einen neuen Blick auf alte Verletzungen.
Ulla Hahn verwebt in diesem großen Epos eigene Erfahrungen mit Erfindungen, lässt Hilla Palm erzählen und fällt der 'kleinen Schwester' auch mal ins Wort. 'Spiel der Zeit' ist ein Buch über die Jahre der Sehnsucht und Leidenschaft - ein mitreißender Entwicklungsroman und zugleich ein imposantes Epochengemälde der 68er Jahre, eine der radikalen Umbruchphasen in der Geschichte der Bundesrepublik.
"

Freitag, 2. Dezember 2022

Shin, Kyung-sook "Als Mutter verschwand"

Shin, Kyung-sook "
Als Mutter verschwand" (Koreanisch: 엄마를 부탁해 Ch'angbi) - Please Look After Mom - 2008

Wir haben dieses Buch in unserem internationalen Online-Lesekreis im November 2022 gelesen.

Ich kann nicht sagen, ob mir dieses Buch gefallen hat oder nicht. Die erste Hälfte war gar nicht so schlecht. Wir erfahren von der Familie, die ihre Mutter verloren hat. Sie verschwand gerade in einem belebten Bahnhof in einer großen Stadt, Seoul, obwohl das überall hätte passieren können, da die Mutter an Demenz zu leiden scheint.

Die Geschichte wird von den verschiedenen Familienmitgliedern erzählt und so lernen wir sie kennen, obwohl man sich manchmal nicht hundertprozentig sicher ist, wer spricht. Wir lernen das Leben in einem kleinen Dorf in Südkorea sowie in der Hauptstadt, die Traditionen und die Veränderungen in der Gesellschaft kennen. Das war ziemlich interessant.

Mit dem zweiten Teil konnte ich leider nicht so viel anfangen. Das war mir zu sehr magischer Realismus, zu "asiatisch" für mein europäisches Denken. Und etwas zu durcheinander. Gegen den Vater können wir noch weniger als im ersten Teil irgendwelche positiven Gefühle empfinden, er ist wie all die anderen Machos dieser Welt, die glauben, alles zu besitzen, nur weil sie männlich sind und die Frauen ihre Sklaven sind.

Andere Mitglieder stimmten dem jedoch nicht zu:

"
Ich habe dieses Buch absolut geliebt. Es sprach über eine für mich unbekannte Kultur, ein Land und eine Zeit in der Geschichte, erinnerte mich an meinen Besuch im Vatikan und sprach über Beziehungen in einer Familie und den Weg durch das Leben bis zum Tod.

Die Hauptfigur erinnerte mich an meine etwa gleichaltrige Großmutter (abzüglich der Demenz), die als Bäuerin aufwuchs, den Zweiten Weltkrieg durchlebte und sich nie darüber beschwerte, das tun zu müssen, was getan werden musste. Die Perspektive des Erzählers der Geschichte war in der zweiten Person, wodurch es sich sehr persönlich anfühlte, und es erzählte die Geschichte aus vielen Perspektiven der Charaktere. Sie fühlten sich an wie echte Menschen, eine echte, unvollkommene Familie mit echten Gedanken und Problemen. Und die Hauptfigur musste alle anderen Charaktere beobachten und über ihre Gefühle ihnen gegenüber nachdenken. Wunderbar und am Ende wirklich bewegend. 

Und ich wäre überhaupt nicht überrascht, wenn der Autor in etwa 20-30 Jahren einen Literaturnobelpreis erhalten würde."

Buchbeschreibung:

"Die überwältigende Kraft der Mutterliebe - der koreanische Roman, der weltweit zum Bestseller wurde.

Ein Buch über Familien - mitfühlend und wunderbar geschrieben. Es führt uns über die scheinbar exotische Welt des ländlichen Korea zu unseren eigenen Wurzeln und lässt uns das Wunder der Liebe einer Mutter zu ihren Kindern neu begreifen.

Sie wollte nur ihre erwachsenen Kinder in Seoul besuchen. Aber als sie mit ihrem Mann am Hauptbahnhof in die überfüllte U-Bahn steigen will, passiert es: Mutter geht in der Menschenmenge verloren. Und sie bleibt spurlos verschwunden - obwohl die Familie natürlich alles tut, um sie zu finden. Die Suche zieht sich über Wochen und Monate hin und wird immer aussichtsloser. Dabei wird sowohl ihren Kindern als auch ihrem Mann zum ersten Mal bewusst, was diese Frau für sie alle war -  und vor allem, wer sie eigentlich war. Ein hinreißender, anrührender, ganz und gar ungewöhnlicher Roman über Mütter und Kinder, über die Verwerfungen zwischen den Generationen und über die alles überbrückende Kraft der Liebe.
"

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Storm, Theodor "Der Schimmelreiter und andere Erzählungen"

 

Storm, Theodor "Der Schimmelreiter und andere Erzählungen" - The Rider on the White Horse and other tales - 1888

"Der Schimmelreiter" (The Rider on the White Horse aka The Dikegrave/The Dykemaster) - 1888
"Es waren zwei Königskinder" (There were two king's children) (title of a folk song) - 1884
"Bötjer Basch" (Cooper Basch) from "Bei kleinen Leuten" (At little people) - 1886
"Ein Doppelgänger" (A Double) - 1887

* * *

"Der Schimmelreiter" ist in Deutschland bekannt. Die meisten Menschen haben von Hauke Haien gehört, auch wenn sie die Geschichte nicht gelesen oder ein Theaterstück oder einen Film mit ihm gesehen haben.

Es gibt nicht viele deutsche gotische oder Horror-Romane und
Theodor Storm war nicht genau in der richtigen Zeit dafür, man kann die Geschichte auch als Legende einstufen, aber ich denke, dies könnte eines der erfolgreichsten Bücher des "Gothic"-Genres in deutscher Sprache sein.

Einer meiner deutschen Lieblingsautoren,
Thomas Mann, nannte es eine "ungeheure Erzählung, mit der Storm seine Konzeption der Novelle als epische Schwester des Dramas zu nie dagewesenen Höhen führte".

Mein erstes Buch von ihm habe ich in der Schule gelesen (
Pole Poppenspäler) und das war eher das klassische deutsche Realismus-Genre als diese Novellen hier. Ich liebte diese Geschichte, und Husum, Storms Heimatstadt, die "graue Stadt am Meer", die immer noch viel von seinem Leben zeigt, ist einfach nur schön.

Aus irgendeinem Grund habe ich nie eine der Novellen und Kurzgeschichten in dieser Sammlung gelesen. Ich hätte es schon vor langer, langer Zeit tun sollen, aber ihr kennt ja alle meine Vorliebe für kurze Bücher.

Mit seiner Art, eine Geschichte zu erzählen, schafft es Theodor Storm auf einzigartige Weise, Spannung zu erzeugen. Man kann es kaum erwarten, die Seite umzublättern, um zu sehen, was als Nächstes passiert. Wie viele andere Bücher aus dieser Zeit war auch das Leben am Meer ein ständiger Kampf mit den Naturgewalten. Und die Menschen waren sehr abergläubisch, sie glaubten sowohl an viele Ammenmärchen als auch an die christliche Kirche. All diese Themen zusammenzubringen, ist wahrscheinlich eines der Geheimnisse hinter diesem Meisterwerk.

Aber wir erfahren nicht nur etwas über die Natur im 19. Jahrhundert, sondern auch über die Menschen, die damals lebten und wie sie das Leben bewältigten.
Eine gute Geschichte.

Buchbeschreibung:
"Der Schimmelreiter, den Storm noch kurz vor seinem Tod vollendete, ist die herausragendste Novelle des Dichters. In ihr zeigt Theodor Storm den Aufstieg des Hauke Haien zum Deichgrafen. Dieser will seine Fähigkeiten durch den Bau eines neuartigen Deiches unter Beweis stellen, weil es heißt, er habe die Position nur seiner Frau zu verdanken. Spannungen und der Kampf mit seiner Umwelt lassen Hauke Haien schließlich zugrunde gehen: Als er eine schwache Stelle im Deich nicht genügend absichert, ertrinkt bei einer Sturmflut zuerst seine Frau mit dem Kind. Daraufhin stürzt er sich mit seinem Schimmel an der durchbrochenen Stelle des Deiches ins Meer, um seine Schuld zu tilgen.

Wie schon in seinen früheren Novellen ist Storm auch in dieser "hinreißenden Symphonie der Meeresstimmen" (E. Schmidt) von dem Problem der persönlichen Schuld abgerückt. Ein Nachwort und ausführliche Anmerkungen helfen dem Schüler."

Die von mir gelesene Ausgabe bietet drei weitere Novellen. Sie wurden alle separat auf Deutsch veröffentlicht, man kann manche davon im Projekt Gutenberg finden, dass mittlerweile zumindest weitgehend in Deutschland wieder genutzt werden kann.

"Es waren zwei Königskinder" - 1884

Wenn ich den Titel lese, habe ich sofort eine Melodie im Kopf, eines DER deutschen Volkslieder und Balladen. Wie in der Geschichte gibt es zwei junge Menschen, die sich lieben, aber nicht zusammenkommen können.

Das Lied kann man sich hier auf
YouTube anhören, es gibt ein paar Variationen, dies ist eine der schönsten ist.

Buchbeschreibung:
"Es waren zwei Königskinder, ein Musterbeispiel für eine Volksballade, geht zurück auf eine Erzählung aus dem 16. Jahrhundert. Ein edler Ritter und eine Jungfrau fein leben auf ihren Burgen, durch einen tiefen See getrennt und suchen eine Weg, zueinander zu kommen. Man nimmt Kontakt auf, schreibt sich Briefe, verabredet sich und die Geschichte nimmt ihren Lauf."

"Bötjer Basch" aus "Bei kleinen Leuten" - 1886

Ich hatte noch nie von dieser Geschichte gehört, aber ich mag sie wirklich. Anstatt gegen die Natur zu kämpfen, muss der Protagonist gegen die Gesellschaft kämpfen. Er ist arm, seine Frau stirbt, sein Sohn geht nach Amerika, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und verschwindet, es gibt nichts, was Böttcher Basch nicht überwältigt. Aber er kämpft weiter und es gibt ein Happy End.

Buchbeschreibung:
"In der Süderstraße meiner Vaterstadt, dem Gachen gegenüber, das nach dem St. Jürgenkirchhoff und über diesen an dem Stift entlang nach der Norderstraße führt, stand seit Anfang des 17. Jahrhunderts ein kleines Haus, über dessen Eingangstür sich ein in Sandstein ausgehauenes Bild befand: ein Mann in einem Schifflein, zu dem durch hohe Wellen der Tod geschwommen war und schon den Mann zu sich ins Meer hinabriß; darunter stand: Up Land un See. Es hie, ein Steinhauer habe derzeit sich das Haus gebaut und zum Gedächtnis seines Vaters, der als kleiner Schiffer zwischen den Inseln gefahren war und dabei im Stürme seinen Tod gefunden hatte, dieses Epithaphium angefertigt.
"

"Ein Doppelgänger" - 1887

Wieder eine packende Geschichte, die ganz anders beginnt, als man denkt, dass sie weitergeht. Und den Titel versteht man erst gegen Ende.

Wie in seinen anderen Novellen scheint es zwei Geschichten zu geben. Eine Gegenwart und eine Vergangenheit, beide nicht uninteressant, aber die Vergangenheit ist die faszinierendere.


Buchbeschreibung:
"Nach sechsjähriger Haft wird John Hansen, der als junger Mann mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, entlassen und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Er muss feststellen, dass ihn die Verfehlung, die er in seiner Jugend begangen hat, weiterhin verfolgt und er von seinen Mitmenschen mit Misstrauen und Ablehnung betrachtet wird. Sein ganzes Glück ist seine Familie, und John stürzt in tiefe Verzweiflung, als er im Verlauf eines Ehestreits ungewollt den Tod seiner Frau verursacht. Aufgrund der Ablehnung seiner Mitmenschen findet er keine Arbeit und sieht sich schließlich gezwungen, zu stehlen, um seine Tochter ernähren zu können. Im Verlauf einer nächtlichen Diebestour stürzt er in einen Brunnen, in dem er umkommt.

In der 1887 erschienenen Novelle, die starke sozialkritische Züge trägt, thematisiert Storm u. a. die Frage nach der Resozialisierung von Strafgefangenen und dem Recht auf Arbeit.
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